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Bloogle Musik Rezensionen Konzerte

Professionell, routiniert, dröge: Eric Clapton im Hallenstadion PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Marc Winter, Redaktion Musik   

claptonhallenstadion2008.jpg Jean-Martin Büttner beschreibt in seinem immer wieder unfassbar guten Buch Sänger, Songs und triebhafte Rede das Konzert  als das Wiederkehren immer gleicher Bestandteile eines festen Rituals: «Zweieinhalb Stunden, ein Schlagzeugsolo, drei Zugaben und zwanzigtausend flammende Feuerzeuge später ist der Spuk vorbei. Die Fans sind begeistert, der Moderator vom Privatradio ist begeistert, das Fernsehen ist schon im Voraus begeistert gewesen, und die Zeitungen werden die Begeisterung übermorgen nachholen. »Everybody say yeah«, hat der Sänger gerufen, und siehe: Alle sagen sie ja, ja, ja.» (Büttner 1997, 379). Ein Konzert ist immer auch ein Aufeinandertreffen von Erwartungen der Einmaligkeit seitens des Publikums und der Routine seitens der Musiker, die gestern in Wiesbaden spielten und morgen in Monte Carlo sein werden. Diese Erwartungen sind nicht immer kompatibel, aber wenn man Fr. 85.- für einen Stehplatz bezahlen muss, dann erwartet man vielleicht doch einen engagierten Musiker, der Freude hat, ein Konzert zu spielen.

jakobdylan.jpgNun wir waren gespannt. Die Vorgruppe, Jakob Dylan und die Wallflowers betraten bereits um 19:45 Uhr die Bühne und spielten 40 Minuten lang ein Set von sechs oder sieben Titeln, die - ehrlich gesagt - unter aller Kanone waren. Es klang, als ob alle Stücke in derselben Tonart waren, der Gitarrist spielte Arpeggien dazu rauf und runter, und Leadsänger Jakob Dylan scheint der Meinung zu sein, es sei ein ewiges Vorrecht der Familie Dylan, nicht singen zu können, aber sich trotzdem hinters Mikrophon zu stellen. Der Mann hat kaum eine ganze Oktave an Singstimme drauf, und der gesamte Auftritt war eine Zumutung. Im Publikum gab es auch entsprechend nur artigen Applaus nach den Stücken, aber mehr auch nicht. Mitwippen, Mitklatschen oder gar das Aufkommen einer Stimmung: Fehlanzeige.

Es folgte die Umbaupause und dann unerfindliche zehn Minuten, in denen wir einfach vor der fertig aufgebauten Bühne warten mussten, bis es endlich losging. Das war dann endlich, um 20:45 Uhr, der Fall. Eric Clapton betrat mit der aktuellen Inkarnation seiner Band die Bühne. Begleitet wurde er von zwei Background-sängerinnen, deren Namen mir verborgen blieben, dem langjährigen Pianisten Chris Stainton, Schlagzeuger Abe Laboriel Jr. und Bassisten Willie Weeks sowie Doyle Bramhall II an der zweiten Gitarre und vor allem als Slide-Begleitung. Dallas-Bluesman Bramhall, der einst mit Stevie Ray Vaughan zusammen Dirty Pool schrieb, spielt seit einigen Jahren mit als Claptons Begleitung, wobei er weniger der klassische Rhythm-Gitarrist ist als vielmehr eine Unterstützung des Meisters in allen Belangen: Rhythmus, zweite Stimme, Solo, Gesang. Clapton tritt offenkundig als Mentor des Linkshänders (Mit Albert-King-Bespannung) auf, und er fördert offensichtlich dessen Karriere.

Clapton spielte ein Set von 19 Titeln, das sich, passend zur Slide-Unterstützung von Bramhall, hauptsächlich am Material von Derek & the Dominos orientierte. Als Eröffnung wurde der Layla-Titel Tell The Truth gewählt und dann ging es weiter zu einer fetzigen Version von Key to the Highway. Auf beiden sang Bramhall etwa gleichberechtigt mit Clapton, und die Interaktion der beiden verlief sehr gut.

claptonhallenstadion2008_2.jpg Es folgte mit Hoochie Coochie Man ein Rückgriff auf die Blues-Classiker. Willie Dixons Klassiker wurde hier in einer sehr aufgepeppten R&B-Version zum Vortrag gebracht, bei der die beiden Background-Sängerinnen zusätzlich Klang beisteuerten. Der war meines Erachtens allerdings nicht nötig, und die Mischung aus dem an sich sehr reduzierten Stück Hoochie Coochie Man sowie der fetten R&B-Begleitung war nicht jedermanns Sache. Es zeigten sich hier bereits zwei Dinge: Einerseits ist Clapton in bewundernswerter Weise bereit, sein Material immer und immer wieder neu zu interpretieren, zu verändern, damit zu spielen. Das hält seinen Katalog am Leben. Auf der anderen Seite ist Clapton, wie aufgrund seiner Autobiographie nun die ganze Welt weiss, bekennender trockener Alkoholiker und er hält seine Nüchternheit für einen entscheidenden Schritt in seiner Persönlichkeitsfindung. Gut und Recht, aber wenn er dann auf der Bühne steht und behauptet „I'm gonna mess with you" klingt das einfach daneben. Dixons Hoochie Coochie Man ist eine Ode an die Bedrohlichkeit, die Gefährlichkeit, an ungezügelte Männlichkeit, und wenn es Muddy Waters sang, waren diese Aspekte Teil des Stücks. Wenn nun aber der nüchterne Clapton dort oben steht und es singt, verkommt es ebenso zu einer blossen Liedzeile wie „Schwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun bin auch ich." Das schmerzt etwas.

Clapton kam dann mit weniger bekannten Titeln, bzw. überraschenden Cover-Versionen. Zunächst kam Rockin' Chair, dann folgte Here But I'm Gone, ein Cover des Stückes von Curtis Mayfield, Outside Woman Blues und dann Isn't It a Pity, ein Lied des verstorbenen Freundes George Harrison, das Clapton ohne Zweifel als Hommage meinte. Das Publikum kannte die Stücke nicht, die Versionen waren auch nicht so zwingend, und so fiel die Stimmung erneut etwas zusammen. Gerade noch rechtzeitig holte der Commander of the Order of the British Empire dann wieder was aus der der Layla-Mottenkiste, nämlich Why Does Love Got To Be So Sad, einer meiner liebsten Clapton-Stücke überhaupt. Doyle Bramhall II spielte ein wunderbares Solo und die beiden Gitaristen harmonierten sehr gut. Es folgte ein Help Me und dann als fetzigen Shuffle: Nobody Knows You When You're Down and Out. Das Publikum reagierte begeistert auf jeden Shuffle-Blues und entsprechend euphorisch wurde auch diese Version aufgenommen.

Dann setzte sich der Meister und man brachte ihm die akustische Gitarre (erneut war es witzig zu beobachten, dass der Gitarrist von Jakob Dylan aus der Vorgruppe nach jedem Stück sein Instrument wechselte, und Bramhall kräftig ebenfalls durchwechselte, wobei er Slide und normal spielte, es also einen Grund gab, Das gesamte Konzert hindurch Clapton selbst aber weder nachstimmte noch gar das Instrument wechselte. Auch spielt er inzwischen wieder das Standard Signature Model von Fender, keine von Graffiti-Künstlern bemalten Scheusale mehr). Das kurze akustische Set, mittlerweile als Verbeugung vor Unplugged unverzichtbarer Teil eines Clapton-Konzerts, umfasste Motherless Child, Travellin' Riverside Blues sowie Running on Faith. Der akustische Teil war sehr schön, stimmig, die Backgroud-Sängerinnen, die sonst eher ein Ärgernis waren, gingen raus und es wurde stiller und konzentrierter.

Als der Mann aus Ripley dann wieder die Strat um den Hals hängen hatte, ging es weiter mit Got to Get Better in a Little While und dann Little Queen of Spades, beide mit sehr schönen Soli verziert. Die beiden Stücke kamen nach meinem Dafürhalten am Besten rüber, man hatte mitunter sogar den Eindruck, es mache Clapton Spass.

Als nächstes kam eine äusserst rockige Version von Bo Diddleys Before You Accuse Me, die erneut Claptons Bereitschaft dokumentierte, seine Songs wieder und wieder neu zu interpretieren. Als dann das Intro zu Wonderful Tonight angespielt wurde, war der Moment erreicht, der früher bei der Blödeltruppe Insterburg & Co immer mit der Ankündigung eingeleitet wurde «Wir sind inzwischen beim Zugabenteil angelangt», freilich ohne dazwischen die Bühne verlassen zu haben: Die Band bediente nun die Erwartungen. Wonderful Tonight muss Clapton einfach spielen, es gibt schliesslich Paare im Publikum, die bedient werden wollen, und da man in der Halle natürlich nicht rauchen darf, haben die Leute so ihre Feuerzeuge nicht vergebens mitgebracht. Aber das Stück passte weder ins Set noch in die Stimmung.

claptonhallenstadion2008_3.jpg Es folgten Layla und Cocaine sowie, nach einem kurzen Abgang von der Bühne, der alte Cream-Gassenhauer, Crossroads. Das Stück ist definitiv ein Klassiker, aber leider bat Clapton für dieses letzte Stück erneut Jakob Dylan auf die Bühne, der dann die ersten beiden Strophen alleine und die letzte mit Clapton im Duett sang. Cocaine wurde in der neu arrangierten Version gespielt, in der es auch auf One More Car One More Rider zu hören ist, mit «That dirty Cocaine» als «Schubi-doo» der Background-Sängerinnen. Dies wird meiner Meinung nach weder J.J. Cales Song gerecht, noch ist es passend, aber es frischt das Stück gut auf. Was Layla angeht, so spielte er das bis zur bitteren Neige, also inklusive der Coda, auf der Clapton und Bramhall identische Melodielinien spielten, was sehr irritierend klang.

Diese Konzertkritik klingt sehr negativ, aber das liegt nicht so sehr an der Musik, die kam professionell rüber, relativ gut abgemischt (bis auf die Sängerinnen) und wie es eben so ist. Die Enttäuschung rührt eher vom Meister selbst, der eben eines seiner vielen Konzerte auf der Welttournee spielte, der aber den Eindruck erweckte, einen Job abzuliefern, ein Soll zu erfüllen, und der daher nicht bereit war, das zu tun, was es gebraucht hätte, damit der Abend für die Fans zum unvergesslichen Erlebnis wird: sein Herz auszuschütten und seine Person einzubringen.

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