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Bloogle Leute Biographien

Blues Masters from the Past: Memphis Minnie PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Marc Redaktion Musik   
Die toughste Frau im Blues

MemphisMinnie.jpg

Vielleicht war Memphis Minnie die erste wirklich emanzipierte Dame im Blues. Sie spielte und sang wie die Bluesmen des Delta, sie trank, rauchte, spielte und fluchte auch wie ein solcher, sie hatte einen Goldzahn, und sie schlug Muddy Waters im musikalischen Zweikampf. Bluesnews stellt deshalb heute Memphis Minnie vor, die toughste Frau im Blues.

Das spezielle und einzigartige an Memphis Minnie (1897-1973) war ihre Musik. Diese war paradoxerweise einzigartig, weil sie derjenigen anderer Bluesmen ähnlich war. Memphis Minnie war nämlich ebenso ein Bluesman wie Tampa Red, Lonnie Johnson, Sonny Boy Williamson I oder Willie Brown. Sie spielte Deltablues und begleitete sich selbst auf der Gitarre. Sie favorisierte aber nicht den Vaudeville Blues der Art, wie ihn Ma Rainey, Bessie Smith oder Billie Holiday sangen. Memphis Minnie spielte genau denselben harten Blues wie die Männer, sie reiste wie diese zwischen Chicago und Memphis hin und her, lebte auf Tournee, sang von den untreuen Männern und ihrer sexuellen Lust, trank Alkohol, spielte Karten und sonstige Glücksspiele und lebte, wenn sicherlich nicht ein gleichberechtigtes, so doch ein emanzipiertes Leben als weiblicher Bluesman. Dabei war sie eine Schönheit mit als attraktiv empfundener heller «complexion», also Hautfarbe und strahlenden Augen.

Am 3. Juni 1897 geboren als Lizzie Douglas in Algiers, Louisiana, war sie ältestes von dreizehn Kindern. Die Familie, über die nicht viel bekannt ist, zog 1904 nach Walls in der Nähe von Memphis. Angeblich soll Lizzie ihre erste Gitarre zu Weihnachten erhalten haben. Das lässt sich nicht verifizieren, denn sie war ja erst acht. Andere Quellen sprechen von elf oder zwölf als Anfangszeit ihres Gitarrenspiels. 1915, im Alter von 18 Jahren gibt es erste Auftritte mit Willie Brown (Ja, dem Willie Brown, Partner mit Charlie Patton und Robert Johnson erwähnt im Song und Film Crossroads).

In ihren 20ern zog sie nach Memphis, angeblich mit ihrem Partner, möglicherweise erstem Ehemann Casey Bill Weldon und seiner Memphis Jug Band. Mit diesen lernte sie an der Beale Street die Spielregeln des Business kennen. Für eine ausführliche Biographie Online vgl. den Artikel aus Acoustic Guitar Magazine von 1997 .

Erste Aufnahmen gibt es aus dem Jahr 1929, zusammen mit ihrem damaligen und wohl zweiten Ehemann  Joe McCoy. Zwei Wochen nach ihrem 32. Geburtstag (am 18.6.) nahmen Douglas und McCoy für Columbia den Titel Bumble Bee Blues auf (Offenes D mit Kapo im dritten Bund), der ein Hit wurde. Aus den frühen 30er Jahren gibt es dann mehrere Aufnahmen des Duos aus Chicago unter dem Namen Kansas Joe and Memphis Minnie. Die Partnerschaft hielt bis 1934, und dann machte sich Minnie «selbstständig» und verfolgt eine Solokarriere, was bedeutet, dass sie unter eigenem Namen auftrat und nicht mehr als Teil einer grösseren Einheit. Sie war aber keine Solo-Musikerin, viele Aufnahmen sind mit Klavierbegleitung oder einer zweiten Gitarre.

 

MemphisMinnieUndKansasJoeMCoy.jpg

 

Memphis Minnie und ihr damaliger Partner Kansas Joe MCoy
auf einem Promo-Photo Anfang der 30er Jahre. Ohne ihre Gitarre wirkt sie schutzlos
und es scheint als halte sie sich an McCoy fest,
um nicht aus dem Bild zu schweben. Offensichtlich ist die Erfahrung,
photographiert zu werden noch neu und ungewohnt.

Memphis Minnie war eine Fingerpickerin, sie spielte mit offenen Stimmungen (Spanish (DGDGBD und offene D-Stimmung (DADF#AD) wie auch in Standard-Stimmung mit Kapodaster. Vor allem aber war sie eine tolle Sängerin, die klagen und jammern konnte (Moaning Blues), deren Stimme aber auch tragend und dröhnend sein konnte (Don't Want No Woman). Auf Moaning the Blues bietet sie eine andere, weil weiblichere Art des klagenden Stöhnens, die aber ebenso intensiv ist wie das, was The Howlin' Wolf später so einzigartig praktizierte.

Wegen ihrer klaren und kräftigen Stimme ist Memphis Minnie auch auf relativ schlechten Aufnahmen gut zu verstehen (etwa Selling My Pork Chops). Ihren Stil definiert sie über eine stark den Rhythmus betonende Art der Gitarrenbegleitung, die stark ans Klavierspiel der Zeit erinnert, an Stride Piano etwa. Sie war auch der technischen Entwicklung gegenüber offen und speitle kurz nach deren Produktionsbeginn schon 1929 eine National Resonanzgitarre. In den 40er und 50er Jahren begann sie elektrisch verstärkt zu spielen, allerdings nicht verzerrt sondern clean. Der Stil ihrer Bluesaufnahmen entspricht somit demjenigen anderer Bluesmusiker der Zeit wie Broonzy oder Tampa Red, aber die fein gesponnenen fill-ins zwischen den gesungenen Linien erinnern meiner Meinung nach am stärksten an Lonnie Johnson, die leichten Bendings und die deutlich noch in der akustischen Spielweise verankerten kurzen Soli schaffen die typische Atmosphäre des Delta-Blues.

Schon ihr erster Titel Bumble Bee Blues verdeutlicht gewisse Aspekte ihrer Musik, die ihr Markenzeichen werden sollten. Da ist vor allem der schlüpfrige Text zu nennen. In bester Tradition des Hokum Blues dreht sich der Titel um das ungestillte sexuelle Bedürfnis der Sängerin, das den hervorragenden Qualitäten ihres Liebhabers zu verdanken ist. Der Liebhaber wird als «Bumble Bee» bezeichnet, was hier für den Träger eines exquisiten Stachels steht: « Bumble bee, bumble bee, please come back to me; He got the best old stinger any bumble bee that I ever seen /  You's my bumble bee and you know your stuff; Oh, sting me bumble bee, until I get enough.»

MemphisMinniePromobild.jpg

Promobild der Künstlerin alleine. Hier wirkt sie weitaus professioneller.
Man bemerke das schulterfreie Kleid, Armbanduhr und ihren Schmuck.

Diese schlüpfrigen bis anzüglichen Texte waren sehr beliebt beim Bluespublikum, und es war  geradezu ein Markenzeichen von Memphis Minnie, die in ihren Texten zwischen den Rollen als sexhungrige femme fatale und als unterwürfiges Weibchen hin und herwechselt. Ist sie in Ice Man die Frau, die weiss, was sie will. In Selling My Pork Chops heist es «I'm selling my pork chops, but I'm giving my gravy away», wobei es natürlich der schmutzigen Phantasie der Zuhörer überlassen ist, was sie mit der Bratensauce «gravy» meinte. Ein weiteres beliebtes Thema ist die Eifersucht. In Me and My Chauffeur Blues heisst es über diesen Chauffeur «But I don't want him, To be ridin' his girls around; So I'm gonna steal me a pistol, shoot my chauffeur down.»

Auch andere Aspekte ihres Lebens als Bluesmusikerin in der Zeit der Segregation, der Prohibition und der endlosen Zugfahrten sind in ihren Songs thematisiert, etwas das Gefängnis und Ärger mit den Gesetzeshütern. So heisst es in Moonshine Blues: «I've got to leave this town, I've got to go before the sun goes down; 'Cause I done got tired of these coppers running me around / I stay in so much trouble, that's why I've got to go; But when I get out this time, I won't sell moonshine no more.» Die Rassenbeziehungen sind bei ihr allerdings in keinem Song ein Thema. Ein bemerkenswerter Text ist jener zum Song Frankie Jean That Trottin' Fool, in dem Memphis Minnie eine Geschichte erzählt über das unglaublich schnelle («running'est horse the world I ever seen ») Pferd Frankie Jean, das ihr Vater gehabt habe. Dieser riet ihr, wenn sie das Pferd rufen will, dies nicht mit Worten zu tun, sondern mit Pfiffen, was dann zu einem sehr schön gepfiffenen Solo führt.

Memphis Minnie spielte aber nicht nur Blues. In ihrer Biographie ist der Fund einer Setlist für ein Konzert in den späten 1940er Jahren zu entnehmen, wonach sie neben verschiedenen Bluessongs folgende Titel spielte: Oh, Lady Be Good, Summertime, For Sentimental Reasons, How High the Moon, Exactly Like You, When My Dreamboat Comes Home und It's the Talk of the Town. Sie spielte sogar den Woody Woodpecker Song. Diese Stücke sind als Jazz-Standards oder Schlager zu bezeichnen, aber es waren die Hits der Zwischenkriegszeit. Die Setlist entspricht somit einem Selbstverständnis als Entertainerin. Eine Musikerin oder ein Musiker konnten nicht ihr Programm spielen, sondern ihr Erfolg hing auch davon ab, wie sehr sie auf die Bedürfnisse des Publikums reagieren konnten. Als Entertainerin wollte Memphis Minnie dem Publikum etwas bieten. Auch witzige Blueslieder wie jenes vom Pferd Frankie Jean gehören in diese Kategorie.

Memphis Minnie war eine unter Musikern respektierte Grösse im Blues, wenn ihr diese Stellung auch nicht zugeflogen ist. Big Bill Broonzy erzählt die Geschichte eines Wettbewerbs zwischen ihm selbst und Minnie anlässlich deren Auftauchens in der Chicago-Szene 1933. Eine Jury von Musikern vergab den Preis - eine Flasche Whiskey und eine Flasche Gin - an Minnie, worauf sich Broonzy die Flasche schnappte und sich unter einen Tisch flüchtete, um die halbe Falsche auszutrinken. Währenddessen trugen die beiden Jurymitglieder «Sleepy» John Estes und Richard Jones die Siegerin auf ihren Schultern herum, was ihr bekannterweise eifersüchtiger Ehemann Kansas Joe mit der Bemerkung quittierte «Put her down. She can walk». Auf Wikipedia heisst es übrigens zu einem weiteren dieser Musikkonteste: « Es ist bekannt, dass sie einmal Muddy Waters für ein Glas Whisky herausforderte.» Allerdings liess sich die Information nicht verifizieren deshalb halten wir in der Bluesnews-Redaktion diese Geschichte vorerst für eine erfundene Story, bzw. eine Umdichtung der Geschichte von Broonzy.

Diese Website   erzählt allerdings, dass sie oft und gerne an solchen Wettbewerben teilgenommen habe und oftmals als Siegerin hervorging. Dazu verwendete sie auch unlautere Mittel: Sie hob ihren Rock, um den Applaus des Publikums anzuheizen. Als Gegner werden dort ausser Broonzy genannt: Tampa Red, Sunnyland Slim  und auch Muddy Waters.

1939 heiratete sie einen weiteren Gitarristen, den aus Memphis stammenden Ernest «Little Son Joe» Lawlars, mit dem sie die nächsten 23 Jahre auf und neben der Bühne eine fruchtbare Partnerschaft hatte. Sie bleiben in den 40er Jahren erfolgreich, aber mit dem aufkommenden Rock'n'roll der 50er gingen die Plattenverkäufe zurück und sie waren nicht in der Lage, sich stilistisch anzupassen. Ihre Gesundheit litt darunter und 1957 erlitt Minnie einen Herzschlag, der sie als Pflegefall zurückliess. Lawlars wurde ebenfalls krankt und starb 1962. Minnie selbst wurde zunächst von ihrer Schwester in Memphis, nach dem Tod von Son Joe in einem Pflegeheim gepflegt, bis sie am 6. August 1973 starb, im Alter von 76 Jahren.

MemphisMinnieimPflegeheim.jpg In einer Umfrage von Lesern des Magazins Blues Unlimited 1973 wurde sie zur besten Bluessängerin aller Zeiten gewählte und dazu schlug sie Bessie Smith und Ma Rainey. Koko Taylor sagte, dass ihre Aufnahme von Me and My Chauffeur Blues der erste Bluessong gewesen sei, den die junge Koko je gehört habe. Auch ihr Nachruhm ist breit und natürlich berechtigt. Als 1980 der «W.C. Handy Award» eingeführt wurde, zählte Memphis Minnie zu den 20 Ausgezeichneten. Auch die Liste der Musiker, die Memphis Minnie als Einfluss auf ihren Stil oder Gesang zitieren, ist ansehnlich: J.B. Hutto, Eddie Boyd, Johnny Shines oder J.B. Lenoir, bei dem das insbesondere beim Gesang auch gut zu hören ist.

Über Memphis Minnie erschien 1992 eine Biographie mit dem Titel Woman With Guitar: Memphis Minnie's Blues von Paul und Beth Garon (Erschienen bei DaCapo).

 

 

Songtexte

Die folgenden Songtexte stammen aus der m.E. besten Website zum Thema , die sich finden liess und finden sich hier


 

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