Das Konzert
von Eric Clapton im Zürcher
Hallenstadion vom Sommer 2008 war meiner Meinung nach nicht sehr befriedigend.
Entsprechend gab hier es auf Bluesnews.ch eine vielleicht stark persönlich
geprägte, aber gleichwohl negative Besprechung seines Auftritts. Wie aus der
Konzertkritik deutlich wurde, ist als Grund für das wenig inspirierende Konzert
nicht die musikalische Fähigkeit des Headliners noch seiner Band
verantwortlich. In erster Linie lag es daran, dass der Künstler zu wenig mit
dem Publikum in Kontakt trat, zu wenig versuchte, mit dem Publikum eine
emotionale Bindung einzugehen.
Konzertbesucher
erwarten, dass der Künstler sein Herz auf die Bühne legt, dass er sich
verausgabt, als ob dies das einzig wirklich wichtige Konzert der Tournee wäre, der
Grund hierfür ist wohl, dass es für die Besucher genau das ist: das einzige
Konzert der Tournee. Entsprechend hoch sind die Erwartungen, und im Gegensatz
zur CD erwartet ein Publikum heute in erster Linie weniger die konzertante Aufführung
der Songs als ein emotionales Event. Gute Entertainer haben das schon immer
gewusst und haben es vermocht, das Publikum in ihren Bann zu ziehen und diese emotionale
Bindung herzustellen.
Bei Eric
funktionierte genau dieser Teil nicht. «Slowhand» war in Gedanken viel zu oft
bei seinen Kindern oder beim Rasenmähen oder beim letzten oder nächsten
Konzert. Clapton war nicht in der
Lage oder nicht bereit, diese Verbindung herzustellen, und somit wurde das
Konzert langweilig, belanglos. Nun ist Clapton
sicher ein introvertierter Mann, und das macht sicherlich was aus. Aber es war
nicht immer so. Es gibt Aufnahmen von ausgezeichneten Auftritten von Eric Clapton.
In den
Aufnahmen aus den 70er Jahren legte Clapton
bildlich gesprochen sein Herz und seine Seele auf die Bühne. Es war das ganz
normale Herz eines weissen Engländers, der ebenso Liebeskummer hatte oder eine
Glaubenskrise oder Zweifel an seinem Selbstbewusstsein wie wir «Normalsterblichen»
das auch haben. Die Songs, in denen er diese Gefühle ausdrückte waren es, die Eric Clapton vom Gitarrenhelden (oder «Gitarrengott»)
zum Gesamtmusiker werden liessen, zum Songschreiber und damit vom Sideman von Cream zum selbstständigen Musiker.
In jener
Zeit nahm Clapton seinen eigenen Bekenntnissen zufolge Drogen, nämlich Heroin
und Alkohol, daneben sicher auch Kokain, aber wohl hin und wieder auch anderes:
Trips und sicherlich durchaus auch einen Joint zwischendurch. Daneben rauchte
er Zigaretten und somit war in seinen Blutbahnen versammelt, was im 20.
Jahrhundert so an Drogen im Westen populär war. Neben Clapton waren sicher auch
manche seiner Mitmusiker nicht mehr ganz nüchtern, vom Publikum ganz zu
schweigen. Aber es geht hier um eine musikalische Diskussion, nicht um eine
moralische.
Denn aus
der Beobachtung zu schliessen, dass Musik und Drogen zusammen gehören, wäre
aber verfrüht. Der Zusammenhang zwischen Drogen wurde seit den Sechziger Jahren
immer wieder postuliert, aber wer meint, ein Musiker müsse anstelle von Üben
einfach einen Trip einschmeissen, drei Wodka-Tonic trinken oder eine fette Tüte
schmauchen, der macht es sich definitiv zu einfach. Ebenso wenig wie ein
Sportler auf Training verzichten und nur mit Doping zum Olympiasieger werden
kann, braucht auch ein Musiker mehr als Drogen, um erfolgreich zu sein, egal in
welchem Genre der Musik: Disziplin, spielerische Fertigkeit und Phantasie, den
Mut auf eine Bühne zu stehen, Kommunikationsfähigkeit mit anderen Musikern, im
Falle eines Sängers vielleicht eine gute Stimme, all dies sind unverzichtbare
Elemente, ohne die man nicht erfolgreich sein kann. Mit anderen Worten: Wer
Piano spielen will wie Professor
Longhair, Gitarre spielen wie Eddie
van Halen oder singen wie Sarah
Vaughan, der kommt nicht darum herum, zu üben, zu lernen und wieder zu üben,
auszuprobieren, zuzuhören und dann nochmal zu üben. Getreu dem alten Witz:
Fragt ein Mann einen Passanten in New York: „Wie komme ich zur Carnegie Hall"
Antwort: „üben, üben, üben!"
Dies sei zunächst
ohne Einschränkungen festgehalten. Aber darüber hinaus, was braucht es da?
Brauchen Musiker Drogen, um den Kuss der Muse zu spüren, um die Geister zu
befreien und um über sich hinaus zu wachsen? Dies soll in diesem Artikel
diskutiert werden. Die Redaktion hofft explizit, dass Ihr Eure Meinung dazu zum
Ausdruck bringt, es würde uns sehr interessieren, was Ihr denkt. Es folgen
einige Argumente und Gedanken zum Thema.
Einerseits
haben Drogen, einschliesslich Alkohol, im Blues natürlich eine lange
Geschichte. Als Robert Johnson 1938 mit
einem vergifteten Whiskey getötet wurde, war er nicht der erste Blueser, der
Alkohol anrührte. Und bei deren ersten Auftritten hat Muddy Waters seinen jungen Mitmusikern Buddy Guy und Junior Wells
stets den Tipp gegeben, vor dem Konzert einen «Shot», also ein Gläschen Cognac
oder Whiskey zu trinken, weil das locker macht, aber auf keinen Fall mehr, weil
die Lockerheit dann in Betrunkenheit umschlägt.
Aber
selbstverständlich nehmen nicht alle Musiker Drogen: B.B. King fährt in seiner Band seit Jahrzehnten eine strikte
Anti-Drogen-Politik: Wer immer in der B.B.
King Bluesband bei der Konsumation von Drogen erwischt wird, fliegt raus. Schliesslich
sei hier noch Stevie Ray Vaughan
angeführt, der zwar (nach eigener Aussage) ursprünglich dem Mythos um Musiker
und Drogen aufgesessen ist, der sich aber einem Drogenentzug unterzog und seine
letzten CDs In Step und Family Style nüchtern einspielte,
und dies sind grossartige Alben, mindestens ebenso grosse musikalische
Leistungen wie Live Alive, die er nach eigener Aussage nur aufnahm, weil er «too
fucked up» war, um ein Studioalbum aufzunehmen.
Wie ist
also das Verhältnis von Drogen zur Musik im Allgemeinen und zum Blues im
Besonderen? Darum geht es in diesem Artikel. Zunächst gibt es eine schier
unüberschaubar grosse Zahl von Musikern, die Drogen konsumierten, und bei denen
Drogen fester Teil ihrer Kunst war. Am deutlichsten wird dies natürlich bei den
vorzeitig verstorbenen Musikern, bei denen nicht immer die Droge die
Todesursache darstellte, aber häufig ein begünstigender Faktor war: Jimi Hendrix (1942-1970), Janis Joplin (1943-1970), Brian Jones (1942-1969), Billie Holiday (1915-1959), SidVicious (1957-1979), AC/DC-Sänger
Ronald «Bon» Scott (1946-1980),Pink Floyd-Gründungsmitglied
Syd Barrett (1964-1968), Grateful Dead Gitarrist und Bandleader Jerry Garcia (1942-1995). Im Bluesgibt es folgende Drogentoten oder
Musiker, 1892 (?)[1] in Chattanooga, Tennessee; † 26. September 1937: James Booker (1939-1983), Sonny Boy Williamson I (1914-1948, er
kam allerdings bei einem Raubüberfall ums Leben, aber Berichten trank er seit
Jahren übermässig), Roy Buchanan
(1939-1988), Michael Bloomfield
(1943-1981), Earl Hooker (1929-1970;
Der Alkohol half der Genesung seiner Tuberkulose nicht), Magic Sam (1937-1969),
Freddie King (1934-1976) und als vielleicht bekanntester Drogentoter des
Blues Robert Johnson (1911-1938 wenn
wir denn vergifteten Whiskey als Droge bezeichnen wollen).
Dann gibt
es die bekennenden oder überführten Drogenkonsumenten Joe Cocker, Eric Burdon,
Keith Richards, Ray Charles, Johnny Cash,
Jerry Lee Lewis, Mick Jagger und eben Eric Clapton die bewiesen, dass man
auch trotz des Konsums von Drogen alt werden kann. Schliesslich gibt es gerade
im Blues Musiker, von denen anzunehmen ist, dass sie nicht viel oder ab einem
gewissen Zeitpunkt überhaupt keine Drogen mehr konsumierten: Neben B.B. King sind dies Rev. Gary Davis, Little Milton, Mississippi
John Hurt, Son House, Jimmy Reed, Bo Diddley, Pinetop Perkins (zum Thema:
es ist nie zu spät, um aufzuhören: Er trank bis er 90 war, hörte dann aber auf).
Schliesslich
gibt es sicherlich eine Reihe von Musikern, die zwar hin und wieder Drogen
konsumierten, die aber nicht grundsätzlich verladen oder betrunken auf die
Bühne gingen: Muddy Waters, Buddy Guy, Big
Mama Thornton, Hubert Sumlin, Junior Wells, Sleepy John Eastes, Big Bill
Broonzy, John Lee Hooker.
Die obenstehende
Liste sollte mehr sein als nur simples Name-dropping. Bei jeder dieser Gruppen
gibt es mindestens einen Namen findet, für Musik steht, der hoffentlich den
meisten Lesern zu Herzen geht. Es geht mir darum, bei Betrachtung der Liste festzustellen,
dass es für gute Musiker möglich ist nüchtern, auf Drogen oder wie das Gros der
Zeitgenossen zu sein: normalerweise nüchtern, aber sich bei ab und an ein Glas
oder einen Joint gönnend.
Mit anderen
Worten: Ob ein Musiker gut ist oder schlecht, ob er das Publikum erreicht oder
nicht, ob er oder sie geniale Songs schreibt oder grossartige Covers macht, all
dies hängt offenbar nicht generell davon ab, ob jemand Drogen konsumiert.
Wovon hängt
es dann ab? Wie gut ein Musiker ist, wie sehr seine Kreativität fliesst und wie
leicht er oder sie bei einem Konzert mit dem Publikum in Kontakt treten kann,
hängt also offenbar nur und einzig davon ab, was in einem Musiker steckt, wie
viel er oder sie bereit ist, in die Musik zu investieren. Drogen machen aus
einem Musiker kein Genie, sie verstärken lediglich, was schon da ist. Im Falle Albert Kings oder Muddy Waters ist es so, dass diese ohne Erweiterung ihres Horizonts
schon sehr weit kamen, weil sie extrovertierte Persönlichkeiten waren. Andere,
wie beispielsweise Eric Clapton oder
Roy Buchanan waren vielleicht eher
scheue Menschen, denen die Drogen erst erlaubten, auf die Bühne zu gehen und
ihr Herz auszuschütten.
Einzig ein
Gedanke zum Schluss: Egal, ob man glaubt, dass ungezügelte Kreativität nur
durch Drogen fliessen kann, ob man den Bühnenauftritt unter Drogeneinfluss
begrüsst oder nicht: Es gibt Momente, bei denen Drogen auf jeden Fall tabu sein
sollten: beim Üben des Musikinstruments, beim Einspielen neuer Stücke, beim
Ausarbeiten und ausfeilen von Arrangements. Gewisse Auftritte, gewisse Momente
unter Drogeneinfluss mögen in Ordnung gehen, ein Leben darunter ist es sicher
nicht.