Professionell, routiniert, dröge: Eric Clapton im Hallenstadion
Geschrieben von Marc Winter, Redaktion Musik
Jean-Martin
Büttner beschreibt in seinem immer wieder unfassbar guten Buch Sänger,
Songs und triebhafte Rede das Konzert als das
Wiederkehren immer gleicher Bestandteile eines festen Rituals: «Zweieinhalb
Stunden, ein Schlagzeugsolo, drei Zugaben und zwanzigtausend flammende
Feuerzeuge später ist der Spuk vorbei. Die Fans sind begeistert, der Moderator
vom Privatradio ist begeistert, das Fernsehen ist schon im Voraus begeistert
gewesen, und die Zeitungen werden die Begeisterung übermorgen nachholen.
»Everybody say yeah«, hat der Sänger gerufen, und siehe: Alle sagen sie ja, ja,
ja.» (Büttner 1997, 379). Ein Konzert ist immer auch ein Aufeinandertreffen von
Erwartungen der Einmaligkeit seitens des Publikums und der Routine seitens der
Musiker, die gestern in Wiesbaden spielten und morgen in Monte Carlo sein
werden. Diese Erwartungen sind nicht immer kompatibel, aber wenn man Fr. 85.-
für einen Stehplatz bezahlen muss, dann erwartet man vielleicht doch einen
engagierten Musiker, der Freude hat, ein Konzert zu spielen.
Nun wir
waren gespannt. Die Vorgruppe, Jakob
Dylan und die Wallflowers
betraten bereits um 19:45 Uhr die Bühne und spielten 40 Minuten lang ein Set von
sechs oder sieben Titeln, die - ehrlich gesagt - unter aller Kanone waren. Es
klang, als ob alle Stücke in derselben Tonart waren, der Gitarrist spielte
Arpeggien dazu rauf und runter, und Leadsänger Jakob Dylan scheint der Meinung zu sein, es sei ein ewiges Vorrecht
der Familie Dylan, nicht singen zu können, aber sich trotzdem hinters Mikrophon
zu stellen. Der Mann hat kaum eine ganze Oktave an Singstimme drauf, und der
gesamte Auftritt war eine Zumutung. Im Publikum gab es auch entsprechend nur
artigen Applaus nach den Stücken, aber mehr auch nicht. Mitwippen, Mitklatschen
oder gar das Aufkommen einer Stimmung: Fehlanzeige.
Es folgte
die Umbaupause und dann unerfindliche zehn Minuten, in denen wir einfach vor
der fertig aufgebauten Bühne warten mussten, bis es endlich losging. Das war
dann endlich, um 20:45 Uhr, der Fall. Eric
Clapton betrat mit der aktuellen Inkarnation seiner Band die Bühne. Begleitet
wurde er von zwei Background-sängerinnen, deren Namen mir verborgen blieben, dem
langjährigen Pianisten Chris
Stainton, Schlagzeuger Abe Laboriel Jr.und Bassisten Willie Weeks sowie Doyle Bramhall II an der zweiten Gitarre und vor
allem als Slide-Begleitung. Dallas-Bluesman Bramhall, dereinst mit Stevie Ray Vaughan zusammen Dirty Pool schrieb, spielt seit einigen
Jahren mit als Claptons Begleitung, wobei er weniger der klassische
Rhythm-Gitarrist ist als vielmehr eine Unterstützung des Meisters in allen
Belangen: Rhythmus, zweite Stimme, Solo, Gesang. Clapton tritt offenkundig als
Mentor des Linkshänders (Mit Albert-King-Bespannung)
auf, und er fördert offensichtlich dessen Karriere.
Clapton
spielte ein Set von 19 Titeln, das sich, passend zur Slide-Unterstützung von
Bramhall, hauptsächlich am Material von Derek
& the Dominos orientierte. Als Eröffnung wurde der Layla-Titel Tell The Truth gewählt und dann ging es
weiter zu einer fetzigen Version von Key
to the Highway. Auf beiden sang Bramhall etwa gleichberechtigt mit Clapton,
und die Interaktion der beiden verlief sehr gut.
Es folgte
mit Hoochie Coochie Man ein Rückgriff
auf die Blues-Classiker. Willie Dixons
Klassiker wurde hier in einer sehr aufgepeppten R&B-Version zum Vortrag
gebracht, bei der die beiden Background-Sängerinnen zusätzlich Klang
beisteuerten. Der war meines Erachtens allerdings nicht nötig, und die Mischung
aus dem an sich sehr reduzierten Stück Hoochie
Coochie Man sowie der fetten R&B-Begleitung war nicht jedermanns Sache.
Es zeigten sich hier bereits zwei Dinge: Einerseits ist Clapton in bewundernswerter
Weise bereit, sein Material immer und immer wieder neu zu interpretieren, zu
verändern, damit zu spielen. Das hält seinen Katalog am Leben. Auf der anderen
Seite ist Clapton, wie aufgrund seiner Autobiographie nun die ganze Welt weiss,
bekennender trockener Alkoholiker und er hält seine Nüchternheit für einen
entscheidenden Schritt in seiner Persönlichkeitsfindung. Gut und Recht, aber
wenn er dann auf der Bühne steht und behauptet „I'm gonna mess with you" klingt
das einfach daneben. DixonsHoochie Coochie Man ist eine Ode an die
Bedrohlichkeit, die Gefährlichkeit, an ungezügelte Männlichkeit, und wenn es Muddy Waters sang, waren diese Aspekte
Teil des Stücks. Wenn nun aber der nüchterne Clapton dort oben steht und es
singt, verkommt es ebenso zu einer blossen Liedzeile wie „Schwarzbraun ist die
Haselnuss, schwarzbraun bin auch ich." Das schmerzt etwas.
Clapton kam
dann mit weniger bekannten Titeln, bzw. überraschenden Cover-Versionen.
Zunächst kam Rockin' Chair, dann
folgte Here But I'm Gone, ein Cover
des Stückes von Curtis Mayfield, Outside Woman Bluesund dann
Isn't It a Pity, ein Lied des
verstorbenen Freundes George Harrison,
das Clapton ohne Zweifel als Hommage meinte. Das Publikum kannte die Stücke
nicht, die Versionen waren auch nicht so zwingend, und so fiel die Stimmung
erneut etwas zusammen. Gerade noch rechtzeitig holte der Commander of the Order
of the British Empire dann wieder was aus der der Layla-Mottenkiste,
nämlich Why Does Love Got To Be So Sad,
einer meiner liebsten Clapton-Stücke überhaupt. Doyle Bramhall II spielte ein wunderbares Solo und die beiden
Gitaristen harmonierten sehr gut. Es folgte ein Help Me und dann als fetzigen Shuffle: Nobody Knows You When You're Down and Out. Das Publikum reagierte
begeistert auf jeden Shuffle-Blues und entsprechend euphorisch wurde auch diese
Version aufgenommen.
Dann setzte
sich der Meister und man brachte ihm die akustische Gitarre (erneut war es
witzig zu beobachten, dass der Gitarrist von Jakob Dylan aus der Vorgruppe nach jedem Stück sein Instrument
wechselte, und Bramhall kräftig
ebenfalls durchwechselte, wobei er Slide und normal spielte, es also einen
Grund gab, Das gesamte Konzert hindurch Clapton
selbst aber weder nachstimmte noch gar das Instrument wechselte. Auch spielt
er inzwischen wieder das Standard Signature Model von Fender, keine von
Graffiti-Künstlern bemalten Scheusale mehr). Das kurze akustische Set,
mittlerweile als Verbeugung vor Unplugged unverzichtbarer Teil eines
Clapton-Konzerts, umfasste Motherless Child,
Travellin' Riverside Blues sowie Running on Faith. Der
akustische Teil war sehr schön, stimmig, die Backgroud-Sängerinnen, die sonst
eher ein Ärgernis waren, gingen raus und es wurde stiller und konzentrierter.
Als der
Mann aus Ripley dann wieder die Strat um den Hals hängen hatte, ging es weiter
mit Got to Get Better in a Little While
und dann Little Queen of Spades,
beide mit sehr schönen Soli verziert. Die beiden Stücke kamen nach meinem
Dafürhalten am Besten rüber, man hatte mitunter sogar den Eindruck, es mache
Clapton Spass.
Als
nächstes kam eine äusserst rockige Version von Bo DiddleysBefore You Accuse
Me, die erneut Claptons Bereitschaft dokumentierte, seine Songs wieder und
wieder neu zu interpretieren. Als dann das Intro zu Wonderful Tonight angespielt wurde, war der Moment erreicht, der
früher bei der Blödeltruppe Insterburg
& Co immer mit der Ankündigung eingeleitet wurde «Wir sind inzwischen
beim Zugabenteil angelangt», freilich ohne dazwischen die Bühne verlassen zu
haben: Die Band bediente nun die Erwartungen. Wonderful Tonight muss Clapton einfach spielen, es gibt schliesslich
Paare im Publikum, die bedient werden wollen, und da man in der Halle natürlich
nicht rauchen darf, haben die Leute so ihre Feuerzeuge nicht vergebens
mitgebracht. Aber das Stück passte weder ins Set noch in die Stimmung.
Es folgten Layla und Cocaine sowie, nach einem kurzen Abgang von der Bühne, der alte
Cream-Gassenhauer, Crossroads. Das
Stück ist definitiv ein Klassiker, aber leider bat Clapton für dieses letzte
Stück erneut Jakob Dylan auf die
Bühne, der dann die ersten beiden Strophen alleine und die letzte mit Clapton
im Duett sang. Cocaine wurde in der
neu arrangierten Version gespielt, in der es auch auf One More Car One More Rider
zu hören ist, mit «That dirty Cocaine» als «Schubi-doo» der Background-Sängerinnen.
Dies wird meiner Meinung nach weder J.J.
Cales Song gerecht, noch ist es passend, aber es frischt das Stück gut auf.
Was Layla angeht, so spielte er das
bis zur bitteren Neige, also inklusive der Coda, auf der Clapton und Bramhall
identische Melodielinien spielten, was sehr irritierend klang.
Diese Konzertkritik
klingt sehr negativ, aber das liegt nicht so sehr an der Musik, die kam
professionell rüber, relativ gut abgemischt (bis auf die Sängerinnen) und wie
es eben so ist. Die Enttäuschung rührt eher vom Meister selbst, der eben eines
seiner vielen Konzerte auf der Welttournee spielte, der aber den Eindruck
erweckte, einen Job abzuliefern, ein Soll zu erfüllen, und der daher nicht
bereit war, das zu tun, was es gebraucht hätte, damit der Abend für die Fans
zum unvergesslichen Erlebnis wird: sein Herz auszuschütten und seine Person
einzubringen.