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Habt Ihr Euch eigentlich auch schon gefragt, wieso der Blues nicht Greys oder Greens heisst? Wieso wurde ausgerechnet die Farbe «blau» zum Symbol des Blues? Dieser Artikel diskutiert die Farbensymbolik der blauen Farbe, und er hinterfragt die Zuordnung der Trauer, der Melancholie zur Farbe des Himmels und des Meeres.

Es muss nicht immer blau sein

Jeder, der die Musik liebt, weiss, was der Blues ist. Wir wissen, dass es den Blues in acht und zwölf, bzw. vierundzwanzig Takten gibt. Wir wissen zudem auch, was es heisst «den Blues» zu haben, also nicht unbedingt die Musik zu spielen oder zu hören, sondern dieses Gefühl zu haben, dass man niedergeschlagen, deprimiert, frustriert oder einfach traurig ist. «Den Blues haben» ist auch ausserhalb  der Bluesgemeinde eine feststehende Wendung des allgemeinen Sprachgebrauchs.

Hier geht es heute um die Frage, wieso dieses Gefühl, wieso diese Musik eigentlich «Blues» heisst. Wenn es lediglich darum geht, ein Gefühl der Traurigkeit, der Niedergeschlagenheit auszudrücken, könnte man es auch «the Greys» nennen oder «the Blacks». Grau und Schwarz sind unzweifelhaft ebenfalls eher traurige Farben, da kann man jeden Psychologen fragen oder sich entsprechende Werke im Kunstmuseum ansehen. Und von den Songtexten her funktioniert genau so gut. In B.B. Kings «Inflation Blues» kann man jedesmal «Blues» durch «Greys» ersetzen, klappt wunderbar. Zugegeben, Willie de Villes «I am Blue so Blue» beginnt mit den folgenden Reimen: «well it's true, so true, I didn't do right by you, I didn't know the right things to do, someday I'll make it all up to you. I am blue, so blue, and darling I can't blame you, I didn't know the right things to do, someday I'll make it all up to you.» Diese Liedzeilen reimen sich natürlich nicht mehr, wenn man statt «blue» «grey» nimmt.

garylarsonblue.jpg

Gary Larson hat eine Zeichnung, in der ein im Design offensichtlich an Muddy Waters angelehnter Frosch in einer Kneipe vor anderen Fröschen den folgenden Text singt «My Baby's left my lilly pad, my legs are both deep fried, I'm eating flies all day (long) and when I'm gone they stick me in Formaldehyde. I've got the Greens, I've got the Greens so bad.» (=> «Meine Liebste hat meinen Seerosentümpel verlassen, meine beiden Beine wurden fritiert, Ich esse den ganzen Tag nur Fliegen und wenn ich mal tot bin, stecken sie mich in Formaldehyd. I habe den Greens, ich habe so sehr den Greens.»). Dieses Beispiel zeigt wohl deutlich, dass der «Blues» durchaus auch «the Greens» heissen könnte.

Blau ist schön

Auf der anderen Seite muss man zugeben, dass blau auch eine schöne und beruhigende Farbe ist, die nicht Trauer assoziiert: der blaue Himmel, blaue Augen, ein blauer See, das blaue Meer. Blau ist eine wunderbare Farbe, und nicht wenige Menschen nennen blau als ihre Lieblingsfarbe. In der Herrenmode hat blau eine feste Stellung: der blaue Anzug gilt als edel und nobel, und im Gegensatz zum schwarzen Anzug und der schwarzen Krawatte kann man den blauen auch zu fröhlichen Anlässen tragen. Auch gibt es das adlige «blaue Blut», was sicherlich auch keine schlechte Sache ist. «Blaues Blut» ist laute Kluges Etymologischem Wörterbuch der Deutschen Sprache eine Übersetzung aus span. sangre azul als Kennzeichen für (reinen) Adel. Der Ausdruck ist ursprünglich aber eine spöttische Bezeichnung, variierend mit «besonders rotes Blut». Der ursprüngliche Ausdruck für «reines, adeliges Blut» war «gotisches Blut», das dann ausser Gebrauch kam, worauf das ursprünglich spöttische blaue Blut an seine Stelle trat.

Auch wenn Arbeiter «blau machen» ist das durchaus kein Grund zur Trauer. Für diesen Ausdruck gibt es übrigens mehrere Erklärungen: Kluge schreibt: «Die Ausdrücke blauer Montag und blau machen gehen auf den Brauch zurück, den Handwerksgesellen den Montag frei zu geben (die Bezeichnung als blauer Montag seit 1550). Blau war er wegen der Kirchenfarbe der damit verbundenen Quatember-Gedächtnismessen für verstorbene Mitglieder.» Alternativ gibt es die Erklärung (von Blechnermeister Hesselbach aus Heidelberg), dass «blau machen» von den Färbern kommt. Um einen Stoff blau zu färben, musste dieser ins Färbebad gelegt und dann zum Trocknen aufgehängt werden. Da die Farbe erst durch den Prozess des Trocknens blau wurde, klappte das nur, wenn das Wetter gut war. Wenn es regnete, trocknete der zu färbende Stoff nicht und daher wurde er nicht blau. Die Arbeiter konnten also nicht arbeiten und waren somit gezwungen, blau zu machen.

Blau kann auch schlecht sein

Die Frage also, die hier heute diskutiert werden soll ist, wie es dazu kam, dass ausgerechnet «blue» als Farbe der Melancholie, der leichten bis schweren Trauer gewählt wurde, und somit zum Sinnbild dieser Musik wurde, die wir so lieben.

Hat es beispielsweise mit dem «blauen Brief» zu tun, der Kündigung, nach deren Erhalt man arbeitslos ist und auf der Strasse sitzt, seine Familie nicht mehr ernähren kann und in den Rachen des sozialen Absturzes blickt? Ein «blauer Brief» ist auch das Schreiben der Schule, dass das Kind nicht in die nächste Klasse versetzt wird. Der blaue Brief bezieht sich tatsächlich auf die blaue Farbe der amtlichen Schreiben früherer Zeit. Allerdings bezweifle ich die Zuordnung, denn erstens ist fraglich, ob das amtliche Schreiben auch in den USA des späten neunzehnten Jahrhunderts, als der Begriff geprägt wurde, blau war und zweitens haben Schwarze Arbeiter dieser historischen Phase der „Reconstruction" keinen blauen Brief gekriegt, wenn ihnen gekündigt wurde, sondern der Vorarbeiter schmiss sie einfach raus. Abgesehen davon heisst der «blaue Brief» im amerikanischen Englisch «walking papers».

Dann gibt es natürlich die Bedeutung «betrunken», was man bekanntlich als «blau sein» bezeichnet. Diese Bedeutung stammt wohl aus «blau vor den Augen», «blau sehen» u.ä. (wofür wir heute «schwarz sehen» sagen), es bezeichnet also das Schwindelgefühl des Betrunkenen. Erneut gibt es hier den Einwand, dass betrunken sein auf Englisch nie «to be blue» hiess.

Wenn wir der Frage also auf den Grund gehen wollen, müssen wir im amerikanischen Englisch nach der Bedeutung von blau fragen. Und hier gibt es eine mögliche Lösung: Im amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) - auch Sezessionskrieg genannt - war die Uniform der Nordstaaten blau. Diejenige der Südstaaten war grau, bzw. ein Braunton, der «butterscotch» genannt wurde. Da der Blues aus den Südstaaten kommt, erscheint es plausibel, dass es die «blauen» Nordstaatler waren, die auf ihrem Vernichtungfeldzug nach Georgia unter der Führung von General William Tecumseh Sherman Trauer und Depression in den Süden brachte («Sherman's March to the Sea»). Wenn die Truppen der Nordstaaten auftauchten war das in den Südstaaten definitiv kein Grund zur Freude. Die systematische Zerstörung von Leben und Gütern, die Zerstörung von Infrastruktur wie Eisenbahnlinien und dergleichen lässt den Schluss zu, dass die Nordstaaten tatsächlich den Konföderierten den «Blues» brachten. Da die die Soldaten des Nordens natürlich immer in Massen auftraten, kann man zudem den häufig verwendeten Plural «these Blues» (etwas in John Lee Hookers «I'll never get out of these Blues alive») erklären.

Allerdings ist der Ausdruck «the Blues» für Melancholie sogar noch älter als der Bürgerkrieg: In Paul Tanners und Maurice Gerow Studie A Study of Jazz wird der US-Autor Washington Irving (Autor von The Legend of Sleepy Hollow) wird generell als der Urheber des Ausdrucks «blue» genannt. In Wikipedia wird sogar ein noch früherer Ursprung genannt: George Colman soll bereits 1798 einen Einakter verfasst haben mit dem Titel Blue Devils.

Wir finden also folgende Situation vor: Die Bedeutung «niedergeschlagen», «deprimiert» ist für «blue» belegt, lange bevor man den ersten Blues geschrieben hat (Ob das nun W.C. Handys St. Louis Blues von 1903 oder Hart Wands Dallas Blues von 1912 sei). Der Blues als eine deprimierende Situation ist ebenfalls belegt, aber es ist leider nicht möglich, die Herkunft von «blue» nachzuvollziehen.

Nach Beurteilung dieser Sachlage war es meiner Meinung nach also so, dass «blue» für «traurig» auf frühere Verwendung zurückgeht, dass sich diese isolierte Bedeutung aber verbreitete, als der Bürgerkrieg eine Gleichsetzung von «blau» (als Unformfarbe) und Zerstörung, Trauer etc. nahelegte. Denn obwohl die Sklaverei durch den Bürgerkrieg abgeschafft wurde (per «Emancipation Act», in Kraft seit dem 1. Januar 1863), brachte der Krieg doch auch die Zerstörung der bestehenden Ordnung und damit Unsicherheit und Existenzängste in die Herzen der Schwarzen Bevölkerung des Südens. Das Sprichwort «der Krieg ist der Vater aller Dinge» gilt somit auch für den Blues.

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