Als der Blues noch gefährlich war - Filmkritik Cadillac Records (2008)
Geschrieben von Marc Winter, Redaktion Musik
Nachdem der
Film Cadillac
Records bereits angekündigt wurde (In diesem Artikel ), folgt nun hier eine Kritik des Films selbst. Dies ist ein Film über die
Geschichte des Plattenlabels Chess mit dem dazugehörigen Studio in Chicago.
Chess hatte in den 50er und 60er Jahren eine äusserst ansehnliche Reihe von
Hits und die populärsten Schwarzen Musiker der USA standen bei Chess unter
Vertrag. Im Film werden neben dem Inhaber des Labels Leonard Chess die folgenden Musiker verkörpert: Chuck Berry, Little Walter, Etta James, the
Howlin Wolf, Willie Dixon und natürlich Muddy Waters.Der Film
dauert knapp zwei Stunden (109 Minuten) und er ist mit reichlich Star-Power
bestückt: Oscar-Gewinner Adrian Brody,
Jeffrey Wright, Hip-Hop-Musiker Mos' Def und Beyoncé, die schon in Austin Powers: Goldmember eine
grössere Rolle hatte und hier erneut die Schauspielerei versucht.
Dank dem
globalisierten Filmmarkt ist es bei gewissen Produktionen möglich, DVDs in den
USA zu bestellen, bevor die Filme hier in die Kinos kommen. Bluesnews.ch hat
sich den Film Cadillac Records angesehen und kann an dieser Stelle eine
Filmkritik liefern, noch ehe der Film Ende April in den hiesigen Kinos anläuft.
Der Film
ist äusserst ansehnlich und unterhaltsam, und für Blues-Fans sicher DAS
Kino-Ereignis des Jahres 2009, und wir können ihn guten Gewissens empfehlen. Der
Streifen bietet eine Menge an Musik, alles keine historischen Aufnahmen,
sondern den tatsächlichen Gesang der Schauspieler. Jeffrey Wright, dem die Verkörperung von Muddy Waters teilweise sehr gut gelingt, singt überraschend gut.
Der Mann war einem breiteren Publikum bisher vor allem als die jüngste
Inkarnation von Felix Leiter bekannt, dem CIA-Kontaktmann von James Bond. Er
zeigt hier eindrücklich, dass er als Schauspieler eine Hauptrolle tragen kann,
und seine stimmliche Kraft ist bemerkenswert. Seine Verkörperung von Muddy Waters konzentriert sich nach
anfänglichen Szenen im Süden und seiner Ankunft in der Stadt auf seine Rolle
als «Vater» des Chicago-Blues. Natürlich war Muddy der Pionier der Szene und wurde zum wichtigsten Bandleader,
der jungen Musikern aus dem Süden einen Start ermöglichte.
In diesem
Film aber fällt seine Rolle manchmal etwas gar besorgt aus. Er nimmt Little Walter (Columbus Short) bei sich auf und verschafft ihm einen Hit. Bei der
epochemachenden Aufnahme von Little
Walter für seinen Nr. 1-Hit Juke
begleitet Muddy mit seiner Band den
jungen Walter Jacobs. Muddy ist es auch, der ihm gegen die
Nervosität zum Trinken rät und ihn so zum Alkohol bringt, der Little Walter zerstören würde. Nicht
nur hier wird klar, wieso MuddyWaters ein schlechtes Gewissen hat, als
Little Walter später im Film stirbt.
Ein Höhepunkt ist die Szene, als Muddy seinen
Schützling beim Flirten mit seiner Frau Geneva
erwischt. Und die vielleicht eindrücklichste Szene des gesamten Film ist
schliesslich der Moment, in dem Muddy
Waters nach Walters Tod die
Leiche seines Freundes zur Beerdigung herrichtet, während Elvis Presley im Fernsehen seine Version des Walter-Klassikers My Baby zum Besten gibt.
Jeffrey Wright
kopiert MuddyWaters' Südstaaten-Drawl nahezu perfekt. Die Art zu sprechen klingt
sehr authentisch, aber Wright hat
letztlich nicht die Statur, die vielfach bezeugte Güte und Wärme von MuddyWaters auszustrahlen, und so bleibt das
Besorgte überdeutlich. Vielleicht hat dies auch mit den Umständen der Zeit zu
tun. Muddy Waters stand in den 50er
Jahren noch unter grösserem Druck als zum Ende seines Lebens, als er sich
seines Status als lebende Legende durchaus bewusst war. In seiner Musik wird
allerdings überdeutlich, welche explosive Kraft der Blues in den 50er Jahren
hatte. Als Waters das erste Mal als
Strassenmusikant einen Verstärker an seine Gitarre schliesst, wird mit dem
ersten Kreischen seinesSlide klar, dass musikalisch eine neue Ära angefangen hat.
Eine zentrale Stellung im Film nimmt die Beziehung zwischen MuddyWaters und
seinem «Boss» Leonard Chess ein. Chess, der im wirklichen Leben eine
unangenehme Person gewesen sein soll (zumindest nach den Schilderungen von Willie Dixon und Buddy Guy), wird von Adrian
Brody als Menschenfreund dargestellt. Vielleicht ein klein wenig
verschlagen, aber letztlich ein guter Mensch, ein Mann, der den «American Way
of Life» als die Verfolgung seiner Ziele interpretiert und dafür neue Wege geht.
Während in der historischen Wirklichkeit Leonard
Chess stets zusammen mit seinem jüngeren Bruder Phil Chess das Unternehmen leitete, ist er im Film eine
Einzelfigur. Sein Bruder kommt schlicht nicht vor. Für Leonard sind seine Musiker die Familie, und denen schenkt er
jeweils einen Cadillac, wenn sie ihren ersten Hit haben. Deswegen übrigens der
Titel des Films. Was das Verhältnis zwischen den beiden Männern angeht, so
versucht der Film schön zu zeigen, dass beide im wahrsten Sinne des Wortes
nicht aus ihrer Haut können. Obwohl Waters
Vertrauen hat zu Chess, bleibt
eine kritische Distanz und ein grundsätzliches Misstrauen.
Neben MuddyWaters spielen die oben genannten Musiker eine mehr oder weniger
wichtige Rolle. Cedric the Entertainer
als Willie Dixon hat nicht mehr als
fünf Minuten im Film, entsprechend limitiert bleibt sein Beitrag. Mos Def ist als Chuck Berry umwerfend gut, was wohl auch mit dem hohen
ikonographischen Wiedererkennungswert von Berry
zu tun hat - es gibt schliesslich nur einen «Duck Walk». Aber Mos Def hat die Bandbreite vom
grinsenden Showman bis zum schwer beleidigten Schwarzen, der auf dem Höhepunkt
seiner Karriere für eine Lappalie ins Gefängnis muss. Eine grössere Rolle hat Beyoncé, die als bezaubernde und
begehrenswerte Etta James das Label
aufmischt. Da staunen auch die erfahrenen Kämpfen, als das «Baby Girl» richtig
loslegt. Beyoncé gibt sich viel Mühe
und kriegt eine tolle Version von At Last
und I'd Rather be Blindhin. Ihre Stimme ist letztlich
einfach deutlich mehr im Soul als im Blues verwurzelt, aber mit den
Chess-Studioaufnahmen von Etta James
kann sie sich durchaus messen.
Den
tiefsten Eindruck hinterlässt Eamonn
Walker, der Chester Burnett
verkörpert, das Naturereignis the
Howlin' Wolf. Dieser wird hier porträtiert als ein Landei, als ein schräger
Vogel, aber als ein Mensch, der grössten Wert auf Anstand und Respekt legt. In
der Verkörperung durch Walker wird
seine bedrohliche Seite deutlich, seine nur mühsam gezügelte Kraft, die Wut aus
tausend Zurückweisungen und einem Leben unter diesen unerträglichen rassistischen Bedingungen. The Howlin'
Wolf hat beschlossen, sein eigener Herr zu sein, seine eigene Band zu haben
und sein Ding durchzuziehen, und es gibt mehrere Szenen, bei denen es einem
kalt den Rücken runter läuft, etwa wenn Wolf
sein entlaufenes Schäfchen zurückholt: Gitarrist Hubert Sumlin nimmt ein Engagement in der Band von Muddy Waters an, aber beim Auftritt
erscheint the Howlin' Wolf. Sumlin beginnt vor Angst zu schlottern
und beendet seine «Karriere» in der Muddy
Waters Blues Band.
Insgesamt ist der Film sehenswert, denn er ist kurzweilig
und hat mindestens einen spitzenmässigen Soundtrack. Es ist kein Studiofilm mit
einer Sozialstudie, sondern ein massentauglicher Hollywoodfilm mit nicht allzu
viel Tiefgang, was für Blueshistoriker vielleicht schwierig sein kann, aber er
ist unterhaltsam. Nachdem wir ihn auf DVD gesehen haben, freuen wir uns in der
Redaktion nun sehr auf die Kinoversion. Seht Euch den Film an, Ihr werdet nicht
enttäuscht sein.
Kurioserweise ist dies nicht der einzige Film, der 2008 über
dieses Thema gedreht wurde. Es gibt eine weitere Produktion mit dem Titel Who
Do You Love. Dieser Film wird nach
Angaben von IMDB.com erst 2010 in die Kinos kommen. In diesem Film soll Bo Diddley eine wichtige Rolle spielen.
Wir lassen uns überraschen.