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Chuck Berrys Vermächtnis

ChuckBerryChuckCDCoverEin Vierteljahr nach seinem Tod erscheint Chuck Berrys letztes Album: «Chuck». Es ist nicht etwa eine rasch zusammengenagelte, aufgehübschte Sammlung seiner erfolgreichsten Titel, mit der noch mal mit viel Werbe-Tamtam tüchtig Umsatz gemacht werden soll, sondern sein Vermächtnis, mit dem er sich verabschieden wollte. Er hatte seit 1980 daran gearbeitet und konnte es auch komplett zu Ende bringen. Im Oktober 2016, anlässlich seines neunzigsten Geburtstags, hatte er die Fertigstellung des Albums bekannt gegeben und es seiner Frau Themetta mit den Worten: «My darlin’ I’m growing old! I’ve worked on this record for a long time. Now I can hang up my shoes» gewidmet. Tatsächlich ist es sein erstes Album nach dem 1979 erschienenen «Rock It».

Kurz nach dessen Erscheinen begann Berry mit den Arbeiten an einer neuen CD, aufgenommen grösstenteils in Chuck Berrys privatem Studio. Leider brannte dieses 1989 komplett aus und sämtliche Aufnahmen wurden dabei zerstört. Praktisch die gesamte Arbeit von zehn Jahren war vernichtet. So musste Berry, nach zwei Jahren Wiederaufbau, von vorne beginnen.

Dabei waren seine beiden Kinder Charles Berry Jr. und Ingrid Berry, sowie seine langjährigen Weggefährten Jimmy Marsala, Robert Lohr und Keith Robinson. Es sind die Musiker, mit welchen Chuck seit den späten Siebzigerjahren bis 2014 jeden Monat einmal in Joe Edward’s restaurant and music club in seinem geliebten St. Louis zusammen spielte. Als Gastmusiker sind ausserdem sein Enkel Charles Berry III, Gary Clark Jr., Tom Morello, Nathaniel Ratecliff, Debra Dobkin, Jeremy Lutito und The New Respects zu hören.

Zehn Titel sind es geworden, teils stammen sie aus den Achtzigerjahren und wurden bisher nie veröffentlicht, teils sind es Cover Versionen seiner eigenen Songs. Es geht um Erinnerung, Liebe und Vergänglichkeit. Da ist zunächst die Liebeserklärung an seine Frau, mit der er 68 Jahre lang verheiratet war, eine Ewigkeit, besonders für Stars aus dem Showbusiness: Lady Be Goode erzählt im musikalischen Gewand seines autobiographischen und wohl berühmtesten Songs Johnny B. Goode die Situation aus der weiblichen Sicht der Dinge. Der Song handelt von der «Frau an seiner Seite», die mit seinem Erfolg und Ruhm zurechtkommen muss, da sie ihn kaum noch sieht. Ebenfalls seiner Frau gewidmet ist das rockige Eröffnungsstück Wonderful woman, welches die erste Begegnung der beiden schildert.

Jamaica Moon ist eine Neuauflage seines Havanna Moon und macht weder musikalisch noch inhaltlich viel Eindruck. Dagegen Enchiladas. Hier erinnert er sich im Dreivierteltakt an Wein, Weib und Gesang, an seine wilden Zeiten, seine Träume, aber auch an seine Vergänglichkeit, die er so ausdrückt: «I love what I’m doin’, I hope it don't end too soon!».  Auch im zärtlichen und berührenden Darlin’, das er im Duett mit seiner Tochter Ingrid singt, geht es um sein fortgeschrittenes Alter. Er bittet sie, ihren Kopf an seine Schulter zu legen und erzählt davon, wie rasch doch alles vorbeigeht:

«There has been many sundown that I have seen, come by
Since you were just sweet sixteen, and I
I have played these same songs of yesterday, oh my
How the time has passed away.»

Und am Schluss:

«The good times come but not to stay. You’ll find
Time will take them fast away.»

Seine Qualität als Erzähler beweist er auch im Song Dutchman, in dem er im Sprechgesang die Geschichte eines Musikers und seiner unerfüllten Liebe in dreieinhalb Minuten packt. Grossartig! Ganz im Stil seiner ersten Songs, die seinen Aufstieg einleiteten, kommt Big Boys daher, in welchem er sozusagen weit in Johnnys Vergangenheit zurückkehrt, als dieser den Anschluss an die Welt der Angesagten suchte – und fand.

Einen Ausflug ins «Great American Songbook» unternimmt er mit einem Song, den schon so ziemlich alles grossen amerikanischen Sänger und Sängerinnen in ihren Repertoires hatten: You go to my head.

Zusammengefasst ist es ein reifes Werk, das Berry zurücklässt. Musikalisch vielseitig und mit interessanten Songs, einer erstaunlich jungen Stimme und dem unverkennbaren Gitarrenstil des Mannes, der den Rock’n’Roll zwar nicht erfunden hat, aber sein wohl wichtigster Botschafter war und wesentlich dazu beigetragen hat, ihn nicht nur in die Welt, sondern sogar weit in den Weltraum zu tragen.

Chuck Berry – Chuck (2017), Universal

1. Wonderful Woman
2. Big Boys
3. You Go To My Head
4. 3/4 Time (Enchiladas)
5. Darlin’
6. Lady B. Goode
7. She Still Loves You
8. Jamaica Moon
9. Dutchman
19. Eyes Of Man

Chuck Berry (git, voc)

The Blueberry Hill Band
Robert Lohr (p)
Jimmy Marsala  (bs)
Keith Robinson (dr)

Weiter Musiker
Charles Berry Jr. (git)
Charles Berry III (git)
Ingrid Berry (hca, voc)
Tom Morello (git auf «Big Boys»)
Nathaniel Rateliff (git auf «Big Boys»)
Gary Clark, Jr. (git auf «Wonderful Woman»)

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