Richard Koechli - The Real Chill

Das Album

Fangen wir mit der CD an: Sie enthält dreizehn Titel, drei davon hat Koechli geschrieben (I Got Life, Easy Road und Just Look What You Have Done). Ein Song, I’m Going Down, stammt von Don Nix, die restlichen aus J.J. Cales Feder. Mit dabei sind Fausto Medici (dr, perc), Michael Dolmetsch (keyb, Hammond), Paddy Bütler (fiddle), Dani Lauk (bordun, fl), Heini Heitz (git) und David Zopfi (b).  In vier Titeln spielt Koechli alle Instrumente selbst, etwas, das für Cale typisch war, aber Koechli vom Corona Lockdown aufgezwungen wurde. Entstanden ist ein Album, das von der ersten bis zur letzten Note überzeugt und begeistert.

Der Laid-Back Meister Cale hat zahlreiche Musiker inspiriert und ihren Stil beeinflusst, auch Richard Koechli. So wundert es nicht, dass es diesem meisterlich gelingt, die Essenz seines Spiels genau zu treffen, ohne ihn zu imitieren. Er zeigt sich vielmehr sehr kreativ und interpretiert die Songs auf seine eigene Weise, bewahrt jedoch ihren Charakter. So erweitert er gelungen Carry On mit Paddy Bütlers Fiedel um Elemente des Irish Folk und Michael Dolmetschs Hammond Spiel im Opener Don’t Go To Strangers passt sehr gut, ebenso seine Pianoimprovisation in These Blues. Going Down, der Dutzende Male gecoverte Song von Don Nix in der Version mit Fausto Medicis Cajun Spiel gehört zum Besten des Albums.

Es geht aber auch ganz reduziert, wie in der herrlichen Version von After Midnight, einer der Songs, in welchen Koechli allein spielt und eindrucksvoll demonstriert, was Laid-Back bedeutet. Die anderen Solo Versionen sind: Sensitive Kind, Cajun Moon, Anyway The Wind Blows und After Midnight.

Das Album macht deutlich, warum Koechli wie kaum ein anderer dafür geeignet ist, dem Musiker aus Oklahoma die Ehre zu erweisen. Immerhin strebte er diese Spielweise an, bevor er J.J. Cale überhaupt kannte, wie er einmal in einem Interview bemerkte. Zu Beginn seiner Laufbahn war nämlich Mark Knopfler eines seiner wichtigsten Vorbilder und dessen Gitarrenspiel war entscheidend von Cale geprägt. Doch Koechlis Spiel ist nicht einfach die Emulation einer Spielweise. Längst hat er seine eigene musikalische Sprache entwickelt. Die aber ist Laid-Back.

Ich würde das Album auch ohne das Buch empfehlen, einfach weil es eine gute Dreiviertelstunde Musik vom feinsten enthält. Mit dem Buch aber ist es ein Knaller. Koechli schlägt vor: Am besten funktioniert’s im Doppelpack – in der einen Hand das Buch, die andere am Audioplayer. Ich stimme zu, rate aber, das Album erst einmal anzuhören. Einfach zurücklehnen, zuhören und geniessen.

Das Buch

Erstaunlicherweise gab es noch keine Biografie über den 2013 verstorbenen Musiker, als Koechli die Idee zu seinem Tatsachenroman hatte. Auch Koechli wollte keine Biografie im engeren Sinn schreiben. Vielmehr schwebte ihm eine an Cales Biografie angelehnte Geschichte vor. Darin gab es fiktive Gespräche mit Cale, ähnlich seinem 2017 erschienenen Buch «Der vergessene König des Blues» über Tampa Red. Alle Fakten waren recherchiert, der Plot erfunden.

Der Roman war fertig und geplant war die Veröffentlichung im Frühjahr 2020. Er legte das Manuskript Mike Kappus vor, der seit den Achtzigerjahren Cales Manager war und nun dessen Nachlass verwaltet. Er wollte keine Veröffentlichung in dieser Form, also schrieb Koechli die Geschichte um. Nun trifft sich Alvin Lindley, ein junger Musikjour­nalist mit Brian Hartley, einem alten Mann. Dieser ist geheimnisvoller Cale-Fan, Freak und sprudelnde Informationsquelle rund um Cale. Die beiden unterhalten sich lange und gründlich über den Musiker, seine Musik und sein Leben. Leider wurde auch diese Version nicht angenommen. Von den Songs allerdings war Kappus begeistert. So kam Koechli auf die pfiffige Idee, das Album zu verkaufen und das Buch als «Booklet» beizulegen. Tatsächlich ist es aber ein ausgewachsenes Hardcover Buch mit 368 Seiten. Zwischen den Buchdeckeln entwickeln sich vergnügliche Dialoge.

Natürlich geht es in erster Linie um Cale, seine ersten Auftritte, seinen Werdegang als Gitarrist, seine Musik, seine Instrumente, seine Songs, seine ersten Aufnahmen und seinen enormen Einfluss auf zahllose Musiker weltweit. Sorgfältig recherchiert ergibt sich ein Bild des Musikers, der sich den Medien gegenüber zeitlebens eher zurückhaltend gab und jeden Rummel ablehnte.

Wie schon in seinen bisherigen Romanen korrigiert Koechli auch dieses Mal einige Irrtümer und «fake news», die sich auch bei engagierten Kennern festgesetzt haben, weil sie über Jahre kolportiert worden sind. Prominentes Beispiel, das wir alle kennen, ist die Behauptung eines französischen Journalisten, dass «J.J» für «Jean Jacques» stünde, eine Fehlinformation, die andere Berufskollegen jahrelang voneinander abschrieben. Das kann bis ins winzige Detail gehen, wenn er augenzwinkernd enthüllt, dass Naturally eigentlich nicht 1972 sondern 1971 erschienen ist – im Dezember. Neben seinem enormen Wissen ist es diese Detailverliebtheit, gepaart mit Sorgfalt und hartnäckiger Recherche, die auch dieses Werk auszeichnet.

Etwas mehr als die Hälfte des Buches nehmen die Gespräche über die Alben ein. Hier erfahren wir alles, was es zu jedem Album zu wissen gibt, teilweise bis auf die einzelnen Songs herunter gebrochen. Von Naturally bis Roll On: Entstehungsgeschichte, Besetzung, Umstände, Cover, Einflüsse, Wirkung und so weiter, je nachdem, welche Informationen zugänglich sind. Das alles eingebettet in die manchmal flapsigen, manchmal fast philosophischen Gespräche der beiden Protagonisten. Da die Rede von enorm vielen Musikern und anderen Beteiligten ist, wäre jede andere Form reines Name-dropping und Tabellenlesen. Koechlis Romanform macht die geballte Ladung an Information leicht verdaulich und amüsant.

Zur Geschichte selbst schreibt Koechli im Vorwort: [. . .] die Geschichte hier hat nur den einen Zweck: das Interesse an J.J. Cale und seiner einzigartigen Musik zu wecken, zu vertiefen. Das ist ihm gelungen.

Im Buch finden sich Links zu einer englischen und französischen Übersetzung des Buches; zu einem Konzertvideo seines Auftritts in Lugano im Sommer 2020.

Übrigens: Inzwischen ist von Mark Bloemeke «Cool Cooler Cale: Die JJ-Cale-Story» eine Biografie des Musikers herausgegeben worden.

Richard Koechli – The Real Chill (Remembering J.J. Cale

  • Don't Go To Stranger
  • Carry On
  • I'm Going Down
  • Sensitive Kind
  • Cajun Moon
  • Anyway The Wind Blows
  • The Old Man And Me
  • These Blues
  • After Midnight
  • River Runs Deep
  • I Got Life
  • Easy Road
  • Just Look What You Have Done

Das Album gibt es auch als Vinyl Doppel LP

Hörprobe Carry On

Hier spricht Richard Koechli über die Entstehung des Albums, mit Hörproben