Luzern im Bluesfieber
Zum siebzehnten Mal rief Luzern die Bluesfreunde in die Leuchtenstadt. Was
ein gutes Blues - Festival ausmacht, darüber gehen die Meinungen auseinander.
Sicher ist: Jenseits des musikalischen, des kommerziellen und des Prestiges geht es um
Menschen: Um das Publikum, das guten Blues erwartet, am liebsten hauptsächlich das,
was man besonders liebt. Das Ganze vorgetragen von Musikern in ihrer Bestform. Um
die Künstler, die hoffen, dass ihre Leistung geschätzt wird und ihre Musik
gemocht.
Soviel Lob über den Umgang mit ihnen, wie eigentlich alle
auftretenden Gruppen geäussert haben, geht über die Höflichkeit hinaus. Dem
Team um Guido Schmidt gelingt es
offenbar, genau das zu erreichen: Die Musiker fühlen sich aufgehoben und
geschätzt und sind ohne weiteres zu tollen Leistungen fähig. Das und ein
gutes Gespür für's Interessante und für Qualität ist Luzerns Erfolgsformel.
Alles andere ergibt sich. Auch diese Ausgabe war erfolgreich, der Saal jeweils
prall gefüllt, eher zuviel, zeitweise gab es kaum ein Durchkommen, musste man
den Saal aus irgendeinem Grund verlassen. Erfreulich auch zu sehen, dass der
Blues auch bei jungen Leuten immer mehr Freunde findet.
Der Panoramasaal des Grand Casino platzt bereits am ersten
Abend beinahe aus den Nähten. Bereits im
Vorfeld machten am 5., 6. Und 9. November Richard
Koechli, Tail Dragger with Bob Corritore's Rhythm All Stars, Deitra Farr und die Delta
Groove Harp Blast Appetit auf die Hauptveranstaltungen.
Am Donnerstag war es dann soweit. Der in Nashville lebende
Gitarrist Colin Linden hatte die
Aufgabe, den Abend zu eröffnen. Er tat das mit viel Gefühl für einen ersten
Auftritt und spielte zunächst solo mit seiner Godin Gitarre, die daran
erinnerte, dass er in Toronto geboren und aufgewachsen ist. Dann kamen der
Bassist Johnny Dymond und der
Drummer Bryan Owings auf die Bühne
und Colin griff zu einer abgegriffenen Dobro und bewies, dass er zu Recht als
Slidevirtuose bezeichnet wird. Colin
Linden ist hierzulande nicht so bekannt, wie er verdienen würde, obwohl er
mit über 300 Alben, auf denen er mitspielt und von welchen er 70 produziert,
eher zu den Erfahrenen gehört. Das zeigte sich auch in
seinem übrigen Auftritt. Gekonnt gesetzte musikalische Effekte bei
unprätentiöser aber virtuoser Gitarrenkunst und eine grosse Spielfreude
kombiniert mit einer charmanten Interaktion mit dem Publikum sorgten für eine
würdige Eröffnung des Abends und wurden von den Zuschauern begeistert
aufgenommen. Aufgefallen sind eine
wunderbare, entstaubte Version von Howlin Wolfs Titel Just Like I Treat You, eine romantisches Sugar Mine und Sleepy John
Estes‘ Easin Back To Tennessee, auch
diesen Titel hat er mit grossem Respekt vor dem alten Meister auf seine eigene
Weise ins 2011 transformiert. Natürlich bedanken sich alle Künstler immer bei
Veranstalter und Publikum für die Möglichkeit aufzutreten, bei ihm hatte man
den Eindruck, dass er sich wirklich freute und er stimmte damit den Saal gut
gelaunt auf den weiteren Abend ein.
Auch die nachfolgenden Musiker waren bestens aufgelegt- Der
Chicagoer Gitarrist Billy Flynn, Johnny
Iguana an den Keyboards, der
Saxophonist Rodney Brown, sowie der Bassist Mel Smith und der
Schlagzeuger Allen Kirk heizten erstmal ein, bevor Deitra Farr, die
grosse Stimme aus Chicago auftrat. Die einnehmende Sängerin und Songschreiberin
konnte in Luzern bereits früher als Mitglied der Gruppe Mississippi Heat erlebt werden. Ihre Mischung aus Blues, Soul
und Gospel begeisterte auch dieses Mal.
Schliesslich Delta Groove Harp Blast, eine Art
All Stars Session mit den beiden Gitarrentalenten Kirk Fletcher und Alex
Schultz und natürlich vor allem den Harmonika Spielern Big Pete, Mitch
Kashmar und Randy Chortkoff. Überraschend spielte auch der aus
Arizona stammende Bob Corritore
mit. Der Auftritt von gleich vier Harpern entstand aus einer Idee der
Festivalleitung. Der Verdacht, das Set würde in einem Harmonica Wettblasen
enden, zerstreute sich nach kurzer Zeit. Die beiden Gitarristen steigerten sich
gegenseitig und die Harper hatten ihre Soloauftritte und man hatte Gelegenheit,
unterschiedliche Stile zu hören. Letzten Endes eine Jam Session, bewegte sich
das Set eher im bewährten als im originellen. Der Auftritt groovte von Anfang an und bis zum Schluss, die Musiker
genossen es sichtlich und der Saal kochte.
Alles in allem ein
fulminanter erster Abend, der Appetit auf mehr machte. Shawn Pittman and The Bluestars sollten diesen als erste
stillen, was ihnen auch gelang. Dass junge Bluesmusiker heute früh Erfolg haben
können - auch international - liegt nicht zuletzt an den technischen
Möglichkeiten. Durch den Zugang zum gesamten Repertoire können sie die Stile rasch kennen und lernen früh ihre Vorbilder zu finden und ihre Technik und ihren Stil zu entwickeln Die Kommunikation erlaubt es,
ihre Werke rasch weltweit bekannt zu machen. Talent ist natürlich
unverzichtbar. Shawn Pittman gehört zu diesen Musikern. Obwohl erst 37
Jahre alt, hat er bereits acht weitum beachtete CDs veröffentlicht. Eine davon,
Too Hot, enthält 15 Songs die an
einem freien Tag auf Tournee eingespielt wurden. Seine zuletzt erschienene
heisst Edge Of The World und daraus
spielte er auch einige Titel, unter anderem den zweiten: One Of These Days. Für seinen Auftritt in Luzern stand der bewährte
Özdemir Erkan am Bass, der auch bei Memo Gonzales & The Bluescasters für die tiefen Töne sorgt.
Ebenfalls bei Memo Gonzales spielt Small Boyd, der in Holland
lebende Schlagzeuger und Sänger aus Portland. Abgerundet wurde die Combo mit Christian
Bleiming, dem Boogie Pianisten aus Westfalen. Shawn Pittman holt aus seinem
Instrument alles heraus, was man kann, ohne Mithilfe von Elektronik, sondern
mit seinen Fingern. So entsteht ein druckvoller und rhythmischer Texasblues,
der immer melodisch bleibt. Ab und an kann er der Versuchung nicht widerstehen,
sein Können in einem rasantem Solo zu demonstrieren, das einem die Haare aus
dem Gesicht bläst. Keine Effekthascherei jedoch, sondern eindrückliche
Virtuosität. Ein Set, das man nicht vergisst. Als Zugabe gab es einen Texas
Shuffle, für den er zu einer Gitarre griff, die aussah, als wäre es seine
erste. Zu Recht tosender Applaus.
Das zweite Set
gehörte den Legenden. Bob Corritore‘s
Rhythm Room All Stars (Bob Corritore, Chris James, Patrick Rynn,
Brian Fahey) bildeten das Fundament, auf dem zunächst Henry Gray,
später noch Tail Dragger ihren Auftritt hatten. Henry Gray,
inzwischen 86 Jahre alt, ist der letzte der grossen Pianospieler, nachdem Pinetop
Perkins im Frühjahr dieses Jahres gestorben ist. Der in Louisiana geborene Bluespianist
hat mit allen gespielt, die in der Chicagoer Bluesszene Rang und Namen haben
und war zwölf Jahre Howlin‘ Wolfs Pianist. Erst 1988 kam es zu
seinem Soloalbum Lucky Man. Grey
wirkte zunächst etwas verkniffen, taute aber rasch auf und legte los, wie man
es erwarten durfte. Sein Gesang hat etwas an Glanz verloren, dafür imponieren
seine instrumentalen Fähigkeiten nach wie vor. Es hatte etwas bewegendes, wie die
übrigen Musiker ihre unverhohlene Bewunderung und Freude an seinem Spiel zeigten.
J ames Jones,
bekannt als Tail Dragger ist mehr als ein Musiker, er ist ein
Entertainer in der Tradition der Chicagoer Clubs, der seine Songs mit kleinen
Anekdoten einleitet, mit dem Publikum flirtet und sich auch gerne unter die
Menge mischt, selbst im komplett überfüllten Panoramasaal, wo es eigentlich
kaum ein Durchkommen mehr gab. Der 1940 geborene Künstler hatte seinen
Durchbruch in den sechziger Jahren durch seine Zusammenarbeit mit seinem
Förderer Howlin‘ Wolf und bis heute erinnert sein Gesang phasenweise an
seinen Mentor, obwohl er seinen eigenen Stil entwickelt hat. Es dauerte auch
keine zehn Minuten, bis er den Saal in der Tasche hatte.
Nostalgie der
siebziger Jahre zelebrierte dann Otis Clay mit den üblichen Ingredienzien:
Horn Section (Frederick Johnson, Darryl Thompson), Background Gesang (Theresa
Davis und Shanti Harris) und natürlich seiner butterweichen Stimme. Er
lässt sich Zeit, sowohl in den Songs, als auch im ganzen Set und baut damit
eine emotionale Atmosphäre auf, in der die Gefühle direkt vom Ohr ins Herz dringen.
I Can Take You To Heaven und sein
Smash Hit von 1971, Trying To Live My
Life Without You haben Hymnenstauts bei Soulfreunden. Den Abend im Panoramasaal beschloss die Larry McCray Band mit einem brachialen
Gitarreninferno,
War der Blues des
Festivals bisher streckenweise von arg fleissigen Gitarrenexzessen geprägt,
änderte sich dies mit dem Auftritt Ruthie Fosters, die sich auf die
Wurzeln des Blues besann, ohne museale Volksmusik zu zelebrieren. Was für eine
einnehmende Persönlichkeit, was für eine Ausstrahlung und - was für eine
Stimme! Zusammen mit dem Sänger und Multiinstrumentalisten Scottie Miller,
Tanya Richardson am Bass und der Drummerin Samantha Banks legte
sie eine Show vom feinsten hin und spannte mühelos den Bogen vom Countryblues
bis zum Reggae. Wenn sie tief in den schier unerschöpflichen Fundus fröhlicher
Lieder Mississippi John Hurts griff, bei welchem Samantha Banks
den Rhythmus mit den Löffeln vorgab, Tanya Richardson den Bass mit der
Fiedel vertauschte und Scottie Miller Mandoline spielte, zauberte sie
Delta Atmosphäre in den Saal. Wo Soul oder Gospel in den Songs zu hören war, spürte man ungeachtet
der dampfenden Hitze im Saal Gänsehaut.
Joe Louis Walker ist ein Schwergewicht im Blues, sei es als Instrumentalist, Sänger oder
Produzent. Er ist talentiert, innovativ und genau das richtige bisschen exzentrisch, dazu hat er einen unverkennbaren
Gitarrenstil entwickelt. Seit einiger Zeit arbeitet er gerne mit Murali
Coryell zusammen. Der 42-jährige Sohn des berühmten Jazz Fusion Gitarristen
Larry Coryell, mit welchem er auch tourt, hat sich einen guten Ruf
erspielt. Er machte auch mehr als eine gute Figur in einem Set, das irgendwie zerrissen
wirkte und zu oft von Bädern in der Masse unterbrochen wurde. Aber Joe Louis
Walker ist ja auch Showman und er scheut auch vor deftigen Scherzen nicht
zurück. Die einzelnen Songs waren aber Klasse. Gelegenheit zu einem Auftritt gab
es auch für Zach Prather und es passte.
Die Stimmung im und
um den Panoramasaal war ausgelassen. Da passte es perfekt, dass Terrance Simien & The Zydeco Eyperience
das Festival mindestens im Panoramasaal musikalisch beendeten. Für die Freunde
kreolischen Frohsinns ein Leckerbissen, für alle anderen ein Riesenspass. Mit
über 5000 Konzerten ist die Gruppe mit allen Wassern des Showbiz gewaschen und
weiss, wie man Stimmung erzeugen und steigern kann. Dabei sind sie musikalisch
durchaus vielseitig, manchmal funky, auch bluesig. Der Saal war hingerissen.
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