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Eine
schwüle Hitze lag über der Plaine Bellevue, was zwar Sierre einen Hauch
von Louisiana gab, aber auch ein mögliches Gewitter befürchten liess. Jersey Julie
hatte die immer auch ein bisschen unangenehme Aufgabe, das Festival zu
eröffnen und meisterte das mit Bravour. Minimale Begleitung: Ein
Stehbass und eine Gitarre. Im Zentrum eine Sängerin, die es mit
offensichtlich grosser Begeisterung verstand, die Besucher auf den Abend
einzustimmen. Die Band bezeichnet sich selbst als Rockabilly- Blues-
Mountain/Bluegrass- Gospel- Funkband und – was soll ich sagen - das
trifft es ziemlich genau. Da gibt es keine elaborierten Soli und keine
komplizierten musikalischen Ausflüge, dafür einen Groove, dem sich
niemand entziehen kann. Das Energiebündel Jersey Julie stammt aus New Jersey, lebt aber mittlerweile in Südfrankreich.
Begleitet von Ihrem Ehemann Olivier Mas an der Gitarre und Stéphane
Blanc am Stehbass spulte die Band ihr Programm ab, hauptsächlich Rockabilly
im 50er Jahre Stil. Sie singt und tanzt dabei, weiss auch mit dem Saxophon
umzugehen. Nach einer guten Dreiviertelstunde fielen erste Regentropfen aus
einem gefährlich dunkeln Himmel, später wurde es etwas heftiger und das
Publikum zog sich zum grossen Teil unter das Dach der Festanlage zurück, von dem
aus man leider die Bühne nur noch eingeschränkt sehen konnte, weil das Zelt des
Tonmeisters genau dazwischen lag.
 Mit Nina Attal
betrat die noch junge Sängerin aus Frankreich im Girlie Look die Bühne und
legte eine temperamentvolle Show auf die Bretter. Sie orientiert sich offenbar
eher an der frühen Madonna, als an späten Bluesgrössen und ihre Stimme darf
noch reifen. Musikalisch baut sie zwar auf funkigem Blues auf, allerdings
würden wir ihre Musik eher bei Popmusik einordnen, tanzbar und schwungvoll, aber
etwas beliebig. Entsprechend waren die Reaktionen beim älteren Teil des
Publikums eher verhalten bis ablehnend, die jungen Zuhörer mochten sie jedoch.
Noch nicht zwanzig Jahre alt hat sie aber ein entwicklungsfähiges Potenzial.
Mit Morblus kehrte der Blues dann umso
deutlicher zurück. Erst zum vierten Mal war die Gruppe um Roberto Morbioli in der Schweiz zu erleben und bot ihre Mischung
aus Blues, Bluesrock, Soul und R&B. Solides Handwerk, ein breites Angebot
an erfrischend interpretierten Klassikern und eigenen Songs und voller Einsatz
sind die Attribute dieser Band. Daniele Scala lieferte sprudelnde
Hammondeinsätze, der Bassist Stefano Dallaporta und der Schlagzeuger Diego Pozzan sorgten für den nötigen
Drive, alles in allem ein toll aufeinander eingespieltes Team. Nach einem Drittel des Sets trat ein Chor aus
drei Grazien auf, die wir nicht unbedingt als wesentliche Verstärkung der Band
erlebten, die aber die Bühne durchaus schmückten.
Gegen Mitternacht begann die einmal mehr beeindruckende Show
der JW
Jones Band, diesmal in der Formation
JW Jones (Gitarre), Jeff Asselin (Schlagzeug) und
Jesse Whitley (Hammond). Der Bassist Martin
Régimbald war aus Termingründen diesmal nicht dabei. Jones war in guter
Stimmung und bot Gitarrenkunst vom feinsten mit Soli, die man mit Fug und
Recht als eigene kleine Songs bezeichnen
kann. Mal wird ein Zitat eingestreut, mal demonstriert der kanadische
Gitarrenzauberer, wie viele Spielarten man den sechs Saiten entlocken kann.
Immer aber bleiben seine handwerklichen Fähigkeiten der Musik untergeordnet und
immer bleibt es Blues, auch wenn er sich an rockige Interpretationen heran
macht. Das Publikum genoss es sicht- und hörbar, was Jones wiederum noch
zusätzlich anstachelte. Auch er ist ja ein noch junger Musiker und auch er lotet
die Grenzen des Blues aus.
Für den Freitag prophezeiten die Wetterfrösche stürmisches
Wetter und Regen an und tatsächlich fegten heftige Winde durch die Sonnenstadt.
Ein Openair Festival ist ja ein Stück weit immer den Launen der Wettergötter
ausgeliefert. Immerhin reichte es schlussendlich für einen nur halbwegs
feuchten Abend.
Roland Tchakounté
aus Frankreich spielte seine Mischung aus Roots Blues und afrikanischen Rhythmen.
Schwer zu beschreiben, wie sich dadurch der Blues verändert, auf alle Fälle
klingt es interessant und eigenwillig, bleibt aber unverkennbar Blues, jedoch
mit einer stark rhythmischen Note. Er
singt dabei seine Lieder in Bamiléké, seiner Muttersprache, daher können wir
über den Inhalt seiner eigenen Songtexte gar nichts sagen.
Awek ist ein südfranzösischer Dialektausdruck für «vorwärts». Das passte auch, denn von der
ersten Note an trieb die Gruppe um Bernhard
Sellam (Gitarre und Gesang) das Publikum mit druckvollem Blues voran. Stéphane Bertolino (Harmonika), Joel Ferron (Bass) und Olivier Trebel (Schlagzeug) zeigten
eindrücklich, weshalb Awek diverse französische Preise abgeholt hat, 2008
Finalist an der IBC in Memphis war und wieso Stéphane Bertolino an derselben Veranstaltung 2011 den Preis als
bester Harpspieler gewann. Sie legten satten, süffigen Blues auf die Bretter
und brachten in kurzer Zeit die Zuschauer zum kochen. Hätten sie nicht schon
gestanden, wäre niemand auf den Sitzen geblieben. Für drei Songs gesellte sich JW Jones zu der Band, was für einen zusätzlichen Kick sorgte.
Aus Australien, sonst
eher ein weisser Fleck auf der Landkarte des Blues, stammt Kara Grainger, die zum ersten Mal in
Europa auftrat und ihre erste Tour in Sierre startete. Die noch sehr junge
Sängerin und Gitarristin dürfte es nicht schwer haben, das europäische Publikum
bis Ende September für sich zu interessieren. Ihre sinnliche Stimme und ihr
Talent, das Publikum für sich zu gewinnen, dürften ihr dies leicht machen. Sie
schreibt eigene Songs, hat aber auch Klassiker der Frühzeit des Blues in ihrem
Repertoire. Einige ihrer Songs klangen etwas unrund, der überwiegende Teil
jedoch war mitreissend.
Schliesslich Philipp
Fankhauser. Der Star des Schweizer Blues legte einmal mehr eine souveräne
Show hin. Immer wieder erstaunlich, wie der Berner sofort das Publikum
einschliessen und zum Mitmachen animieren kann. Amüsant sind auch seine
augenzwinkernden, aber dennoch ernsthaften Versuche, die VIPs aus der Reserve
zu locken und für das Geschehen auf der Bühne zu interessieren, was
offensichtlich kaum gelingt. Musikalisch scheinbar bei jedem Auftritt noch ein
weiteres Stückchen gereift, demonstriert er eine Perfektion mit sparsamen
Mitteln, lässt seinen Bandmitgliedern viel Raum und ist in keinem Moment der
Superstar, im Gegenteil. Seine Bescheidenheit wirkt nie aufgesetzt, sondern
unverkrampft und ehrlich. Das Programm der perfekt aufeinander eingespielten
Band schnurrt wie ein Uhrwerk ab, ein toll und engagiert vorgetragener Song
reiht sich an den nächsten. Wie immer souverän: Marco Jencarelli (Gitarre), "Sir" Angus Thomas (Bass) und Hendrix Ackle (Hammond). Funky die Bläsergruppe Das längste Solo spielte natürlich Tosho Yakkatokuo, der immer den
Eindruck vermittelt, er hätte mindestens drei Hände. Schliesslich kündigte Silvio Caldelari eine von Philipp Fankhauser eingefädelte
Überraschung aus dem Hut und brachten Claude
Nobs ins Set. Der Grandseigneur der Schweizer Jazz und Bluesfestivalszene
drückte seine Anerkennung auch dadurch aus, dass er zum ersten Mal sein eigenes
Gesetz brach, nur in Montreux auf die Bühne zu steigen. Er packte seine
Harmonika aus und jammte mit.
Am Samstag strömten reichlich Besucher auf das Festgelände.
Die amüsante Formation The
Five Blind Boys of The Parish ist ein Projekt des Musikers Napoleon Washington aus La
Chaux-de-Fonds, der 2007 auch am
Jazzfestival Montreux zu erleben war. Ihm zur Seite standen Simon Gerber (Stehbass) und Raphael Pedroli (Schlagzeug), die im
Projekt stilgerecht Bruder Simon und Bruder Raphael genannt werden. Sie
bespielten die kleine Bühne und boten ansprechenden Blues, zum grossen Teil
Klassiker, frisch und überzeugend dargeboten. Das Besondere an ihrer Show sind
die Pausen zwischen den Songs und die Ansagen. Uns ist bisher noch keine Band
begegnet, die so konsequent eine komödiantische Note in ihren Auftritt einbaut
und mit einer grossen Prise Humor diverse Klischees des Blues durch den Kakao
zieht. Zum Beispiel stellte Washington die Band vor. Artig in Englisch und
Französisch übersetzt gehörten dazu der Bassist und der Schlagzeuger, aber auch
die zwei weiteren imaginären Brüder Lance und Bill an Keyboard und Harp - oder
waren es Bruder Jack und Vance? Man täusche sich aber nicht: Der Witz ist
Beiwerk und ersetzt nicht etwa die Musik,
trotz allem Schabernack überzeugte die Band.
Ihr Gig dauerte etwas länger als geplant, wodurch der
folgende Auftritt der Sängerin Janiva
Magness etwas verzögert wurde. Die 54-jährige Sängerin hat als bisher
einzige Frau nach Koko Taylor 2009
den B.B. King Entertainer Of The Year Preis gewonnen und entwickelte sich in
den vergangenen Jahren zu einer Sängerin, die wohl bald als DIE grosse Stimme
im Soul und R&B bezeichnet werden wird.
Sie legte eine mitreissende Show von hohem Niveau hin. Eine Stimme, wie
für den Blues geschaffen paart sich mit einer atemberaubenden Bühnenpräsenz und
einem einnehmenden Charisma. Begleitet wurde sie von Zach Zunis, einem beliebten Sessiongitarristen und Gary ‘Scruff' Davenport am Bass.
Letzterer ist auch mit 13 Curves unterwegs.
Das Festgelände war inzwischen üppig gefüllt und es gab kaum
Platz zum stehen, sitzen und Durchkommen. Endlich traten dann die
offensichtlich vom grösseren Teil des Publikums sehnsüchtig erwarteten Status
Quo auf, deren Brachialrock wir trotz eingesetzter Ohrenstöpsel nur aus
sicherer Ferne verfolgen mochten. Die Band die in den frühen sechziger Jahre
aus der Schülergruppe The Spectres entstanden ist, gehört
heute zu den Veteranen des britischen Rock und hat im Laufe ihrer Karriere
unzählige Erfolge gefeiert und sich diverse Male umformieren müssen. Immerhin
sind die zwei wichtigsten Gründungsmitglieder Francis Rossi und Rick
Parfitt noch dabei und aktiv. Ersterer ist auch als Komponist für mehrere
Hits der Gruppe verantwortlich.
Die Rechnung der Festivalleitung ging auf, die Veteranen des
Rock brachten eine Menge Leute ans Festival, wenn auch nur an diesem Abend und
für diesen einen Gig, denn nach ihrem Auftritt verliess der grössere Teil der
Besucher das Festivalgelände, offensichtlich die Fangemeinde der britischen
Altrocker. Dafür kehrten die Bluesfreunde zurück. Natürlich legten Francis Rossi und Rick Parfitt die fulminante Show hin, die von ihnen erwartet wurde.
Musikalisch boten sie keine Überraschungen, die wohl allerdings auch von den
Fans gar nicht erwartet worden sind.
Mit der Latvian Blues Band kehrte der Blues
und ein Teil der Zuschauer wieder auf die Plaine Bellevue zurück. Die Musiker
aus Lettland spielen seit 1997 zusammen und sind hierzulande bisher völlig zu
Unrecht kaum bekannt. Seit einigen Jahren touren sie erfolgreich weltweit und
waren 2010 Finalisten der International
Blues Challenge in Memphis. Sie spielen einen etwas unterkühlten, leicht
jazzig angehauchten Blues, der inzwischen international geschätzt wird. Das ist
nicht zuletzt das Verdienst ihres Debutalbums «Unreal», das immerhin von Duke Robillard produziert worden ist.
Die Band besteht aus Janis
"Bux" Bukovskis (Gitarre, Gesang), Reinis Ozolins (Bass), Artis
Locmelis (Sax, Keyboards) Nauris
Strezs (Posaune) und dem Kanadischen Harpspieler Johnny V. Sie sorgten für einen bluesigen Ausklang des Samstag
Abends.
Unter dem Strich war es ein interessantes Festival, das
musikalisch überzeugen konnte. Wie die Festivalleitung mitteilt, konnten über
10‘000 Besucher verzeichnet werden, was gegenüber der Erstausgabe des Festivals
vor drei Jahren etwa einer Verdoppelung entspricht. Das Konzept der
Off-Festival Veranstaltungen bewährt sich ebenfalls. Der Kampf um die Zuschauer
ist für jede Festivalleitung eine Gratwanderung. Sind die Protagonisten zwar
interessant, aber wenig bekannt, verlässt viele Interessenten der Mut und die
Besucherzahlen bleiben limitiert. Die Kenner schätzen es jedoch. Sind sie zu
populär, verdrehen diese jedoch die Augen und verweisen auf die drei oder
viermal, die man die Band letzthin und in der Nähe ja schon sehen konnte.
Bleibt man stilistisch eng, beschränkt man nicht nur die Besucherzahl, sondern
gewinnt auch kaum neue Interessenten für den Blues. Wagt man sich zu weit aus
dem Fenster, ist der Vorwurf der Beliebigkeit nicht weit, oder es ist von
Stilbruch die Rede. Trotzdem: man muss nicht ein Purist sein, um über manche
Entscheidung die Nase zu rümpfen. Aber solange nicht der Charakter eines
Festivals durch die Versuchung nach zu viel (Besucher)Erfolg unkenntlich wird,
solange also Blues in all seinen wunderbaren Spielarten das Festival prägt, sollten
wir uns vor Snobismus hüten. Dieser Spagat ist Silvio Caldelari und Dany
Giromini gut gelungen. Auch der Hauch von Wiesenfest in dieser umwerfenden
Naturkulisse gibt dem Festival seinen eigenen Charme. Ich denke, es hat eine
gute Zukunft.
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