Die Wahrheit über Robert Johnson's Crossroad-Mythos – Teil 2
Na also, nicht jeder Kopfsprung ins nasskalte blaue Wasser
führt zu einer peitschenden Bauchlandung. So ganz ohne bange Gefühle stand ich
tatsächlich nicht dort oben; so ein Abgrund würde wohl auch hartgesottene
Kolumnisten nicht unbeeindruckt lassen: du betrügst die gutgläubige Leserschaft
um mehr als eine halbe Stunde (!) wertvollster Zeit, rüttelst unverschämt an
einem der wohl unverrückbarsten auf sakralem Grund stehenden Blues-Mythen, und hast
dabei - im Gegensatz zu Kollegen wie Keith Richards etwa - noch nicht mal die
helfende Hand eines professionellen Schreiberlings an deiner Seite. Zu
verlieren gäbe es da eine ganze Menge (Todesdrohungen von erbosten Robert
Johnson-Gralshütern z.B., oder ein von der Blues-Polizei verhängtes
lebenslängliches Schreibverbot) - zu gewinnen hingegen weder Heller noch
Pfennig (und somit ziemlich genau 6,75 Millionen mal weniger als Kollege
Richards für das Notieren seiner Flashbacks als Vorschuss erhielt ...). Allein
und schutzlos stand ich also da oben, stürzte mich heroisch in den
furchterregenden Schlund Eurer gierig-kritischen Leseraugen ... - und tauchte
strahlend wieder auf: Ist prima gelaufen, Volltreffer! Ein Haufen erfreulicher
Feedbacks prasselte in meinen Korb, und es waren sogar ganz irdische Früchte
dabei, die bezifferbaren nämlich (laut Webmaster soll die Aufruf-Quote sehr
hoch sein). Das alles freut mich, ehrlich. Merci!!
OK, so werde ich denn weitermachen mit solchen Texten. Und weil ich glaube, dass sich rund um das heisse Crossroad-Thema noch so mancher Devils Ride reiten lässt (sprich: weil sich der Titel gut verkauft), bleibe ich vorerst bis auf weiteres auf diesem erfolgreichen Hengst und häng ihm einfach frech jeweils ein Schild mit «Teil 2, Teil 3 usw.» um den Hals. Allerdings brauchen Beiträge, die zu diesem Thema wirklich Neues und Beseeltes bieten, sehr viel Energie. Ich glaube, ich schaff das nicht vor der Sommerpause; müsst Ihr verstehen. Ich nimm deshalb die Abkürzung und serviere Euch hier mal eine saftige (Film-)Kritik. Ein Verriss fliesst einfacher und müheloser aus der Schreibfeder als Konstruktives (die Journalisten unter Euch wissen das, gell ...?).
Well, dann lasst mich mal kräftig Luft ablassen ... What's happen? Nach dem Schreiben meiner letzten Kolumne war ich so richtig im Robert Johnson-Fieber und hatte plötzlich Lust, mal wieder den berühmten Film «Crossroads» von Walter Hill und John Fusco zu Gemüte zu führen. Dieser Streifen hatte mich 1986 ziemlich beeindruckt, das muss ich zugeben. Für das Slide-Greenhorn Koechli war Ry Cooder's faszinierende Musik damals eines der zentralen Schlüsselerlebnisse. 25 Jahre später war ich nun gespannt auf mein Flashback und die jetzigen Eindrücke ... und fiel voll auf die Schnauze: Enttäuschung pur! Cooder's Soundtrack hat zwar nichts an Kraft verloren, doch der Film als Ganzes nervt über weite Strecken: Dieses «Drama» (so die offizielle stilistische Bezeichnung) ist vollgepackt mit billigen Klischees und kleinen Details, die mir auf den Wecker gehen. Das beginnt schon bei der Besetzung der Rollen: «Karate Kid» Ralph Macchio, ein schmächtiger weisser Jüngling, spielt die Hauptrolle des heldenhaften Retters der guten Blues-Seele. Auf die Piste geschickt wird der Bursche zusammen mit einem weisen alten Mentor, der verschollenen Harp-Legende Willie Brown (Joe Seneca). Unterwegs passiert dann so allerhand und der Streifen wird zu einem Roadmovie. Der Junge lernt natürlich eine hübsche junge Ausreisserin («Frances», Jami Gertz) und somit die Leiden des Verliebtseins kennen - und trifft auch sonst auf allerlei Hässliches aus der Welt der Erwachsenen (schmuddelige weisse Vergewaltiger, korrupte schwarze Polizisten, Armut und Rassentrennung da und dort). Durchaus ein paar atmosphärische Momente, vor allem natürlich dank Cooder. Aber was – mal abgesehen von eben diesen Klischees, die in Hollywood anscheinend einfach dazugehören – nervt es schon mal gehörig, dauernd zusehen zu müssen wie der Junge sich abmüht, den Bottleneck und seine zarten Finger schön brav nach den Anweisungen von Gitarren-Coach Arlen Roth übers Griffbrett zu bewegen. Man hört Cooders Gitarre und sieht eine hilflose Pantomime. Das geht völlig schief! Es lenkt ab von der Musik, verunmöglicht Einheit in jeder Sekunde. Für mich ist das fast noch schlimmer als Karaoke...! Aber OK, man kann die Augen schliessen oder konzentriert sich auf den schönen Body der wunderbaren alten Telecaster, die der Jüngling halten darf. Doch warum stellte man eigentlich nicht Ry Cooder vor die Kameras? Schlank und adrett war er damals durchaus. Weil Ry kein Schauspieler ist? Aber bitte, die Rolle des gönnerhaft lächelnden Kultur-Förderers spielt er ja im «Buena Vista Social Club»-Streifen auch nicht ganz ohne Talent. (Das ist jetzt richtig böse – also lassen wir's) Wie auch immer, so richtig ärgerlich wird der Film «Crossroads» erst gegen Schluss:
http://www.dailymotion.com/video/x20ai9_steve-vai-full-crossroads-guitar-du_music
- Der böse Teufel, dem unser weisser kleiner Glücksbringer auf der verlassenen Strassenkreuzung begegnet, ist natürlich ... ein Schwarzer. Ein geldgieriger, machtbesessener Schwarzer. Wow, dieser Fehlgriff in die Trick-Kiste infantilster Symbolik macht nun wirklich wütend! Was ist das bloss für eine ungeheuerliche Frechheit, in berechnender Art und Weise die Sachlage genau ins Gegenteil umzukehren?! Wie war und ist denn die Farbe der machtbesessenen Kolonialherren (heute nennt man sie «Grossindustrielle» oder «Multis»), welche dem Schwarzen Kontinent das Blut aus den Adern saugen? Wie war die Farbe der geldgierigen Plattenbosse, die während all den Jahren einem Grossteil der afro-amerikanischen Blues-Künstler mit lächerlichen fiesen Verträgen das Geld aus der Tasche zogen? Wie war und ist die Farbe der weissen Nachahmer, die als Rockstars täglich mehr verdien als die echten Blues-Pioniere während ihres ganzen Lebens? Natürlich bin ich generell nicht für die Reduktion unseres wunderbar komplizierten Lebens auf einfachste Schwarz/Weiss-Denkmuster. Aber wenn beim Verrat der Blues-Seele schon eine Farbe zitiert werden muss, dann bitteschön: WEISS, weisser als Perwoll!! Und ich zähle mich (nicht ganz ohne Schamgefühle) übrigens dazu ...
- Ein Ärger kommt selten allein, denn der Film endet für mich auch rein musikalisch in einer Katastrophe: Auf den ersten Blick macht der spannende Zweikampf natürlich Spass, man fiebert eifrig mit und freut sich wie beim Fussball-Match oder TV-Krimi gehörig, wenn am Schluss die Guten gewinnen. Doch warum in aller Welt muss ausgerechnet beim Blues der Match mit den Mitteln der Quantität, mit effektvoller Tempo-Bolzerei entschieden werden?? Warum überhaupt ein Match? Genau dieser Wettkampf-Gedanke hat uns doch all die affektierten Griffbrett-Akrobaten beschert, die den Blues mit Tonsalven ersticken anstatt ihn mit dem Ideal der Reduktion beseelen zu wollen.
Und dann ... oh my God! ... dieser Steve Vai! Verzeiht mir, wenn ich jetzt furchtbar subjektiv und respektlos werde: diese Art von Guitar Hero habe ich nie gemocht! Was hat der gute Steve in einem Blues-Film zu suchen?? Nichts an ihm ist für mich Blues, keine verdammte Note, nichts am Allerwelts-Sound seiner Heavyrock-Klampfe, nichts an seiner albernen «bad guy»-Pose! Wenn ich ihm zuhöre, kriege ich dieses unangenehme Gefühl, mein ganzer Körper werde von einer Allergie heimgesucht und mit Pickeln übersät. Spass beiseite; natürlich ist das mein Problem, Allergien sind immer das Problem des Empfängers. Und hey, eigentlich müsste ich ja glücklich darüber sein, dass am Ende der brave Jüngling den bösen Steve Vai an die Wand spielt. Aber NEIN, auch dieses Glücksgefühl wird mir verwehrt, denn es kommt sozusagen der absolute Supergau: Der grosse K.O.-Schlag, mit welchem «Karate Kid» letztlich den Feind besiegt, der wurde im Studio – so was kriegt Cooder nicht hin – in Wirklichkeit nämlich von ... Steve Vai eingespielt! Ich krümme mich vor Schmerz; letztlich ist Steve Vai also der edle Erretter der Blues-Seele, und noch dazu gewinnt er den Kampf mit ... Paganini! Wieder so eine grässliche Symbolik: die königlich-reine Klassische Musik der edlen Rasse siegt über die teuflische und rückständige Musik des schmutzigen Fussvolkes. Mir reicht's! Wenn schon Movie, dann gibt's bessere zu diesem Thema (z.B. «Can't You Hear the Wind Howl» - preisgekrönter Dok über Robert Johnson mit Keb Mo in der Hauptrolle)
Als ein vom Demokratie-Gedanken geprägter Helvetier fühle ich mich natürlich getrieben, meinen Protestgedanken mit einem sichtbaren Zeichen zu manifestieren. Und das tue ich, in dem ich kurzerhand den Untertitel meines im Herbst erscheinenden neuen Albums abändere; der heisst ab sofort nicht mehr «dedicated to the pioneers of American Folk Blues», sondern « ... to the pioneers of Afro-American Folk Blues». Voilà. Und das ist jetzt kein Witz, sondern eine klitze-kleine Geste und eigentlich das Mindeste an Anstand (obwohl diese Bezeichnung kaum existiert ... – warum, weiss der Perwoll-Teufel!)
So! Hat gut getan, den Dampf-Kochtopf zu öffnen. Natürlich habe ich übertrieben und kann das alles auch abstrahieren. Der Film lässt sich noch immer bedenkenlos konsumieren und ist als Unterhaltung alleweil besser als vieles, was wir sonst an Movies in uns hineinstopfen. Und immerhin hatte mich dieser Streifen mal ehrlich berührt und inspiriert, das respektiere ich. Heute bin ich nicht besser oder weiser, nur an einem andern Ort.
Na, war das ein Schlusswort ? ... :-)
Ich wünsche Euch allen einen schönen Sommer. Geniesst völlig unbedenklich Musik aller Art (Steve Vai soll übrigens eine neue Scheibe planen, wie ich hörte; mit dem Titel «against the plooks!» oder so ähnlich ...)
Mehr und Konstruktives von mir dann wieder im Herbst. In der Zwischenzeit sind Feedbacks aller Art jederzeit willkommen!
Herzlich, Euer
Richard Koechli
Richard Koechli (Jahrgang 1962) ist Roots-Musiker, Komponist, Produzent und ausserdem erfolgreicher Sachbuch-Autor (mehr über ihn auf www.richardkoechli.ch).
Richard ist hier zu erreichen:
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