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Zeichen vom (Blues-)Himmel ...

Ein wahrer Fortsetzungsroman von Richard Koechli

Um Koechli war es tatsächlich schon wesentlich besser bestellt als damals, als er mutlos im Wald umherirrte und sich dabei verängstigt fühlte wie eine Schnecke. Was war passiert, und was hat dies alles mit Blues zu tun?? Hier der 3. Teil seiner wahren Fortsetzungsgeschichte:

Am Abend vor eben diesem frustrierten Sonntagsspaziergang war ich an einer kleinen CD-Release-Party als Special Guest-Musiker engagiert und spielte mit einem zusammengewürfelten Haufen von mehr oder weniger virtuosen Musiker/innen. Wir hatten Spass und Koechli fühlte sich gefordert, weil er eben nicht einfach mit etwas Blues und ein paar Slide-Licks seinen vertrauten Joker ausspielen konnte. Ich musste hellwach sein, meinen Platz im Bandsound suchen, und ich lernte an diesem Abend einen gestandenen, in der CH-Szene renommierten Jazz-Musiker kennen. Er war schon etwas älter, auf seinem Instrument sehr agil, virtuos, ausdrucksstark und stilistisch vielseitig. Mit ihm zu spielen war sehr inspirierend. Er wirkte reif, autoritär und doch bescheiden. Also alles höchst erfreulich. Wo um Gottes Willen liegt denn nun hier ein dramatisches Problem versteckt?? Well, nach dem Konzert kamen wir ins Gespräch und diskutierten über Gott und die (Musik-)Welt. Und da riss plötzlich – von beiden völlig unbeabsichtigt – eine dieser alten «Wunden» auf...

 

Es war dieser Graben zwischen der Blues- und der Jazz-Welt, der sich auftat. Ich bin mir fast sicher, dass es nur mein Problem war, dass mein Gegenüber davon nichts bemerkte. Aber ich blickte für einen kurzen Moment wieder in diesen «Abgrund», sah mein Verhältnis zum Jazz – und wurde schmerzlich daran erinnert: es ist ein ziemlich problematisches Verhältnis. Wo wir doch so nah beieinander sein könnten! Musikhistorisch ohnehin. Wir, der Jazz und der Blues, wir sind unzertrennbar miteinander verbunden. Unser Spirit, er ist praktisch identisch. Dieser glühend heisse Wunsch nach innerer Freiheit, persönlichem Klang und Ausdruck. Dieses ungestillte Bedürfnis nach der Einmaligkeit improvisierter Momente. Dieses Verliebtsein in die bezaubernde afro-amerikanische Seele der swingenden Rhythmen und schreienden Bluenotes. Wir könnten Brüder sein. Wir sind Brüder! Doch wir haben uns auseinandergelebt. Der Jazz ist längst zu einem intellektuell wie handwerklich übermächtigen und tausendfach überlegenen grossen Bruder geworden, der – Ausnahmen bestätigen die Regel – verständnisvoll bis arrogant lächelnd auf seinen kleinen, zurückgebliebenen Bruder hinunterschaut.

Er, der grosse Bruder, hat sich längst zum angesehenen instrumentalen Spitzensportler entwickelt, zum hochgebildeten Klang-Mathematiker mit Universitäts-Niveau und zertifiziertem Hochschul-Abschluss, zum wahrhaftigen – und deshalb jährlich mit staatlichen Förderungs-Geldern reich beschenkten – Künstler, der sich stets neu erfindet und mit dem Mut eines Revolutionären alle bisherigen populären Gesetze der Klang-Harmonie sowie der Hörpsychologie dekonstruiert. Im Vergleich dazu muss sich der kleine Bruder «Blues» zwangsläufig wie ein zurückgebliebener, starrköpfiger, ungebildeter, nostalgisch verklärter und archaisch-naiver Träumer vorkommen. Einer, der noch immer im seit 100 Jahren ausgetretenen Sandkasten dieser 12 Takte und drei Akkorde spielt, sich dabei wie ein Kind selbst vergisst und ebenso hartnäckig wie pathetisch mit ein paar wenigen Tönen versucht, der Stimme seines aufgewühlten Blutes zu folgen. Einer, der kaum erklären kann, warum er diesen oder jenen Ton spielt, und sich dazu auch gar keine Mühe gibt – wo das, was er spielt, doch so einfach wäre... Einer der sich mit den Sorgen, Nöten und Hörgewohnheiten des ordinären Volkes identifizieren kann – und sich somit auf das Niveau eines Folklore-Künstlers oder gar Schlagersängers begibt. Nein, sie kennen sich kaum mehr wirklich, die beiden Brüder. Obwohl sie aus praktischen Gründen von gewissen Veranstaltern und Medien heute sogar mehr denn je im gleichen Zuge genannt und vermarktet werden.

Das klingt überspitzt, geradezu dramatisch und vielleicht steckt hinter dieser Analyse ja nichts weiter als das Minderwertigkeits-Gefühl eines unzufriedenen Blues-Musikers? Ob sich diese Vermutung bewahrheitet und was die Geschichte sonst noch alles an Unerwartetem ans Tageslicht bringt – erfährt Ihr schon bald in der nächsten Folge ...

Bis dann grüsst Euch herzlich
Richard Koechli

www.richardkoechli.ch

 
 

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