close

Besucher seit 6.11.2008

JoomlaWatch Stats 1.2.8b by Matej Koval

Länder

62.2%SWITZERLAND SWITZERLAND
17.4%GERMANY GERMANY
6%UNITED STATES UNITED STATES
2.8%SPAIN SPAIN
2.6%AUSTRIA AUSTRIA

Besucher

Today:  22


Top Panel
Besucher
Top Panel
FunkyVirus
ALLE  |0-9  | A  | B  | C  | D  | E  | F  | G  | H  | I  | J  | K  | L  | M  | N  | O  | P  | Q  | R  | S  | T  | U  | V  | W  | X  | Y  | Z

Bloogle Leute Biographien

Blues Masters from the Past: Bessie Smith PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Marc Redaktion Musik   

Der Amerikanische Traum

Bessie Smith mit Hut und Federboah.jpg

Wer war die einflussreichste Sängerin im Blues? Es waren weder Ma Rainey oder Etta James noch Janis Joplin oder Big Mama Thornton. Der Titel geht unbedingt an Bessie Smith (1894-1937), die den weiblichen Gesang im Blues bis heute definiert. Sie hatte aber nicht nur eine grosse Stimme sowie wunderbares Timing und Phrasierung. Es waren ebenso ihre Persönlichkeit und ihr Lebenswandel, welche die Phantasien der Menschen bis heute beflügeln, und die sie über den Status einer guten Sängerin in jenen einer kulturellen Ikone erhebt. Bessie Smith tat, was ihr gefiel, und sie genoss das Leben einer freien Schwarzen Frau in den 1920er Jahren. So wurde die wichtigste Sängerin des Blues auch zum Entwurf für das Leben einer Bluesfrau. Bessie Smith war das Modell einer Bluessängerin, mit dem der sich von Billie Holiday bis Janis Joplin alle Frauen des Genres vergleichen lassen müssen.

Indem bei den Bluesmen, den Herren des Blues, viele Personen in vielen lokalen Traditionen spielten, gibt es keine eindeutige Genealogie des Blues. Charlie Patton war sicher wichtig, aber es gibt ja auch Bluestraditionen im Norden von Mississippi, dem «Hill Country», in Texas, in den Bergen Carolinas, in New Orleans, und so ist die Reduktion auf den Ursprung bei Charlie Patton und Robert Johnson lediglich eine Version der Wahrheit, eine «master narrative». Jene die sich auf W.C. Handy zurückdefiniert, ist eine andere. 

Bei den Damen des Genres ist das scheinbar einfacher: Hier geht der Ursprung auf  Ma Rainey zurück und das Vaudeville Theater, bzw. seine Vorläufer, die Minstrel Shows. Frauen sangen im Allgemeinen in der Kirche, aber nicht auf der Bühne. Mit Ma Rainey änderte sich dies, aber es war Bessie Smith, eine Freundin Ma Raineys, die den weiblichen Gesang im Blues definierte. Mit ihrer rauen und lauten Stimme, ihrer Phrasierung und ihrem oftmals betörend langsamen Timing, machte sie einen Unterschied zum weicheren Jazz-Gesang der Vaudeville-Theater, wie ihn später Billie Holiday praktizieren sollte. Bessie Smith setzte den Standard, alles andere war Abweichung oder Reaktion darauf.

BessieSmithmitFedernPhotoCarlvanVechten.png

Kommt hinzu, dass Smith eine perfekte Musikerinnenkarriere machte: Nach dem frühen Tod ihrer bitterarmen Eltern folgte sie ihrem Bruder Clarence Smith in die Vaudeville-Schauspieltruppe der Moses Stokes Company, für sie sie 1912 anfing, aufzutreten. Clarence hatte sie ermutigt, zu singen und zu tanzen, und so wurde die noch nicht 20jährige zur Attraktion des Theaters, wo sie die Bekanntschaft Ma Raineys machte. Es ist unklar, in welchem Masse die ältere Rainey die junge Smith tatsächlich beeinflusste, denn wahrscheinlich konnte Smith bereits sehr gut singen, aber es gibt ja Mentor-Aktivitäten, die über den Gesangsunterricht hinausgehen, und es ist gut möglich, dass Rainey der jüngeren Kollegin Warnungen für das Leben im Showbuisness der Zwischenkriegszeit mit auf den Weg gab. Tatsächlich wurde Bessie so zum gefeierten Star im Süden der USA und sie war ein Publikumsmagnet, als sie sich anschickte, auch den Norden zu erobern: 1921 zog sie nach Philadelphia (damals die Stadt mit der grössen Population Schwarzer Amerikaner), und zwei Jahre später begann sie, erste Aufnahmen zu machen. In dieser Zeit erlebte sie grossen Ruhm, weil sie in den heimlichen Kneipen der Prohibitionszeit zum gefeierten Star wurde.

Bezeichnenderweise wurde ihr Ansinnen, Plattenaufnahmen zu machen, zunächst abgelehnt mit der Begründung, ihre Stimme sei zu rau, zu wenig feminin. Erst Frank Walter von Columbia gab ihre einen Vertrag und sie machte erste Platten. Walter hatte den richtigen Riecher: was sich auf der Bühne bewährte, verkaufte sich auch als Schallplatte gut, und bereits ihre frühen Aufnahmen wurden zu grossen Hits: Down Hearted Blues und Gulf Coast Blues, beide mit Clarence Williams als Begleitung am Piano verkaufte sich im Laufe des Jahres 1923 sagenhafte 750'000 mal. Wenn man bedenkt, dass die erste Schallplatte mit mehr als einer Million verkaufter Exemplare Harry Belafontes Calypso war, die aus dem Jahr 1956 stammt.

Insgesamt spielte Bessie Smith über 160 Songs für Columbia ein in der Zeit zwischen 1923 und 1933, und viele ihrer Aufnahmen sind bis heute erhalten, was ihren Status als Gründerin des Blues ebenso festigte wie ihre Zusammenarbeit mit dem grössten männlichen Star der Zeit, Louis Armstrong. Die beiden machten zusammen Aufnahmen von Handys Saint Louis Blues und You've Been a Good Old Wagon. Hier gibt es eine Diskographie der Dame. 

Neben ihrer erfolgreichen Bühnenkarriere aber war es schwierig, glücklich zu werden. Bessie Smith gebärdete sich als eine laute, aufsässige Frau, die fluchte und die mehr trinken konnte als die Männer. Zudem benahm sie sich sexuell aggressiv. Auch in ihren Songs ist diese «Sassiness» deutlich zu hören. Titel wie der berühmte Gimme a Pigfoot and a Bottle of Beer (mit Benny Goodman, produziert von John Hammond), I Ain't Gonna Play no Second Fiddle oder Empty Bed Blues machten deutlich, dass hier eine Frau wusste, was sie wollte und dass sie auch wusste, was sie tun musste, um es zu kriegen. Diese aggressive und klar verbalisierte Sexualität stand allerdings in krassem Widerspruch zur Wirklichkeit, in der sich Smith offenbar in erster Linie zu Frauen hingezogen fühlte.

Es ist ein bisschen viel verlangt, alle gesellschaftlichen Tabus auf einmal zu brechen: eine Schwarze Frau, die sich Schwarze wie Weisse Partner ins Bett holt, die dabei unbändig trinkt, um ihre eigentliche Homosexualität zu verbergen, eine Frau aus bitterster Armut, die es zum Superstar ihrer Zeit bringt. All diese Tabubrüche führten zur gesellschaftlichen Ächtung, zur Ausgrenzung und somit erneut dazu, dass sie nicht akzeptiert war, sondern nur auf der Bühne geduldet. Vergleichbar dem ersten Schwarzen Box-Weltmeister im Schwergewicht, Jack Johnson, war Smith eine gefürchtet-respektierte Person, mit der aber trotzdem niemand wirklich etwas zu tun haben wollte. Bessie Smith lebte den Amerikanischen Traum, der eben auch seine Albtraum-Seite hat: sie war sie nach aussen hin wohl die «Empress of the Blues», nach innen aber wohl nach wie vor ein unsicheres Mädchen, eine Frau auf der Suche nach sich selbst und ihrer Stellung in der Gesellschaft. Irgendwo musste Smith Druck ablassen. Ihr Ventil war der Alkohol, und so trank sie viel zu viel zu viel.

Es kann nur vermutet werden, was weiter mit ihr geschehen wäre, wenn sie länger gelebt hätte als bis ins Alter von 41 Jahren, aber die Karrieren von Billie Holiday oder Janis Joplin scheinen zu suggerieren, dass nach dem Alkohol möglicherweise das Heroin gekommen wäre. Bessie Smiths Leben wurde verkürzt durch einen Autounfall in Clarksdale, in dessen Folge sie verblutete und starb.

BessieSmithMitSchwarzemHolzkopf.png

Der Mythos der Bessie Smith begann schon zu Lebzeiten, wurde aber erst nach ihrem Tod richtig lanciert und erst so wurde sie zu einer Ikone der amerikanischen Kultur. 1957 nahm Dinah Washington das Tribute-Album Dinah Washington Sings Bessie Smith auf, was nur das erste einer Tradition von Tribute-Alben ist. Ein Jahr später nahm LaVern Baker unter dem Titel Sings Bessie Smith ihre eigene Tribute auf. Weitere Beispiele sind dass Album Salutes Bessie Smith von Amina Claudine Myers (2000). Schliesslich gibt es mit der Jim Cullum Jazz Band eine Instrumentalband, die verschiedene Tribute-Alben aufgenommen hat, dasselbe gilt für den Posaunisten Vic Dickenson, der mit Trombone Cholly an Smith erinnert. Aber der Mythos Bessie Smiths geht über das musikalische hinaus.

1960 hatte das Stück The Death of Bessie Smith von Edward Albee (Autor von Who's Afraid of Virginia Woolf?) Premiere in Westberlin. Der Einakter von Albee erzählt die Geschichte, wie Bessie Smith nach einem Verkehrsunfall keine Aufnahme und somit Behandlung in ein Krankenhaus für Weisse erhalten konnte, wodurch sie verblutet sei. Diese Geschichte geht auf ein Interview mit Produzent John Hammond zurück, das dieser im November 1937, also nur zwei Monate nach Smiths Tod der Zeitschrift Down Beat  gab. Tatsächlich scheint dies ein damals kursierendes Gerücht zu sein, denn es gab in Clarksdale ein Krankenhaus für Schwarze und in dieses soll Smith eingeliefert worden sein, aber da ihr Arm beim Autounfall zerfetzt worden war, verblutete sie. Diese Version scheint glaubhaft aus dem einfachen Grund, dass es einem Schwarzen Patienten wohl kaum in den Sinn kommt, in ein Krankenhaus für Weisse zu gehen, wenn es ein solches für Schwarze gibt. Die Gefahr, zurückgewiesen zu werden war zu gross und mit einem Notfall will man sich selbstverständlich nicht in Diskussionen einlassen.

Bob Dylan & The Band schliesslich setzten der Sängerin ein Denkmal mit einem nach der Sängerin benannten Titel auf dem Album The Basement Tapes von 1975. Norah Jones coverte diesen unlängst auf ihrem wunderbaren Album Live in New Orleans. In diesem Song behauptet Dylan, er «gehe nur mal die Strasse runter, um Bessie Smith zu treffen» («ۘI'm going down the road to see Bessie Smith»). Wahrscheinlich meinte Dylan ja auch nicht die wirkliche Strasse, sondern eine metaphorische, aber worauf es ankommt ist, dass er sich dem musikalischen Schaffen der 20er Jahre so verbunden fühlt, dass er 55 Jahre später sie noch immer gleich um die Ecke oder eben am anderen Ende der Strasse vermutet.

Für uns Spätgeborene aber kann es nicht das einzige Ziel sein, sich die Tributes und die Cover anzuhören, wir müssen zurück zum Ursprung und deshalb kann ich nur empfehlen, mal wieder die Originalmusik von Smith zu hören und zu verstehen, wieso diese «Bluesmasterin from the Past» für Bluessängerinnen das ist, was Louis Armstrong für den Jazz war oder Robert Johnson, bzw. die Chess-Aufnahmen für die jungen Musiker der British Invasion: Der Ausgangspunkt und die musikalische Heimat gleichzeitig.
Kommentare (0)add comment

Kommentar schreiben

busy
 
< Zurück   Weiter >