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Die Zeitkapsel

MoodyBluesInSearchOfTheLostChordCDCoverZeitreisen sind etwas Alltägliches! Auch wenn die Science-Fiction genussvoll an Zeitreisen herumrätseln mag, im Alltag sind sie keine Besonderheit: Ein Geruch transportiert uns in die Vergangenheit, eine Farbkombination trägt uns ans andere Ende der Welt, ein Geräusch kann in unserem Kopf längst vergangene Welten wieder entstehen lassen. Die britische Band The Moody Blues veröffentlichte zum fünfzigsten Jahrestag der Erstpublikation 2018 im vergangenen November eine Deluxe-Edition ihres dritten Albums In Search of the Lost Chord. Die Band – deren bekanntester Hit Nights in White Satin nicht auf diesem Album ist – steht für eine spezifische Variante der Rockmusik in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren, bei der Rock-Musik mit Klangfülle und Klangvielfalt des Symphonieorchesters kombiniert werden. In Search of the Lost Chord ist als Paradebeispiel eine wahre Zeitmaschine, denn für jene, die das erlebt haben, transportiert dieser Sound zurück in eine längst vergangene Zeit und für jene, die das nie gehört haben, ist es eine zugängliche und anregende Möglichkeit, sich auf die Musik einer anderen Zeit einzulassen.

Man muss etwas weiter ausholen: Die Band The Moody Blues existiert noch heute, bzw. sie existiert wieder. Mit Schlagzeuger Graeme Edge, Gitarrist Justin Hayward und Bassist John Lodge sind ein Gründungsmitglied und zwei seit immerhin 1966 im Lineup vertretene Veteranen am Start. Mitbegründer, Flötist und Sänger Ray Thomas (1941–2018) ist verstorben. Vor seinem Tod scheint er aber am Relaunch der ursprünglich aus Birmingham in Nordengland stammenden Band 2017 nicht mehr beteiligt gewesen zu sein. Davor war die Band bis 1992 aktiv, aber die grosse Zeit von Moody Blues war nach dem ersten Personalwechsel 1967 bis 1973, als die Band eine Pause machte und einzelne Mitglieder Soloprojekte verfolgten. In den sieben Jahren bis 1973 veröffentliche die Band sieben Alben, angefangen mit dem epochemachenden Days of Future Passed von 1967. Das hier als Deluxe-Neuausgabe vorliegende Album stammt aus dem Folgejahr, unterscheidet sich aber von Days… wesentlich: War jenes Album mit einem Orchester aufgenommen, so spielten die Bandmitglieder hier alle Instrumente selbst – und laut Wikipedia gibt es 33 verschiedene zu hören. Herausgekommen ist ein Album, das ein Repräsentant seiner Zeit ist, auf Augenhöhe mit St. Pepper’s Lonely Hearts Club Band oder The Dark Side of the Moon, die ebenso Konzeptalben der späten 1960er Jahre sind. Der Namensteil «Blues» im Bandnamen ist – um das klar zu machen – reine Dekoration: The Moody Blues spielen keinen Blues.

Die späten 1960er und die frühen 1970er Jahre werden in der Populärkultur leider auf weite Hosen (Bell Bottoms) und schrille Tapeten reduziert. Doch was diese Zeit ausmacht, wird zumeist nicht hinterfragt. Die schrillen Tapeten mit kubistischen Mustern waren zum einen Zeugnis einer Multikulturalität, bei der man fremde Einflüsse verarbeitete, und zum anderen erst möglich durch den technischen Fortschritt – in diesem Fall in Tapetendruckereien. Und diese zwei Merkmale dieser Periode der Menschheitsgeschichte im sogenannten «Freien Westen» finden sich auch auf In Search of the Lost Chord. Die Musik des Albums sucht Neuland, entdeckt Neues auf der Basis des Vertrauten. Und sie nutzt die frisch verfügbaren technischen Neuerungen aus.

MoodyBluesBandPromoFarbeDas Albumcover, gestaltet von Phil Travers, schreit sein Entstehungsjahr förmlich heraus: Klaus Voormanns Cover zum Beatles-Album Revolver von 1966 und Aquarell-Poster der 70er Jahre scheinen hier gleichermassen Pate gestanden zu sein. Der Titel des Albums In Search of the Lost Chord erhebt ebenso wie jener des Vorgängers Days of Future Passed oder des Nachfolgers On the Threshold of a Dream bedeutungsschwanger einen grossen Anspruch. Die Vorstellung eines «verlorenen Akkords» ist bei genauerem Überlegen vielleicht nicht aufrecht zu erhalten, aber es klingt cool (Angeblich sei der Titel eine Verneigung vor Jimmy Durantes Titel I’m The Guy That Found The Lost Chord):

Die Neugier auf das Fremde ist im Titel Om besonders plakativ, aber auch Dr. Livingstone, I presume deutet ja auf das Fremde, das Unbekannte hin. Der historische David Livingstone (1813–1873) galt als verschollen, Journalist Henry Morton Stanley fand ihn 1871 in Tansania und sprach ihn angeblich mit der hier im Songtitel verwendeten Zeile an, was sprichwörtlich als Innbegriff des beherrschten britischen Temperaments gilt. Die Thematik des Konzeptallbums ist die Entdeckung und die Suche nach Neuem.

Die Zeit der Entstehung hinterliess ihren Abdruck aber nicht nur in solchen Äusserlichkeiten. Musikalisch macht sich die Band die technischen Möglichkeiten der Zeit zu Nutzen: Mehrspur-Aufnahmetechnik hiess das Zauberwort. Mit dieser Technik konnte man fast schon beliebig viele Spuren nebeneinanderlegen, und das Album klingt daher sehr üppig. Flötenmusik war immer ein Teil des Sounds der Band gewesen, und sie ist sehr stimmig in das akustische Gewebe der Lieder eingearbeitet, die Gewebe sind einfach sehr dicht.

Die Musik der Band baut auf ein weiches und rollendes Schlagzeug auf, Auch Perkussions-Instrumente wie Tamburine oder Schellenringe prägen den Sound. Die Stimmen scheinen generell mit viel Hall in Watte gepackt. Und dazwischen die Spuren der Begleitung, Gitarren und als grosse Neuerung das Mellotron, die erste Sample-Technik. Aber die Band setzt auch Tabla, Autoharp, Cembalo und die Sitar ein. Das Ganze ergibt Songs, die mit harmonischen Spannungen arbeiten, die aus der Klassik (oder der Indischen Musik) übernommen sind, und die dann mit einem praktisch immer mehrstimmigen Gesang angereichert werden. Dazwischen gibt es gesprochene Passagen, hier etwa The Word und Departure.

Im Bereich der grossen Bands der 1960er Jahre nimmt The Moody Blues insofern eine Sonderstellung ein, als sie mit ihrem klaren Hang zur Klassik die Genregrenzen wohltuend und spannend einreissen. Von heutigen Hörgewohnheiten unterscheidet sich ihre Musik durch eine harmonische Vielfalt und die Absenz eines «Beats». Die Musik wabert stärker, ist unbestimmter, und das lässt beim Zuhören Raum für Phantasie. Dies ist Musik für Interessierte mit Vorbildung (wobei man nicht wissen muss, wer Livingstone war, um den Song zu verstehen) und Neugier. Es ist Musik, die aufmerksames und mehrfaches Zuhören belohnt – schon das zeigt, wie unzeitgemäss sie im Kern ist.

Die Deluxe-Edition besteht aus 3 Musik-CDs und 2 DVDs. Eine CD enthält die original-Stereo-Version, die andere eine neue Stereo-Abmischung. Die «Sensationen» sind eine unveröffentlichte Mono-Version von Legend of a Mind, eine auf CD nicht veröffentliche Fassung von Ride My See Saw und auf der Dritten CD Mitschnitte mehrerer Stücke für Sendungen des BBC Radios. Die eine DVD enthält eine 24 Bit/5.1 Surround-Sound Version des Albums und die zweite zeigt TV-Auftritte der Band bei der BBC und dem französischen ORTF aus dem Jahr 1968. Und selbstverständlich gibt es das Paket auch mit Vinyl-Version der Musik. Dazu gibt es jede Menge Box-Candy. Somit scheint die Publikation mehr für Fans der Band gedacht als für musikalische Entdeckerinnen und Entdecker, die sich in ungewohnte Klänge einhören möchten, denn die dritte Fassung von Timothy Leary is Dead ist nur noch für Sammler spannend, zu wenig unterscheiden sich die Fassungen voneinander.

CD Disk 1

 

1.

Departure

0:46

2.

Ride My See-Saw

3:39

3.

Dr. Livingstone I Presume

2:58

4.

House Of Four Doors

4:13

5.

Legend Of A Mind

6:36

6.

House Of Four Doors

1:47

7.

Voices In The Sky

3:29

8.

The Best Way To Travel

3:15

9.

Visions Of Paradise

4:16

10.

The Actor

4:39

11.

The Word

0:49

12.

Om

5:50

13.

Voices In The Sky

3:28

14.

Dr Livingstone I Presume

2:50

15.

Ride My See-Saw

3:46

16.

A Simple Game

3:47

17.

Legend Of A Mind

6:41

CD Disk 2

 

1.

Departure

0:46

2.

Ride My See-Saw

3:40

3.

Dr. Livingstone I Presume

2:57

4.

House Of Four Doors

4:13

5.

Legend Of A Mind

6:37

6.

House Of Four Doors (Part 2)

1:48

7.

Voices In The Sky

3:31

8.

The Best Way To Travel

3:13

9.

Visions Of Paradise

4:13

10.

The Actor

4:57

11.

The Word

0:49

12.

Om

5:48

13.

A Simple Game

3:44

CD Disk 3

 

1.

Dr. Livingstone I Presume (BBC Radio One "Top Gear" Session / 1968)

2:58

2.

Voices In The Sky (BBC Radio One "Top Gear" Session / 1968)

3:52

3.

The Best Way To Travel (BBC Radio One "Top Gear" Session / 1968)

3:38

4.

Ride My See-Saw (BBC Radio One "Top Gear" Session / 1968)

3:49

5.

Tuesday Afternoon (BBC Radio One "Top Gear" Session / 1968)

3:23

6.

Departure - Mixed at Decca Studios West Hampstead in September 1968

0:53

7.

The Best Way To Travel - Mixed at Decca Studios West Hampstead in September 1968

4:02

8.

Legend Of A Mind - Mixed at Decca Studios West Hampstead in September 1968

6:44

9.

Visions Of Paradise - Mixed at Decca Studios West Hampstead in September 1968

4:29

10.

The Word - Mixed at Decca Studios West Hampstead in September 1968

1:01

11.

Om - Mixed at Decca Studios West Hampstead in September 1968

6:07

12.

King And Queen - Mixed at Decca Studios West Hampstead in September 1968

3:53

13.

Gimme A Little Somethin' - Mixed at Decca Studios West Hampstead in September 1968

3:11

14.

What Am I Doing Here - Mixed at Decca Studios West Hampstead in September 1968

3:53

15.

A Simple Game - Mixed at Decca Studios West Hampstead in September 1968

3:26

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