Bloogle Infos Über den Blues |
| Den Geheimnissen des Blues auf der Spur... Folge 4 |
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| Geschrieben von Richard Koechli | |
Die Vorfreude aufs hohe Blues-Alter
Ein Weilchen her ist's, seit ich als Kolumnist von mir hören liess. «Etwas gar lange, diese Sommerpause...!» höre ich munkeln. Oder sind das nur Halluzinationen im Rausche der Einbildung, die Leserschaft hätte sehnlichst auf mein Geplapper gewartet?? Wie auch immer: I'm back again. Und ich bedanke mich schon mal herzlich für die laut Webmaster offenbar rekordverdächtigen Leserzahlen meiner letzten Beiträge zum Thema «Robert Johnson». Der Crossroad-Mythos und was dahinter steckt (bzw. was ich alles hineininterpretiere...) wird uns zu einem späteren Zeitpunkt wieder beschäftigen, no worry! Aber ich schreibe nach dem Prinzip der Laune, und im Moment habe ich vielmehr Lust nach einer kurzen Anekdote. «Koechli - kurz ...??? Jetzt will er uns verarschen!!» Will er nicht; er braucht den Kick, er will es Euch beweisen: Ich kann auch anders! Ähh, sagen wir zumindest «etwas» anders...
Es ist eine wahre Geschichte, die sich kürzlich zugetragen
hat. Vorerst war es eine verdammt unangenehme Geschichte, dann gottlob eine
glimpflich verlaufende, und am Schluss sogar eine heilsam prägende oder gar «visionäre» Geschichte (wow...!). Eines Tages verspürte ich plötzlich, unangemeldet und
ohne Fremdeinwirkung Schmerzen in meiner linken Schulter. Wehwehchen
verschiedenster Art kenne ich, in der Regel nicht beunruhigend, meist auch
einfach nur der Spiegel von Stress oder sonst eines psychischen Knotens. Geht
wieder weg. Aber nicht diesmal! Der Schmerz wurde innert kurzer Zeit stärker
und bedrohlicher, bis ich meinen Arm kaum mehr einen Zentimeter bewegen konnte.
Das ist der Supergau, und er macht verdammt Angst! Ich war mitten in einer Tour
mit Blues-Max, und
überhaupt: geht jetzt meine ganze Existenz als Gitarrist (und somit als
Mensch...) flöten?? Panik! Wut! Hilflosigkeit! Arnika-Globeli und -Sälbeli
nützen einen Scheiss! Ich probier's mit Beten; nützt einen Sch... (sorry, my
Lord!). Ich bin am Ende. In wenigen Stunden sollte ich auf der Bühne stehen.
Ein Ding der Unmöglichkeit! Ich greife einhändig zum Telefonhörer, will
Blues-Max die Nachricht übermitteln, dass er heute solo konzertiert. Ich halte
inne - nicht aufgeben! - wähle eine andere Nummer, die meines Hausarztes. Ab in
seine Praxis: «Ähh, wie..? Heute Abend wollen Sie Gitarre spielen?? Das wird
ziemlich schwierig...» Eine deftige Cortison-Spritze direkt ins Gelenk, dazu
starke Medikamente, und zum Abschied ein «ähhm, die Wirkung wird erst in ein
paar Stunden langsam einsetzen - probieren Sie's... - viel Glück!» Das kann ja
heiter werden. Ich probier's.
Es gibt kaum eine wirkliche Abkürzung, für den Fall dass Ihr sie sucht ... Natürlich, wenn deine Karriere plötzlich von Glücksfeen oder Promo-Geistern gepusht nach oben ausschlägt, du in ausverkauften Hallen und vor tobendem Publikum spielst, überall offene Medien-Türen eintrittst und womöglich das Ganze noch mit einer feinen Portion Drogen abschmeckst, dann kann wohl ein täuschend ähnliches Gefühl entstehen: «Wow, die lieben mich! Die sind alle froh, dass ich da bin.» Aber ich vermute, es ist eine Täuschung. Das echte Gefühl, diese echte Strahlkraft, sie lässt sich nicht kaufen. Sie kommt einfach. Als Frucht eines gelebten Lebens. Als «Abschiedsgeschenk» sozusagen. Müssen wir uns ja auch redlich verdienen, nicht? Und am Schluss wird's womöglich sogar noch weh tun... Aber irgendwie freue ich mich trotzdem darauf. Auf mein hohes Blues-Alter. Herzlich, Euer Richard Koechli
Richard Koechli (Jahrgang 1962) ist Roots-Musiker, Komponist, Produzent und ausserdem erfolgreicher Sachbuch-Autor (mehr über ihn auf www.richardkoechli.ch). Kommentare (0)
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Es ist eine wahre Geschichte, die sich kürzlich zugetragen
hat. Vorerst war es eine verdammt unangenehme Geschichte, dann gottlob eine
glimpflich verlaufende, und am Schluss sogar eine heilsam prägende oder gar «visionäre» Geschichte (wow...!). Eines Tages verspürte ich plötzlich, unangemeldet und
ohne Fremdeinwirkung Schmerzen in meiner linken Schulter. Wehwehchen
verschiedenster Art kenne ich, in der Regel nicht beunruhigend, meist auch
einfach nur der Spiegel von Stress oder sonst eines psychischen Knotens. Geht
wieder weg. Aber nicht
diesmal! Der Schmerz wurde innert kurzer Zeit stärker
und bedrohlicher, bis ich meinen Arm kaum mehr einen Zentimeter bewegen konnte.
Das ist der Supergau, und er macht verdammt Angst! Ich war mitten in einer Tour
mit Blues-Max, und
überhaupt: geht jetzt meine ganze Existenz als Gitarrist (und somit als
Mensch...) flöten?? Panik! Wut! Hilflosigkeit! Arnika-Globeli und -Sälbeli
nützen einen Scheiss! Ich probier's mit Beten; nützt einen Sch... (sorry, my
Lord!). Ich bin am Ende. In wenigen Stunden sollte ich auf der Bühne stehen.
Ein Ding der Unmöglichkeit! Ich greife einhändig zum Telefonhörer, will
Blues-Max die Nachricht übermitteln, dass er heute solo konzertiert. Ich halte
inne - nicht aufgeben! - wähle eine andere Nummer, die meines Hausarztes. Ab in
seine Praxis: «Ähh, wie..? Heute Abend wollen Sie Gitarre spielen?? Das wird
ziemlich schwierig...» Eine deftige Cortison-Spritze direkt ins Gelenk, dazu
starke Medikamente, und zum Abschied ein «ähhm, die Wirkung wird erst in ein
paar Stunden langsam einsetzen - probieren Sie's... - viel Glück!» Das kann ja
heiter werden. Ich probier's.
Nehmen wir es vorweg,
ich landete weder in der Hölle (thanks, my Lord!) noch auf dem Betreibungsamt,
weil ich diesen verdammten Gig irgendwie hinkriegte, mit der vollen Gage im
Hosensack nach Hause kehrte und am nächsten Tag die rumliegenden «Achtung,
letzte Mahnung!» - Zettel lächelnd vernichten konnte. Und der Schmerz, er
verflog innert weniger Tage. Was war geblieben? Eine wunderbare Erfahrung, ja
beinahe eine ... Zukunfts-Vision! Wow, klingt schon fast esoterisch. Euch wird
wohl einfach nur interessieren: «Hast Du gespielt, an diesem Abend? Und WIE
hast Du gespielt?» Ich spielte. Nichts liess ich mir anmerken. Aber SEHR
reduziert war mein Potential, ich getraute mich kaum, richtig loszulegen. Der
Schmerz und die Angst vor dem Schmerz wirkten wie eine angezogene Handbremse.
Ich versuchte, entspannt zu bleiben, und ich suchte vor allem die Reduktion,
spielte nur das absolute Minimum und war froh um jede spieltechnische
Abkürzung, die sich mir anerbot. Wie ich mich dabei fühlte? Später. Erst noch das
Wichtigste, das Feedback vom Chef. Es gibt mittlerweile wenig Musiker, die mich
besser kennen als Blues-Max. Und er meinte nur: «Ich hatte das Gefühl, neben
mir sässe ein 80ig-jähriger schwarzer Blues-Musiker. So müde, abgeklärt und
laid-back hast Du noch nie gespielt! Es war fantastisch!!» Und das Publikum? Es
wusste nichts von meiner Schulter, doch die Resonanz war überragend, offenbar
kam auch dort so was wie der Funke des «betagten hohen Blues-Alters» an, und
der zündete.
Well, wie war das nun
mit dieser «Zukunfts-Vision». . . ? OK, lasst mich den Propheten spielen und
verraten, was im Alter auf uns zukommt, als Blues-Musiker. Was war das für ein
Gefühl, als ich betagt und handicapiert auf dem Stuhl sass?? Ich kann es mit
einem Satz beschreiben: «Ihr könnt alle froh sein, dass ich überhaupt da bin!»
Das war's. Alle konnten sie froh sein. Noch vor wenigen Stunden war das
praktisch besiegelt, dass der Koechli heute keinen einzigen verdammten Ton
spielen würde. Und ich sagte dasselbe zu mir: «Bin einfach nur froh, überhaupt
hier zu sein!» Ich kannte dieses Gefühl vorher kaum; es war eine seltsame
Mischung aus lockerer Gleichgültigkeit, grosser Dankbarkeit, und natürlich
aufrichtiger Freude über jeden gespielten Ton. Und da war viel
Selbstbewusstsein im Raum; ich musste plötzlich überhaupt nichts mehr beweisen.
«Der Koechli ist Euch keinen Ton schuldig, nicht unter diesen Umständen! Ihr
könnt froh sein, dass ich hier bin, das ist alles! Jeder gespielte Ton ist ein
Geschenk. Freuen wir uns gemeinsam darüber!»
Das war wunderbar!!
Obwohl ich diesen verdammten Supergau niemandem wünsche; mir hat er für einen
kleinen Moment eine neue Tür geöffnet. Da schimmerte für einen Augenblick ein
Licht durch, welches mir wahrlich behagt und meine Seele beglückt: Das war sie
nun, diese Weisheit und Ausstrahlung des betagten alten Bluesmans. Das ist es,
was uns so berührt, wenn diese alten Männer mit einem einzigen gespielten oder
gesungenen Ton treffsicher in die Herzen der Zuhörer zielen, während wir «Jungen»
uns - daran ist nichts Schlechtes - mit aller Kraft und dem Effekt tausend
gespielter Noten um dasselbe bemühen. Dieses Gefühl gibt es also tatsächlich,
und es wartet auf mich, auf uns. Und es fühlt sich grossartig an! That's it:
Das hohe Alter des betagten Bluesmans. Wenn das kein Grund zur Vorfreude ist
?!!.
