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Ein Hauch von Jahrmarkt liegt über dem hübschen Marktplatz von Eutin, der Kreisstadt im Osten Schleswig-Holsteins. Es duftet nach allerlei deftigen und süssen Leckereien aus den Ständen vor der Häuserzeile aus Fachwerkhäusern und klassizistischen Bauten, die den historischen Marktplatz säumen. Mitten drin steht die Bühne, um die sich seit 1989 vier Tage lang alles um das Internationale Bluesfest Eutin dreht. Jeweils um 13 Uhr beginnt das Spektakel und bringt bis 23 Uhr vier bis fünf Bands auf die Bühne. Ab 23.30 Uhr verlagern sich die Aktivitäten ins Theater am Schloss, wo es mit dem Nightfestival mit offenem Ende weiter geht. Das Bluesfest ist eine gelungene Mischung aus Musikfestival und Volksfest: anspruchsvoll genug, um Bluesfreunde anzulocken und doch auch für Leute interessant, die bloss ein paar Stunden Spass bei guter Musik erleben möchten. Der Anlass lockt jährlich rund 15‘000 Besucher an, der Eintritt ist frei. Träger des Festivals ist der Verein Baltic Blues e.V. Ein besonderes Merkmal ist die Konzentration auf Musiker aus dem baltischen Raum und Skandinavien, wobei es den Veranstaltern um Helge Nickel und Barbara Block wichtig ist, neue Gesichter vorzustellen. Es gibt aber auch immer etablierte Künstler zu erleben. Ein attraktiver Mix aus Bekanntem und Neuem also.

Siebzehn Auftritte gab es im Verlauf des Festes. Eröffnet wurde es vom österreichischen Boogie Woogie Pianisten Robert Roth und der letzte Auftritt vor dem Finale gehörte der Blues-, Soul- und Gospelsängerin Wanda Johnson aus South Carolina, die mit «Shrimp City Slim» (Gary Erwin) und seiner Band auftrat. Dazwischen gab es ein farbiges Programm mit Stilarten zwischen Delta Blues und Bluesrock. Wir fassen zusammen, was auf dem Marktplatz so abging:

Es liegt in der Natur dieser Art von Festivals, dass ein grosser Teil des Publikums es am liebsten mag, wenn es richtig kracht. Mit Lance Lopez‘am ersten Abend kamen die Freunde von hartem Texasbluesrock voll auf ihre Rechnung. Das Set war allerdings über weite Strecken nur laut, es mangelte an Dynamik und liess Einfälle vermissen. Abwechslungsreicher spielten Nina van Horn und ihre Band und präsentierten interessante Songs weitgehend aus ihrem neusten Album. Unsere weniger schönen Seiten sind das Thema ihrer CD Seven Deadly Sins und sie packt noch Elend, Krieg, Eifersucht und Indifferenz dazu. Mit kleinen Geschichten verknüpft und amüsant angekündigt, wurde jede der Todsünden in einen eigenen Song verpackt. Kraftvoller Texasblues mit Biss und Inhalt. Als neuer Stern am Gitarrenhimmel wird Kalle Reuter gerne bezeichnet. Tatsächlich beeindruckte der dreizehnjährige Bluesrocker mit erstaunlich reifem, virtuosem Gitarrenspiel, das sich an Clapton, Hendrix, Vaughan orientiert und liess ordentlich Dampf ab. In seinem Alter sind Prognosen unsicher, aber falls kein Absturz erfolgt, darf man ihm eine steile Karriere voraus sagen.

Zum ersten Mal ausserhalb ihrer Heimat aufgetreten sind Yngve and His Boogie Legs aus Norwegen. Das Quintett lässt Jump Blues und Rockabilly neu aufleben. Alle fünf Musiker sind kaum über zwanzig Jahre alt und spielten ein Repertoire mit bemerkenswert vielen Eigenkompositionen in zeitgemässer Art und liessen spüren, weshalb dieser Stil Jump Blues genannt wird. Das Ganze kommt ein genau richtiges Mass ungehobelt daher und erinnert daran, dass dies einmal als das wildeste galt, das man sich denken kann.

Mitreissend war auch der Auftritt der zweiten norwegischen Gruppe, Stina Stenrup & Her Soul Replacement. Eine beeindruckende Stimme mit einer grossartigen Band, die im Kern fetzigen R&B und Funk bot, aber auch jazzige Elemente in Ihr Repertoire einband.

Aus der Schweiz kamen Marco Marchi & The Mojo Workers, deren Stil nochmals gereift ist. Ihre Spanne von Piedmont Stil bis zu frühem Chicago Blues kam gut an, mit Fabio Bianchi am Elektrobass können sie ihr Programm um Titel mit rockigen Tönen erweitern, was sie auch erfolgreich demonstrierten.

Robert Roth und der ungarische Pianist Balázs Dániel, dessen Spitzname «Mister Firehand» schon etwas über seine Fähigkeiten aussagt, hatten jeweils eigene Sets und spielten ausserdem in einem der Konzerte gemeinsam. Sie brachten den Piano Boogie ins Festival. Beide spielten sie virtuos und liessen sich auch zu beinahe artistischen Vierhänder-Spielen überreden.

Retroblues und Kansas City Style waren die Attribute, die sowohl für Guitar Ray and the Gamblers, als auch für die Schwedin Ingrid Savbrant im Programm verwendet wurden. Letztere teilte ihr Set auf und versuchte sich mit im ersten Teil einem «Tribute To Etta James» Programm.  Nun ist Etta James ein happiger Brocken und so wollte es nicht so richtig gelingen, auch spielte die Band lustlos. «I’d Rather Go Blind», das muss sich aufbauen, dramatisch werden und nicht plätschern. Da muss ein Schwall voll Gefühl von der Bühne schwappen.  Der zweite Teil mit eigenem, etwas rockigem Material gelang dafür gut. Die italienische Gruppe Guitar Ray and The Gamblers um den Gitarristen um Ray Scona spielte groovigen, swingenden Retroblues und überzeugte durch solides Handwerk. Die Band ist auch für diverse Musiker als Begleitband unterwegs, unter anderem war sie mit Big Pete Pearson bis kurz vor dem Fest auf Tour und trat am gleichen Abend auch in dieser Formation auf.

Neben dem Auftritt Kalle Reuters war als weitere deutsche Gruppe die Tommy Schneller Band angekündigt. Durch einen kurzfristigen Ausfall der kanadischen Jason Bulie Band gab es einen überraschenden Auftritt von Michael van Merwyk & Bluesoul. Somit konnte das Publikum gleich zwei deutsche Topacts erleben. Die 2010 mit dem German Blues Award ausgezeichnete und 2012 erneut dafür nominierte Tommy Schneller Band gewann mit ihrer aktuellen CD «Smiling for a Reason» 2012 den Vierteljahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik. 2012 gewann  die Formation die German Blues Challenge. Auf dem Marktplatz demonstrierte die Gruppe eindrücklich, weshalb sie all diese Preise erhalten hat: Funkiger Blues, treibender R&B und gefühlvoller Soul grossartig arrangiert und gespielt. Ebenfalls preisgekrönt ist Michael van Merwyk & Bluesoul.  An der International Blues Challenge in Memphis erreichte er 2013 den zweiten Platz. Ihn kennen wir in der Schweiz spätestens seit seinem Auftritt am Bluesfestival Luzern 2009. Ein erstklassiger Gitarrist und sympathischer Unterhalter, der seinem Publikum augenzwinkernd Blues-Unterricht erteilt und zudem ein begabter Songwriter.  Beide Acts waren begeistert aufgenommene Höhepunkte des Festivals. Schliesslich kamen zum Grand Final, dem Schlusspunkt des Festivals, noch die dritten Preisträger dazu, das Duo Georg Schroeter/Marc Breitfelder dazu, welche durch die Hosted Session führten. Sie hatten 2011 die International Blues Challenge als erste ausseramerikanische Band überhaupt gewonnen.  

Das Bluesfest Eutin wird nächstes Jahr zum 25. Mal über die Bühne gehen. In diesem Vierteljahrhundert hat es sich zu einer der bedeutendsten Veranstaltungen entwickelt, die über die Grenzen Deutschlands hinaus zu Recht einen hervorragenden Ruf geniesst. Ein feines Gespür für Qualität, gute Vernetzung in der europäischen Bluesszene und Mut zu Neuem sind die Ingredienzien für diesen Erfolg. Wer die Trends in der europäischen Szene früh erkennen möchte, sollte es sich nicht entgehen lassen.

Website des Festivals

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