Bloogle Leute Biographien |
| Die Mörderin des Blues |
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| Geschrieben von Marc Winter, Redaktion Musik | |
Ma RaineyWie der Tod des Blues zur Geburt des Blues wurde
Die 1886 geborene Blues-Pionierin Gertrude «Ma» Rainey war die Gründermutter der Bluesfrauen, sie hat Bessie Smith, Big Mama Thornton, Big Maybelle und Janis Joplin nicht nur beeinflusst, sondern den rauen, ungeschliffenen Blues erst aus der Taufe gehoben. Sie wird daher zu Recht als die «Mutter des Blues» bezeichnet. 1904 heiratete die 18-jährige den Minstrel-Musiker und Tänzer William «Pa» Rainey und die beiden traten auf unter einem kuriosen, aber sehr aufschlussreichen Bühnennamen: Rainey and Rainey, Assassinators of the Blues. Unter dieser Bezeichnung traten sie vor dem ersten Weltkrieg in Minstrel-Shows im Süden auf. Sie ist sehr interessant, denn der Zusatz Assassinators of the Blues ermöglicht einen Einblick in die sonderbare Typenbezeichnung «The Blues», die ja eigentlich ein Plural ist, und die sich als Bezeichnung des Musikgenres zum Singular gewandelt hat. Dies ist die Geschichte, die die Mörderin des Blues zu seiner Hebamme, ja sogar Mutter wurde.
Der Schlüssel zum Verständnis des Prozesses, wie es zum «Blues» kam liegt vielleicht in dem Bandnamen, wenn man so will, von Ma & Pa Rainey. Sie traten in den sog. Minstrel-Shows auf, einer in Amerika entwickelten Form des Theaters, eigentlich eine eigene Bühnenkunstform wie in Japan Kabuki oder im deutschsprachigen Raum der Schwank. Diese heute als hochgradig rassistisch verachteten und tabuisierten Shows waren eine populäre Unterhaltung in den USA zwischen 1840 und dem Ersten Weltkrieg. Sie hatten ihren Ursprung in den 1830er Jahren, und in solchen Shows wurde durch umherziehende Showtruppen die fetzige und mitreissende Musik der Schwarzen Bevölkerung aufgeführt, aber auch deren Lebensalltag in burlesker und clownesker Form dargestellt. Schwarze Amerikaner wurden als Sterotype vorgeführt wie als Sklave oder als Grossstadtdandy mit Feder am Haar. Die vielleicht bekannteste Figur war «Jim Crow». Nach dieser Bühnenfigur wurden die Rassendiskriminierenden Gesetze der Südstaaten nach dem Ende der Sklaverei «Jim Crow Laws» genannt.
Trotz ihres Rassismus und der stereotypen Darstellung der Schwarzen Amerikaner war diese Bühnenform doch in erster Linie Unterhaltung und eine sehr populäre dazu. Sie vertrieb die schlechte Zeit und machte das harte Leben erträglicher. Manche der in solchen Minstrel-Shows auftretenden Musiker wurden berühmt, und manche begannen dort eine Karriere die später im Blues enden würde. Von den in der Regel aus dem Blues bekannten Musikern trat nicht nur Ma Rainey in Minstrel-Shows auf, auch sondern auch W. C. Handy, Ida Cox, Ma Rainey, Bessie Smith, Ethel Waters, aber auch solche unterschiedlichen Showmen wie Louis Jordan, Brownie McGhee und Rufus Thomas.
Offensichtlich also hängen Blues und Minstrel Shows zusammen, aber wie? Die Minstrel-Shows beinhalteten zwar Lieder, aber eben auch Sketche und den «Stomp Speech», eine Art Vorläufer der Stand-Up Comedy. Im musikalischen Teil aber wurde eine Art von Musik gespielt, die dem aus dem Blues vertrauten Harmonieschema von Tonika, Subdominante und Dominante entsprach und die als Begleitung für Geschichten diente. In den USA wird diese Form unter der Sammelbezeichnung «Hokum Blues» als CD herausgebracht und verkauft. Ma Rainey begann also ihre musikalische Laufbahn in den Minstrels und wählte dafür den Bühnennamen The Assassinators of the Blues, also die «Mörder des Blues» oder «Mörder der Blues», wenn man hier noch den Plural annimmt. Als Blues bezeichnet man bekannterweise eine Niedergeschlagenheit über irgend eine unangenehme Tatsache im Leben: Kein Job, kein Geld, alle denkbaren Probleme in der Liebe etc. Ma Rainey und ihre Band ermordeten diese bedrückenden Gedanken, ermorden also die Gründe für den Blues. Nur so kann ihr Bandname verstanden werden, denn schliesslich gab es die Musik, die wir heute als «Blues» bezeichnen ja noch nicht als eigenständige Einheit.
Für die
Musik, mit der der Blues bekämpft wurde, wurde dann irgendwann die Bezeichnung
Blues verwendet, das früheste Zeugnis ist bekanntlich der St. Louis Blues von W.C.
Handy aus dem Jahr 1914. Somit wurde aus der Musikerin, die den Blues ein
für alle Mal vertreiben und mit ihrem Minstrel-Entertainment die schlechten
Zeiten vertreiben wollte, aus der Mörderin Ma
Rainey die «Mutter des Blues», die den Begriff in ihren Songtiteln
verwendete und Lieder aufnahm wie Yonder Come the Blues, Lucky Rock Blues, Lawd Send Me a Man Blues, Broken Hearted Blues, Jealousy Blues, Seeking Blues, Mountain Jack Blues und natürlich See See Rider. [Diskographie unter http://www.columbusjazzsociety.com/marainey.htm ]
Wenn dies eine der Aspekte der Genese des Blues ist, was bedeutet dies dann? Dies bedeutet doch, dass die musikhistorische Einschätzung, die den Blues lediglich im Zusammenhang mit der Kirchenmusik sieht, die die Form des «call and response» im Zusammenhang mit den Predigten der Southern Baptists sieht, nur einen Teil der Geschichte betrachtet. Die Minstrel-Shows als Vorläufer der Vaudeville-Shows und des Hokum, und damit des Blues werden nicht ihrer historischen Bedeutung gemäss erwähnt. Wie auch Benjamin Filene in seinem ausgezeichneten kritischen Buch Romancing the Folk : Public Memory & American Roots Music schreibt, wollte man die kirchliche und Gospel-Tradition hervorheben, weil die Entstehung Schwarzer Music aus der Kirchenmusik gut dokumentiert war durch die populären Fisk Jubilee Singers der Fisk Universität (gegründet 1866) für Schwarze Studenten. Deren Geschichte soll uns allerdings zu einem anderen Zeitpunkt beschäftigen.
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