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Bloogle Musik Rezensionen Konzerte

Lucerne Blues Festival 2010 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Rolf Winter, Redaktionsleitung   
Das letzte Festival im Jahr ist auch gleichzeitig das mit dem meisten Prestige: Vom 6. Bis 14. November ging das Lucerne Blues Festival über die Bühne. Es bestand aus diversen Rahmenkonzerten und Blues Brunches und gipfelte schliesslich in den drei Bluesnächten am Donnerstag, Freitag und Samstag mit jeweils vier bis sechs Gigs. Ein prallvolles Angebot also auch in diesem Jahr.

Über elftausend Besucher besuchten das Festival. Die Veranstalter sind zufrieden. Hier sind unsere Eindrücke vom Festival.

Für diesen Erfolg musste das Team um Guido „Mojo“ Schmidt eine enorme Leistung erbringen. Man vergisst ja gerne, wie viel Aufwand ein Festival dieser Grösse mit sich bringt. Immerhin traten heuer 14 Bands auf, verglichen mit den 4 Bands, die 1995 bei der ersten Ausgabe des Festivals spielten. Allein die Kosten für die Flüge sind rund doppelt so hoch, wie das gesamte Budget der ersten Ausgabe.

Eröffnet wurde das Festival dieses Jahr im Hotel Schweizerhof mit der norwegischen Formation JT Lauritsen & The Buckshot Hunters mit Gast Billy Gibson, die dann auch am Donnerstag einen weiteren Auftritt hatten.Billy Gibson, der West Tennessee Bluegrass Harmonica Champion von 1993 und Preisträger des Blues Music Award 2009 als Instrumentalist, ist zwar ein Deltablueser und hat seine musikalischen Sporen in Memphis verdient, kann sich aber auf eine breite Stilkenntnis abstützen, die weit über Deltablues hinausreicht.

Jan Tore Lauritsen gehört zu den besseren Vertretern des blue-eyed Soul. Er spielt auch Harp und Akkordeon, beides gut, wobei er sich auf das Akkordeon konzentriert, wenn Billy Gibson schon die Harp bedient. Ihr Programm variiert stark, hat aber immer einen unverkennbaren Sound, der nicht leicht einzuordnen ist. Natürlich ist oft eine Prise Zydeco zu hören, was bei einem Akkordeon unvermeidlich ist. Das Repertoire schliesst Soul Standards ein, bietet aber auch Überraschungen. Jedenfalls ein gut ausgesuchter Festivalstart.

Die meisten Anlässe fanden im Grand Casino Luzern statt, kleinere im Casineum, die Hauptgigs dann im Panoramasaal, so oder so eine passende Umgebung, wenn auch der Panoramasaal die Besucher kaum mehr fassen kann. Der Preis des Erfolgs: möchte man den Raum vor der Bühne verlassen, kommt man kaum mehr rein. Dafür bietet das Ambiente eine tolle Mischung aus mondäner Atmosphäre, einer Prise Spielerlaune und der erdigen Glitzerwelt des Blues und seinen Interpreten. Ganz zu schweigen vom Ausblick beim Luft schnappen. Das Publikum angenehm gemischt, wenn wir auch zuweilen das Gefühl hatten, die gesellschaftliche Bedeutung des Festivals stehe bei vielen Besuchern über der musikalischen.

Tia Carrol konnten wir bereits in Luzern als Backgroundsängerin sehen, inzwischen hat sie ihre Band Hard Work  gegründet und wandelt unverkennbar auf den Spuren ihres grossen Vorbilds Koko Taylor, ihr Repertoire enthält auch viele Titel, die von Koko bekannt oder berühmt gemacht wurden (I Just Want To Make Love To You, Don’t Put Your Hands on Me, Let The Juke Joint Jump) Zum Schluss gab es eine schöne Interpretation der James Brown Songs Cold Sweat, das nahtlos in Browns Signature Song I Feel Good überging. Tia Carrolls Stimme und Musikalität, gepaart mit ihrer Bühnenpräsenz dürften sie zu einer der ganz Grossen werden lassen.

The Nighthawks with Bob Margolin. Ursprünglich war hier Hubert Sumlin vorgesehen, der aber aus gesundheitlichen Gründen nicht fliegen durfte und deshalb von „Steady Rolling“ Bob Margolin vertreten wurde, nicht zum ersten Mal übrigens in diesem Jahr und auch in Luzern war er mehr als ein Ersatz. Der sensible Gitarrist war von 1973 - 1980 Musiker in Muddy Waters Band und hat sein Spiel direkt durch den Meister perfektioniert. Inzwischen ist er längst aus dem Schatten seines Mentors herausgetreten und zu einer der tragenden Figuren des Blues geworden und gehört zu den Mitgestaltern des modernen Blues. Er weiss auch zu erzählen und schreibt regelmässig eine Kolumne in der Blues Revue. Mit den Nighthawks hat er verschiedentlich gespielt. Man kennt sich also gut. Die Nighthawks sind seit über 30 Jahren im Geschäft, mittlerweile ist von den Gründungsmitgliedern nur noch Mark Wenner übrig. Sie spielen soliden Blues und Bluesrock, auch am Festival. Keine Überraschungen.

Mit James “Super Chikan” Johnson and The Fighting Cocks wehte der Wind des Ground Zero, Clarksdale durch den Saal. Der 59 jährige Musiker ist nicht nur in Darling (MS) geboren, sondern ist auch einer. Mit einer herzerfrischenden Natürlichkeit tritt der waschechte Deltablueser auf und gewinnt das Publikum mit seinem Landjungencharme. James Johnson ist ausser Musiker auch ein Multitalent und Original. Dass der Name der Band mit Augenzwinkern gewählt worden ist, wird spätestens klar, wenn man Laura Craig (Keyboards), Heather Tacket (Bass) und Jamiesa Turner (Schlagzeug) sieht. Die Kampfhähne entpuppen sich als Kampfhühner und das Chicken als Hahn. Auffällig sind auch seine Instrumente. Er ist ein bekannter Gitarrenbauer und baut sie selbst aus Holz, also ganz normal, aber auch aus ausgedienten Gitarrenteilen kombiniert mit alten Armeekanistern, oder aus Zigarrenkisten, was ja schon eine lange Tradition hat. Chikantar nennt er diese Gitarren. Sie sind bunt bemalt und mit schmückenden Perlen et cetera beklebt, manche sehen aus wie eine Kindergeburtstagstorte, andere erinnern in ihrer Ornamentik an Flowerpower Zeiten, teilweise sind sie mit Szenen aus dem Delta bemalt. Seine Kreationen sind  inzwischen begehrte Sammelobjekte und werden entsprechend bezahlt. Er spielte auch am Konzert eine Diddley Bow, die wie eine Streitaxt aussah.

Die Band spielt Delta Blues, modern und kraftvoll und legte ein begeisterndes Set hin, weitgehend Songs im klassischen Bluesschema. Laura Craig lieferte einige Soli am Keyboard, die einem atemlos werden liessen. James Johnsons Talent als Unterhalter kam auch nicht zu kurz und gipfelte in einer Interpretation von Boom Boom, bei der er jodelte und vorführte, wie es in einem Hühnerhof zugeht.

Mit Lynwood Slim, eigentlich Richard Dennis Duran kam ein Vertreter des Westcoast Blues in den Panoramasaal. Der 57 jährige Kaliforniersingt und spielt Harmonika, dazu spielt er Flöte im Stil von Herbie Mann, dessen Spiel neben James Moodys die Liebe zur Flöte in ihm geweckt hatte. Auf die Bühne kam dazu Kid Ramos, der mit den Fabulous Thunderbirds als Leadgitarrist eine Zeit lang unterwegs war, bevor er seine Solokarriere begann. Kid Ramos, der für rockigen Blues steht, bildete dadurch eine spannenen Kontrapunkt zum eher jazzigen Stil Lynwood Slims.

Manchmal bewirken auch Katastrophen positives. Erst nach Katrina 2005 begann Bryan Lee die Bourbon Street öfter zu verlassen und tourt seither weltweit. Das ist auch der Grund dafür, dass er nicht die Bekanntheit hat, die er auf Grund seiner Fähigkeiten verdient hätte. Bryan Lee & The Blues Power Band ist ein Erlebnis der besonderen Art. Sein swampy Midwesternblues und sein Gitarrenspiel, sehr emotional vorgetragen mit einer Leidenschaft, die nicht nach Show riecht, sondern glaubhaft rüberkommt begeistert zu Recht das Publikum. Leider mussten wir an diesem Abend das Konzert des Musikers aus New Orleans vorzeitig verlassen, aber was wir miterleben konnten, war grandios.

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