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Bloogle Musik Rezensionen CDs

Paul & The Release, Got a Gig? PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Marc Winter, Redaktion Musik   
paulandreleasegotagigcover.jpg

Das Quartett Paul & The Release strahlt Unabhängigkeit aus und das Bestreben, ihren eigenen Weg zu finden und diesen auch zu gehen. Die Band besteht aus Sänger, Gitarrist und Harp Spieler Andrea C. Fürer, Gitarrist Urs Baumann, Bassist  Ede  und Schlagzeuger Paul Fausch und ist keine Gruppe von Anfängern, von jungen Enthusiasten. Der Band geht es weder um Eitelkeiten noch um Individuen, sondern um das Zusammenarbeiten, um das gemeinsame Produkt - die Musik. Ihre Promo CD Got a Gig? ist gleichzeitig Vermarktung der Band und augenzwinkernder Kommentar auf die Gesetze der Musikbranche. Das Cover von Got a Gig? ist aufgemacht wie eine Zeitung. Unter der Titelzeile Blues Independent und dem Datum Mai 2004 folgen in Artikelform die Beschreibungen der einzelnen Titel und Fotos der vier Musiker. Interessant scheint an diesen Bildern, die offenbar Aufnahmen aus der Recording Session darstellen (alle tragen Studiokopfhörer), dass keines der Bandmitglieder in die Kamera sieht. Andrea C. Fürer ist mit geschlossenen Augen versunken in seinem Gesang, Urs Baumann hoch konzentriert auf sein Gitarrenspiel, Bassist Ede (Brügger, wenn man die Nachnamen der Eigenkompositionen kombiniert) kämpft mit den Kabeln an seinem Bass und Paul Fausch ist über eines seiner Becken zu sehen, ein Bild äusserster Konzentration.

Auf der CD Got a Gig? (mit dem Untertitel Paul & The Release Accept Bookings Now) bietet die Band eine Mischung aus Blues- und Rocksongs, letztere allerdings noch mit deutlich zu vernehmenden Wurzeln im Blues. Von den neun Songs sind mindestens zwei Eigenkompositionen: Seattle Burning und Working on our own - at last! Die Covers umfassen eine breite Palette an Songs, von Louis Jordans Caldonia über Buddy Hollys Verneinung vor Bo Diddley Not Fade Away bis zu einem rockigen Remake des Swingklassikers Route 66.

Der erste Titel Down By The Jetty (von Will Birch/Dr. Feelgood, verschiedene Covers werden zitiert, darunter Jimmy Reed) klingt wie eine Hommage an Jimmy Reed: Der Blues in seiner reinsten und pursten Form: Eine leicht angecrunchte Gitarre spielt einen schlichten Shuffle-Rhythmus mit deutlichem Turnaround am Ende der 12 Takte, dazu ein Harmonika- und ein Gitarrensolo und ein Text, wie er klassischer nicht sein könnte: Ein einsamer Mann schildert, wie er zum Fluss runtergeht, um zwischen den brennenden Tankern seinem Leben ein Ende zu bereiten.

Die Eigenkomposition Working On Our Own beginnt wie ein Akustik-Blues, aber ab dem ersten Refrain erinnert der Song plötzlich an einen Song der Rolling Stones, er nimmt zusehends deutliche Rock-Qualitäten an und der chaotische aber doch transparente Sound der Rolling Stones nimmt Überhand. Speziell die Harmonika und der Gesang erinnern frappant an Mick Jagger. Der Song von Brügger und Baumann hat einen schönen Text, in dem die Band ihrer Freude darüber Ausdruck verleiht, zu tun, was sie am liebten tut: Musik machen. Weil der Song so schön selbstreflektiv über die Motivation einer Amateur-Band erzählt (oder auch Semi-Pro, auf jeden Fall die Band als Vergnügen neben der Erwerbsarbeit), sei er hier wiedergegeben: «Once Upon a Time we got together havin' a good time; feeling better. Started to work, rediscovered the Blues. Rock'n'Roll Circus, got a job to do. Played all the covers, we played our own stuff for oldie lovers - they never get enough! Working on our own for you and me, working on our own so easily. We worked together writing some songs like a rock operator, hear these songs! We got ourselves a new recording machine, started to write realizing our dream. Once upon a time we got together finding out own well fighting our thirst. Changed the way we worked - changed for the better: We were after the Stones trying to be the worst.» So einfach sind gute Rock Lyrics: verständlich direkt und doch poetisch. Die Vorbildfunktion der Stones wird sehr deutlich betont.

Als nächstes kommt ein Cover von Caldonia (das auf dieser CD Caledonia heisst), dem Jump-Blues-Klassiker von Louis Jordan. Das Cover klingt gut, aber es wird auch deutlich, wie kompakt das Original ist, speziell wenn Schlagzeuger Paul Fausch die Aufgabe zukommt, den markanten Bläsereinsatz im Refrain nach «what made your big head so hard» zu übernehmen. Die Harmonika übernimmt hier erneut einen sehr wichtigen Part des Song und steuert ein tolles Solo bei.

Seattle Burnin‘ ist die zweite Eigenkomposition von Fürer und Baumann. Der Text weist das Stück als Kommentar auf die Demonstrationen gegen den Globalisierungsgipfel aus. Seattle Burnin‘ versucht den Ärger der «Globalisierungsgegner» in Worte zu fassen, und wieder einmal beweist der Song, wie aktuell und politisch Rockmusik sein kann. Rock deshalb, weil das Lied eher klingt wie etwas von Bruce Springsteen. Als wie ein Blues. Wenn ich meinen Ohren trauen kann, gibt es hier einen verhaltenen aber wirkungsvollen Einsatz des Slides.

Mit dem danach folgenden Cover von Not Fade Away unterstreichen Paul & The Release ihre Verehrung der Stones. Das Cover hat fast schon den Charakter der Aufnahme einer Tribute-Band, so stark orientieren sich die Gitarre, die Harmonika und der Gesang an den Stones. Im «Artikel» des Booklets ist der Song überschrieben mit «We'll always remember you, Bo!», und das Stück ist eine getreue Reproduktion der Versionen von Bo Diddley oder auch Buddy Holly, was etwa den Sound der Gitarre angeht. Die Aufnahme von Paul & The Release hat aber ihren ganz eigenen Zug und Drive und dies ist eine grossartig eingespielte Version von Not Fade Away. Speziell Andrea C. Fürer liefert eine starke Leistung ab, indem er Mick Jaggers Gesang imitiert, aber nicht nachmacht. Und während zu Beginn von Down By The Jetty an Andeutungen eines Akzents zu hören ist, dass Fürer kein muttersprachlicher Sprecher, klingt er hier sehr glaubwürdig «english». Dazu treiben die Rhythmus-Gitarren und das Schlagzeug das Stück unermüdlich voran.

Der folgende Track des CD mit dem Titel One Step Forward ist ein Slow Blues von Dave Bronze mit sehr verhaltener Instrumentierung. Hier hört man erstmals den Bass sehr gut und Edes solide Grundlage der Songs. Mit 4:14 ist das Stück für einen Slow Blues relativ kurz, aber im Konzert lässt sich One Step Forward sicher zu einer Tour de Force ausbauen.

Dann kommt eine neuerlich Hommage an die Rolling Stones in Form des Rolling Stones Blues einer Komposition von Ede Brügger. Dies ist ein musikhistorisches Stück, dass die Geschichte der Stones seit 1963. Als Hommage an die Stones klingt der Blues natürlich wie ein Stück der Britischen Rocker in ihrer Frühphase. Der Text ist eine Apotheose der Band, so dass im Text Passagen sind wie «Mick Jagger was the driving man with him the story all began, Keith Richards played Chuck Berry, and all the kids were happy». Die Gitarre hat im Solo dieses überdrehte, das Roy Buchanan zu den Stones gebracht hätte, wenn er nicht ... aber das ist bekanntlich eine andere Geschichte. Wirklich perfekt sind in diesem Song einmal mehr der sensationelle Fausch und die Harmonika, die, wie oben schon festgestellt, klingt wie jene Jaggers.

Beim nächsten Lied, Fool For Your Stockings singt Fürer mit derselben Intensität weiter. Auch die Geschwindigkeit des Songs ist ähnlich und so fällt diese Nummer gegenüber den anderen etwas ab. Vielleicht hätte man sie nicht direkt nach dem Rolling Stones Blues auf die CD brennen sollen. Den Abschluss der CD bildet dann eine grossartige Version von Route 66. Nach dem Alter der Bandmitglieder und der Verwurzelung im Bluesrock zu schlussfolgern haben sicher der eine oder andere von Paul & The Release die berühmte Landstrasse abgefahren. Und dabei haben sie die entsprechende CD von Nat King Cole und die anderen Swing-Musiker aus dem Fenster geworfen und sehnten sich nach einer fetzigeren Version des Songs. Weil es diese nicht gab, mussten sie sie eben selbst aufnehmen. Das Stück heizt ziemlich ein, so richtig Barrel-House-Style und an einem Punkt ist sogar ein Pianoeinsatz zu vernehmen. Ein tolles Cover.

Paul & The Release liefern eine makellose CD ab, und so fragt man sich wirklich, ob nicht jemand einen Gig für diese Jungs anbieten kann, denn sie klingen so, als ob sie live mit noch mehr Freude spielen würden. Die Band orientiert sich an den Rolling Stones und auf dieser Basis entwickeln sie ihre Version des Blues, der eben kein Texasblues ist, sondern irgendwo zwischen London und Chicago einzuordnen wäre. Bekanntlich kann Musik ein Ventil sein, um Dampf abzulassen, ein Kanal, um seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen oder eben auf Englisch: ein Release. So bleibt zum Schluss nur eine Frage: Wer ist eigentlich dieser Paul?

Paul & The Release Got a Gig? 2004

1. Down by the Jetty
2. Working on Our Own
3. Caldonia
4. Seattle Burning
5. Not Fade Away
6. One Step Forward
7. Rolling Stones Blues
8. Fool For Your Stocking

9. Route 66
Kommentare (5)add comment

Andy Ritter said:

0
Paul & The Release: Got a Gig?
Paul & The Release nahmen die CD „Got a Gig?“ auf, fernab von jedem Kommerz, einfach zum Plausch und als Demo, um sich für Gigs zu empfehlen. Marc hörte die CD und schrieb darüber, fernab von jedem Kommerz. Da hat ein Musikkritiker seine Hausaufgaben sehr genau und mit offensichtlichem Spass gemacht. Entstanden ist eine liebevolle, aber nicht sklavische Hommage an die Band, gibt es doch neben viel Begeisterung auch ein paar kleine Kritikpunkte.

Entstanden ist auch, was sich jeder Musiker wünscht: das Zeugnis eines aufmerksamen, enthusiastischen Zuhörers. Jedes Stück wird genau gehört und dann detailliert und gekonnt beschrieben. Da wird einem ganz bluesig ums Herz, und wer das Glück hat, die Scheibe zu besitzen, legt sie gleich auf. Solche Beschreibungen öffnen die Ohren. Es nimmt einen wunder, wie die „leicht angecrunchte Gitarre“ in „smilies/grin.gifown by the Jetty“ klingt, was es mit den Drums des „sensationellen Fausch“ und dem „verhaltenen, aber wirkungsvollen Einsatz des Slides“ in „Seattle Burning“ auf sich hat. Schliesslich kann man nur nicken: Ja, genau so tönt es.

Dann erfährt man zwischen den Zeilen, dass der Schreiber die Band noch gar nie live gesehen hat. Wenn er wüsste! Ich hatte schon ein paar Mal das Vergnügen, Paul & The Release live mitzuerleben. Sie tönen noch einiges eindrucksvoller, ja druckvoller im direkten Gefecht mit den Instrumenten in einem (inzwischen rauchfreien) Rockschuppen. Ausserdem scheint es sich die Band auf die Fahnen geschrieben zu haben, in jedem Konzert noch etwas besser zu werden als im letzten.

Marc muss endlich die Band live sehen und hören. Gebt ihr doch ein paar Gigs! Zur Frage „Wer ist Paul?“. Ich weiss es, verrate es aber nicht. Christian vermutet, vielleicht sei jeder von Zeit zu Zeit „Paul“ – könnte sein. Sicher ist, dass jeder von Zeit zu Zeit Release (Befreiung) braucht.
Januar 16, 2009

old bergi said:

0
die cd für auf die insel
ich habs sie alle auf die insel mitgenommen, die cd's von paul & the release incl. dem live-mittschnitt mit den sumpfhüenern. Und nicht nur weil es freunde von mir sind und erinnerungen aufkommen. Nein es ist der sound; pub-rock at his best. Sitz ich im o'neils, rose pub oder nuevo und höre den lokalen coverbands zu, die lieblos für die touristen aufspielen wünsch ich mir paul & the release oder nine below zero oder the inmates oder gwynn ashton oder little bob oder steve marrott's packet of three auf der bühne. Ja ich setz the release's auf die gleiche ebene,live wie auf cd's, rough, spielfreudig und erdig und nach jedem dritten song ein cheers everybody!
Januar 12, 2009 | url

Urs said:

0
...
Ciao Marc

Ich erlaube mir, als Gitarrist von Paul & the Release und Herausgeber von www.bluescorner.ch ein kurzes Feedback zu deinem Bericht.

Ich bin etwas erstaunt und erfreut natürlich, dass unsere CD, die wir im Schnellverfahren im Uebungsraum aufgenommen haben, soviel "Stoff" hergibt.

Marc, eine super Zusammenfassung, gratuliere.

Bluesige Grüsse

Urs Baumann

PS: Ich würde mich freuen, wenn meine Webseite in den Links von Bluesnews Platz finden würde.
Dezember 13, 2008 | url

Sergio said:

0
...
Bravo Marc, super Rezension!
"...denn sie klingen so, als ob sie live mit noch mehr Freude spielen würden..."
Stimmt! Die Nähe zum Publikum lässt sie glänzen! Man sollte es unbedingt mindestens einmal erlebt haben!
Dezember 12, 2008

Christiam Zogg said:

0
...
Es ist nicht immer einfach treffende Worte zu finden.
Marc, Du hast sie gefunden.
Paul and The Release ist wirklich ein eigenständiges Urgestein in der Schweizer Musikszene und lassen die Musik für sich sprechen.
Es ist schade, dass nicht mehr Leute der schreibenden Zunft über solche Bands parlieren und so zeigen,dass wir fern ab von Hitparade und Luftblasen eine funktionierende, hochkarätige schweizer Blues/Rock-Szene mit handwerklich begabten Musikern und Musikerinnen haben, die leider nicht immer die ihnen gebührende Anerkennung erhalten.
Deine Frage; Wer ist Paul?
Ist vielleicht jeder von Zeit zu Zeit Paul? Oder anders rum, um über Jahre ein Projekt am Leben zu erhalten, braucht es immer wieder den einen oder andern, der die Fäden, die Motivation und die liebe zur Musik verwaltet und so die Impulse für die Zukunft gibt.

Mit musikalischen Grüssen


Christian
Dezember 11, 2008 | url

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