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Blues Masters from the Past: Tampa Red PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Marc Winter, Redaktion Musik   

Tampa Red – Der Hexer aus Florida

tampared_01.jpg

Heute soll nach Lonnie Johnson auf einen weiteren grossen Künstler der Zwischenkriegszeit und Blues-Pionier eingegangen werden, auf Tampa Red. Der Name ist ein Übername, sein eigentlicher Name war Hudson Whittaker. Geboren allerdings wurde er als Hudson Woodbridge, und zwar am 8. Januar 1904 in Smithville, Georgia, aber anscheinend nannte man ihn nicht Woodbridge, sondern Whittaker. Solche Namensänderungen haben zumeist etwas damit zu tun, dass die Mutter sich von ihrem Ehemann, in diesem Fall einem Herrn Woodbridge, getrennt hatte und inzwischen mit Herrn Whittaker lebte. So ist auch der Nachname „Red" nicht eine Bezeichnung seiner Familie, sondern er weist auf seine Haarfarbe hin. Dies wiederum heisst aber nicht, dass Tampa irische Vorfahren hatte.


Viele ältere Schwarze Amerikaner verwendeten für ihre Haare hausgemachte Glättungsmittel, um die abschätzig „Nappyhead" genannten Kraushaare glattkämmen zu können, bzw. sie zu Wellen zu dehnen. Diese Glättungsmittel - Javel, rohe Eier, Schwefellösungen, was immer dem Zweck diente und billig verfügbar war - waren ätzend, so dass sie die Pigmente in den schwarzen Haaren zerstörten und dadurch die Haare rot schimmern liessen. Leider wurden von Tampa damals natürlich keine Farbfotos gemacht, doch wer gerne eine Illustration der Technik und des Ergebnisses hätte, soll sich den Anfang von Spike Lees Film Malcolm X ansehen.

Als Kind hatte Tampa noch keine roten Haare, und da Tampa ja auch nicht in seinem Geburtsstaat Georgia liegt, geschah noch einiges, bis aus Hudson Whittaker der Musiker Tampa Red mit dem Beinamen „Der Gitarren-Hexer" („The Guitar Wizard") wurde.

Zunächst wuchs er in Tampa, Florida auf, wohin seine Eltern gezogen sein müssen, wenn darüber auch nichts bekannt ist. Wenn wir aus seiner Musik auf die Einflüsse schliessen können, dann hörte Tampa in Florida nicht nur Blues, sondern auch Gospel, Country und Musicals, Jug-Bands, den Tanzmusik-Stil Jive und schliesslich sicherlich auch Work-Groups (oder „Chain-Gangs"). In den 1920er Jahren, also als später Teenager ging er nach Chicago, schon damals ein Fluchtpunkt für Schwarze des Südens, und dort wurde er unter dem Künstlernamen Tampa Red professioneller Musiker. Woher Tampa das Gitarrenspiel erlernte ist nicht klar, neben Gitarre spielte er auch Kazoo und sang.

Er wird die üblichen Auftritte in Tanzlokalen gehabt haben und daneben versucht haben, Platten einzuspielen. (Nur zur Erinnerung: Schallplatten drehten mit 78 Umdrehungen, und deshalb war auch auf einer Scheibe von der Grösse einer LP (d.h. „Vinyl") nur knapp drei Minuten Musik gespeichert. Und wenn die aus Schellack gefertigten Platten runter fielen, zersprangen sie in tausend Scherben, wie das gute Porzellangeschirr.) Tampa Red zählte zusammen mit Big Bill Broonzy (sogar noch vor diesem) oder Ma Rainey zu den Grössen der lokalen Szene. Mit letzterer nahm er 1928 „It's Tight Like That" auf, das ihm einen grossen Hit bescherte. Am bekanntesten aber ist Tampa Red in dieser frühen Phase für seine kreative Zusammenarbeit mit dem Pianisten Thomas A. Dorsey (1899-1993), der damals unter den Namen Georgia Tom auftrat. Als Tampa Red und Georgia Tom spielten sie knapp 90 Songs ein, aber sie machten auch Aufnahmen als „The Hokum Boys" oder als „Tampa Red's Hokum Jug Band", dann noch unter der Mithilfe eines gewissen Frankie Jaxon am Jug. (Ein „Jug" ist ein grosser irdener Krug, den man überblasen hat wie eine Flasche, nur dass ein Jug sehr viel voluminöser ist als eine kleine Flasche. Entsprechend hat man dem Jug einen tiefen und dumpfen Ton entlockt, und damit hat man einen Bass geschaffen).

tampared_02.jpgTampa Red spielte Gitarre, in den 1930er und 40er Jahren natürlich akustische, aber in den 50er Jahren auch frühe elektrische, also Gibson ES-150 mit Tonabnehmern oder ähnliche frühe elektrische Modelle. Er war schon früh ein geschätzter Gitarrist und erwarb 1928, im ersten Jahr nach deren Produktionsbeginn, eine National Stahl-Körper Gitarre mit Resonator-Technik (siehe Bild). Dies war die damals lauteste und auffälligste Gitarre und ein echter Hit auf der Bühne. Sein Instrument war sogar vergoldet und man nannte Tampa den "Man With The Gold Guitar", neben dem „Gitarrenhexer" sein zweiter „nom de guerre".

Tampa entwickelte auf seinem Instrument einen charakteristischen Single-Note Stil, indem er keine Akkorde, sondern eben einzelne Noten spielte, vergleichbar einer Solo-Linie oder einem Riff. Damit war Tampa Red einer der Pioniere der Gitarre, ebenso wie Lonnie Johnson oder T-Bone Walker. Er spielte die einzelnen Noten aber nicht mit seinen Fingern wie diese beiden, er spielte mit einem kurzen Bottleneck, das ihm Sliden und Greifen gleichermassen erlaubte. Anders als die meisten Slidegitarristen seiner Zeit, die verschiedene offene Stimmungen spielten, bevorzugte er eine Standard-Stimmung in Quarten.

Tampa Red wird aber nicht nur als Musiker erinnert, er war auch Mentor und half - wie Big Bill Broonzy oder später Muddy Waters - jungen Nachwuchskünstlern dabei, sich in Chicago heimisch zu machen. Der Pianist Big Maceo Merriweather (Autor des Worried Life Blues) profitierte davon, und Tampa stellte auch sein Haus als Übungsraum für die Bluesszene zur Verfügung. Zudem beeinflusste sein Robert Nighthawk, aber auch Muddy Waters oder Elmore James und den Pianisten Mose Allison.

Er komponierte und textete auch, Tampa Red werden die folgenden Titel zugeschrieben: It Hurts Me Too (1949, von Elmore James mit grossem Erfolg gecovert), Anna Lou Blues, Black Angel Blues (Sweet Black Angel), Crying Won't Help You und Love Her with a Feeling.

Bereits in den 40er Jahren, erneut aber nach dem Krieg begann er die besser verfügbaren elektrisch-verstärkten Instrumente zu spielen. Seinen grössten Hit feierte er 1942 mit dem anzüglichen Song "Let Me Play With Your Poodle" (Nr. 4 Hit der "Harlem Hit Parade" des Billboard Magazine, eines Vorläufers der R&B Charts).

tampared_03.jpgMit Beginn des neuen Jahrzehnts gingen die Dinge zusehends schief: Seine Karriere begann nicht mehr so richtig abzuheben. In den 50er Jahren kamen dann persönliche Rückschläge dazu: Nach dem Tod seiner Ehefrau im Jahr 1953, wurde Tampa zum Trinker und seine Karriere brach ab. Vielleicht verlor er auch einfach seinen Halt, denn wie alle frühen Bluesmusiker war Tampa Red dem Alkohol und gelegentlichen Drogen gegenüber nie abgeneigt.

Mit dem Blues Revial der 60er Jahre nahm er erneut einige LPs auf, häufig mit Covers seiner frühen Hits. Es handelte sich häufig um Solo-Aufnahmen, auf denen er sich mit Gitarre und Kazoo begleitete, das Album Don't Tampa with the Blues ist ein Beispiel hierfür.  

Manchmal wurde er in dieser Zeit unterstützt von Cow Cow Davenport, dem Autoren des bei Boogie-Woogie Pianisten beliebten Cow Cow Boogie. Weil Tampa aber nicht dem Clichée des armen Schwarzen Musikers entsprach, das die Folk-Bewegung in den 1960er Jahren konstruiert hatte, hatte er keinen Anteil am Erfolg. Zu raffiniert, zu poliert kam seine Musik daher, und Tampa selbst trat als Gentleman auf, nicht als Hobo. Auf den meisten Fotos ist er mit Fliege zu sehen. Er wurde zwar wiederentdeckt, aber konnte aus dem Folk Revival kein Kapital schlagen, was vielleicht an seinen durch den Alkohol beeinträchtigten Fähigkeiten lag, wohl aber ebenso sehr seinem Stil als klar urbaner Musiker.

Entsprechend gab er in den 60er Jahren das Dasein als Musiker vollkommen auf und fand eine neue Frau. Nach deren Tod in den 1970er Jahren, wurde er vollends aus der Bahn geworfen und starb 1981 verarmt in einem Altersheim. In diesem selben Jahr wurde er in die Blues Hall of Fame aufgenommen.

Tampa Reds Musik spiegelt ebenfalls sein Selbstverständnis als urbanen Unterhaltungskünstler wieder. Tampa Red war kein Hobo-Blueser, er war gemäss der verfügbaren biographischen Daten auch nie im Baumwollfeld und er stammte auch nicht aus dem Delta. Seine Musik ist entsprechend auch nicht Delta-Blues, obwohl er sich ebenfalls der aus dem Blues bekannten Akkordfolge bediente. Aber er spielte auch Stücke mit vier wechselnden Akkorden hintereinander, deren Abfolge eisern das Stück hindurch gespielt werden. Er verwendet auch den punktierten Vierviertel-Rhythmus des Shuffles.

Aber diese Variante des Blues, gedacht als Begleitung für das städtische Tanzpublikum, wurde weniger Blues genannt als vielmehr „Hokum", es bezeichnet eine Form des Blues, die in der Regel von einem Piano begleitet wurde und bei der im Fall Tampa Reds die Gitarre die Melodielinie spielte. In der Regel wurden lustige, häufige anzügliche Texte gesungen, welche die bekannten Themen der Geschlechterbeziehungen und der Arbeitswelt thematisierten. Hokum war die geistreiche und clevere Variante des Blues.

Ein Lied wie Let Me Play With Your Poodle etwa spielt auf - natürlich - Sex an, denn der Sänger nicht als Hundefreund spricht, wird aus Liedzeilen deutlich wie „I would buy him, but it ain't for sale" „Best little Poodle that I've ever seen, and what I like about it is she keeps it clean; Let me play with your Poodle". Auch ein Titel wie It's Tight Like That mit der Textzeile "Uncle Bill cam home about half past ten, he tried to put the key in the hole, but couldn't get in, you know it's tight like that" ist anzüglich oder zumindest doppeldeutig gemeint. Und wenn er im selben Song singt "a little red rooster and a little brown hen, they made a date at the barn about half past ten" und man sich erinnert, dass Tampa eben Red hiess wegen seiner rot schimmernden Haare, dann wird auch klar, was mit dem little red rooster gemeint ist: ein Mann. Ich schreibe dies hier nur, falls noch jemand der Meinung war, Big Mama Thornton mache sich im berühmten Little Red Rooster tatsächlich Sorgen um ihren Hühnerhof.

Wer sich für das Schaffen dieses Bluespioniers interessiert, hat die Wahl zwischen alten Aufnahmen wie auf der CD The Guitar Wizard, auf denen er in mediokeren Aufnahmen zuhören ist, die dafür sehr authentisch sind. Ich finde, sehr zu empfehlen sind die Solo-Aufnahmen auf Don't Tampa With The Blues, denn hier spielt der alte Musiker in einem guten Studio schöne Aufnahmen in HiFi-Qualität. Er selbst singt vielleicht nicht mehr mit der Kraft, die er einst hatte, aber er singt trotzdem sehr gut, und sein Gitarrenspiel ist meisterlich. Allerdings spielt er hier wenig Slide als vielmehr die Single-Note Melodielinien der 50er Jahre. Hin und wieder spielt er auch Kazoo, was immer eine schöne Abwechslung darstellt. Das Album enthält alle seine Hits wie Let Me Play With Your Poodle, Kansas City Blues, Boogie Woogie Woman oder It's Tight Like That.

tampared_04.jpgErneut also ein Musiker, der nicht mehr den Blues spielt, wie er heute in einer Blueskneipe gespielt wird, der aber die Grundlagen hierfür legte, ein Pionier, von dem gleichwohl sehr gute Aufnahmen verfügbar sind. Eine CD von Tampa Red bietet die Möglichkeit einer Zeitreise, zurück in eine Zeit, in der die elektrische Gitarre noch nicht „angecruncht" oder sogar verzerrt gespielt wurde, eine Zeit, in der Blues die hauptsächliche Unterhaltungsmusik der Schwarzen Amerikaner war, als die Weissen diese Musik nicht nur nicht hörten, sie wussten nicht einmal dass es das gab. Damals waren die USA noch ein Apartheitsstaat, in dem vollkommen selbstverständlich nicht nur nach Rassen  getrennte öffentliche Klos, Hotels und Bussitze verwendet wurden, sondern auch zwei verschiedene Hitparaden. In der einen, den Race Records Charts oder der Harlem Hit Parade war Tampa Red - George Whittaker - einst eine grosse Nummer.

Das Bild ist von Gregory Stone , der wunderbare Musikerportraits malt und verkauft. 

 
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