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Zum 100 Geburtstag von Robert Johnson PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Marc Winter, Redaktion Musik   
 Die Ikone

Am 8. Mai 2011 jährt sich der Geburtstag Robert Johnsons zum einhundertsten Mal. Der Bluessänger mit dem überlieferten Oeuvre von nur 29 Songs wurde zum Symbol und zur Legende des Blues, angetrieben von Robert Lockwood Jr. ebenso wie von Eric Clapton. Damit steht Robert Johnson in einer Tradition mit anderen jung gestorbenen Helden der Musikgeschichte. Wie andere Legenden davor war ihm nicht unmittelbarer Ruhm beschieden, aber der brilliante junge Musiker aus Hazlehurst, Mississippi, erlebte eine späte Blütezeit, die bis heute anhält und sein Bekanntheitsgrad ist heute millionenfach grösser als zum Zeitpunkt seines Todes 1938.

Sein Ruhm war ihm vorausgeeilt. Alan Lomax hatte gehört, dass er unbedingt den jungen Bluessänger Robert Johnson in einer Aufnahmesession für die Library of Congress aufzeichnen solle. Er folgte der Empfehlung 1938, aber da war Johnson bereits verstorben. Auch John Hammond hatte von Robert Johnson gehört und wollte ihn für ein Konzert verpflichten. Musikenthnologe Lomax fragte weiter nach Empfehlungen, und man verwies ihn an diesen jungen Sänger auf der Stowall Plantation, McKinley Morganfield, der bereits bei diesen ersten Aufnahmesessions die gewaltige Musikalität zum Ausdruck bringt, die den späteren Muddy Waters auszeichnen wird.

Doch Hammond und Lomax verpasste einen jungen Star, einen Musiker, der den perfekten Blues für die Schellack-Platte spielen konnte, der es verstand, in unter drei Minuten ein kompaktes Stück abzuliefern. Johnson war ein virtuoser Musiker, dessen grossartiges Gitarrenspiel und bedeutsamer Gesang der wunderbare gebildete und eloquente Jean-Martin Büttner für den Tages-Anzeiger beschreibt. Dort diskutiert er auch sein Leben und die Geschichte mit dem Teufel, der ihm die Gitarre gestimmt haben soll. 

Die Eckdaten seines Lebens mögen den meisten Lesern auch bereits bekannt sein, weswegen es überflüssig wäre, dieser hier erneut auszubreiten. Höchstens die Frage der Todesursache dürfte noch zu diskutieren sein, und die Argumentation der Wikipedia für den Tod durch Syphilis klingt hier überzeugend. Auch die Geschichte mit dem Teufelspakt dürfte hinlänglich bekannt sein, wenn auch Richard Koechli auf diesen Seiten in seiner jüngsten Kolumne den Mythos hinter dem Pakt auf eine neue und einfühlsam nachvollziehbare Weise umdeutet.

Es ist tragisch, aber auch symptomatisch, dass Robert Johnson erst nach seinem Tod die Aufmerksamkeit erhielt, die ihm bei seinen Aufnahmen 1936 und 1937 noch verwehrt blieben. Robert Johnson ist für den Blues das, was James Dean für den Film war, Kurt Cobain für den Grunge, Sid Vicious für den Punk und Jim Morrison, Janis Joplin und Jimi Hendrix für die Rockmusik: Die Musiker, die gut aussehen und jung sterben, und um deren Leben sich Legenden ranken können, die Idole bleiben über ihren Tod hinaus, und zwar bei den Musikern, die den Meistern nacheifern. Es gibt Musiker, die unglaublichen Erfolg haben über ihren Tod hinaus, Elvis Presley, Michael Jackson drängen sich auf, und es gibt solche, die als Legenden weiterleben, inspirieren und so Unsterblichkeit erlangen. 

Robert Johnson war mit seiner 1961 veröffentlichten LP King of the Delta Blues Singers der Geheimtipp im London der 60er Jahre, Eric Clapton setzte bereits auf John Mayalls «Beano»-Album den Crossroads Blues seines Vorbilds um, und durch die kräftige Mithilfe der während oder nach dem 2. Weltkrieg geborenen Musiker vor allem englischer Abstammung kam Johnson posthum zu dem Ruhm, den seine Musik sicherlich verdient.  

Wer hat alles Covers von Robert Johnson-Songs gespielt? Eine kleine Liste mag das verdeutlichen. Allman Brothers Band, Black Mountain Bluesband (CH), Cassandra Wilson, Chris Thomas King, Country Blues Project, David «Honeyboy» Edwards, Elmore James, Eric Clapton, Fleetwood Mac, Greyhound George, Hank Shizzoe (CH), Homesick James, Jack White Johnny Lang, Johnny Shines, Johnny Winter, Keb’ Mo, Magic Sam, Max Dega, Mr. Blues & Tight Groove, Peter Green, Robert Lockwood Jr., Rory Block, Rusty Stone, Taj Mahal, ZZ Top. Mit Ausnahme der drei Jugendfreunde Shines, Edwards und Lockwood sowie Elmore James sind dies alles Musiker, die in den 60er Jahren zum Blues kamen. Diese waren auf der Suche nach Authentizität.

Umso erstaunlicher, dass nicht alle Songs intensiv gecovert wurden, Robert Johnson nicht zum Bob Dylan des Blues wurde. Neben dem unverwüstlichen Gassenhauer Sweet Home Chicago dürfte Come On in My Kitchen der vielleicht am meisten gecoverte Song sein. In der Folge Creams und Eric Claptons ist Crossroads sicher ein Klassiker, aber sonst? Überraschenderweise gibt es nicht viele Coverversionen von When You Got a Good Friend oder Last Fair Deal Gone Down. Der Honeymoon Blues ist mir ausser im Original nur in der Version von Peter Green bekannt, der ja auf The Robert Johnson Songbook und Hot Food Powder praktisch das gesamte Oeuvre neu eingespielt hat. Wovon sich sogar nicht eine Cover Versionen finden liess ist Robert Johnsons Dead Shrimp Blues. Im Covers Project liess sich genauso wenig eine weitere Version dieses Songs finden wie in meiner Diskothek. Falls jemand eine Version auf einer LP hat, wäre eine Rückmeldung via Kommentar sehr interessant.  

Was faszinierte die jungen, zum grossen Teil Weissen Musiker an Robert Johnson? Was machte ihn zur Ikone des frühen, ursprünglichen, unverfälschten und authentischen Blues? Es war neben der unbestrittenen musikalischen Qualität wohl vor allem auch die Attraktivität, ein Geheimtipp zu sein. In dieser Jugendkultur, in der es früher wie heute darum ging, der coolste zu sein, war die LP dieses mysteriösen Robert Johnson, auf der man nicht einmal sein Gesicht sah, ein Faustpfand der Coolness. Und so wurde er zum Posterboy, zur Briefmarke, zur Blues-Ikone.

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