Eddie Taylor Jr. — I Got To Make This Money, Baby (2007)
Eddie Taylor Jr.
wurde zum Bluesman geboren, und wenn man der Genetik trauen kann, dann ist er
mit äusserst vielversprechenden Anlagen gesegnet. Sein Vater war Eddie Taylor (1923-1985), ein
grossartiger Gitarrist der Chicago-Tradition und massgeblicher Mitgestalter der Songs von
Jimmy Reed, seine Mutter Vera Taylor, eine wenig bekannte
Sängerin. Allerdings ist es das Schicksal von Eddie Taylor Senior, selten als eigenständiger Musiker wahrgenommen
zu werden. Obwohl er mit Big Walter
Horton und John Lee Hooker
spielte, bleibt er vornehmlich als Begleitung Jimmy Reeds in Erinnerung, obwohl der etwas ältere Taylor den Freund aus Jugendtagen Reed in seine Band aufnahm, und ihm auch
riet, sich auf Gesang und Harmonika zu konzentrieren und die Gitarrenarbeit ihm
überlassen. Eddie Taylor ermöglichte
im Hintergrund als Bandleader und Arrangeur den Erfolg von Jimmy Reed als Frontman und Liedschreiber.
Damit ein solches Schicksal seinen jüngsten Sohn Eddie Taylor Jr. (* 27.3.1972) möglichst
nicht ereilt, hat dieser bereits zwei CDs unter seinem Namen veröffentlicht,
das Erstlingswerk Mind Game von 2006 und die letztjährige Veröffentlichung I Got
to Make This Money, Baby (aufgenommen im Herbst 2007), die hier nun
besprochen wird. Auf beiden CDs gibt es einen Anteil von selbst geschriebenen
Liedern und Coverversionen von in der Regel weniger bekannten Titeln. Wenn auch
Eddie Jr. auch nicht der einzige der
Familie ist, der sich als Musiker versucht (Schlagzeuger Tim Taylor spielte in den 1980ern mit dem Vater, Demetria hat auf dieser CD einen
Gastauftritt), so setzt er doch ein deutliches Zeichen als Verbindung zu seinem
Vater: Er spielt die ES-355 seines Vaters, und er spielt sie so, dass sein
Vater stolz sein kann. Durch die Wahl des identischen Instruments macht sich Eddie Jr. als legitimer Erbe hörbar.
Allmählich wird auch sein sein Name bekannter, so trat Taylor im April 2008 in Bern mit Lurrie Bell anlässlich des «Jazz
Festival» aufund auch für den
Soundtrack von Cadillac Records ist seine Gitarre zu hören. Ohne Zweifel ist der
junge Eddie Taylor mit seinen
Kontakten und der intimen Kenntnis der Bluesszene eine kommende Grösse im
Blues-Betrieb der «Windy City», aber auch der Blueswelt allgemein.
Eddie Taylor Jr. hat
den Blues à la Chicago so sehr verinnerlicht, dass er aus ihm herauszuströmen
scheint. Ähnlich wie Nick Moss den
harten Chicago-Blues vollkommen authentisch spielt, klingt bei Taylor die feinere, den Ursprüngen im
Country Blues noch stärker verpflichtete Variante an. Seine Songs leben von
Stimme, Harmonika und Gitarre, die auf einer soliden Grundlage von Bass (Greg McDaniel) und Schlagzeug (Tim Taylor) stehen.
So spielt er beim Titelsong zu Eröffnung der CD ein erstes Solo
mit perfekter Slide-Gitarre, aber verhalten, dem Song dienlich und nicht als
kreischender Effekt. Ansonsten ist dies ein zeitloser, wirklich aufmerksam
gespielter Shuffle. Die Stimme von Taylor
ist eher hoch, also weit entfernt von einem «Growl» oder einer kratzigen
«Bluesröhre». Und es ist gut, dass er nicht eine solche Stimme hat. Die Musik
von Eddie Taylor Jr. ist ein
Gesamtkunstwerk, dein Teameffort, bei dem alle Mitglieder der Band harmonieren
und bei der es keinen Leithengst zu geben scheint.
Interessant ist auch die Hommage an seinen Vater Salute to Eddie Taylor, in der er
nüchtern feststellt «If you mention Eddie
Taylor, his name don't mean a thing». Dieser Feststellung aber hält er
entgegen «But he influenced everybody, from Magic Sam to Freddie King». Dieser
Song erinnert überdeutlich an den Sound seines Vaters, also an denjenigen Jimmy Reeds: einfach verstärkte Gitarre
ohne Verzerrung, transparent gespielter Shuffle und der Einsatz der Harp an den
richtigen Stellen. Er lobt ihm Rest des Lieds den Charakter und die
Hilfsbereitschaft seines Vaters, beklagt aber auch, dass dieser viel arbeitete.
Mit Train Fare Blues
nimmt er einen Titel seines Vaters auf, erneut einen Uptempo-Shuffle. My Little Machine ist ein Song von Sonny Boy Williamson I, das die Harp
vom Spezialisten Harmonica Hinds in
den Vordergrund bringt. Falls jemand sich Sorgen machte, dass nach dem Tod von Junior Wells und Snooky Pryor die Harmonica-Tradition aussterben könne, so wird hier
gezeigt, dass die Harp lebt und hier mit grosser Meisterschaft gespielt wird.
Auf dem fünften Track, Mama,
He Treats Your Daughter Mean gibt Eddie
Jr. das Mikrophon an seine Schwester Demetria
Taylor weiter, die gemäss dem Vater am besten singen könne. Tatsächlich
bietet sie eine Variante an, da sie die «Röhre» mitbringt, die bis hierher
nicht zu hören war. Das Stück ist sicher für jeden Live-Auftritt ein Brüller,
aber auf der CD wirkt es etwas deplaziert. Da es nur ein Song ist, bleibt die
Stimmung des Albums aber letzten Endes erhalten.
Der nächste Song, Arthur
«Big Boy» Crudups unsterblicher Klassiker That's All Right kommt als nächstes. Dies ist eine eigenständige
Version, die dem Blues-Original erwartungsgemäss mehr verpflichtet ist als der
Rock'n'Roll Version Elvis'.Taylors Stimme kommt hier wunderbar zur
Geltung. Um Verwechslungen vorzubeugen: es ist dies Crudups Titel, den auch Elvis
Presley als That's All Right now,
Mama coverte. Taylor bringt hier
also nicht seine Version des gleichnamigen Titels von Jimmy Reed, der eigentlich stärker aus der Tradition Chicagos kommt
und zudem klar mit seinem Vater assoziiert ist.
Mit Goodbye Willie
Kent nimmt die Band bereits wieder von einem Musiker Abschied, dem Freund
der Familie Willie Kent (1936-2006),
den auch Taylor als persönlichen Freund
bezeichnet. Willie Kent war ein
wichtiger Bassist und Veteran der Chicagoes Szene. Kent war es auch, der Hannes
Folterbauer vom Label Wolf Records auf Eddie
Taylor aufmerksam machte und so dessen Karriere lancierte.
I'm in the Mood ist der erste Slow Blues des Albums. Gemütlich
zelebriert die Band ihre Version des Stücks von John Lee Hooker. Wenn es auch nicht so sexy klingt wie bei Hooker und Bonnie Raitt, so bietet der langsame Rhythmus Platz für viele
Feinheiten und Spielwitz. Take Your Hand
Down ist ein schnelles Tanzstück, auf dem die zweite Gitarre erstmals
deutlich zu hören ist, die wie einst Matt
«Guitar» Murphy ein fetziges Riff spielt. Der Song ist der rockigste der
ganzen CD.
Mit Just a Little Bit
wird Rosco Gordon zitiert (oder
erneut Elvis? Von ihm gibt es auch
eine Version). Hier kriegt Tim Taylor
die Chance, sich etwas in den Vordergrund zu spielen, wenn er durch den Stop
bei «Just a teenie-weenie bit of your love» den Schlag angibt. Taylor schreibt die Autorenrechte Rosco Gordon zu, aber allgemein werden Buster Brown, Fats Washington, John
Thornton und Ralph Bass als
Urheber angegeben. Auf Biggest Blues Fan nennt
Taylor wen als grössten Anhänger der
Musik? Sich selbst. Obwohl er selbst ein Bluesman sei, gehört er auch zu den
Bewundererns dieser Kunstform. Wer könnte das nicht nachvollziehen?
Der letzte Titel greift ganz tief in die Kiste der
Vergangenheit: Whiskey Headed Woman
ist ein Lied von Delta-Bluesman Tommy
McClennan (1908-1958?) und ein klassischer Beziehungstitel, in dem der
Sänger seine Frau als Trinkerin beschimpft. Der Titel ist sauber gespielt, aber
man nimmt Taylor die Situation nicht
ganz ab. Er scheint nicht genau zu wissen, wovon er spricht, was sicher ein
Glücksfall ist, aber hier eben auch zu spüren.
Der Mann ist zwar noch jung, was seine Erfahrung als
Bandleader und Headliner angeht, aber er zeigt hier, dass nicht nur seine
Anlagen vielversprechend sind. Dies ist eine wunderbare CD, voller echtem und
authentischem Chicago-Blues, und die macht neugierig, wie die weitere Karriere
dieses Mannes verlaufen wird. Mit seinen 37 Lenzen wird er verstanden haben,
wie das Geschäft läuft und es ist zu hoffen, dass wir in der Zukunft noch viel
von Eddie Taylor Jr. hören werde
I Got to
Make This Money, Baby, Eddie Taylor Jr. (2008)
Eddie Taylor Jr. - g, voc Tim Taylor - dr. Harmonica Hinds - harp Greg McDaniel - b. Anthony Palmer - 2nd g. Demetria Taylor - voc. (auf Nr. 5)
1. I Got to Make This Money, Baby (Eddie Taylor Jr.)
2. Salute to Eddie Taylor (Eddie Taylor Jr.)
3. Train Fare Blues (Eddie Taylor Sr.)
4. My Little Machine (John Lee «Sonny Boy» Williamson I)
5. Mama, He Treats Your Daughter Mean (Johnny Wallace & Herbert J. Lance)
6. That's All Right (Arthur «Big Boy» Crudup) 7. Goodbye Willie Kent
(Eddie Taylor Jr.) 8. I'm in the Mood (John Lee Hooker)
9. Take Your Hand Down (Eddie Taylor Sr.)
10. Just a Little Bit (Rosco Gordon)
11. Biggest Blues Fan (Eddie Taylor Jr.)
12. Whiskey Headed Woman (Tommy McClennan)