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Bloogle Live Blues Anlässe Festivals CH

Sierre Blues Festival 2011 - Der Bericht PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Rolf Winter, Redaktionsleitung   

jerseyjuliesierre2011.jpgEine schwüle Hitze lag über der Plaine Bellevue, was zwar Sierre einen Hauch von Louisiana gab, aber auch ein mögliches Gewitter befürchten liess. Jersey Julie hatte die immer auch ein bisschen unangenehme Aufgabe, das Festival zu eröffnen und meisterte das mit Bravour. Minimale Begleitung: Ein Stehbass und eine Gitarre. Im Zentrum eine Sängerin, die es mit offensichtlich grosser Begeisterung verstand, die Besucher auf den Abend einzustimmen. Die Band bezeichnet sich selbst als Rockabilly- Blues- Mountain/Bluegrass- Gospel- Funkband und – was soll ich sagen - das trifft es ziemlich genau. Da gibt es keine elaborierten Soli und keine komplizierten musikalischen Ausflüge, dafür einen Groove, dem sich niemand entziehen kann. Das Energiebündel Jersey Julie stammt aus New Jersey, lebt aber mittlerweile in Südfrankreich.

 

 

Begleitet von Ihrem Ehemann Olivier Mas an der Gitarre und Stéphane Blanc am Stehbass spulte die Band ihr Programm ab, hauptsächlich Rockabilly im 50er Jahre Stil. Sie singt und tanzt dabei, weiss auch mit dem Saxophon umzugehen. Nach einer guten Dreiviertelstunde fielen erste Regentropfen aus einem gefährlich dunkeln Himmel, später wurde es etwas heftiger und das Publikum zog sich zum grossen Teil unter das Dach der Festanlage zurück, von dem aus man leider die Bühne nur noch eingeschränkt sehen konnte, weil das Zelt des Tonmeisters genau dazwischen lag.

ninaattalsierre2011.jpgrobertomorbiolisierre2011.jpgMit Nina Attal betrat die noch junge Sängerin aus Frankreich im Girlie Look die Bühne und legte eine temperamentvolle Show auf die Bretter. Sie orientiert sich offenbar eher an der frühen Madonna, als an späten Bluesgrössen und ihre Stimme darf noch reifen. Musikalisch baut sie zwar auf funkigem Blues auf, allerdings würden wir ihre Musik eher bei Popmusik einordnen, tanzbar und schwungvoll, aber etwas beliebig. Entsprechend waren die Reaktionen beim älteren Teil des Publikums eher verhalten bis ablehnend, die jungen Zuhörer mochten sie jedoch. Noch nicht zwanzig Jahre alt hat sie aber ein entwicklungsfähiges Potenzial.

Mit Morblus kehrte der Blues dann umso deutlicher zurück. Erst zum vierten Mal war die Gruppe um Roberto Morbioli in der Schweiz zu erleben und bot ihre Mischung aus Blues, Bluesrock, Soul und R&B. Solides Handwerk, ein breites Angebot an erfrischend interpretierten Klassikern und eigenen Songs und voller Einsatz sind die Attribute dieser Band. Daniele Scala lieferte sprudelnde Hammondeinsätze, der Bassist Stefano Dallaporta und der Schlagzeuger Diego Pozzan sorgten für den nötigen Drive, alles in allem ein toll aufeinander eingespieltes Team.  Nach einem Drittel des Sets trat ein Chor aus drei Grazien auf, die wir nicht unbedingt als wesentliche Verstärkung der Band erlebten, die aber die Bühne durchaus schmückten.

jwjonessierre2011.jpgGegen Mitternacht begann die einmal mehr beeindruckende Show der JW Jones Band, diesmal in der Formation  JW Jones (Gitarre), Jeff Asselin (Schlagzeug) und Jesse  Whitley (Hammond). Der Bassist Martin Régimbald war aus Termingründen diesmal nicht dabei. Jones war in guter Stimmung und bot Gitarrenkunst vom feinsten mit Soli, die man mit Fug und Recht  als eigene kleine Songs bezeichnen kann. Mal wird ein Zitat eingestreut, mal demonstriert der kanadische Gitarrenzauberer, wie viele Spielarten man den sechs Saiten entlocken kann. Immer aber bleiben seine handwerklichen Fähigkeiten der Musik untergeordnet und immer bleibt es Blues, auch wenn er sich an rockige Interpretationen heran macht. Das Publikum genoss es sicht- und hörbar, was Jones wiederum noch zusätzlich anstachelte. Auch er ist ja ein noch junger Musiker und auch er lotet die Grenzen des Blues aus.

Für den Freitag prophezeiten die Wetterfrösche stürmisches Wetter und Regen an und tatsächlich fegten heftige Winde durch die Sonnenstadt. Ein Openair Festival ist ja ein Stück weit immer den Launen der Wettergötter ausgeliefert. Immerhin reichte es schlussendlich für einen nur halbwegs feuchten Abend.

rolandtchakountesierre2011.jpgRoland Tchakounté aus Frankreich spielte seine Mischung aus Roots Blues und afrikanischen Rhythmen. Schwer zu beschreiben, wie sich dadurch der Blues verändert, auf alle Fälle klingt es interessant und eigenwillig, bleibt aber unverkennbar Blues, jedoch mit einer stark rhythmischen Note.  Er singt dabei seine Lieder in Bamiléké, seiner Muttersprache, daher können wir über den Inhalt seiner eigenen Songtexte gar nichts sagen.

Awek ist ein südfranzösischer Dialektausdruck für  «vorwärts». Das passte auch, denn von der ersten Note an trieb die Gruppe um Bernhard Sellam (Gitarre und Gesang) das Publikum mit druckvollem Blues voran. Stéphane Bertolino (Harmonika), Joel Ferron (Bass) und Olivier Trebel awekjwjonessierre2011.jpg(Schlagzeug) zeigten eindrücklich, weshalb Awek diverse französische Preise abgeholt hat, 2008 Finalist an der IBC in Memphis war und wieso Stéphane Bertolino an derselben Veranstaltung 2011 den Preis als bester Harpspieler gewann. Sie legten satten, süffigen Blues auf die Bretter und brachten in kurzer Zeit die Zuschauer zum kochen. Hätten sie nicht schon gestanden, wäre niemand auf den Sitzen geblieben. Für drei Songs gesellte sich JW Jones zu der Band, was  für einen zusätzlichen Kick sorgte.

Aus Australien, sonst  eher ein weisser Fleck auf der Landkarte des Blues, stammt Kara Grainger, die zum ersten Mal in Europa auftrat und ihre erste Tour in Sierre startete. Die noch sehr junge Sängerin und Gitarristin dürfte es nicht schwer haben, das europäische Publikum bis Ende September für sich zu interessieren. Ihre sinnliche Stimme und ihr Talent, das Publikum für sich zu gewinnen, dürften ihr dies leicht machen. Sie schreibt eigene Songs, hat aber auch Klassiker der Frühzeit des Blues in ihrem Repertoire. Einige ihrer Songs klangen etwas unrund, der überwiegende Teil jedoch war mitreissend.

philippfankhausersierre2011.jpgSchliesslich Philipp Fankhauser. Der Star des Schweizer Blues legte einmal mehr eine souveräne Show hin. Immer wieder erstaunlich, wie der Berner sofort das Publikum einschliessen und zum Mitmachen animieren kann. Amüsant sind auch seine augenzwinkernden, aber dennoch ernsthaften Versuche, die VIPs aus der Reserve zu locken und für das Geschehen auf der Bühne zu interessieren, was offensichtlich kaum gelingt. Musikalisch scheinbar bei jedem Auftritt noch ein weiteres Stückchen gereift, demonstriert er eine Perfektion mit sparsamen Mitteln, lässt seinen Bandmitgliedern viel Raum und ist in keinem Moment der Superstar, im Gegenteil. Seine Bescheidenheit wirkt nie aufgesetzt, sondern unverkrampft und ehrlich. Das Programm der perfekt aufeinander eingespielten Band schnurrt wie ein Uhrwerk ab, ein toll und engagiert vorgetragener Song reiht sich an den nächsten. Wie immer souverän: Marco Jencarelli (Gitarre), "Sir" Angus Thomas (Bass) und Hendrix Ackle (Hammond). Funky die Bläsergruppe  Das längste Solo spielte natürlich Tosho Yakkatokuo, der immer den Eindruck vermittelt, er hätte mindestens drei Hände. Schliesslich kündigte Silvio Caldelari eine von Philipp Fankhauser eingefädelte Überraschung aus dem Hut und brachten Claude Nobs ins Set. Der Grandseigneur der Schweizer Jazz und Bluesfestivalszene drückte seine Anerkennung auch dadurch aus, dass er zum ersten Mal sein eigenes Gesetz brach, nur in Montreux auf die Bühne zu steigen. Er packte seine Harmonika aus und jammte mit.

Am Samstag strömten reichlich Besucher auf das Festgelände. Die amüsante Formation  The Five Blind Boys of The Parish ist ein Projekt fiveblindboysfromtheparrish.jpgdes Musikers Napoleon Washington aus La Chaux-de-Fonds, der 2007 auch  am Jazzfestival Montreux zu erleben war. Ihm zur Seite standen Simon Gerber (Stehbass) und Raphael Pedroli (Schlagzeug), die im Projekt stilgerecht Bruder Simon und Bruder Raphael genannt werden. Sie bespielten die kleine Bühne und boten ansprechenden Blues, zum grossen Teil Klassiker, frisch und überzeugend dargeboten. Das Besondere an ihrer Show sind die Pausen zwischen den Songs und die Ansagen. Uns ist bisher noch keine Band begegnet, die so konsequent eine komödiantische Note in ihren Auftritt einbaut und mit einer grossen Prise Humor diverse Klischees des Blues durch den Kakao zieht. Zum Beispiel stellte Washington die Band vor. Artig in Englisch und Französisch übersetzt gehörten dazu der Bassist und der Schlagzeuger, aber auch die zwei weiteren imaginären Brüder Lance und Bill an Keyboard und Harp - oder waren es Bruder Jack und Vance? Man täusche sich aber nicht: Der Witz ist Beiwerk und ersetzt nicht etwa die Musik,  trotz allem Schabernack überzeugte die Band.

janivamagnesssierre2011.jpgIhr Gig dauerte etwas länger als geplant, wodurch der folgende Auftritt der Sängerin Janiva Magness etwas verzögert wurde. Die 54-jährige Sängerin hat als bisher einzige Frau nach Koko Taylor 2009 den B.B. King Entertainer Of The Year Preis gewonnen und entwickelte sich in den vergangenen Jahren zu einer Sängerin, die wohl bald als DIE grosse Stimme im Soul und R&B bezeichnet werden wird.  Sie legte eine mitreissende Show von hohem Niveau hin. Eine Stimme, wie für den Blues geschaffen paart sich mit einer atemberaubenden Bühnenpräsenz und einem einnehmenden Charisma. Begleitet wurde sie von Zach Zunis, einem beliebten Sessiongitarristen und Gary ‘Scruff' Davenport am Bass. Letzterer ist auch mit 13 Curves unterwegs.

Das Festgelände war inzwischen üppig gefüllt und es gab kaum Platz zum stehen, sitzen und Durchkommen. Endlich traten dann die offensichtlich vom grösseren Teil des Publikums sehnsüchtig erwarteten Status Quo auf, deren Brachialrock wir trotz eingesetzter Ohrenstöpsel nur aus sicherer Ferne verfolgen mochten. Die Band die in den frühen sechziger Jahre aus der Schülergruppe The Spectres entstanden ist, gehört heute zu den Veteranen des britischen Rock und hat im Laufe ihrer Karriere unzählige Erfolge gefeiert und sich diverse Male umformieren müssen. Immerhin sind die zwei wichtigsten Gründungsmitglieder Francis Rossi und Rick Parfitt noch dabei und aktiv. Ersterer ist auch als Komponist für mehrere Hits der Gruppe verantwortlich.

Die Rechnung der Festivalleitung ging auf, die Veteranen des Rock brachten eine Menge Leute ans Festival, wenn auch nur an diesem Abend und für diesen einen Gig, denn nach ihrem Auftritt verliess der grössere Teil der Besucher das Festivalgelände, offensichtlich die Fangemeinde der britischen Altrocker. Dafür kehrten die Bluesfreunde zurück. Natürlich legten Francis Rossi und Rick Parfitt die fulminante Show hin, die von ihnen erwartet wurde. Musikalisch boten sie keine Überraschungen, die wohl allerdings auch von den Fans gar nicht erwartet worden sind.

Mit der Latvian Blues Band kehrte der Blues und ein Teil der Zuschauer wieder auf die Plaine Bellevue zurück. Die Musiker aus Lettland spielen seit 1997 zusammen und sind hierzulande bisher völlig zu Unrecht kaum bekannt. Seit einigen Jahren touren sie erfolgreich weltweit und waren 2010 Finalisten der International Blues Challenge in Memphis. Sie spielen einen etwas unterkühlten, leicht jazzig angehauchten Blues, der inzwischen international geschätzt wird. Das ist nicht zuletzt das Verdienst ihres Debutalbums «Unreal», das immerhin von Duke Robillard produziert worden ist. Die Band besteht aus Janis "Bux" Bukovskis (Gitarre, Gesang), Reinis Ozolins (Bass), Artis Locmelis (Sax, Keyboards) Nauris Strezs (Posaune) und dem Kanadischen Harpspieler Johnny V. Sie sorgten für einen bluesigen Ausklang des Samstag Abends.

Unter dem Strich war es ein interessantes Festival, das musikalisch überzeugen konnte. Wie die Festivalleitung mitteilt, konnten über 10‘000 Besucher verzeichnet werden, was gegenüber der Erstausgabe des Festivals vor drei Jahren etwa einer Verdoppelung entspricht. Das Konzept der Off-Festival Veranstaltungen bewährt sich ebenfalls. Der Kampf um die Zuschauer ist für jede Festivalleitung eine Gratwanderung. Sind die Protagonisten zwar interessant, aber wenig bekannt, verlässt viele Interessenten der Mut und die Besucherzahlen bleiben limitiert. Die Kenner schätzen es jedoch. Sind sie zu populär, verdrehen diese jedoch die Augen und verweisen auf die drei oder viermal, die man die Band letzthin und in der Nähe ja schon sehen konnte. Bleibt man stilistisch eng, beschränkt man nicht nur die Besucherzahl, sondern gewinnt auch kaum neue Interessenten für den Blues. Wagt man sich zu weit aus dem Fenster, ist der Vorwurf der Beliebigkeit nicht weit, oder es ist von Stilbruch die Rede. Trotzdem: man muss nicht ein Purist sein, um über manche Entscheidung die Nase zu rümpfen. Aber solange nicht der Charakter eines Festivals durch die Versuchung nach zu viel (Besucher)Erfolg unkenntlich wird, solange also Blues in all seinen wunderbaren Spielarten das Festival prägt, sollten wir uns vor Snobismus hüten. Dieser Spagat ist Silvio Caldelari und Dany Giromini gut gelungen. Auch der Hauch von Wiesenfest in dieser umwerfenden Naturkulisse gibt dem Festival seinen eigenen Charme. Ich denke, es hat eine gute Zukunft.

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