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Dem Himmel so nah

ReeseWynansSweetReleaseCDCoverReese Wynans ist vielen Blues-Liebhabern noch immer bekannt als der Keyboarder, der in der letzten Phase der Karriere von Stevie Ray Vaughan (1954–1990) aus der Begleitband Double Trouble effektiv ein «Triple Trouble» machte. Seine Begleitungen auf Vaughans Alben Soul to Soul und In Step waren klare Bereicherungen des wilden Texaners. ­Inzwischen spielt Wynans zusammen mit Joe Bonamassa in dessen Tourband, und als solcher war er auch in Zürich dieses Jahr schon zu hören (hier geht’s zur Konzertkritik). Nun hat Reese Wynans ein Album herausgebracht, bei dem er der Headliner ist, und das sein momentaner «Arbeitgeber» Joe Bonamassa produziert hat: Sweet Release mit 13 Titeln, auf denen alle möglichen Stars sich ein Stelldichein geben, und ein Bisschen Tribute für SRV singen und spielen, aber auch weitere Songs. Ein sehr ansprechendes Album, das dennoch spezifische Fragen nach der dem Sinn von solcher Tribute-Arbeit aufwirft.

 

Für sämtliche Covers von Stevie Ray Vaughan wurden die Mitglieder von dessen Rhythmusgruppe, Bassist Tommy Shannon und Schlagzeuger Chris Layton aufgeboten, und diese Titel sind alle gute und dem Original so es eben geht gerecht werdende Fassungen. Daneben spielt Wynans Titel aus seiner musikalischen Karriere vor der Zeit, als er nämlich in der Band Second Coming gemeinsam mit Dickey Betts und Berry Oakley die Tasten bediente. Als Duane Allman aus diesen Musikern die Allman Brothers Band formte, musste Wynans gehen, da Duanes Bruder Gregg Allman die Tasten übernahm. Wäre er geblieben, hätten die Allman Brothers nicht nur zwei Gitarristen und zwei Schlagzeuger gehabt, sondern auch zwei Keyboarder! Auch aus dieser Phase spielt er gewisse Titel, namentlich der Titelsong, eine Komposition von Boz Scaggs und Take the Time, ein wunderbar lyrischer Titel mit starkem Southern Rock-Feeling.

Die Liste der Gastauftritte, die sich hinter der Sammelbezeichnung «& Friends» verbirgt, ist ein wahres Who is Who des Bluesrock. Zumeist als Sänger oder Gitarristen sind u.a. zu hören: Warren Haynes, Sam Moore (von Sam & Dave), Bonnie Bramlett, Jimmy Hall (von Wet Willie), Kenny Wayne Shepherd, Josh Smith und natürlich Joe Bonamassa selbst, der es sich nicht nehmen liess, eines der Soli auf Riviera Paradise zu spielen. Das Album macht Spass anzuhören und es ist vielseitig, weil Reese Wynans eben nicht nur SRV ist, sondern mehr zu bieten hat. So sticht etwa Tampa Reds Komposition I've Got A Right To Be Blue heraus, das Keb’ Mo’ singt, und das nur von Wynans begleitet wird. Der letzte Titel, die Beatles-Komposition Blackbird, wird als instrumentales Piano-Solo von Wynans meisterlich eingespielt.

Doch in einem weitergehenden Gedanken bietet sich dieses Album an, um ein spezielles Phänomen zu erörtern: eine musikalische Verneigung, welche SEHR weit geht. Was Joe Bonamassa wie auch Kenny Wayne Shepherd auf diesem Album tun, ist nicht ungewöhnlich, aber speziell: sie covern Titel ihres erklärten musikalischen Helden – Stevie Ray Vaughan – mit denselben Musikern, mit denen schon die Originalaufnahmen entstanden sind. Somit schlüpfen Joe Bonamassa und Kenny Wayne Shepherd für die Aufnahmen von Hard To Be, Crossfire, Say What! und vor allem Riviera Paradise in die seit dreissig Jahren leerstehenden Stiefel des Texananers. Was bei diesen Aufnahmen geschieht, ist dass die Musiker ihren persönlichen Stil und ihre Ausdruckskraft versuchen, in eine Imitation zu stecken, was manchen gut gefallen kann, andere aber scheusslich finden. Die grosse Ausnahme ist Hard to Be, das SRV gemeinsam mit seinem Bruder Jimmie Vaughan auf Family Style veröffentlichte, und bei dem auch nicht Shannon und Layton die Rhythm Section bilden. Die R’n’B-Nummer mit Bläsersatz wird hier deutlich aufgemotzt, Bonamassa spielt eine Bariton-Gitarre. Die anderen Titel aber sind den Originalen ausgesprochen ähnlich.

Weitere Beispiele dieser Herangehensweisen sind die Aufnahmen Gary Moores, der sich in den 1990ern mit Jack Bruce und Ginger Baker zusammentat und die «Band» BBM gründete, mit der er seinem Vorbild Cream so nahe kam wie irgend möglich. In all diesen Versionen der Songs passiert dasselbe: Die Musiker verwandeln sich von eigenständigen Musikern zurück in die Teenager, die sie mal waren, als sie ein Solo Note für Note nachspielten oder dies zumindest versuchen. Dabei wird die Kreativität zugunsten der Originalgetreue aufgegeben, und der Musiker oder die Musikerin geben sich als selbst musizierende Fans zu erkennen.

Eine solche Version unterscheidet sich von einem Cover, denn im Cover versucht eine Band etwas zu erschaffen, was es schon einmal gab – aber in ihren eigenen Möglichkeiten. Nehmen wir Robert Palmer, der die Soul-Klassiker Mercy Mercy Me, Mess Around und I’ll Be Your Baby Tonight neu auflegte, und der dem Original sehr nahe kam, aber dennoch ein Cover vorlegte – mit eigener Band. So gibt es auch ein Tribute-Album für Stevie Ray Vaughan, nämlich Crossfire – A Salute to Stevie Ray Vaughan, auf der Stanley Jordan Riviera Paradise spielte und Walter Trout seine Fassung von Say What! aufnahm. Letztere ist dem Original sehr nahe, aber Trout bleibt dennoch Trout, während Moore, Shepherd oder Bonamassa sich beinahe schon als Eric Clapton, bzw. Stevie Ray Vaughan ausgeben.

Um das klar zu stellen: nicht, dass irgendetwas mit dieser getreulichen Version von Covern nicht in Ordnung ist, man muss sich bloss bewusst sein, wie Umstände der Einspielung sind, und bei Sweet Release von Reese Wynans & Friends ist es eine bunte Mischung von originalgetreuen und freieren Interpretationen. Das macht die CD hörenswert, zudem konnten Kenny Wayne Shepherd und Joe Bonamassa ihren «Bubentraum» ausleben. Wenn das keine Win-Win-Situation ist.

1.

Crossfire

5:06

   Sam Moore (voc), Kenny Wayne Shepherd (git)

2.

Say What!

5:50

   Kenny Wayne Shepherd (git)

3.

That Driving Beat

3:46

   Josh Smith (git), Jack Pearson (git), Greg Morrow (dr), Michael Rhodes (bs)

4.

You're Killing My Love

5:47

   Doyle Bramhall II (git), Lamar Carter (dr), Travis Carlton (bs)

5.

Sweet Release

7:00

   Joe Bonamassa, Josh Smith (git), Greg Morrow (dr), Michael Rhodes (bs), Paulie Cerra, Keb’Mo’, Mike Farris, Jimmy Hall, Bonnie Bramlett, Vince Gill, Warren Haynes (voc).

6.

Shape I'm In

4:29

   Kenny Wayne Shepherd (git), Noah Hunt (voc).

7.

Hard To Be

5:25

   Bonnie Bramlett, Jimmy Hall (voc), Joe Bonamassa, Josh Smith (git), Greg Morrow (dr), Michael Rhodes (bs)

8.

Riviera Paradise

7:25

   Kenny Wayne Shepherd, Joe Bonamassa(git)

9.

Take The Time

5:18

   Warren Haynes (voc, git), Joe Bonamassa (git), Greg Morrow (dr), Michael Rhodes (bs)

10.

So Much Trouble

5:24

   Joe Bonamassa (voc, git), Jack Pearson (git), Greg Morrow (dr), Michael Rhodes (bs)

11.

I've Got A Right To Be Blue

4:48

   Reese Wynans (keyb), Keb’ Mo’ (git, voc)

12.

Soul Island

6:38

   Lamar Carter (dr), Travis Carlton (bs), Josh Smith (git), Jack Pearson (git)

13.

Blackbird

3:43

   Reese Wynans (Flügel)

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