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Das Zeichen

Richard Koechlis Geschichten und Betrachtungen haben uns über das ganze Jahr begleitet und amüsiert, aber auch zum Nachdenken angeregt. Hier ist der Schluss seiner Fortsetzungsgeschichte über die Zeichen vom (Blues)himmel. Viel Vergnügen beim Lesen:

… Mein Gegenüber, der ehrwürdige Jazz-Musiker lenkte das Thema plötzlich auf den aktuellen Zeitgeist und stellte seufzend fest: «Weisst du, heutzutage will sich jeder irgendwie musikalisch mitteilen, sobald er zwei oder drei Akkorde beherrscht und dazu ein paar Phrasen über persönliche Erlebnisse singen kann. Das war vielleicht früher zu Dylan's Zeiten neu und manchmal spannend, doch heute nervt das nur noch. Vor allem gibt es keinen Grund, solche Lieder öffentlich vorzutragen. Die Leute sollten erstmal ernsthaft an ihren instrumentalen und gesanglichen Fähigkeiten arbeiten und die Konzert-Bühne erst dann betreten, wenn eine gewisse Reife erreicht ist.»

baby_singt.jpgDas war eine gefährliche Falle und ich ging – vorerst ohne es zu bemerken – voll ins Netz. Ganz unrecht hatte er nicht, aber ich versuchte trotzdem vorsichtig, mit guten Argumenten zu kontern: «Im Grunde ist diese Tatsache doch erfreulich! Eine Kultur von Menschen, die sich über Musik mitteilen, kann nur gesund sein. Es muss nicht immer gleich alles hochentwickelte oder gar revolutionäre Kunst sein, es geht letztlich um die emotionale Tiefe und den kreativen Akt. Und je früher man sich vors Publikum wagt, desto besser; man muss früh lernen, mit diesem Druck umzugehen. Du als renommierter Musik-Pädagoge wirst mir da sicher beipflichten: ein einziges Konzert kann für die Entwicklung eines Musikers manchmal wertvoller sein als hundert Übungsstunden!»strassenmusiker.jpgIm Grunde war's das bereits. Mein Gegenüber munkelte noch was von «Ja OK, aber man kann das Vorspielen auch im privaten Familien-Kreis oder unter Freunden proben. Man muss dabei nicht gleich ins Fernsehen oder auf die Konzert-Bühne und dabei auch noch Eintrittsgeld verlangen». Die Diskussion war damit beendet. Ein völlig normaler Fall eines Meinungs-Austausches. Ich ging nach Hause – und bemerkte erst Stunden später, wie ich im Netz zappelte. Da war es wieder, dieses schneidende Schwert, und es traf mich mitten ins Herz. Denn es war letztlich auch ein Frontal-Angriff gegen den einfachen Folk- & Bluesman. Die allermeisten dieser Blues-Pioniere, die ich bewundere, entsprachen nämlich genau diesem Typ: Einfache Männer und Frauen wie du und ich, die sich selber ein paar Gitarren-Licks beibrachten, über sich und ihr Leben sangen, Spass hatten und so bald als möglich versuchten, am Strassenrand, in der Kneipe oder auf Tanzveranstaltungen damit ein paar Cents zu verdienen. Keinerlei musikalische Ausbildung, kein Diplom, kein Gesangs-Unterricht, kein instrumentaler oder intellektueller Spitzensport. Und doch legten diese Blues-Pioniere immerhin den Grundstein für unsere gesamte Rock- und Popkultur... Die hätten also allesamt besser zu Hause bleiben sollen!?? Die hätten wennschon alle erst mal eine angesehene Musik-Hochschule besuchen müssen, um sich die Berechtigung des Künstler-Berufs ehrlich zu erwerben??! Was ist das für ein grauenhaft elitäres Weltbild??!!

musikverboten.jpgUnd es traf auch mich, ganz direkt und an einer heiklen Stelle: Als Gitarrist bin ich nach all den Jahren mittlerweile mental einigermassen stark genug. Aber als Sänger?? Als Sänger stecke ich genau in jener ungeschützten Phase der Selbstfindung: eine unspektakuläre und nicht ausgebildete Stimme, die sich erst seit wenigen Jahren und in gut zwei Dutzend eigenen Liedern zu äussern wagt. Das ist wenig. Doch ich glaubte, es tun zu müssen. Ich glaubte daran, mich mit einer gehörigen masochistischen Energie in diese Höhle des Vokal-Löwen schmeissen zu müssen. Beim Singen ist dieser Glaube an die eigene Stimme ein absolutes Muss, um auf der Bühne bestehen zu können. Wenn der fehlt, bist du verloren, du wirst zur peinlichen Marionette, zum Karaoke-Sänger, du wirst dein Publikum keine Sekunde berühren können! Natürlich, dieser Glaube muss sich entwickeln, man muss dafür kämpfen, stur, eingebildet und wie ein überheblicher Schnösel. Genau wie Dylan damals. Aber in einer Kampf-Situation gibt es unerwartete Momente, in denen man plötzlich ungeschützt in ein Messer rennt. Genau so fühlte es sich an. Der mühsam erarbeitete Selbstwert als Sänger schien mit einem Schlag wie ein Kartenhaus zu zerfallen. Es braucht den Sänger Koechli und seine einfachen Lieder nicht wirklich, es war alles nur Illusion. Und eine Frechheit zudem, mit derart wenig Rüstzeug mich und meine Songs sogar zum Verkauf anzubieten. Wenn schon, dann hätte ich immerhin eine ordentliche Gesangs-Ausbildung mit Reifezeugnis durchlaufen müssen. Aber einfach so, selbstgemacht und auf gut Glück, schon fast wie ein Scharlatan? So geht das nicht! Aus der Sicht eines renommierten Jazz-Pädagogen muss das einer Schande gleichkommen. Und was, wenn er recht hat, dieser Pädagoge…?

Der langen Rede kurzer Sinn, und das – was für ein timing! – zur besten «heiligen» prime time: Jetzt wisst Ihr, weshalb der Koechli damals leer und mutlos im Wald umher mayakalender.jpgirrte. Er suchte ein Zeichen. Er suchte verzweifelt den verlorenen Blues. Er suchte seine eigene Stimme, seine Daseinsberechtigung als Sänger. Und die Leserschaft hier auf bluesnews.ch drängt mit berechtigter Ungeduld darauf, jetzt endlich das Ende der Geschichte dieses bedeutungsschwangeren Waldspaziergangs zu erfahren. Kam sie nun, die Offenbarung? Gab es nun dieses Zeichen aus dem Jenseits??

Ach was, ist doch alles Quatsch! Was sollen wir noch an göttliche Zeichen glauben? Wo wir doch am laufenden Band betrogen werden! Gerade eben jetzt wieder, mit dieser ganzen, kunstvoll inszenierten esoterischen Weltuntergangs-Lüge. Nun ist also auch der bislang ziemlich intakt gebliebene Ruf der Maya-Hochkultur beschädigt. Es gibt definitiv keine Propheten, keine Zeichen. Jenseitsglaube und Religion sind out. Es lebe die Realität dessen, was wir sehen und anfassen können. Und jetzt kommt dieser Koechli und beteuert mit verklärt-entrückter Miene: «Es gab tatsächlich dieses Zeichen!»

Ja. Sie kam, die – wenigstens für eine gewisse Zeit erlösende – Offenbarung. Sie kreuzte meinen Weg am Ende dieses sonntäglichen Spaziergangs. Und sie war echt. Keine Vision. Ich konnte sie sehen, ich konnte sie anfassen. Es ist die Wahrheit, nichts als die Wahrheit – ich pfadfinder.jpgschwöre es bei den Geistern sämtlicher verstorbener Blues-Legenden: Da lag sie vor mir, die Antwort. Ich entdeckte sie zufällig, unweit des Waldpfades, in der Nähe einer kleinen Feuerstelle. Im feuchten, wilden Gestrüpp lag zerknittert ein Papierfetzen. Ich bückte mich, öffnete ihn von Neugierde getrieben – und erstarrte sogleich. Da lag sie, die Antwort, die Überschrift zu meinem ganz persönlichen kleinen Drama. Es war die herausgerissene Seite aus irgend einem Gesangsbuch. Eine Gruppe von Pfadfindern oder Kirchenchor-Knaben musste hier wohl gelagert haben, um fröhliche Lieder anzustimmen, begleitet von einer vermutlich schrecklich verstimmten Schrammel-Gitarre. Auf dem Papierfetzen waren einige Gesangsnoten und klein geschriebene Textzeilen des ersten Verses. Das alles war völlig unwichtig für mich. Ich sah nur den Titel des Liedes, in grossen fetten Lettern gedruckt. Er war völlig aus dem ursprünglichen Zusammenhang gerissen, doch ich wusste, er war die Antwort. Dieser Titel war genau in diesem Moment ein Geschenk des Himmels, nur für mich alleine bestimmt: «SINGEN IST LEBEN» stand auf dem Zettel…

Banal? Vielleicht. Heile Welt? Und ob sie das urplötzlich war, meine Welt! Das Heil dauerte zwar nicht sehr lange an; Friede ist immer bloss temporär und es sollten für mich bald noch weit schlimmere Zeiten folgen. Doch das gehört nicht hierher, und eines ist gewiss: Dieses eine Zeichen immerhin kann mir niemand mehr nehmen. Und es gab weitere in meinem Leben. Sie haben Spuren hinterlassen und wirken als Gegengift. Den dunklen Mächten sind sie ein Dorn im Auge; Menschen, die an solche Zeichen glauben, sind für sie keine leichte Beute mehr …

Diese Kolumne möchte ich meinem inzwischen leider verstorbenen Freund Ruedi Imfeld widmen (er spielte hier in dieser Geschichte sogar eine Rolle, welche, möchte ich nicht verraten). Ruedi war ein aussergewöhnlich feinfühliger Mensch; ich wünsche ihm den ewigen Frieden!

Frohe Weihnachten, happy new year – und haltet die Augen offen, für alles was am Wegrand liegt. Es könnte eines dieser Zeichen sein …

Herzlich
Richard Koechli
www.richardkoechli.ch

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