Mehr als Klub 27?
Alle Clischées von Kerzen, die an beiden Enden brennen und «Live fast, die young» haben sich leider wieder einmal bewahrheitet: Amy Winehouse ist gestorben. Das ist tragisch und schade, viele Jahre möglicherweise grossartigen musikalischen Schaffens werden nun nicht realisiert, die Musik, insbesondere der Soul, haben eine grosse Zukunftshoffnung verloren. Was bleibt von der exzentrischen Engländerin ausser der der tollen CD Back to Black, der Eindruck einer Frisur und des irren Makeups? Sie wird als Pop-Ikone natürlich unsterblich werden, kanonisiert im «Klub 27», aber wäre es nicht schön, wenn darüber hinaus noch etwas bliebe? Ein Plädoyer für einen respektvollen Umgang mit dem musikalischen Erbe von Amy Winehouse.
Nach dem Tod von Amy Winehouse geschieht das inzwischen bereits sittsam Bekannte: Nachbarn werden interviewt, die zu Protokoll geben, wie nett sie war, es wird über ihre Drogensucht spekuliert und es werden Kerzen aufgestellt und Blumen niedergelegt. Es wird einen Gedenkgottesdienst geben und grosse Stars werden grössere Sonnenbrillen tragen. Denn der Verlust dieser vielversprechenden Sängerin mit einem fein getunten Ohr für den klassischen Motown-Sound, im Verbund mit Produzent Mark Ronson hat nicht nur bereits fünf Grammys eingebracht, zukünftige Projekte wären möglicherweise weiter mit dem Trademark-Vintagesound der Engländerin ausgestattete Perlen geworden. All das wird nun nicht mehr geschehen.
Die Wikipedia hat Amy Winehouse bereits als inoffizielles Mitglied in den Klub 27 integriert, eine morbide Sammelbezeichnung für die vielen Musiker, die im Alter von 27 diese Welt verliessen. Dazu zählt aus der Perspektive des Blues neben Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Brian Jones und Kurt Cobain natürlich auch Robert Johnson sowie Alan Wilson von Canned Heat. Doch diese Art des posthumen Ruhmes sind letztlich belanglos, denn sie machen den Verlust nur noch spürbarer.
Was also tun, ausser dass man Back to Black wieder mal aus dem Gestell holt oder im Ipod anwählt? Amy Winehouse hat eine Lektion zu erteilen im Umgang mit dem klassischen Sound, dem Vintage-Vorbild, den die Musikkonsumenten lieben und den die Musikindustrie sucht. Winehouse hat einen Vintage-Ansatz in ihrer Musik gehabt, ihre Titel klangen genau wie die alten Klassiker von «Motown». Hieraus kann man auch als Bluesmusiker wie als Bluesfan den Schluss ziehen, dass die Klassiker eben nicht nur so heissen, weil es sie schon lange gibt, sondern weil es vollendet ist, weil es zeitlos ist, weil es eine Form vorgibt, die nicht verbessert werden kann und nach der gestrebt werden sollte.
Bluesproduzent T-Bone Burnett lebt diesen Ansatz mit grossem Erfolg im Blues vor, Rick Rubin wäre ein weiterer Produzent dieser «Back to the Roots» Produktionsweise. Die jüngste Scheibe von Jimmie Vaughan bewegt sich auch auf der Suche nach dem klassischen Sound. Der Erfolg gibt diesen Leuten recht, und wenn auch im Blues die Suche nach dem Vintage-Sound der Chess-Ära Früchte trägt, so würde das der Musik gut tun und hoffentlich auch dem Business. Die Weiterentwicklung zu den Wurzeln ist das Motto, mit welchem Winehouse ihre Erfolge feierte, und im R&B oder Soul-Bereich gibt es mit Adele und Joss Stone ja auch andere Künstler, die den Vintage-Sound suchen.
Deswegen auch im Blues: Musiker wie Festivalbesucher, Produzenten wie Konsumenten von CDs: Sucht nach dem klassischen Sound, nach dem einfachen Sound der stil- und genrebildenden Aufnahmen, und diese Suche führt uns alle immer wieder zu den Wurzeln zurück, zu den alten Aufnahmen, zu Muddy und dem Wolf, zu Hooker und den Kings, aber immer auch wieder zu Lowelll Fulson und Earl Hooker, Junior Wells, Otis Rush und Luther Allison. Und hoffentlich ist es möglich, das Feeling, die Leidenschaft für die Musik wie auch den Sound zu übernehmen, ohne dass die schlechten Eigenschaften zu übernehmen, die nun auch Winehouse zum Verhängnis wurden, die aber auch im Blues bekanntlich schon manches Opfer gefunden haben.
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