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Bloogle Musik Rezensionen Konzerte

John Mayall - Der alte Zauberer PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Marc Winter, Redaktion Musik   

JohnMayall3.pngZu Zeiten König Arthurs lief Merlin, der alte Zauberer, vielleicht mit spitzem Hut und einem nachtblauen Kleid mit Sternen und Monden drauf in Camelot umher, wie es uns die romantische Wahrnehmung . des 19. Jahrhunderts glaubhaft machen will. Am vergangenen Dienstagabend, dem 19. Mai war im Jazzhaus in Freiburg im Breisgau ein moderner Zauberer auf der Bühne zu bewundern, der jetzt auch in die Schweiz kommt: John Mayall. Anders als der englische Magier aus den Tagen König Arthurs war dieser hier in ein weisses Hemd gekleidet, das nach kürzester Zeit nass geschwitzt war, weil es ein «heisses» Konzert war, das John Mayall mit seiner neuen Formation The New Band während knapp zwei Stunden gab.

Wie der alte Merlin hatte John Mayall einen weissen Bart (wenn auch nur ein Kinnbärtchen ) und weisse wallende Haare. Offensichtlich war er mit seiner Erfahrung der Weise auf der Bühne, sozusagen der Weise des Blues. Doch es gibt weitere Parallelen: Ist der Zauberer mit dem Spitzhut gewandt in allen Künsten, so hält Mayall dem seine multiinstrumentalen Fähigkeiten entgegen: Keyboards, Harmonika, Gitarre (6 und 12-saitig) und sein spezieller aber toller Gesang. Schliesslich noch die wichtigste Eigenschaft des Zauberers: Wenn sich schon der Zauberlehrling in Goethes Gedicht oder Walt Disneys Verfilmung einen Besen zu Hilfe nimmt, um sich Wasserträger zu erschaffen, so kann ein gestandener Zauberer wie Merlin auch aus alltäglichen Dingen Helfer für das tägliche Geschäft herbeizaubern. Beim Bluespionier aus Macclesfield in der Grafschaft Cheshire sind dies das Personal seiner Begleitband, die er von sicherlich guten Musikern zu einer Einheit verschmelzen kann, in der jeder sein Bestes gibt, aber zugleich alles für das Kollektiv macht.

Deshalb spielt es auch keine Rolle, ob Mayall mit seiner angestammten Band The Blues Breakers auftritt oder eben mit dieser aktuellen Formation The New Band, bestehend aus einem britischen Pianisten (Tom Canning) und Bassisten (Greg Rzab), einem Schlagzeuger aus Chicago (Jay Davenport) und einem Gitarristen aus Texas (Rocky Athas), komplett mit silberbeschlagenem Strap and der Strat. Leider waren die Namen der Bandmitglieder nicht zu verstehen. Aber das ist vielleicht nicht ganz so wichtig, weil der Zauberer aus ihnen besagtes Kollektiv formt, das Mayalls eigene Version des Powerblues spielt (Webmaster: Dank Google wissen wir die Namen nun doch). Der mittlerweile 75-jährige Brite hat schon eine beachtliche Kollektion an Musikern in seiner Band gehabt: Eric Clapton, Peter Green oder Walter Trout, um nur mal drei Gitarristen zu nennen.

Doch an diesem Konzert tritt zunächst nur der Chef auf. John Mayall strahlt Spielfreude aus, indem er nicht zuerst die Band vorschickt, um dann seinen Auftritt zu feiern, sondern alleine auf die Bühne kommt, und nach einer kurzen Bemerkung zum Publikum mit dem Solostück Another Man Done Gone eröffnet. Er spielt Harmonika und singt den ergreifenden Blues von Sonny Boy Williamson II, der dieser dem Briten in den 50er Jahren beigebracht habe (Mayalls Autobiographie wäre sicher auch mal spannend zu lesen, wenn er sie denn schreiben würde). Bereits würde man hier vielleicht die erste Gänsehaut kriegen, wenn es nicht so unerträglich heiss wäre.

Das Jazzhaus ist ein schöner Keller, aber an diesem Dienstag war es wie eine Sauna. Schon vor Beginn des Konzerts war es über 30 Grad heiss, und bis zum Schluss des Konzerts konnte man sich gut einreden, man wäre in Thailand. Deshalb war auch Mayalls erste Bemerkung guter britischer Humor: «Are you warm enough? Because we can turn the heat up».

Nachdem die Band auf die Bühne kommt, geht es weiter mit Albert Kings Pretty Woman, bei dem Mayall, Gitarrist und Pianist je ein Solo spielen, und Mayall seine Band antreibt und zu Höchstleistungen anspornt. Mayall und die Band machen das Stück sofort zu ihrem eigenen, ohne der Originalversion untreu zu werden, eine phantastische Eröffnung. Als nächstes geht es darum, dem Publikum zu zeigen, dass man nicht mehr Eric Clapton im Line-up hat, aber einen Gitarristen, der durchaus auf Augenhöhe mit diesem spielt. Und wie stellt man das an? Man lässt ihn Hideaway spielten, Freddie Kings Instrumental-«Showpiece», bei dem man  zeigen kann, was man drauf hat, und das zugleich eine Bibliothek der Bluesbegleitungen darstellt. Dieses Stück spielt der Gitarrist mit einer perfekten Hingabe, rotzig und texanisch, mit zwischen die Melodie gewobenen Suffle-Licks. Auch hier gibt es wieder Soli von Mayall und so wird Hideaway vom reinen Gitarrenstück zum für die ganze Band attraktiven Song.

Es geht weiter mit Mayalls eigenen Kompositionen, die er aus seinem beachtlichen Katalog hervorkramt. Die alten bekannten Songs wie Dream about the Blues werden jeweils fein säuberlich angesagt mit der LP, auf der sie erstmals erschienen sind (vornehmlich aus den 60er Jahren). Allerdings tut John Mayall dies sicher nicht, um anzugeben, sondern einfach der dokumentarischen Vollständigkeit halber. Es folgt eine Reihe neuerer Stücke, darunter vor allem ein schöner Blues über seine Zeit unter dem Einfluss von Alkohol (die allerdings 25 Jahre zurückliege, wie Mayall versichert), dessen Titel ich aufschreiben wollte, aber die Luftfeuchtigkeit und die Hitze liessen das Papier den Dienst verweigern. An diesem Abend ist dies das einzige Stück, bei dem sich Mayall eine weitere seiner oft bizarren Gitarren umhängt: eine zwölfsaitige E-Gitarre, die fast klingt wie eine Sitar. Es geht weiter mit seinen Songs, vielleicht spielte er als Zugabe nochmal ein Cover, aber die Bluesnews-Redaktion floh auf der Suche nach frischer Luft und etwas Abkühlung vor dem Zugabenteil.

Jedes Stück hat punch, der Meister treibt seine Musiker an, und der Erfolg ist eine satt gewobene Einheit aus britischem Blues, attraktiv und abwechslungsreich, aber stets deutlich als John Mayall zu erkennen. Seine Stimme ist relativ hoch, aber enorm klagend und deshalb perfekt für diese Musik geeignet. Musikalisch sticht der Schlagzeuger heraus, Mayalls Erfüller, der als grosser Bär hinter seiner Schiessbude sitzt und die Band antreibt. Die Soli Mayalls sind nicht zumeist berauschend, aber sie dienen den Stücken und erschaffen eine neue Stimme. Wenn er Harmonika spielt, so bläst er nur die Töne, aber moduliert nicht mit den Handflächen. Seine Möglichkeiten sind daher eingeschränkt. Trotzdem ist sein Harmonikaspiel gut und angepasst.

Trotzdem ist dies ein phantastisches Konzert und Mayall schlägt das Publikum in seinen Bann, er ist durch und durch Blues und er strahlt dies mit einer grossen Selbstverständlichkeit aus. Er ist sich seiner Zaubertricks sicher. Diese sind einfach aber effektiv: Soloduelle mit seinen Musikern, ein freundliches Lächeln und eine freundliche Geste, und den hohen Anspruch, einfach guten und fetzigen Blues zu spielen.

John Mayall hat tief verinnerlicht, dass gute Musik zu machen eine Gruppenarbeit ist, und entsprechend spielt er, er ist keiner der sich in den Vordergrund spielt, er ist ein Bandleader mit Betonung auf Band, und er besitzt eine natürlich Autorität, die auch seine anspruchsvolleren Texte glaubwürdig über Bühne blickt. John Mayall & The New Band sind eine Erlebnis, und wer die Möglichkeit hat, ins Salzhaus nach Winterthur zu fahren, kann den Zauberer mit eigenen Augen sehen. Und wer weiss, vielleicht ist es dort nicht so unerträglich heiss wie im Jazzhaus in Freiburg, was den Genuss definitiv erhöhen würde.

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