Piazzablues überzeugt am ersten Abend mit einem tollen Programm.
Am 16. Juli 2009 wurde das 40. Jubiläum des Starts der ersten erfolgreichen Mondlandungsmission gefeiert. In der Welt des Blues bewies das Piazza Blues Festival in Bellinzona allerdings eindrücklich, dass man nicht bis nach Florida muss, um richtig abzuheben. Der erste Festivalabend bot eine tolle Mischung von Stilrichtungen, die keine Wünsche offenliess. Mit einem Dreier-Lineup bestehend aus dem Schweizer Little JC, dem Projekt ChicagoBlues - A Living History und der Sherman Robertson Blues Band versammelte der künstlerische Leiter Fritz Jakober ein begeisterndes Kompetenzzentrum des Blues.
Der Abend auf der Piazza Governo war perfekt für eine Nacht voll heissem Blues: Ein kühles Windchen verhiess Erfrischung, die Stände des niederländischen Bier-Sponsors standen in ihrem auffälligem Grün an der Piazza, die sich allmählich mit Neugierigen bis Interessierten Musikliebhabern füllte. Da der gestrige Abend ohne Tickets erlebt werden konnte (freier Eintritt) kamen neben den Bluesfans auch viele Einwohnerinnen und Einwohner Bellinzonas an den ersten Festivalabend, die eher etwas erleben wollten, als dass sie spezifisch am Blues interessiert gewesen wären. Das verlieh der Veranstaltung einen tollen Dorffest-Charakter und trug dazu bei, dass das Publikum sehr durchmischt war.
Vielleicht dachte man in erster Linie an diese Besucherinnen und Besucher, als man den Beginn des Konzertes (ursprünglich neun) um fast eine ganze Stunde verschob, um dem Publikum zunächst einmal die gesamte Belegschaft der AC Bellinzona vorzustellen. So verständlich solche Promo-Events ja sein mögen, vor einem Blueskonzert erstmal mit sehr viel Brimborium jedenSpielereinzeln auf die Bühne zu rufen (zur ohne Zweifel unfreiwillig selbstironischen Begleitmusik von Money for Nothing), dann die ganzen Betreuer und schliesslich, nach einer quälend langen Dreiviertelstunde endlich auch noch Coach Marco Schällibaum, war bei allem Verständnis für die Begeisterung des Aufstiegs der ACB in die Super League doch reichlich zuviel des Guten. Oder welche Freude hätten wohl die Fussballfans der AC, wenn vor dem Anpfiff erstmal eine Stunde lange jedes Mitglied einer 25-köpfigen Big Band oder der Feuerwehrmusik auf den Rasen treten und huldvoll Ovationen entgegen nehmen würden, bevor das Spiel beginnt. Immerhin musste der über alle Massen begeisterte Moderator immer wieder das sichtlich gelangweilte Publikum zum Applaus anspornen, was eine gewisse ausgleichende Gerechtigkeit darstellte.
Nachdem die Schar der angehenden Jungmillionäre in Adiletten endlich die Bühne geräumt hatte, konnte es also losgehen mit dem Grund, weshalb wir alle wirklich hier waren: dem Blues. Am ersten vollen Abend, dem Donnerstag, stand zunächst der Fribourger Little J.C. Bovard auf dem Programm. Dieser trat als One-Man-Band auf, das heisst, seine Hände waren mit dem spielen einer Epiphone Sheraton (durch einen Fender Bassmann Combo) beschäftigt, sein linker Fuss bediente eine Pauke, der rechte ein High-Hat und eine Trommel, während er zugleich auch noch sang oder Harmonika spielte. Little J.C. (Wir vermuten hinter der Abkürzung eher Jean-Claude als eine Anspielung auf den Christen-Messisas) arbeitete ab 1989 für eine gewisse Zeit mit Louisiana Red zusammen, dessen Slide-Spiel er nicht übernahm, er orientiert sich mehr an Jimmy Reed oder John Lee Hooker, ohne dessen harten Boogie nachzuahmen. Er spielte in seinem etwa eine Stunde dauernden Set zehn Songs und gab zwei Zugaben. Angefangen mit dem Titel Rocks in My Pillow von Robert Nighthawk ging es weiter mit einer schönen Mischung aus Songs im Stil von Jimmy Reed. Neben dessen Big Boss Man und Baby, What You Want Me To Do spielte Little J.C. auch Rolling & Tumbling, Worried Life Blues, Rock Me Baby oder einen instrumentalen Shuffle, der stark nach Boogie Chillun‘ klang.
Bei allen Songs blieb die Gitarre nur Rhythmus-Instrument, alle Soli spielte er auf der in ein Rack geklemmten Harmonika, die er wirklich meisterlich zu spielen wusste. Auch die Begleitung hatte in jeder Hinsicht Hand und Fuss. Little J.C. spielte mit viel Herz und Leidenschaft, aber er drang nicht immer zum Publikum durch, in dem es grosse Inseln von plaudernden Gruppen gab, die nicht willens waren, einen Schwatz zu unterbrechen, nur um dem Blueser aus Fribourg zuzuhören. Seine Qualitäten als Sänger und Harmonikaspieler, aber auch als Gitarrist sind unbestritten, lediglich in gewissen Songs hatte er Mühe, das Tempo gleich zu halten, und so gab es mehrere Tempoverschärfungen oder -verlangsamungen in den Songs. Ohne Schlagzeug und Bassist ist es für eine One-Man-Band offenbar schwierig, ein Tempo durchzuhalten, und auch beim grossen Joe Hill Louis oder bei Doctor Ross sindauf gewissen Aufnahmen solche Probleme zu hören. Insgesamt gab Little J.C. einen tollen Eindruck einer Sparte des des Schweizer ab, die selten zu hören ist, die aber in ihrer eigenen Art höchst faszinierend bleibt.
Nach einer kurzen Umbaupause kam dann das Main Event des Abends, eine Revue zwischen Blues-Volkshochschule und Geschichts-Doku, das Projekt Chicago Blues - A Living History. Die Idee ist dabei, dass begleitet von einer Kernband bestehend aus Matthew Skoller (harmonika), Johnny Iguana (keyb), Billy Flynn (g), Felton Crews (b) und Kenny «Beedy Eyes» Smith ein Quartett von Blues-Veteranen aus Chicago auftritt, die in jeweils wechselnder Zusammensetzung einen Geschichtskurs in Bluesologie vermitteln und dabei die Entwicklung des Chicago-Blues von den 1940er Jahren bis in die Jetztzeit nachzeichnen. Als Veteranen waren zugegen: Billy Boy Arnold (mit Jahrgang 1935 der Nestor der Gruppe), John Primer (1945), Billy Branch (1951 in Chicago geboren, aber in Kalifornien aufgewachsen) und Lurrie Bell (Jahrgang 1958 und damit das «Kücken» der vier Musiker), Sohn des Harmonikaspielers Carrie Bell.
Dieses Konzept gibt wunderbar auf, die knapp zwei Stunden (22:40 bis 0:30) waren sehr unterhaltsam und abwechslungsreich, und die ständig wechselnde Zusammensetzung brachte stets neue Nuancen in die unter der Einheitsettikette «Chicago Blues» oftmals wenig differenzierte Machart des Blues. Als Kontinuum des Sets wirkte, und insbesondere hervorzuheben ist entsprechend auch Kenny «Beedy Eyes» Smith, der Sohn von Willie «Big Eyes» Smith, dem Schlagzeuger Muddy Waters und dem herausragenden Drummer der klassischen Chicago-Ära. SmithSr. hat seinem Sohn alle Tricks gezeigt und er hat ihn zum Üben angehalten, und was Smith Jr. hinter seiner «Schiessbude» veranstaltete, war ohne Zweifel höchst kompetent und eine grosse Freude. Die vielen kleinen Details seiner Schlagzeugarbeit hielten die voller Spannung und Abwechslung und Smith war das kontinuierliche und verbindende Element dieser doch sehr losen Gruppe von Musikern. Er war der eigentliche Bandleader.
Auch die anderen Begleitmusiker waren wahrlich nicht von schlechten Eltern. Keyboarder Johnny Iguana war am Roland Keyboard und der Orgel deutlich zu hören und seine Soli hatten etwas von der Verhaltenheit der 50er Jahre, sie wirkten aber dennoch frisch und zeitgemäss. Grossen Eindruck machte dabei Billy Flynn, ein Weisser Gitarrist, der sich unauffällig und bescheiden in der linken hinteren Ecke der Bühne versteckte, der eine Gibson Les Paul Goldtop in einen Fender Bassmann spielte und der eher wirkte wie ein drittes Mitglied der rhythm section. Aber wenn es darum ging, ein kleines Solo zu zaubern, trat er einen Schritt vor und spielte in zwölf Takten ein verhaltenes Solo, dass randvoll gepackt war mit Spielwitz und dem authentischen Klang des Chicago Blues, wie er auf den frühesten Aufnahmen Muddy Waters‘ zu hören ist.
Die vier Frontleute wechselten sich zunächst ab, dann gab es Kooperationen, hervorzuheben ist hier insbesondere das Duo Billy Branch und Lurrie Bell, die eine nur von Gibson ES-335 und Harmonika begleitete Version von I'm Gonna Tear Down The Berlin Wallzum besten gaben (dies war auch die einzige Pause von Kenny Smith). Die Songlist war phantastisch, von Kompositionen von Tampa Red (She's Love Crazy) und Big Bill Broonzy (Night Watchman's Blues) über die unsterblichen Klassikern der Chess-Ära (Walking Blues, Vicksburg Blues, Dust My Broom, Sugar Sweet) bis hin zu den Westside-Stücken Hoodoo Man Blues oderDamn Right I've Got The Blues. Dieser Auftritt war wirklich eine phantastische Sammlungvon Stücken und Interpretationen und es ist zu hoffen, dass sich die Blues Revue Chicago Blues - A Living History von einem Projekt zu einer festen Institution zu wandeln vermag.
Nach dem Auftritt eine erneute, wieder sehr rasche Umbaupause, und dann begann eine halbe Stunde nach Mitternacht der Auftritt von Sherman Robertson, einem Blues-Gitarristen aus Breaux Bridge in Louisiana, der in seinen drei Jahrzehnten nicht nur auf Paul Simons Hitalbum Gracelandmitspielte, sondern auch schon grosse Namen begleitete wie B.B. King, Lowell Fulson, Eddie Floyd oder Zydeco-Musiker Clifton Chenier. Zudem hat er eine ansehnliche Diskographie unter eigenem Namen erspielt hat (sein jüngstes Produkt ist Guitar Man - Livevon 2006). Robertson wandelt in den Fusstapfen seines Louisiana-Landsmanns Buddy Guy und er pflegt wie dieser einen over-the-top Stil des Gitarrenblues, wie ihn auch Luther Allison oder Stevie Ray Vaughan pflegten, wobei Robertson mehr an Guy erinnert denn an Vaughan, weil er wenig Shuffles spielt, sondern sich auf kreischende Licks und schier endlose Soli konzentriert.
Sherman Robertson ist ein grosse Virtuose und selbst im nach drei Stunden an sich gesättigten und aufgrund der vorgerückten Stunde ermüdeten Publikum bildeten sich bald Gruppen von Tänzern. Robertson selbst baute sämtlich Showelemente ein, die möglich waren, inklusive eines ausgedehnten Spazierganges ins Publikum oder Spielen mit den Zähnen. Dabei spielte es kaum eine Rolle, welchen Song Robertson gerade spielte, denn erstens gingen die Songs sowieso nahtlos ineinander über und zweitens baute er diese nach dem Baukastenprinzip zusammen. So begann er sein drittes Stück mit dem Riff von Hoochie Coochie Man, besang aber im Refrain die Tin Pan Alley und brachte darin Textstücke aus Luther Allisons Cherry Red unter. Robertson spielte sozusagen postmodernen Blues, was wunderbar passte und die Stimmung am sehr späten Abend nochmal richtig hochkochte, so dass Festivaldirektor Daniele Jörg ausgelassen vor der Bühne herumtanzte.
Fritz Jakober, der musikalische Direktor hat einen Abend zusammengestellt, der aus dem Delta über Chicago zurück ins moderne Louisiana führte, und der trotz der harten Konkurrenz von Gurten Festival, Montreuxund sogar weiteren Festivals im Tessin klar machte, wo Bluesfans dieser Tage hin sollten: nach Bellinzona und auf die Piazza Governo.