Obwohl Wynton Marsalis mit 46 Jahren noch sicher kein alter
Mann ist, so ist er doch ein «elder statesman» der Musik. Willie Nelson ist mit
75 Jahren Lebenserfahrung sicher ein solcher. Die beiden haben sich nun
zusammengeschlossen und gemeinsam eine CD gemacht: Two Men With The Blues.
Da fragt man sich schon: Ein Jazzmusiker wie Marsalis, ein Country-Veteran wie
Nelson, und zusammen spielen sie Blues? Ja, das tun sie. Nelson ist ein
Chamäleon, er hat ja mit Countryman auch ein Reggae-Album
eingespielt und seine musikalische Versabilität bewiesen, und so singt er hier
überzeugend den Blues.
Und Marsalis? Der steuert hauptsächlich die Musik zu dieser
Kooperation bei. Wynton Marsalis spielt mit wohl von ihm selbst ausgebildeten Musikern
vom Jazz at Lincoln Center in New
York. Als Artistic Director dieses Centers hat Marslais auch die Räumlichkeiten
für die Aufnahme am 12. und 13. Januar 2007 organisiert und sein Bruder Delfeayo Marsalis arbeitete mit beim Abmischen
des Albums. Lediglich der Session-Musiker Mickey Raphael spielte zuvor schon vielfach mit Nelson.
Die Besetzung sieht also wie folgt aus: Willie Nelson voc,
g; Wynton Marsalis voc, trump; Walter Blanding sax; Mickey Raphael harm; Dan
Nimmer p; Carlos Henriquez b; Ali Jackson dr. Die CD besteht weitgehend aus
Coverversionen unterschiedlich bekannter Songs. Lediglich zwei Stücke, Night Life und Rainy Day Blues, sind Nelsons Eigenkompositionen. Dieser Rainy Day Blues ist ein anderes Stück
als das gleichnamige von Big Joe Turner.
Ansonsten spielen die beiden mit tatkräftiger Hilfe der Band und einem
enthusiastischen Publikum im Lincoln Center Basin
Street Blues (auch zu hören von Duke
Ellington und Johnny Hodges auf Back
to Backund von Louis Armstrong.
Das bekannte Ain't Nobody's Business kennt
man auch von Billie Holiday, B.B. King spielt es in Live
at the Apollo. Eine bekannte Version stammt von Bessie Smith. Country-Pionier Hank
Williams schrieb My Bucket's Got a
Hole in It. Stardust ist der
Jazz-standard von Hoagy Carmichael
(1899-1981) mit dem Text von Mitchell
Parish (1900-1993), der auch die Texte zu Sweet Lorraine und Sophisticated
Lady geschrieben hat. Ebenfalls aus der Feder Carmichaels (mit dem Text von Stuart
Gorell) stammt Georgia On My Mind,
was von sehr vielen Musikern interpretiert wurde. Am bekanntesten dürfte sicherlich
die Version von Ray Charles sein,
aber auch Nelson hat sich früher schon an diesen Song gewagt, der im Übrigen inzwischen
die Staatshymne (State Song) von Georgia ist.
Das Album, das die beiden hier einspielen, zeigt sie in
bester Stimmung, die Band läuft wie eine fein geölte Maschine, es swingt und
Wynton Marsalis setzt seine Trompete sparsam aber effektiv ein. Namentlich
Pianist Dan Nimmer ist wunderbar, aber das soll die Leistungen der anderen
keineswegs schmälern. Die Soli von Marsalis oder zwischenzeitlich eingeworfene
Fill-Ins sind prächtige Zeugnisse seiner überschäumenden Musikalität, und er
treibt den Rest der Band an. Willie Nelson singt hauptsächlich, seine
Gitarrensoli sind zu hören und ganz nett (That's
All beispielsweise), aber sie bilden sicher nicht die Glanzlichter der CD,
dazu hat Nelsons alte Klampfe doch zuwenig Punch gegenüber Marsalis, Raphael
oder Nimmer.
Ist das eine Blues-CD? Sicher nicht im herkömmlichen Sinn,
es ist ein urbaner Blues, der hier zelebriert wird, eine Variante des Blues,
die schwer vom Jazz zu unterscheiden ist, aber gleichwohl sind dies Bluestitel
und die Interpretation des Materials ist Blues. Selbst so unstrittige
Country-Titel wie My Bucket's Got a Hole
in It sind hier jazzig interpretiert. Auch der wirklich arg strapazierte
Titel Georgia on My Mind erfährt hier
eine frische Lesung, er klingt so, dass man sich denkt «ja, wieso interpretiert
man den Titel eigentlich nicht mal so?» Die Titel werden häufig so gespielt,
dass es definitive Versionen wurden. Die Band strahlt eine
Selbstverständlichkeit aus, eine Eingespieltheit, dass Nelsons Gesang Platz eingeräumt werden kann, der den Songs in
gewohnter Weise seinen persönlichen Stempel aufdrückt.
Als einzigen Kritikpunkt könnte man sagen, dass Nelson in
der Vergangenheit nicht häufig mit diesen Musikern zusammenspielt hat, und so
bleibt sein Einfluss gering. Entsprechend klingen bei oberflächlichem Zuhören
manche dieser Titel ähnlich. Das ist nicht wirklich schlimm, weil es toll
klingt, so wie es klingt, es ist nur zu bemerken, dass Marsalis und seine Crew
die Interpretation der Stücke dominieren.
Two Men With the Blues, 2007
1. Bright
Lights, Big Cit
2. Night
Life
3. Caledonia
4. Stardust
5. Basin
Street Blues
6. Georgia
on My Mind
7. Rainy
Day Blues
8. My
Bucket's Got a Hole In It 9. Ain't Nobody's Business
10. That's All