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KokoTaylorNurAugen.png Nach dem Ableben von Koko Taylor vom 3. Juni wird erst allmählich klar, welches Loch ihr Tod hinterlassen hat. Mit der kleinen Frau ging eine grosse Sängerin verloren, und wer sie live gesehen hat, wird das bestimmt niemals vergessen. Koko Taylor (1928-2009), die «Queen of the Blues» trug ihren Titel zurecht, wenn sie mit grosse Souveränität und Stolz ihre Musik spielte. Gleichzeitig war sie eine weibliche Naturgewalt, eine Urmutter, dies von tief in ihrem Bauch einen Gesang hervorbrachte, der vielleicht nicht edel und wohlgeformt war, der aber eine unbändige Kraft und den Blues in reinster Form verkörperte. Koko Taylor gab stets alles und manchmal noch etwas mehr, sie liess sich mit allem, was sie hatte, auf einen Song ein und brachte ihn über die Bühne oder ins Mischpult, als gäbe es nichts anderes auf der Welt. Bluesnews.ch würdigt die Musik der Königin, die nie eine «Grande Dame» war, die aber ein Blueslokal oder eine Konzertbühne in der Hand halten konnte, als wäre es nichts, und die Swing hatte, dieses gewisse musikalische Extra.

 

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Koko Taylor war in gewissem Sinn eine emanzipierte Blues-Sängerin. Nicht nur nannte sie in ihren Songs die Dinge beim Namen, sie sang mit derselben Härte wie andere Chicago-Bluesmen, und dies hebt sie heraus aus den anderen Blueserinnen. Während Blues-Sängerinnen ihrer Generation wie Alberta Hunter, Dinah Washington, Etta James oder Fontella Bass aus der Vaudeville-Traiditon kommen und einen perfekt polierten Blues singen, ist der Blues von Koko Taylor roh und ungehobelt, musikalisch harter Chicago-Blues. Sie spielte eben kein Vaudeville, machte gerade keine Anleihen beim Jazz. In dieser Hinsicht war sie die Nachfolgerin von Big Mama Thornton und Bessie Smith. Zu den von ihr beeinflussten Blues-Damen zählen mindestens Shemekia Copeland und Janis Joplin.

Selbstverständlich gab es männliche Hilfe in ihrer Karriere. Sie erfuhr diese stets durch Männer, die von ihren Fähigkeiten begeistert waren und die ihr den musikalischen Raum einräumten, den sie benötigte. Da ist zunächst Willie Dixon zu nennen, der 1962 die 34jährige dazu überredete, seinen Song Wang Dang Doodle zu singen, den Dixon ursprünglich für The Howlin' Wolf geschrieben hatte, der aber für Taylor zum Superhit wurde. 1965 erhielt sie ihren ersten Plattenvertrag von «Chess Records», aber zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits Jahre der Erfahrung in Chicago gesammelt.

Koko Taylor beschreibt den Erfolg von Wang Dang Doodle in Willie Dixons Biographie I Am The Blues mit folgenden Worten: «Wang Dang Doodle was almost like a miracle record. They gave Dixon a sample copy and they had this Deejay on WVON at night called Pervis Spann who could play almost anything. Dixon took Wang Dang Doodle over there and gave it to Spann. Spann started getting so many phone that Dixon told him: «we gotta do something with this now. This tune is hot as july jam.» Leonard Chess was the owner of WVON at the time so it wasn't a problem getting played it he said play it. Sure enough, Leonard Chess told Spann to play it for three days and so many orders came for it he had to press it just like popping your fingers. Before I know anything they said, they had sold 100,000 copies right in Chicago». (=> «Wang Dang Doodle war wie ein Wunder. Sie gaben Willie Dixon einen Vorabdruck und da gab es nachts diesen DJ bei der Radiostation WVON namens Pervis Spann, der praktisch alles spielen konnte. Dixon gab sie ihm und dann kamen so viel Anrufe rein dass Dixon sagte: «Wir müssen was tun, dieser Song ist heiss wie Marmelade im Juli». WVON gehörte damals Leonard Chess und deshalb war es kein Problem, den Songs gespielt zu kriegen und Chess sagte, Spann soll ihn drei Tage lang spielen. Und in der Tat: so viele Bestellungen kamen rein, dass er ununterbrochen Pressungen machen lassen musste. Ehe man es sich versah, hatten sie nur hier in Chicago 100'000 Singles verkauft.»)

Anfang der 1970er Jahre wurde Bruce Iglauer (1947-) aufmerksam auf Koko Taylor, die er 1972 am «Ann Arbor Blues and Jazz Festival» hörte (und die auf dem von Iglauer veröffentlichten Festivalmitschnitt zu hören ist) und 1975 ging unterschrieb sie bei seinem neu gegründeten Label «Alligator Records», dem sie von da an treu blieb. Taylor hatte 1975 den ersten Hit des Labels mit I Got What It Takes, der auch für den Grammy nominiert wurde.

Mit Alligator nahm Taylor in der Folge 10 Alben auf, deren jüngstes, Old School offenbar ein Versuch ist, zu ihren musikalischen Wurzeln zurückzukehren. Die Bluesnews-Redaktion hat das Album noch nicht gehört.

Koko Taylors musikalisches Schaffen soll anhand von vier CDs gewürdigt werden, die die königliche, aber auch die schier übermenschliche Kraft dieser Frau bezeugen. Chronologisch beginnt diese Auswahl mit dem Studioalbum The Earthshaker von 1978 mit Pinetop Perkins an den Tasten, das Live-Album An Audience with the Queen - Live from Chicago von 1987, und von ihren jüngeren Alben Force of Nature (1993) sowie das mit Gast-Auftritten gespickte Royal Blues (2000).

Auf all diesen Alben gibt es eine gleichmässige Mischung von Cover-Songs (Hound Dog, Hey Bartender, Let the Good Times Roll, Spoonful, I'm a Man) und auf ihre Persönlichkeit zugeschnittene Kompositionen (The Man Next Door, Old Woman, Mother Nature, 63 Year Old Mama, Don't Put Your Hands on Me). Die Auswahl an Covers ist eine Hommage an die Tradition, sehr viel aus dem Kanon Willie Dixons wird gespielt, aber diese Songs bergen aber auch Überraschendes, etwa Melissa Etheridges Bring Me Some Water, ein Duett mit Kenny Wayne Shepherd. Daneben gibt es Covers von Originalen von Ray Charles (But On the Other Hand).

Die mit ihrem Alter spielenden Songs sind getränkt mit sexuellen Anspielungen und eindeutigen Aussagen: «I'm your 63 Years old Mama, feel like I'm 21 [...] There may be snow on the mountain, but there's fire under the hills [...] If you rode my pony, I want you from sun to sun.» «I'm an old woman, built on a young woman's frame, the call me the Jaguar, ‘cause the ride just ain't the same». Die Frau hatte Spass am Leben und sie wusste, was sie wollte, und dadurch wird Koko Taylor sexy. Sie ist selbstbewusst, sie steht mit beiden Beinen auf der Erde und diese Verwurzelung bringt ihrem Blues eine weibliche und sexy Power, ohne anzüglich oder schlüpfrig zu wirken. Dazu passt auch, dass sie auf An Audience with the Queen Muddy Water's Super-Macho-Song I'm a Man schlicht und geistreich umdreht zu I'm a Woman.

Die Arrangements konnten ruhig fett sein, kreischende Gitarren, auch gerne eine Orgel, aber der Chicago-Tradition folgend, setzte sie keine Bläser ein, höchstens eine Harmonica oder ein Saxophon, aber auch im Duo The Man Next Door mit Keb' Mo' an der Dobro und Harmonica spielte Taylor eine souveräne Rolle. Und wenn sie singt «Keb' Mo', where have you been all my life, we go together like red beans, New Orleans (?) rice». In der Regel aber ist sie in der West Side verwurzelt, mit vibrierenden und verzerrten Gitarren und fetten Schlagzeug-Parts.

Auf dem Live-Album wird sie begleitet von Eddie King (g) und Michael «Mr. Dynamite» Robinson(g) sowie dem Rhythmus-Duo Jerry Murphy (b) und Clyde «Youngblood» Tyler (dr), und diese Aufnahme ist ein schöner Live-Mitschnitt, in dem klar wird wie sehr sich Taylor reinhängte, um jeden Song jedes Mal wieder speziell klingen zu lassen. Koko Taylor war tief in der Tradition des Blues verwurzelt, sie hat ihren eigenen Weg und ihre eigene Stimme gefunden, und sie hatte eine erfolgreiche Karriere von fast 50 Jahren mit harter Arbeit und rastlosen Tourneen, und sie war eine wunderbare Botschafterin des Blues. Schade ist ihre gewaltige Stimme verstummt.

 

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