Bluesgeschichte hautnah
Am 14. Oktober erscheint das neue Album Howlin' With The Bad Boys von
Richard Koechli. Der Gitarrist und
Sänger legt 15 neue eigene Titel vor, und als gelegentlicher Kolumnist auf
diesen Seiten liess Koechli die
Bluesnews-Redaktion schonmal reinhören. Die neue CD zeigt Richard Koechli als einen erfahrenen Bluesman, der sich keine
Sorgen um seinen Stil oder sein Gitarrenspiel zu machen braucht. Diese sind
gegebene sichere Werte, auf die er sich verlassen kann und die er hinreichend
unter Beweis gestellt hat. Deshalb legte er hier vermehrten Wert auf seinen
Gesang und er schreibt brillante Texte, mit denen er auch ein Anliegen
vertritt. Die CD kann zu Recht als Schatzkästchen bezeichnet werden, es ist erneut
eine gelungene Leistung, und er zeigt dabei selbstverständlich die Bandbreite
seines Könnens: Slide-Stücke, akustisch, elektrisch, Instrumentalstücke,
unterschiedliche Stilrichtungen, und dabei doch immer 100% Koechli.
Seine neue CD hat Richard
Koechli den Pionieren des Afro-Amerikanischen Folk Blues gewidmet, und auf
dem Cover zeigt sich Koechli mit
einem Bild im Stil der bekannten Schwarzweiss-Fotos von Blind Lemon Jefferson, Blind Blake oder Charley Patton. Es ist eine Verneigung vor den alten Meistern, mit
denen sich Koechli in seinem
Lehrbuch Masters of Blues Guitar (AMA-Verlag) intensiv beschäftigt hat.
Aber dies sind keine Remakes von alten Titeln, weder als Coverversionen noch
stilistisch. Hier reicht seine Verneigung vor den Meistern tiefer als die
Musik: Richard Koechli zielt auf die
Herzen der alten Bluesmeister ab, mit denen er sich verbunden fühlt.
Die alten Blueser kommentierten mit ihren Texten Missstände
der Zeit und hatten neben dem Unterhaltungsanspruch oftmals auch etwas zu
sagen. Beispiele wären der ‘Lectric Chair Blues von Blind Lemon Jefferson oder Big Bill Broonzys When Do I get to be Called a Man. Koechlis Anlehnung an die alten Meister ist in diesem Sinne zu
verstehen: Auf Howlin' With The Bad Boys öffnet Richard sein Herz und verleiht Einblicke in das, was ihm den Blues
gibt und zugleich, wie er sich daraus auch wieder herausspielt. Er schreibt
tolle Musik für seine Songs, aber auffällig ist: hier schreibt er wirklich gute
und anspruchsvolle Texte. Es ist konsequent und richtig, dass Koechli die Songtexte dazu gibt, diese
Texte will man nachlesen. So gerne wir alle Cover-Versionen mögen, es macht
Spass, ein Bluesalbum zu hören, auf dem nicht die Sweet Home Chicago und Stormy
Monday Blues 10 Minuten einnehmen, sondern wo ein inneres Anliegen zum
Ausdruck kommt.
Aber der Anspruch, Unterhaltung zu bieten, ist ebenso
wichtig für die CD, es ist kein Liedermacher-Konzept-Album mit
heruntergezogenen Mundwinkeln. Die Platte macht riesen Spass, sie enthält eine
grosse Breite an Bluesstilen und verschiedenen Stimmungen. Diese werden stets
in respektvollem Bewusstsein der Tradition und der Pioniere gespielt, aber mit
diesen durchaus auf Augenhöhe. Deshalb ist der Titel Howlin' With The Bad Boys
zurecht gewählt. Es sind Zeit und Raum, die Koechli vom Delta der 1930 bis 50er Jahre trennen, nicht das Herz
für den Blues.
Bei manchen Aufnahmen wird Koechli virtuos unterstützt von Fausto Medici an Schlagzeug und Perkussion, Michael Dolmetsch an verschiedenen Tasten: Klavier, Hammond-Orgel
und Akkordeon und Dani Lauk an
Blues-Harp und Bordun, einer tiefen brummenden Begleitung. Richard Koechli übernimmt alle Gitarrenparts, singt und ... pfeift
sogar bei zwei Songs. Drei Stücke sind reine Gitarren-Instrumentals. Was seinen
Gesang betrifft, so ist dieser oftmals dem Heulen nahe, wie im Album-Titel
angekündigt. Koechlis Stimme klingt
reif und rauchig. Er singt die Gefühle tief aus dem Bauch heraus, seine Stimme
hat Kraft und Autorität wie nie zuvor.
Was die Texte angeht, so sind die meisten Lieder Ausdruck
von Wut oder Unzufriedenheit: zwei Titel (Esclave
En 2010 und CEO Worksong) bringen seine Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Organisation der Welt zum Ausdruck, der letztere beginnt mit scheppernden
Zuchthausketten und klagt die CEOs an, welche in jeder Sekunde mehr als 1
Dollar verdienen. Koechli bezieht
sich auf den Folksong Take This Hammer, in welchem die Sklavenarbeiter 1
Dollar pro Tag verdienen. Won't You Be My
Saviour lässt sich als Antwort auf die zunehmend verzweifelte Sinnsuche der
heutigen Welt verstehen. Manche Titel reflektieren die Musiktradition wie Leave Your Toys At Home, ein Boogie in
bester Hooker-Tradition. Koechli sinniert über den Versuch der
Blueswelt, Hooker zu imitieren und
die Sinnlosigkeit des Unterfangens. Er kommt zum Schluss: «we can't do it like John Lee». Das steht ausser Frage, aber Koechli kommt einerseits dem Original hier sehr nahe (vor allem sein Sprechgesang), benutzt
den Song aber gleichzeitig dazu, einen diskreten Seitenhieb an die
Auto-verrückten Superstars zu platzieren.
Der vierte Titel Howlin' With The Bad Boys ist inhaltlich etwas wie das Gegenstück zum vorhergehenden, denn selbstbewusst sagt Koechli hier, dass er mit den «Bad Boys», den «Bösen» des Blues (um mal eine Übersetzung aus dem Schwingsport zu entleihen) durchaus mitheulen kann. Was an dem Titel überrascht ist die Sprache: Die Strophen sind schweizerdeutsch, nur der Refrain ist englisch. Und auf einer tieferen Ebene versteht Koechli den Song als Reise in den
«Spiegelsaal» des eigenen Unterbewusstseins.
Aus Sicht der Bluesnews-Redaktion war von den Lyrics her
sicherlich Blues-Police Song die
Krönung: der Text spottet - gespickt mit geistreichen Anspielungen - über
besserwisserische selbsternannte «Blues-Polizisten», welche die Reinheit des Blues
verteidigen und immer wissen, was richtiger Blues ist und was nicht. Textprobe: «You can walk the line /
sing in the rain / the story of the Hurricane / but ya better watch out /
They're out to get-cha. You can burn like a Voodoo child / walk on the wild
side / ring Hells bells / But don't mess with the Blues-Police. They know
everything about Black & White / Don't even try to play the real Blues /
you gonna lose that fight». Als Rezensent nimmt man dies als willkommene
Ermahnung.
Es hat auf dieser CD auch Titel wie Easy Road, ein federleichter
Country Blues mit akustischer Dobro als Rhythmus-Gitarre und elektrischer Spur
darübergelegt. Ein zartes kleines Gitarrensolo, gerade richtig und dazu die
Stimme, die weise und erfahren klingt. Am Schluss folgt das Pfeifsolo. Le Bonheur Existe und Le Balai Du Sorcier James sind
natürlich französischsprachig, das erstere wegen des leise gehauchten Gesangs
leider schwer zu verstehen. Ein Porch Song, den man zu sich selbst singt auf
der Veranda hinter dem Haus. Le Bonheur
Existe ist keine Freudenbotschaft für die Welt, sondern eine stille innere
Erkenntnis, die zu diesem Album passt. Der Small
Talk In Blues Heaven ist ein sehr origineller Instrumental-Titel: Wie
klingt es, wenn Son House und Muddy Waters im Himmel zusammen jammen?
Ein hartes Lied ist Bruno,
in dem Koechli in Mundart den Verlust seines Bruders beklagt.
Ein sehr persönlicher und unter die Haut gehender Titel. Verlust und Trauer:
neben Liebe die zweite ewige Quelle des Blues. Die beiden letzten Titel sind
dann versöhnlich, geradezu zärtlich. Zunächst In The Spirit, ein
Instrumentalstück im Stil Tampa Reds.
Ein wunderbares Slide-Solo auf der elektrischen Gitarre, stimmungsvoll und
einfach perfekt gespielt, makellos. A
Little Waltz For You mit gefühlvoller Akkordeon-Unterstützung ist
tatsächlich ein Walzer mit just dem richtigen Schuss Cajun.
Insgesamt ist Howlin' With The Bad Boys eine CD,
die erneut eine Steigerung darstellt, was die zum Ausdruck gelangende Tiefe des
Verständnisses von Richard Koechli angeht.
Er festigt seine Stellung als kompletter Bluesman mit Herz, Stimme und
instrumentaler Musikalität und präsentiert ein vielseitiges Album.
Richard Koechli hat
ein Video veröffentlicht, wo er über die Titel spricht und Aufnahmen der
Recordings zu sehen sind. Hier der Link
http://www.youtube.com/watch?v=mh4DqYKny-A
Richard
Koechli Howlin' With The Bad Boys (2011)
Richard Koechli guitars, vocals
Fausto Medici drums, percussion
Michael Dolmetsch piano, hammond, accordion
Dani Lauk Blues-Harp, bordun
1 Easy
Road 04:07
2 Le
Bonheur Existe 04:14
3 Leave
Your Toys At Home 04:23
4 Howlin'
With The Bad Boys 03:24
5 Kokomo
Dans Mes Rêves 03:20
6 Le
Balai Du Sorcier James 04:50
7 Frank
Meets Charley 01:19
8 CEO
Worksong 06:44
9 Won't
You Be My Savior 04:41
10 Esclave
En 2010 02:40
11 Small
Talk In Blues Heaven 03:55
12 Blues-Police
Song 02:56
13 Bruno
05:43
14 In
The Spirit 06:51
15 A
Little Waltz For You 04:18
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