Am zweiten
zweiten Abend des Bluesfestivals Basel ist das Festival ins Volkshaus am
Claraplatz umgezogen. Das Programm an diesem zweiten Abend war gestern Dienstag
der Auftritt zweiter Blues-Schwergewichte: John
Hammond Jr. und der wohl bekannteste Schweizer Bluesman, Philipp Fankhauser. Während Hammond
als Solist auftrat und vom Publikum mit warmem Applaus und freundlicher
Aufmerksamkeit begrüsst wurde, versetzte der Blueser aus Thun mit seiner
siebenköpfigen Band die Zuschauer in Ekstase. Der Abend begann pünktlich um 20:00 Uhr und
als um halb zwölf das Saallicht wieder anging, hatten alle im Saal für ihre Fr.
65.- Eintrittsgeld einen grosszügigen Gegenwert an Blues erhalten. Beide
Auftritte hatten ihren ganz speziellen Charakter, und die Kombination aus dem
akustischem Delta-Blues von Hammond und
dem modernen, funkigen Blues/Rock/Balladen von Fankhauser und Band kann man nur als sehr gelungenes Lineup
bezeichnen.
John P. Hammond
John Hammond wurde als
John Hammond Jr. angekündigt, denn er ist der Sohn des Produzenten und
Impresarios John Hammond, dem die
«Entdeckung » einer Reihe von Künstlern aus Blues und Jazz zugeschrieben wurde,
darunter Benny Goodman, Billie Holiday, Count Basie, Big Joe Turner,
Pete Seeger, Aretha Franklin, Bob Dylan,
Bruce Springsteen, und, last but auf
keinen Fall least, Stevie Ray Vaughan.
John Hammond, der gestern die ersten 75 Minuten des Abends
bestritt, ist der Sohn des berühmten, aber nicht musikalisch aktiven Vaters,
und er macht selbst seit 47 Jahren professionell Musik (Seit seinem Debüt 1962
hat der Mann 29 Alben eingespielt). Er hat den Soundtrack für den Film Little
Big Man geschrieben und hatte 1960 für wenige Tage Eric Clapton und Jimi
Hendrix in seiner Band. Er spielte mit allen Grössen des Blues auf der
Bühne und zählt Tom Waits zu seinen
Freunden. Doch Geschichte zählte gestern Abend nichts, als Hammond dem Basler Publikum in dem leider akustisch nicht sehr
idealen Saal des Volkshaus seinen Blues vorspielen musste. Und Hammond nahm den Abend und das Publikum
ernst, und er gab sich - ganz dem Namen des Gebäudes entsprechend - volksnah
und aufgeschlossen.
So stand er
bereits bei der etwas peinlichen Ankündigung (dazu später mehr) durch Bianca Sawas-Meesters von Telebasel auf
der Bühne: wach, präsent und bereit den Saal zu erobern. John Hammond stand von Anfang bis zum Schluss unter einer positiven
Spannung, bereit, zu reagieren, hoch konzentriert. Er bedankte sich beim
Veranstalter und meinte dies allem Anschein nach ehrlich. Dann legte er los mit
seinem Konzert. John Hammond singt,
spielt Harmonika und akustische Gitarre. Davon hatte er zwei dabei: eine
Dreadnought aus Holz und eine Dobro-Resonator-Gitarre, auf der er Slide
spielte.
John Hammond orientiert sich in seiner Musik offensichtlich
an den Vorbildern aus dem Delta, allen voran an Robert Johnson, seine Fill-ins, sein Gesang, seine Turnovers: jedes
Element seines Spiels lässt den offensichtlichen Einfluss von Robert Johnson erkennen, wenn er auch
wenige Songs von Johnson spielte (Hammond produzierte 1992 die
Dokumentation The Search for Robert Johnson). Gleich bei seinem ersten Song You're so Fine riss Hammond eine Saite. Dies scheint öfters vorzukommen, denn neben
seinen Wechselharmonikas hat Hammond
auch einen Satz Saiten liegen, die er dann in Echtzeit auf der Bühne wechselte.
Das Publikum verfiel nicht in den «Slowhand-clap», mit dem bei Eric Claptons frühen Auftritten diese
erzwungenen Unterbrechungen überbrückt wurden, sondern sah fasziniert zu, wie
schnell man eine Saite austauschen kann. Es dauerte nicht einmal eine Minute.
John Hammond scheint Übung darin zu haben, Saiten zu
wechseln, was nicht nur mit seiner langen Bühnenkarriere zu tun hat oder mit
der Tatsache, dass er offenbar ohne Roadie reist. Als Hauptgrund für den
Saitenriss ist Hammonds brachialer
Ansatz des Gitarrenspiels zu betrachten. Was John Hammond von anderen Gitarristen seiner Generation wie Peter Green oder Eric Clapton unterscheidet ist, dass er kein filigraner Techniker
ist. John Hammond behandelt die
Gitarre wie ein perkussives Rhythmusinstrument. Er spielt mit Daumenpick und
den vier Fingern für den Gegenschlag, und rotzt damit über die Saiten. Dabei
reisst nicht nur hin und wieder eine Saite (in Basel war es die G-Saite),
sondern John Hammond klingt
authentisch wie die Aufnahmen der 1930er Jahre. Er klingt wie Tampa Red, Fred McDowell, Blind Willie
McTell oder eben Robert Johnson.
Die Melodie in seiner Musik kommt aus dem Gesang oder der Harmonika, die er in
Ermangelung eines zweiten Armpaares auf ein «Rack» geklemmt spielt. Die Gitarre
ist bei ihm ein Rhythmusinstrument. Sein Spiel ist vielleicht vergleichbar mit
demjenigen von Furry Lewis: keine Virtuosität,
keine Feinheiten, aber mächtig Dampf.
Dadurch
klingt John Hammond einerseits enorm
authentisch, aber zugleich auch etwas museal. Der Country-Blues wird heute
zumeist nicht mehr so gespielt wie noch in den 1920er und 30er Jahren. Die
Technik hat sich verfeinert und das Publikum stellt andere Ansprüche an
Virtuosität. Dass sich John Hammond
hiervon nicht beeindrucken lässt, spricht für ihn und macht ihn zu einem Unikum
in der Blueswelt.
So spielte
er also gestern ein Konzert dieses eher puristischen Blues‘, und seine 15 Songs
plus eine Zugabe waren ein Potpourri an Klassikern (You're so Fine, Worried Life Blues, Fattening Frogs for Snakes, It
Hurts Me Too, Can't Be Satisfied) und selbst Geschriebenem. Aber auch Hammonds eigene Stücke klangen wie
Klassiker. Er spielte ein Stück mit dem Titel I Got Me Religion, das aber mehr wie Can't Be Satisfied klang, und als viertes sang er einen Titel, der
eine offensichtliche Kopie von Dust My
Broom war, aber einen anderen Text bot. Auch in dieser Hinsicht orientiert
er sich an den Bluesern der Vergangenheit: Ein Plagiat ist kein Plagiat, wenn
man den Refrain ändert.
Viel Kopie,
viele Plagiatsgedanken, aber genau dies macht paradoxerweise John Hammond einzigartig. Ihn live zu
erleben, ist ein toller Moment, weil Hammond
das echte, wahre Gesicht des frühen Blues ist. Das Konzert war für manche der
Zuschauer vielleicht etwas puristisch, aber insgesamt ein unvergessliches und
sehr authentisches Erlebnis und eine Reise in die Geschichte des Blues.
Philipp Fankhauser
Philipp Fankhauser war lange der verlorene Sohn des Schweizer
Blues. Seine Anfänge mit der Checkerboard
Blues Band von 1987 bis 1994 waren erfolgreich, aber dann ging er in die
USA und versucht dort sein Glück zu machen. Seit Anfang des neuen Jahrhunderts
ist der Thuner nun wieder in der Schweiz und fasst zusehends besser Fuss als
der angehende Grandseigneur des Schweizer Blues. Gestern Abend wurde er im
Volkshaus willkommen geheissen und er lieferte ein grossartiges Konzert ab.
Sein Ruhm
als Musiker geht nicht nur auf Fankhausers
fleissige Aufnahmetätigkeit zurück, sondern er baut in erster Linie auf der
Qualität seiner Musik und seiner Stimme auf. Philipp Fankhauser singt mit der Überzeugung und Autorität eines erfahrenen
Bluesman. Seine rauchige Stimme ist perfekt geeignet, er hat keinen störenden
Akzent. Begleitet von einer wunderbaren Band (Hendrix Ackle, Orgel, Piano; Marco
Jencarelli, g; Tosho Yakkatokuo,
dr; Angus Thomas, b; Stephan Geiser, Trompete; Dave Feusi & Till Grünewald, sax) spielte Fankhauser
anderthalb Stunden fast Nonstop fetzige Musik. Zwischen den Songs gab es keine
Ansagen, ein Stück ging nahtlos ins nächste über und mit 15 Songs und vier
Zugaben kam das Publikum auf seine Rechnung.
Fankhauser hatte die Songs so arrangiert, dass jeder der
Musiker (ausser der Horn-Section) ein Solo spielen konnte. Die Band spielte
nicht nur Blues, sondern gab auch Rock-Nummern und Balladen zum Besten. Er
spielte West-Coast-Blues und manchmal klang Robert Cray an. Wenn der Blues, wie Muddy Waters sagte, ein Baby hatte, das man Rock'n'Roll nannte,
dann hat Fankhauser die ganze
Verwandtschaft auf die Bühne gebracht, auch den Onkel aus der Karibik.
Bluespuristen mögen dies ablehnen, aber erstens kamen die beim ersten Set mit John Hammond auf ihre Rechnung und
zweitens begeisterte Fankhauser so
sehr, dass es schwer war, sich seiner Faszination zu entziehen, auch wenn es
nicht immer 12 Takte zum Glück waren.
Insgesamt
spielte er sein sehr funky anmutendes Set, und dabei behielt er in der Art
eines souveränen Bandleaders die Kontrolle, war klar der Star, und er kam
entspannt und unprätentiös rüber. Sein Gitarrenspiel ist effektiv und tief
bluesig, seine Musik ein stimmiges Ganzes, auf das das Publikum zu Recht
begeistert reagierte. Während mehrerer Songs klatschte das Publikum mit und als
eine butterweiche Ballade erklang blieben im Publikum nur deshalb die
Feuerzeuge aus, weil es ja kaum mehr Raucher gibt.
Bei der
letzten Zugabe brachte «Funky Fankhauser» sogar noch die in Basel wohnhafte
Sängerin Othella Dallas auf die
Bühne und alberte mit ihr rum. Insgesamt war es offensichtlich: Philipp Fankhauser gehört auf eine
Bühne, und er hat jede Menge Spass, dort zu spielen und seinem Publikum eine
tolle Show zu bieten, die zum Teil auf seinem Statur als Lokalmatador aufbaut,
aber vor allem auf seine unbestreitbaren musikalischen Qualitäten.
Der einzige
Bereich, an dem Fankhauser noch etwas
verbessern könnte, ist sein Gesang. Und hiermit meine ich nicht seine Stimme,
sondern wirklich seinen Gesang. Leider versteht man kaum ein Wort seines
Gesangs, so dass der lyrische Aspekt des Blues manchmal etwas unter die Räder
gerät. Wenn Fankhauser deutlich
artikulierte, würde der Wortwitz und die Subtilität des Blues noch deutlicher
in den Vordergrund treten. Aber auch so war das Konzert am Basler Blues
Festival ein voller Erfolg und ein grosser Spass.
Schluss
Also, der
Abend war wirklich durch und durch gelungen, ein Vergnügen und gute
Unterhaltung, fast von A bis Z. Einen einzigen Wermutstropfen gab es: Die
Moderation von Frau Sawas-Meesters
von Telebasel war etwas blamabel. In ihrem schwarzen Abendkleid war sie zwar
schön anzusehen, aber die Garderobe passte weder zum Bluesabend, noch zu den
nachfolgenden Künstlern. Ohne Teleprompter offenbar hilflos, musste sie die an
sich bescheidene Moderation vom Blatt lesen. Brav las sie das vor, was auch im
Programmheft über John Hammond zu
lesen war. Wenn sie von diesem Script abwich, wurde es erratisch: was Frau Sawas-Meesters meinte, als sie die
Dobro-Gitarre als Vorläufer der elektrischen bezeichnet hat, bleibt hoffentlich
auf ewig ihr Geheimnis, bzw. sie hat es vielleicht nur vorgelesen. Bleibt zu
hoffen, dass Dani von Wattenwyl, der
am Wochenende moderieren wird, seinen Text auswendig lernen kann.