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Bloogle Infos Über den Blues

Blues, Livemusik und Drogen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Marc Winter, Redaktion Musik   

jackdaniels.jpgDas Konzert von Eric Clapton im Zürcher Hallenstadion vom Sommer 2008 war meiner Meinung nach nicht sehr befriedigend. Entsprechend gab hier es auf Bluesnews.ch eine vielleicht stark persönlich geprägte, aber gleichwohl negative Besprechung seines Auftritts. Wie aus der Konzertkritik deutlich wurde, ist als Grund für das wenig inspirierende Konzert nicht die musikalische Fähigkeit des Headliners noch seiner Band verantwortlich. In erster Linie lag es daran, dass der Künstler zu wenig mit dem Publikum in Kontakt trat, zu wenig versuchte, mit dem Publikum eine emotionale Bindung einzugehen.

Konzertbesucher erwarten, dass der Künstler sein Herz auf die Bühne legt, dass er sich verausgabt, als ob dies das einzig wirklich wichtige Konzert der Tournee wäre, der Grund hierfür ist wohl, dass es für die Besucher genau das ist: das einzige Konzert der Tournee. Entsprechend hoch sind die Erwartungen, und im Gegensatz zur CD erwartet ein Publikum heute in erster Linie weniger die konzertante Aufführung der Songs als ein emotionales Event. Gute Entertainer haben das schon immer gewusst und haben es vermocht, das Publikum in ihren Bann zu ziehen und diese emotionale Bindung herzustellen.

 

Bei Eric funktionierte genau dieser Teil nicht. «Slowhand» war in Gedanken viel zu oft bei seinen Kindern oder beim Rasenmähen oder beim letzten oder nächsten Konzert. Clapton war nicht in der Lage oder nicht bereit, diese Verbindung herzustellen, und somit wurde das Konzert langweilig, belanglos. Nun ist Clapton sicher ein introvertierter Mann, und das macht sicherlich was aus. Aber es war nicht immer so. Es gibt Aufnahmen von ausgezeichneten Auftritten von Eric Clapton.

In den Aufnahmen aus den 70er Jahren legte Clapton bildlich gesprochen sein Herz und seine Seele auf die Bühne. Es war das ganz normale Herz eines weissen Engländers, der ebenso Liebeskummer hatte oder eine Glaubenskrise oder Zweifel an seinem Selbstbewusstsein wie wir «Normalsterblichen» das auch haben. Die Songs, in denen er diese Gefühle ausdrückte waren es, die Eric Clapton vom Gitarrenhelden (oder «Gitarrengott») zum Gesamtmusiker werden liessen, zum Songschreiber und damit vom Sideman von Cream zum selbstständigen Musiker.

In jener Zeit nahm Clapton seinen eigenen Bekenntnissen zufolge Drogen, nämlich Heroin und Alkohol, daneben sicher auch Kokain, aber wohl hin und wieder auch anderes: Trips und sicherlich durchaus auch einen Joint zwischendurch. Daneben rauchte er Zigaretten und somit war in seinen Blutbahnen versammelt, was im 20. Jahrhundert so an Drogen im Westen populär war. Neben Clapton waren sicher auch manche seiner Mitmusiker nicht mehr ganz nüchtern, vom Publikum ganz zu schweigen. Aber es geht hier um eine musikalische Diskussion, nicht um eine moralische.

messagethedawnanewiscominglpcover.jpgDenn aus der Beobachtung zu schliessen, dass Musik und Drogen zusammen gehören, wäre aber verfrüht. Der Zusammenhang zwischen Drogen wurde seit den Sechziger Jahren immer wieder postuliert, aber wer meint, ein Musiker müsse anstelle von Üben einfach einen Trip einschmeissen, drei Wodka-Tonic trinken oder eine fette Tüte schmauchen, der macht es sich definitiv zu einfach. Ebenso wenig wie ein Sportler auf Training verzichten und nur mit Doping zum Olympiasieger werden kann, braucht auch ein Musiker mehr als Drogen, um erfolgreich zu sein, egal in welchem Genre der Musik: Disziplin, spielerische Fertigkeit und Phantasie, den Mut auf eine Bühne zu stehen, Kommunikationsfähigkeit mit anderen Musikern, im Falle eines Sängers vielleicht eine gute Stimme, all dies sind unverzichtbare Elemente, ohne die man nicht erfolgreich sein kann. Mit anderen Worten: Wer Piano spielen will wie Professor Longhair, Gitarre spielen wie Eddie van Halen oder singen wie Sarah Vaughan, der kommt nicht darum herum, zu üben, zu lernen und wieder zu üben, auszuprobieren, zuzuhören und dann nochmal zu üben. Getreu dem alten Witz: Fragt ein Mann einen Passanten in New York: „Wie komme ich zur Carnegie Hall" Antwort: „üben, üben, üben!"

Dies sei zunächst ohne Einschränkungen festgehalten. Aber darüber hinaus, was braucht es da? Brauchen Musiker Drogen, um den Kuss der Muse zu spüren, um die Geister zu befreien und um über sich hinaus zu wachsen? Dies soll in diesem Artikel diskutiert werden. Die Redaktion hofft explizit, dass Ihr Eure Meinung dazu zum Ausdruck bringt, es würde uns sehr interessieren, was Ihr denkt. Es folgen einige Argumente und Gedanken zum Thema.

Einerseits haben Drogen, einschliesslich Alkohol, im Blues natürlich eine lange Geschichte. Als Robert Johnson 1938 mit einem vergifteten Whiskey getötet wurde, war er nicht der erste Blueser, der Alkohol anrührte. Und bei deren ersten Auftritten hat Muddy Waters seinen jungen Mitmusikern Buddy Guy und Junior Wells stets den Tipp gegeben, vor dem Konzert einen «Shot», also ein Gläschen Cognac oder Whiskey zu trinken, weil das locker macht, aber auf keinen Fall mehr, weil die Lockerheit dann in Betrunkenheit umschlägt.

Aber selbstverständlich nehmen nicht alle Musiker Drogen: B.B. King fährt in seiner Band seit Jahrzehnten eine strikte Anti-Drogen-Politik: Wer immer in der B.B. King Bluesband bei der Konsumation von Drogen erwischt wird, fliegt raus. Schliesslich sei hier noch Stevie Ray Vaughan angeführt, der zwar (nach eigener Aussage) ursprünglich dem Mythos um Musiker und Drogen aufgesessen ist, der sich aber einem Drogenentzug unterzog und seine letzten CDs In Step und Family Style nüchtern einspielte, und dies sind grossartige Alben, mindestens ebenso grosse musikalische Leistungen wie Live Alive, die er nach eigener Aussage nur aufnahm, weil er «too fucked up» war, um ein Studioalbum aufzunehmen.

Wie ist also das Verhältnis von Drogen zur Musik im Allgemeinen und zum Blues im Besonderen? Darum geht es in diesem Artikel. Zunächst gibt es eine schier unüberschaubar grosse Zahl von Musikern, die Drogen konsumierten, und bei denen Drogen fester Teil ihrer Kunst war. Am deutlichsten wird dies natürlich bei den vorzeitig verstorbenen Musikern, bei denen nicht immer die Droge die Todesursache darstellte, aber häufig ein begünstigender Faktor war: Jimi Hendrix (1942-1970), Janis Joplin (1943-1970), Brian Jones (1942-1969), Billie Holiday (1915-1959), Sid Vicious (1957-1979), AC/DC-Sänger Ronald «Bon» Scott (1946-1980), Pink Floyd-Gründungsmitglied Syd Barrett (1964-1968), Grateful Dead Gitarrist und Bandleader Jerry Garcia (1942-1995). Im Blues gibt es folgende Drogentoten oder Musiker, 1892 (?)[1] in Chattanooga, Tennessee; † 26. September 1937: James Booker (1939-1983), Sonny Boy Williamson I (1914-1948, er kam allerdings bei einem Raubüberfall ums Leben, aber Berichten trank er seit Jahren übermässig), Roy Buchanan (1939-1988), Michael Bloomfield (1943-1981), Earl Hooker (1929-1970; Der Alkohol half der Genesung seiner Tuberkulose nicht), Magic Sam (1937-1969), Freddie King (1934-1976) und als vielleicht bekanntester Drogentoter des Blues Robert Johnson (1911-1938 wenn wir denn vergifteten Whiskey als Droge bezeichnen wollen).

designerdrogetheblues.jpgDann gibt es die bekennenden oder überführten Drogenkonsumenten Joe Cocker, Eric Burdon, Keith Richards, Ray Charles, Johnny Cash, Jerry Lee Lewis, Mick Jagger und eben Eric Clapton die bewiesen, dass man auch trotz des Konsums von Drogen alt werden kann. Schliesslich gibt es gerade im Blues Musiker, von denen anzunehmen ist, dass sie nicht viel oder ab einem gewissen Zeitpunkt überhaupt keine Drogen mehr konsumierten: Neben B.B. King sind dies Rev. Gary Davis, Little Milton, Mississippi John Hurt, Son House, Jimmy Reed, Bo Diddley, Pinetop Perkins (zum Thema: es ist nie zu spät, um aufzuhören: Er trank bis er 90 war, hörte dann aber auf).

Schliesslich gibt es sicherlich eine Reihe von Musikern, die zwar hin und wieder Drogen konsumierten, die aber nicht grundsätzlich verladen oder betrunken auf die Bühne gingen: Muddy Waters, Buddy Guy, Big Mama Thornton, Hubert Sumlin, Junior Wells, Sleepy John Eastes, Big Bill Broonzy, John Lee Hooker.

Die obenstehende Liste sollte mehr sein als nur simples Name-dropping. Bei jeder dieser Gruppen gibt es mindestens einen Namen findet, für Musik steht, der hoffentlich den meisten Lesern zu Herzen geht. Es geht mir darum, bei Betrachtung der Liste festzustellen, dass es für gute Musiker möglich ist nüchtern, auf Drogen oder wie das Gros der Zeitgenossen zu sein: normalerweise nüchtern, aber sich bei ab und an ein Glas oder einen Joint gönnend.

Mit anderen Worten: Ob ein Musiker gut ist oder schlecht, ob er das Publikum erreicht oder nicht, ob er oder sie geniale Songs schreibt oder grossartige Covers macht, all dies hängt offenbar nicht generell davon ab, ob jemand Drogen konsumiert.

Wovon hängt es dann ab? Wie gut ein Musiker ist, wie sehr seine Kreativität fliesst und wie leicht er oder sie bei einem Konzert mit dem Publikum in Kontakt treten kann, hängt also offenbar nur und einzig davon ab, was in einem Musiker steckt, wie viel er oder sie bereit ist, in die Musik zu investieren. Drogen machen aus einem Musiker kein Genie, sie verstärken lediglich, was schon da ist. Im Falle Albert Kings oder Muddy Waters ist es so, dass diese ohne Erweiterung ihres Horizonts schon sehr weit kamen, weil sie extrovertierte Persönlichkeiten waren. Andere, wie beispielsweise Eric Clapton oder Roy Buchanan waren vielleicht eher scheue Menschen, denen die Drogen erst erlaubten, auf die Bühne zu gehen und ihr Herz auszuschütten.

Einzig ein Gedanke zum Schluss: Egal, ob man glaubt, dass ungezügelte Kreativität nur durch Drogen fliessen kann, ob man den Bühnenauftritt unter Drogeneinfluss begrüsst oder nicht: Es gibt Momente, bei denen Drogen auf jeden Fall tabu sein sollten: beim Üben des Musikinstruments, beim Einspielen neuer Stücke, beim Ausarbeiten und ausfeilen von Arrangements. Gewisse Auftritte, gewisse Momente unter Drogeneinfluss mögen in Ordnung gehen, ein Leben darunter ist es sicher nicht.

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