Bloogle Leute Biographien |
| Blues Masters from the Past: Mississippi John Hurt |
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| Geschrieben von Marc Winter, Redaktion Musik | |
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Dieses aussergewöhnliche, freundliche Gesicht mit den riesigen Augen, dieser sonderbare Mund - John Hurt passt nicht in das Clichée-Bild eines Schwarzen Bluesman aus Mississippi. Er wird nicht vom Teufel durch das Delta gehetzt, ist kein übellauniger Trunkenbold, der sich nur für Frauen und Whiskey interessiert. John Hurt wirkt vielmehr wie ein Gläubiger oder sogar ein Erleuchteter: Seine Zufriedenheit, seine Fröhlichkeit strahlen aus auf die Zuhörer. Die Musik John Hurts ist deswegen so populär, weil es einfach glücklich macht, diesem Mann mit der unendlich sanften Stimme zuzuhören. Und für Gitarrenschüler ist Hurt ein Vorbild, weil seine Dreifinger-Pickingtechnik mit der Bassbegleitung ein einfaches und doch komplettes Spiel verspricht. 1893 in Teoc, Mississippi geboren, zogen die Eltern von John Hurt an einen Ort, den es nicht wirklich gibt: Avalon, Mississippi. Juhn war damals gerade zwei Jahre alt, und deshalb bezeichnet er Avalon als seine Heimat. Das Problem ist, dass es diesen Ort gar nicht als solchen gibt. Wer bei Google Maps den Suchstring «Avalon, MS USA» eingibt, wird erstaunt sein über das Ergebnis. Google findet zwar den Ort, aber dort ist nichts. Der Ort liegt am Highway 7 in der Mitte zwischen Greenwood und Grenada, aber es ist keine Ortschaft.
Hurt blieb in der Nähe von Avalon. Es zog ihn also nicht fort, und er lehnte Angebote von Medizin-shows ab, bei deren Verkaufs-Vorstellung er hätte spielen können (wie es etwa Memphis Minnie oder Furry Lewis taten). In den 1920er Jahren besserte John Hurt sein Einkommen mit Auftritten bei Picknicks und Hochzeiten auf, bzw. wohl vor allem mit Tanzmusik und Gospel spielte. Begleitet wurde er dabei manchmal vom Weissen Gitarristen Shell W. Smith, ab 1923 tat er sich mit dem (ebenfalls Weissen) Fiddlespieler Willie T. Narmour zusammen. 1928 gewann Narmour einen Wettbewerb, der ihm ermöglichte, Aufnahmen seiner Musik für das Label Okeh zu machen. Als er für diese Aufnahmen nach Memphis kam, empfahlen Narmour und Smith dem Produzenten von Okeh, Tommy Rockwell, Aufnahmen mit John Hurt zu machen.
Mississippi John Hurt spielte aber beileibe nicht nur Country Blues. Er konnte auch Tanznummern spielen und vor allem sind seine Aufnahmen von Gospel-Songs grossartig. Als Beispiele hierfür dienen die Aufnahmen Here Am I, Oh Lord, Send Me und vor allem das für seine sanfte Stimme perfekt geeignete I Shall Not Be Moved. Nach dem Zusammenbruch von Okeh John Hurt zog sich zurück und arbeitete wieder auf der Farm. Er blieb unbekannt in Mississippi und die Jahre zogen vorbei. Erst in den 1960er Jahren wurde John Hurt wieder entdeckt, und nun wurden erneut Aufnahmen mit ihm gemacht. Über die dreissig Jahre zwischen den frühen und den späten Aufnahmen herrscht Unklarheit. Offiziell machte er keine Musik mehr, aber wenn man die späteren Aufnahmen hört, wird offensichtlich, dass John Hurt sein Leben lang gespielt hat. Die Aufnahmen von 1928 sind noch immer erhältlich, und was auffällig ist dabei, das ist die Tatsache, dass sie praktisch identisch sind, lediglich die Stimme wurde etwas älter. Nach seiner «Wiederentdeckung» genoss John Hurt den wohl verdienten Altersruhm: er wurde einer der erfolgreichsten Bluesmen auf dem sog. Coffeehouse-Circuits, der für Weisse College-Studenten und Folk-Enthusiasten spielte. 1963 trat er sogar in der «Tonight Show» von Johnny Carson auf, dem berühmten ersten Exponenten des Late-Night-TV. In der heutigen Zeit, wo jeder halbwegs ansehnliche Badezimmer-Sänger im Theater 11 vor nationalem Publikum singen darf, ist dies vielleicht nicht erstaunlich, aber 1963, zu einer Zeit, als Schwarze Amerikaner noch immer Menschen zweiter Klasse waren, war es sehr bemerkenswert für einen Schwarze Farmarbeiter im Alter von 70 Jahren im nationalen TV aufzutreten. In Avalon soll demnächst ein Museum für den berühmten Sohn des Ortes gegründet werden, aber es werden noch Spenden gesammelt. Trotzdem sollte man sich schon mal die Website ansehen: http://www.msjohnhurtmuseum.com/ Wer in seiner Diskographie nicht über Songs von Mississippi John Hurt verfügt, sollte dieses Manko unbedingt beseitigen, denn der Mann geht mit seinem Gesang und seinem präzisen Spiel unter die Haut. Aber als erste Annäherung empfehlen wir, sich Mississippi auf Youtube anzusehen, bzw. anzuhören:
http://www.youtube.com/watch?v=BvRxA8gR7bw
John Henry Schönes Beispiel seines
Spiels und Gesangs, und davor hört man ihn sprechen
http://www.youtube.com/watch?v=v-GN-BP_Qlk&feature=related You got to walk that lonesome valley Ein
Gospel-Beispiel http://www.youtube.com/watch?v=iXNfbnMFoGE&feature=related Candy Man Blues: Dies ist ein Auftritt auf einem Blues-Festival mit vorwiegend Weissem Publikum. Ein schönes Zeugnis seiner Zeit als Festival-Musiker. Leider bricht das Video ab und man sieht den Kopf von Bob Dylan. http://www.youtube.com/watch?v=7Unj_uU9tbs&feature=related Aufnahme von Goddnight Irene. Hurt erzählt von seinen ersten Aufnahmen. Die Weissen Mitmusiker halten Banjos in den Händen, aber spielen sehr verhalten. Kommentare (0)
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Der einzigartige Bluesman John Hurt hatte nicht nur eine sehr spezielle, weil zweigeteilte Karriere,
er ist auch die Verkörperung des Anspruchs, dass Blues mehr ist als nur Musik über
Trauer, Verzweiflung und verlassene Liebe. John
Hurt ist sozusagen die «Gute Seele» des Blues, er spielt die Musik, aber er
sieht aus wie ein buddhistischer Erleuchteter, und seine mit grosser
Virtuosität gespielten und gesungenen Lieder sind der Beweis dafür, dass der
Blues fröhlich, verspielt und zärtlich sein kann. Selbst wenn er, etwa in Monday Morning Blues, von einem
Aufenthalt im Gefängnis singt oder von dem Blues, der einen zu Beginn der Woche
überkommen kann, so hat man bei John
Hurts feiner Musik und seiner sanften Stimme stets das Gefühl, dass er
diese Zeiten lange hinter sich hat. Mit seiner eigenen Technik des
Fingerpicking wurde Mississippi John
Hurt zu einem stilbildenden Gitarristen des Blues und Youtube und ähnliche
Plattformen sind voll von Instruktionsvideos, wie man den scheinbar so
einfachen Stil dieses Meisters des Picking kopieren lernen kann.
Im Alter von neun Jahren hatte die Schulzeit von John Hurt ein Ende, und er arbeitete
von da an als Farmarbeiter. 1902 kaufte ihm seine Mutter für $1,50.- seine
erste Gitarre, eine «Black Annie», und ab dem Alter von neun brachte er sich
das Gitarrespielen bei. Dabei entwickelte John
Hurt einen bestimmten Stil, der ihn einzigartig machte unter den
Blues-Gitarristen: Mit dem Daumen eine Bassbegleitung auf den tiefen drei
Saiten, zupfte er mit den anderen Fingern die Melodie auf den drei dünnen
Saiten. Dadurch wurde er zu einem Ein-Mann-Orchester, weil seine Musik voll und
komplett klingt, da sie auf Begleitung und Melodie besteht. Er lernte auch
Harmonika-spielen, liess dies aber bald wieder bleiben.
So kamen also 1928 erste Aufnahmen zustande, die unter dem
Namen Mississippi John Hurt veröffentlicht
wurden. Der Zusatz «Mississippi» war eine Erfindung der Marketing-Abteilung des
Labels. Leider kamen die Aufnahmen zum falschen Zeitpunkt: Die praktisch unmittelbar
darauf folgende Wirtschaftskrise führte zum Bankrott von Okeh Records, und
damit war auch für John Hurt die
Musikerkarriere erstmal beendet. Gleichwohl hatte er ein Oeuvre von zwanzig neu
interpretierten Songs abgeliefert, die ihren Einfluss auf den Kanon des Blues
hatten. Unter den Titeln war der Candy
Man Blues (der nicht von Hurt stammt
und auch einige Jahrzehnte älter ist. Vgl. hierzu die Einführung von Roy «Book» Binder zu diesem Titel), und
vor allem der Song Stagolee, ein Song
über einen wüsten Outlaw, der mordend und plündernd Angst und Schrecken
verbreitet (auch bekannt als Stack O'Lee,
Stack-O-Lee oder Staggerlee). Es
wird berichtet wie er mit seinem Spielkumpanen Billie Lion spielte, ihn aber
dann erstach, als er des Falschspiels angeklagt wurde. Der Song ist eine
ländliche Vorläuferversion des später nach Chicago transferierten und
umbenannten Bad Bad Leroy Brown. Obwohl die Geschichte damals bereits
siebzig Jahre alt gewesen sein soll, und obwohl es Aufnahmen von Sidney Bechet gab, war es die
Version von John Hurt, die grossen
Einfluss auf die Nachwelt ausübte: Taj
Mahal und «Champion» Jack Dupree machten
Cover-Versionen, und auch auf Harry
Belafontes grossartiger Anthologie The Long Road to Freedom gibt es
eine Version (von Cortez Franklin und
Leonnie Pogan). Alle diese
orientierten sich stets an John Hurt.
