Was ist das
Geheimnis einer guten alten Rock'n'Roll Band? Einen guten Kontrabass, bei dem
man hört, wie die Saiten auf das Griffbrett knallen, einen stetigen Drummer der
wie ein Puls die Band antreibt, ein kratziges Saxophon für die Ornamente und
ein Piano, dass den Boogie-Woogie-Swing aufrechterhält. Wenn dann noch eine
gute Gesangsstimme hinzukommt, ist das Rezept für guten Rock'n'Roll bereits
fertig. Wenn das Rezept stimmt, ist es auch müssig, über Genregrenzen zu
diskutieren, denn wo der Boogie-Woogie aufhört, der Piano-Blues weitermacht und
wo der Rock'n'Roll reinkommt ist unerheblich, wenn es fetzt. Und das tut diese
CD von Hamp Goes Wild ohne Zweifel.
Boogie,
Rock'n'Roll, Gesang - Hamp kann es alles, und dazu gibt es dann noch dieses so
schwer zu benennende Quantum an Gefühl, an mangelnder Präzision, die einem Song
den Swing gibt. Und wie schon Duke Ellington wusste: «It don't mean a thing, if it ain't got that
swing».
Die Aufnahmen wurden mit original Mikrophonen, Preamps und 2-Kanal! Revox-Tonband aus den 50/60er Jahren aufgenommen. Alles mit Röhren! Live und ohne Overdubs.
Auf der CD Roomin'
House Boogie spielt Hamp Goes
Wild fröhlich und angeregt aus. Nach dem Titelsong folgt Rockin‘
the House, dann You Can't Judge a
Book By its Cover darauf A Rockin
Good Way, ein Duett mit Carmen Fenk. Diese ersten Stücke der CD sind alle fetziger,
schnörkelloser Boogie-Woogie oder eben Rock'n'Roll, wobei mir die Musik schon
einen starken Blues-Eindruck macht, denn die Band konzentriert sich stark auf
den Boogie-Puls, und Hamps Pianoläufe sind weniger ein Rumsauen auf den Tasten
wie bei Jerry Lee Lewis, sondern
feine, sauber ausgedachte Piano-Solos, die eher an Pinetop Perkins erinnern denn an The Killer.
Dann folgt Boogie All Night, ein Song, der
unzweifelhaft dem Blues-Katalog zuzusprechen ist. Der Song eröffnet mit einem
röhrenden Harmonica - Einsatz von Daniel Zimmermann, an dem Little Walter seine helle Freude gehabt
hätte. Ein Stück, das eindeutig belegt, dass Hamp Goes Wild sich im Blues zu behaupten weiss. Neben der
Harmonica ist hier insbesondere Hamps Piano-Solo lobend hervorzuheben. Auch das
folgende Stück My Baby's Boogying ist
eindeutig als Blues zu bezeichnen, allerdings schneller und dadurch
mitreissender als Boogie All Night.
Auch hier brilliert Hamp in seinem Solo: er strahlt Spielfreude und positive
Aggressivität aus.
Barefootin‘ kontrastiert als folgendes Stück die eben
beschriebenen, so als sei es ein Beleg dafür, dass Hamps erste Liebe doch der
Rock'n'Roll war und sein Vorbild Jerry
Lee Lewis. Wie der berühmte Killer aus Mississippi traktiert Hamp hier die
Tasten, aber auch Gesang und Zwischenrufe, Anfeuerungen an das Publikum und die
Band machen das Stück einerseits zu einem mitreissenden und aktuellen
Rock'n'Roll, andererseits wie die Reproduktion eines Vintage-Instruments oder
-autos zu einer fast museal zu nennende Hommage an Jerry Lee Lewis.Als
Pünktchen auf dem i ist dann festzustellen, dass der Song mit einer Länge von 2:30
genau die Länge hat, welche die alten Aufnahmen aus den 50er Jahren jeweils
aufwiesen.
The Train Kept A Rollin‘, das folgende Stück, bietet Hamps
Saxophonisten Duke Seidmann die Chance, in sein Rohr zu blasen. Ein Jump Blues
im Stil von Louis Jordan, der
ebenfalls überzeugt. Mit dem folgenden Stück Rock This House, das mir sonst noch in einer Version von Jimmy Rogers bekannt ist (auf der CD Feelin‘
Good) hebt Hamp erneut ab in die Gefilde des Rock'n'Roll. Hamp ist eine
Idee langsamer als Chicago-Veteran Jimmy
Rogers, aber ebenso mitreissend. Auch hier gibt es ein Gitarrensolo wie bei
Rogers und es scheint ganz, als habe
sich Hamp an Muddy Waters ehemaligem
Gitarristen orientiert. Das ist natürlich nichts Schlechtes, schliesslich soll
man immer von den Besten lernen.
Mit dem
darauf folgenden Stück My Baby's Got A
Cadillac macht Hamp einen überraschenden Ausflug nach New Orleans. Der
Rhythmus wird synkopiert, Schlagzeuger Pädu Ziswiler peitscht das Stück
wunderbar voran und es hat durchwegs viel Drive. Dasselbe gilt auf für den
folgenden Klassiker Early In The Morning,
den Hamp, der Schlagzeuger und Bassist in perfekter Manier umsetzen, so dass Professor Longhair von oben herunter zu
lächeln scheint. Die Rhythmus-Section ist einfach grossartig hier, und die
verschiedenen Rhythmuswechsel werden meisterlich vollzogen. So muss dieser Song
klingen. Dass es eine definitive Version ist unterstreicht die Band dann mit
dem ungewöhnlichen Schluss.
Please Don't Hurt Me ist mit fünf Minuten das längste
Stück der CD, ein Slow Blues mit erneut makelloser Harmonica. Das heisst, der
Song ist vielleicht kein Slow Blues im wirklich langsamen Sinn, aber für Hamp
bedeutet es schon eine deutliche Verlangsamung. Auch hier ist der Drummer
erneut besonders hervorzuheben, der dafür sorgt, dass man ab dem zweiten Takt
mit dem Fuss wippt. Die letzten beiden Songs We're Going Out Tonight und Real
Gone Lover sind nochmal «showcases» für Hamps Qualitäten am Piano. Er trägt
erneut beide Stücke und soliert in seiner mittlerweile bekannt lockeren Art.
Hamp Goes Wild und sein Album Roomin' House Boogie
machen einfach Spass. Die CD ist eine wirklich grossartige Produktion: Die Band
ist perfekt eingespielt und funktioniert wie ein Uhrwerk, Hamp am Klavier ist
ein durchdringender, aber nicht aufdringlicher Pianist, und sein Gesang ist
sehr gut. Er hat wenig Akzent und seine Stimme passt gut zu seiner Musik. Man
merkt zwar immer wieder den Einfluss von Jerry
Lee Lewis durch, aber das macht schliesslich nichts, oder?
Hamp Goes Wild, Roomin' House Boogie , Blue Lake Records 2008
Hans Peter "Hamp" Ruosch, Gesang und Piano
Pädu Ziswiler, Schlagzeug
Marcel Baschung, Bass (ausser Track 5)
Sarah Wegmann, Bass (Track 5)
Carmen Fenk, Gesang (Track 4)
Duke Seidmann, Saxophon (Tracks1,8,14)
Daniel Zimmermann, Harmonica (Tracks 5,12)
Juan Rodriguez, Gitarre (Tracks 5,9,10)
01. Roomin' House Boogie (Jesse Mae Robinson)
02. Rockin The Blues (H.P. Ruosch)
03. You Can't Judge a Book (Willie Dixon)
04. A Rockin' Good Way (B. Benton/C. Otis/L.Déjesus)
05. Boogie All Night (Kim Wilson)
06. My Baby's Boogying (Amos Milburn)
07. Barefootin' (R. Parker)
08. The Train Kept A Rollin' (Tiny Bradshaw)
09. Rock This House (James A. Lane)
10. My Baby's Got a Cadillac (H.P. Ruosch)
11. Early In The Morning (Louis Jordan)
12. Please Don't Hurt Me (H.P. Ruosch)
13. We're Going Out Tonight (Pädu Ziswiler)
14. Real Gone Lover (Smiley Lewis)