B.B. King
ist der selbst ernannte «King of The Blues». Aber wann hat er sein letztes
wesentliches Album eingespielt? Das ist lange her. Bis jetzt. Dieses Album von
2008, produziert von T-Bone Burnett, hält den teilweise grossspurigen
Ankündigungen und hohen Erwartungen stand.
Burnett,
der Produzent u.a. des Soundtracks von Brother Where Art Thou und dem
Riesenhit Raising Sand von Bluesgrass-Legende Allison Krauss und Led
Zeppelin-Sänger Robert Plant,
hat hier aus dem achtzigjährigen King ein grossartiges Album heraus gekitzelt. Entgegen
verschiedener Ankündigungen (auch auf Bluesnews) ist es musikalische NICHT eine
Rückkehr zu den Wurzeln des «Blues Boy» aus Indianola, Mississippi, Riley B. King. Dieses Album ist ein
Alterswerk im besten Sinn, eine reife Leistung, ein weises Album.
Es kann
natürlich auch nicht eine Reminiszenz an die 50er Jahre sein. Wie sollte es
auch? Zu viel ist geschehen: King spielt ein anderes Instrument (damals spielte
er eine halbakustische Gibson Super 400 CES oder ES 350, seit den 60er Jahren
spielt er bekanntlich Lucille, effektiv
eine Solidbody-Gitarre), Er hat eine ganze Band hinter sich, seine Stimme ist
älter und voller, denn der Mann hat 50 Jahre und 30 Kilo mehr drauf als zu
Zeiten von Miss Martha King oder Three O'Clock Blues. Schliesslich hat
sich auch die Aufnahmetechnik quantensprungartig weiterentwickelt.
Auch der
Musikmarkt und sein Publikum haben sich verändert. B.B. King ist er nicht mehr der unsichere junge Schwarze Mann aus
dem Delta, der den «Chitlin Circuit» spielt und jeden Tag über Mittag in
Helena, Arkansas bei WDIA eine Radiosendung bestreitet. B.B. King ist ein
weltweit respektierter Künstler, er trat in praktisch allen Ländern der Erde
auf (würde mich mal interessieren, was ausser Nordkorea und Kuba sonst noch in
seiner Sammlung fehlt), wurde vom Präsidenten der USA empfangen, ist mehrfacher
Ehrendoktor und gilt zurecht als Patriarch des Blues.
Und so
tritt er hier an wie ein alter Boxer zum letzten Kampf, wie ein altes Schiff
auf der letzten Reise, wie einer, der es nochmal wissen will, nun, da er
verstanden hat, wie das Spiel läuft und der weiss, was er kann und wo seine
Stärken liegen. B.B. King strahlt
Spielfreude aus, Kraft in der Stimme, Akkuratesse in seinem Spiel. Es stimmt einfach
alles, und das zu hören ist die reine Freude. Während B.B. auf den letzten
Alben wie dem gefälligen Blues on The Bayou, aber auch auf
den Kollaborations-Alben Deuces Wild und 80 - B.B. King and Friends sowie
Riding with the King (mit Eric
Clapton) zumeist den Elder Statesman des Blues raushängen liess und es etwas
den Anschein hatte, als liesse er die Zügel schleifen, ist er hier hoch
konzentriert (Eine Ausnahme stellt m.E. Let The Good Times Roll dar, Kings Verbeugung von Louis Jordan). Der Produzent T-Bone Burnett konnte ihm verständlich
machen, dass es jetzt und hier drauf ankommt, dass er jedes Lied singen müsse,
als sei es sein letztes und er brachte King dazu, sein Bestes zu geben. Der
Gesang ist in bekannter Art und Weise akzentuiert, King reizt gesanglich das
«Call and Response»-Schema meisterlich aus.
Und dann ein
Wort zu Lucille. Kings Gitarre (d.h.
- um hier die Mythenbildung nicht allzu sehr voranzutreiben - Kings aktuelle
Gitarre heisst immer «Lucille», aber es ist nicht immer dasselbe Instrument, er
hatte mindestens zwei Duzend «Lucilles» in seinem Leben) war immer ein
unverzichtbarer Teil seiner Grösse, er hat das Gitarrenspiel definiert wie
niemand sonst im 20. Jahrhundert. Auf den letzten CDs aber wurde Lucille vorgeführt als eine sahnige
Begleiterin auf einer Cocktailparty: Viel Vibrato, zuviel Neck-Pickup, weich
und etwas bräsig kam sie oftmals daher, kein Vergleich etwa zu den grossartigen
Live-Alben Live at the Regal oder Live in Japan, wo sie Schneid hat
und aufsässig ist, wo sie sich dem Zuhörer ins Ohr bohrt. Hier, auf One
Kind Favor klingt B.B. Kings
stete Begleiterin wieder wie zu alten Zeiten: King übertreibt das Vibrato nicht, und der Sound hat Biss
(Ausnahme: die Ballade Backwater Blues,
in der sie jazzig klingt und zärtlich). Keine Cocktailparties, hier muss sich
die alte Dame ebenso wie ihr Herr und Meister beweisen, und sie quietscht dabei
vor Freude.
Die CD
beginnt mit einem Cover von Lemon
Jefferson und Furry Lewis: See That My Grave is Kept Clean, das
hier mit einem synkopierten New Orleans-Feeling rüberkommt. Auf diesem ersten
Stück gibt es noch keine Bläser, lediglich die Hammond B-3 reichert den bewusst
spartanisch gehaltenen Sound an. Und weil auf dieser Website immer wieder mal Dr. John heftig kritisiert wurde möchte
ich mich hier explizit vor ihm verneigen: Auf dieser CD ist Dr. John als Sideman wunderbar, sein
Piano sparsam, aber perfekt eingesetzt.
I Get so Weary ist ein Powerhouse, voller Einsatz aller
Kräfte, aber ausgewogen und ein klassisches B.B. King Stück. Dies ist seine Musik, unerreicht und authentisch. These Blues Off Me ist ein Slow Blues
mit typischem Gitarren-intro, vergleichbar The
Thrill is Gone, allerdings Gott sei dank ohne die Streicher. How Many More Years ist ein Jump-Blues,
der eigentlich so gar nicht zum Titel passen will, allerdings ist der Song
weniger moribund als man meinen könnte. Denn How Many More Years bezieht sich nicht auf seine Lebenszeit, wie
die Folgezeile «I got to let you dog me around» deutlich macht. Es ist ein
klassischer Beziehungsblues, drei Minuten, ein kleines Juwel.
Danach
folgt erneut mit Waiting For Your Call
eine weitere Ballade, wiederum meisterlich begleitet von Dr. John. Dieses Stück
wurde laut CD-Booklet von T-Bone Walker
geschrieben, aber ich kenne es von ihm nicht. Hier ist es eine schöne Ballade,
ganz im Stile B.B. Kings: friedlich,
versöhnlich und eingängig. My Love is
Down ist ein Liebeslied an die Liebe seines Lebens, ein garantierter Hit
auf Playlisten. Das Stück stammt von Lonnie
Johnson, neben Walker einem weiteren
Vorbild Kings. Der folgende Titel The World Gone Wrong ist das pure
Gegenteil: Ein bedrohlicher Text, in dem King die Konsequenzen ankündigt des
Laufs der Welt: «No more Mr. Nice Guy». Lucille
kommt hinter seiner Stimme hervor wie ein keifendes Weib, das seine
Enttäuschung weiter antreibt. Ein grossartiger Song.
Blues Before Sunrise ist natürlich ein Klassiker, zuvor
gespielt von John Lee Hooker, Ray
Charles, Eric Clapton, Muddy Waters und Scrapper Blackwell sowie einer Unzahl von Coverbands. King schreibt das Stück hier Hooker zu, aber er interpretiert es auf
seine eigene Art, erneut mit der tatkräftigen Unterstützung Dr. Johns,der den Song weitgehend trägt. Midnight
Blues, erneut einup-tempoStückbringt sehr geschmackvolle Bläsereinsätze, gefolgtvom langsamsten Stück der Scheibe, Backwater Blues. Hier bringt King erneut prächtige, provozierend
langsame Gitarrenpassagen.
Es folgt Sitting on Top of the World und Tomorrow Night (nicht zu verwechseln mit
dem gleichnamigen Song aus Barbra
StreisandsYentl). Sitting on Top
oft he World ist natürlich der Klassiker von Chester Burnett (wie The
Howlin‘ Wolf mit «bürgerlichem»Namen
hiess und als Komponist bekannt war). King zitiert hier Mississippi Sheiks als Urheber, gibt aber oben bei How Many More YearsChester Burnett an. Erneut bietet das Zusammenspiel von Dr. John und B.B. King gute Unterhaltung. Tomorrow
Night ist mehr ein Slow Blues als eine Ballade, ein schöner Closer für
diese CD, und King steuert zum Abschied nochmal ein wunderbares Solo bei.
Wenn die CD
fertig ist drückt man unwillkürlich erneut auf den Startknopf des CD-Spielers,
um sie erneut zu hören, und genau hier liegt der Unterschied zu den genannten
Duett-Alben: die nahm ich jeweils aus dem CD-Tray und sie gingen zurück in die
Snapbox. Diese CD ist eine grosse Leistung und ein schönes Stück Musik.
Ganz zum
Schluss noch ein Wort zum Booklet. Die Fotos darin unterstreichen die
«abgespeckte» Natur der Musik. Auf dem Cover steht King vor einem See, Lucille
auf dem Rücken, Hals nach unten zeigend. Reminiszenzen ans Delta sollen hier
wach werden. Auf der Rückseite der CD steht der King
mit der Gitarre vor dem Bauch, aber das Foto ist von hinten aufgenommen, er
steht auf Bahngeleisen, die an Tutweiler, Mississippi oder sonst einen
verlassenen Bahnhof erinnern sollen. Im Booklet gibt es dann noch Bilder des
Sees und zwei weitere von B.B.: Einmal von hinten mit der Gitarre auf dem Bein,
die Vorderseite Lucilles und
zugewandt, und nur auf einem Bild sieht man ihm ins Gesicht: Er sitzt auf einem
Stuhl bei diesem namenlosen See, Lucille
spielbereit vor ihm, aber er hält sie im Arm, aber er trägt eine dunkle Sonnenbrille
und damit wirkt er plötzlich nicht die der Weltstar B.B. King, sondern wie ein alter Bluesman. Und klar zu machen, dass
er im Herzen genau das ist, das ist letztlich die Mission dieses grossartigen Albums.
B. B. King One Kind Favor, 2008
B.B. King – Lead Gitarre & Gesang
Dr. John – Piano
Nathan East – Akustischer Bass
Mike Elizonda – E-Bass
Jim Keltner – Drums, Percussion
Jay Bellerose – Drums, Percussion
Johnny Lee Shell – Gitarre
Neil Larsen – B-3 (Orgel)
Darrell Leonard – Trompete und Bläserarrangements
Ira Nepus – Posaune
Ricky Woodard – Tenorsaxophon
Keith Fiddmont – Altsaxophon
Ernie Fields Jr. – Baritonsaxophon
Randall Altcroft –
Euphonium (Basssaxophon)
Aufgenommen in The Village Recorder, Los Angeles
1. See That My Grave is Kept Clean
2. I Get So Weary
3. Get These Blues Off Me
4. How Many More Years
5. Waiting For Your Call
6. My Love Is Down
7. The World Gone Wrong
8. Blues Before Sunrise
9. Midnight Blues
10. Backwater Blues
11. Sitting On Top Of The World
12. Tomorrow Night