Heute soll nach
Lonnie Johnson auf einen weiteren grossen
Künstler der Zwischenkriegszeit und Blues-Pionier eingegangen werden, auf Tampa Red. Der Name ist ein Übername, sein
eigentlicher Name war Hudson Whittaker.
Geboren allerdings wurde er als Hudson Woodbridge, und zwar am 8. Januar 1904
in Smithville, Georgia, aber anscheinend nannte man ihn nicht Woodbridge,
sondern Whittaker. Solche Namensänderungen haben zumeist etwas damit zu tun,
dass die Mutter sich von ihrem Ehemann, in diesem Fall einem Herrn Woodbridge,
getrennt hatte und inzwischen mit Herrn Whittaker lebte. So ist auch der
Nachname „Red" nicht eine Bezeichnung seiner Familie, sondern er weist auf
seine Haarfarbe hin. Dies wiederum heisst aber nicht, dass Tampa irische
Vorfahren hatte.
Viele
ältere Schwarze Amerikaner verwendeten für ihre Haare hausgemachte
Glättungsmittel, um die abschätzig „Nappyhead" genannten Kraushaare glattkämmen
zu können, bzw. sie zu Wellen zu dehnen. Diese Glättungsmittel - Javel, rohe
Eier, Schwefellösungen, was immer dem Zweck diente und billig verfügbar war - waren
ätzend, so dass sie die Pigmente in den schwarzen Haaren zerstörten und dadurch
die Haare rot schimmern liessen. Leider wurden von Tampa damals natürlich keine
Farbfotos gemacht, doch wer gerne eine Illustration der Technik und des
Ergebnisses hätte, soll sich den Anfang von Spike Lees Film Malcolm X ansehen.
Als Kind
hatte Tampa noch keine roten Haare, und da Tampa ja auch nicht in seinem
Geburtsstaat Georgia liegt, geschah noch einiges, bis aus Hudson Whittaker der Musiker Tampa
Red mit dem Beinamen „Der Gitarren-Hexer" („The Guitar Wizard") wurde.
Zunächst
wuchs er in Tampa, Florida auf, wohin seine Eltern gezogen sein müssen, wenn
darüber auch nichts bekannt ist. Wenn wir aus seiner Musik auf die Einflüsse schliessen
können, dann hörte Tampa in Florida nicht nur Blues, sondern auch Gospel,
Country und Musicals, Jug-Bands, den Tanzmusik-Stil Jive und schliesslich
sicherlich auch Work-Groups (oder „Chain-Gangs"). In den 1920er Jahren, also
als später Teenager ging er nach Chicago, schon damals ein Fluchtpunkt für
Schwarze des Südens, und dort wurde er unter dem Künstlernamen Tampa Red professioneller Musiker.
Woher Tampa das Gitarrenspiel erlernte ist nicht klar, neben Gitarre spielte er
auch Kazoo und sang.
Er wird die
üblichen Auftritte in Tanzlokalen gehabt haben und daneben versucht haben,
Platten einzuspielen. (Nur zur Erinnerung: Schallplatten drehten mit 78
Umdrehungen, und deshalb war auch auf einer Scheibe von der Grösse einer LP
(d.h. „Vinyl") nur knapp drei Minuten Musik gespeichert. Und wenn die aus
Schellack gefertigten Platten runter fielen, zersprangen sie in tausend
Scherben, wie das gute Porzellangeschirr.) Tampa
Red zählte zusammen mit Big Bill
Broonzy (sogar noch vor diesem) oder Ma
Rainey zu den Grössen der lokalen Szene. Mit letzterer nahm er 1928 „It's
Tight Like That" auf, das ihm einen grossen Hit bescherte. Am bekanntesten aber
ist Tampa Red in dieser frühen Phase für seine kreative Zusammenarbeit mit dem
Pianisten Thomas A. Dorsey (1899-1993), der damals unter den Namen Georgia Tom auftrat. Als Tampa Red und Georgia Tom spielten sie knapp 90 Songs ein, aber sie machten auch
Aufnahmen als „The Hokum Boys" oder als „Tampa Red's Hokum Jug Band", dann noch
unter der Mithilfe eines gewissen Frankie
Jaxon am Jug. (Ein „Jug" ist ein grosser irdener Krug, den man überblasen
hat wie eine Flasche, nur dass ein Jug sehr viel voluminöser ist als eine
kleine Flasche. Entsprechend hat man dem Jug einen tiefen und dumpfen Ton
entlockt, und damit hat man einen Bass geschaffen).
Tampa Red
spielte Gitarre, in den 1930er und 40er Jahren natürlich akustische, aber in
den 50er Jahren auch frühe elektrische, also Gibson ES-150 mit Tonabnehmern oder
ähnliche frühe elektrische Modelle. Er war schon früh ein geschätzter Gitarrist
und erwarb 1928, im ersten Jahr nach deren Produktionsbeginn, eine National Stahl-Körper
Gitarre mit Resonator-Technik (siehe Bild). Dies war die damals lauteste und
auffälligste Gitarre und ein echter Hit auf der Bühne. Sein Instrument war
sogar vergoldet und man nannte Tampa den "Man With The Gold Guitar", neben dem
„Gitarrenhexer" sein zweiter „nom de guerre".
Tampa entwickelte
auf seinem Instrument einen charakteristischen Single-Note Stil, indem er keine
Akkorde, sondern eben einzelne Noten spielte, vergleichbar einer Solo-Linie
oder einem Riff. Damit war Tampa Red
einer der Pioniere der Gitarre, ebenso wie Lonnie
Johnson oder T-Bone Walker. Er
spielte die einzelnen Noten aber nicht mit seinen Fingern wie diese beiden, er
spielte mit einem kurzen Bottleneck, das ihm Sliden und Greifen gleichermassen
erlaubte. Anders als die meisten Slidegitarristen seiner Zeit, die verschiedene
offene Stimmungen spielten, bevorzugte er eine Standard-Stimmung in Quarten.
Tampa Red
wird aber nicht nur als Musiker erinnert, er war auch Mentor und half - wie Big
Bill Broonzy oder später Muddy Waters - jungen Nachwuchskünstlern dabei, sich
in Chicago heimisch zu machen. Der Pianist Big
Maceo Merriweather (Autor des Worried
Life Blues) profitierte davon, und Tampa stellte auch sein Haus als Übungsraum
für die Bluesszene zur Verfügung. Zudem beeinflusste sein Robert Nighthawk, aber auch Muddy
Waters oder Elmore James und den
Pianisten Mose Allison.
Er
komponierte und textete auch, Tampa Red werden die folgenden Titel
zugeschrieben: It Hurts Me Too (1949,
von Elmore James mit grossem Erfolg gecovert), Anna
Lou Blues, Black Angel Blues (Sweet
Black Angel), Crying Won't Help You und Love Her with a Feeling.
Bereits in
den 40er Jahren, erneut aber nach dem Krieg begann er die besser verfügbaren
elektrisch-verstärkten Instrumente zu spielen. Seinen grössten Hit feierte er
1942 mit dem anzüglichen Song "Let Me Play With Your Poodle" (Nr. 4 Hit der
"Harlem Hit Parade" des Billboard Magazine, eines Vorläufers der R&B Charts).
Mit Beginn
des neuen Jahrzehnts gingen die Dinge zusehends schief: Seine Karriere begann
nicht mehr so richtig abzuheben. In den 50er Jahren kamen dann persönliche
Rückschläge dazu: Nach dem Tod seiner Ehefrau im Jahr 1953, wurde Tampa zum
Trinker und seine Karriere brach ab. Vielleicht verlor er auch einfach seinen
Halt, denn wie alle frühen Bluesmusiker war Tampa Red dem Alkohol und
gelegentlichen Drogen gegenüber nie abgeneigt.
Mit dem Blues Revial der 60er Jahre nahm er
erneut einige LPs auf, häufig mit Covers seiner frühen Hits. Es handelte sich häufig
um Solo-Aufnahmen, auf denen er sich mit Gitarre und Kazoo begleitete, das Album
Don't
Tampa with the Bluesist
einBeispiel hierfür.
Manchmal
wurde er in dieser Zeit unterstützt von Cow
Cow Davenport, dem Autoren des bei Boogie-Woogie Pianisten beliebten Cow Cow Boogie. Weil Tampa aber nicht
dem Clichée des armen Schwarzen Musikers entsprach, das die Folk-Bewegung in
den 1960er Jahren konstruiert hatte, hatte er keinen Anteil am Erfolg. Zu
raffiniert, zu poliert kam seine Musik daher, und Tampa selbst trat als
Gentleman auf, nicht als Hobo. Auf den meisten Fotos ist er mit Fliege zu
sehen. Er wurde zwar wiederentdeckt, aber konnte aus dem Folk Revival kein
Kapital schlagen, was vielleicht an seinen durch den Alkohol beeinträchtigten
Fähigkeiten lag, wohl aber ebenso sehr seinem Stil als klar urbaner Musiker.
Entsprechend
gab er in den 60er Jahren das Dasein als Musiker vollkommen auf und fand eine
neue Frau. Nach deren Tod in den 1970er Jahren, wurde er vollends aus der Bahn
geworfen und starb 1981 verarmt in einem Altersheim. In diesem selben Jahr
wurde er in die Blues Hall of Fame aufgenommen.
Tampa Reds Musik spiegelt ebenfalls sein
Selbstverständnis als urbanen Unterhaltungskünstler wieder. Tampa Red war kein
Hobo-Blueser, er war gemäss der verfügbaren biographischen Daten auch nie im
Baumwollfeld und er stammte auch nicht aus dem Delta. Seine Musik ist
entsprechend auch nicht Delta-Blues, obwohl er sich ebenfalls der aus dem Blues
bekannten Akkordfolge bediente. Aber er spielte auch Stücke mit vier
wechselnden Akkorden hintereinander, deren Abfolge eisern das Stück hindurch
gespielt werden. Er verwendet auch den punktierten Vierviertel-Rhythmus des
Shuffles.
Aber diese
Variante des Blues, gedacht als Begleitung für das städtische Tanzpublikum,
wurde weniger Blues genannt als vielmehr „Hokum", es bezeichnet eine Form des
Blues, die in der Regel von einem Piano begleitet wurde und bei der im Fall
Tampa Reds die Gitarre die Melodielinie spielte. In der Regel wurden lustige,
häufige anzügliche Texte gesungen, welche die bekannten Themen der
Geschlechterbeziehungen und der Arbeitswelt thematisierten. Hokum war die
geistreiche und clevere Variante des Blues.
Ein Lied
wie Let Me Play With Your Poodle etwa
spielt auf - natürlich - Sex an, denn der Sänger nicht als Hundefreund spricht,
wird aus Liedzeilen deutlich wie „I would buy him, but it ain't for sale" „Best
little Poodle that I've ever seen, and what I like about it is she keeps it
clean; Let me play with your Poodle". Auch ein Titel wie It's Tight Like That mit der Textzeile "Uncle Bill cam home about
half past ten, he tried to put the key in the hole, but couldn't get in, you
know it's tight like that" ist anzüglich oder zumindest doppeldeutig gemeint. Und
wenn er im selben Song singt "a little red rooster and a little brown hen, they
made a date at the barn about half past ten" und man sich erinnert, dass Tampa eben Red hiess wegen seiner rot schimmernden Haare, dann wird auch klar,
was mit dem little red rooster gemeint ist: ein Mann. Ich schreibe dies hier
nur, falls noch jemand der Meinung war, Big
Mama Thornton mache sich im berühmten Little
Red Rooster tatsächlich Sorgen um ihren Hühnerhof.
Wer sich
für das Schaffen dieses Bluespioniers interessiert, hat die Wahl zwischen alten
Aufnahmen wie auf der CD The Guitar Wizard, auf denen er in
mediokeren Aufnahmen zuhören ist, die dafür sehr authentisch sind. Ich finde,
sehr zu empfehlen sind die Solo-Aufnahmen auf Don't Tampa With The Blues,
denn hier spielt der alte Musiker in einem guten Studio schöne Aufnahmen in
HiFi-Qualität. Er selbst singt vielleicht nicht mehr mit der Kraft, die er
einst hatte, aber er singt trotzdem sehr gut, und sein Gitarrenspiel ist
meisterlich. Allerdings spielt er hier wenig Slide als vielmehr die Single-Note
Melodielinien der 50er Jahre. Hin und wieder spielt er auch Kazoo, was immer
eine schöne Abwechslung darstellt. Das Album enthält alle seine Hits wie Let Me Play With Your Poodle, Kansas City Blues, Boogie Woogie Womanoder It's Tight Like That.
Erneut also
ein Musiker, der nicht mehr den Blues spielt, wie er heute in einer Blueskneipe
gespielt wird, der aber die Grundlagen hierfür legte, ein Pionier, von dem
gleichwohl sehr gute Aufnahmen verfügbar sind. Eine CD von Tampa Red bietet die Möglichkeit einer Zeitreise, zurück in eine
Zeit, in der die elektrische Gitarre noch nicht „angecruncht" oder sogar
verzerrt gespielt wurde, eine Zeit, in der Blues die hauptsächliche
Unterhaltungsmusik der Schwarzen Amerikaner war, als die Weissen diese Musik
nicht nur nicht hörten, sie wussten nicht einmal dass es das gab. Damals waren die
USA noch ein Apartheitsstaat, in dem vollkommen selbstverständlich nicht nur
nach Rassengetrennte öffentliche Klos,
Hotels und Bussitze verwendet wurden, sondern auch zwei verschiedene
Hitparaden. In der einen, den Race Records Charts oder der Harlem Hit Parade
war Tampa Red - George Whittaker -
einst eine grosse Nummer.
Das Bild ist von Gregory Stone , der wunderbare Musikerportraits malt und verkauft.