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Das Turbo-Bluesfestival

LRBC LogoSeit einigen Jahren boomen Blues-, Rock- und Jazz-Kreuzfahrten. Es gibt allerlei kleinere und grössere davon auf den Meeren und Seen weltweit. Die Mutter aller dieser Kombinationen aus Schifffahrt und Musikfestival ist die von Roger Naber ins Leben gerufene Legendary Rhythm and Blues Cruise (LRBC). Sie ist eine Mischung aus Seefahrt, Bluesfestival, Party, Maskenball und Fressorgie. Der sehr erfolgreiche Anlass lockt zweimal jährlich über 2'000 Landratten an Deck und ist jeweils Jahre im Voraus ausgebucht. Im Januar 2016 führte die 26. Ausgabe der Kreuzfahrt in die östliche Karibik. Was erlebt man auf so einer Blues-Kreuzfahrt?

Um es gleich vorweg zu nehmen, es ist eine spannende Erfahrung. Auch für jemanden mit etlichen Betriebsstunden an Konzerten und Festivals bietet die Kreuzfahrt ein einzigartiges Erlebnis. Das Konzept ist im Grunde genommen einfach: Man nimmt ein luxuriöses Kreuzfahrtschiff, eine üppige Portion erstklassiger Bands, genügend Bier und schippert eine Woche durch die Karibik. Der Rest ergibt sich von alleine. A propos Bier: Bei der ersten LRBC hatte die Holland America Line den Durst der Bluesfans grandios falsch eingeschätzt. Nach dem ersten Tag war das Bier alle und es mussten in einer Blitzaktion neuer Bölkstoff herbeigeschafft werden.

Das Schiff

LRBC NieuwAmsterdamDie Organisatoren führen die Kreuzfahrt auf einem Luxusliner durch. Die Nieuw Amsterdam der Holland America Line gehört zu den modernsten ihrer Art und hatte ihre Jungfernfahrt am 5. Juli 2010. Als erstes fällt der üppige Luxus auf. Alles ist im Überfluss vorhanden. Es gibt sieben Restaurants an Bord, mehrere Bars, diverse Aufenthaltsräume, einen Spa Bereich, ein Fitness Studio, ein Schönheits-Center, zwei Pools, ein Spielcasino und natürlich eine Shopping Zone. Das alles dient der Zerstreuung der Gäste auf einer «normalen» Kreuzfahrt, die ich mir recht eintönig vorstelle, um nicht zu sagen langweilig.

Für den eigentlichen Zweck der Reise gibt es mehrere Bühnen, eine davon ist die eigens für die Blues Kreuzfahrt errichtete Freilichtbühne auf dem Achterdeck, wo sonst der Aussenpool in Betrieb ist. Das grösste Theater ist der Showroom at Sea. Es ist ein elegantes Theater im Art Deco Stil mit geschätzten 800 Sitzplätzen auf drei Ebenen. Daneben gibt es mehrere kleinere Spielorte und zwei Pianobars.

Selbstverständlich ist das Schiff mit jedem technischen Schnickschnack ausgerüstet, der von den Ingenieuren der Werften bis anhin entwickelt worden ist. Entsprechend gering sind die spürbaren Auswirkungen des Wetters und der See. Ausser einem gelegentlichen, sehr leichten und langsamen Schwanken spürt man nicht, dass man sich auf einem Schiff befindet, eher wähnt man sich in einem grossen Luxushotel. Antriebsgeräusche sind an keinem Ort des Schiffs zu hören, ebenso wenig Vibrationen.

Die Restaurants sind rund um die Uhr geöffnet. Ihr Angebot lässt keine Wünsche offen und sie werden eifrig frequentiert. Bei Anlässen auf Deck wird dort zusätzlich ein Buffet aufgestellt, um die Gäste vor dem Hungertod zu bewahren. Sankt Nikolaus ist der Schutzpatron der Seeleute, bei den Passagieren ist es eher die heilige Adipositas.

Die Bluesfans

LRBC PassengerDer überwiegende Teil der Passagiere sind Amerikaner, ein kleiner Teil kommt aus Europa, vereinzelte aus der Schweiz. Erstaunlich viele davon sind nicht zum ersten Mal dabei und nicht wenige darunter erzählen stolz, es sei ihre achte, neunte oder zehnte Cruise. Sie bereiten sich sorgfältig darauf vor.

Täglich gibt es ein anders Thema für die Kleiderordnung. Der grössere Teil des Publikums kümmert sich kaum darum, aber einige sind mehr als bereit, mitzumachen. Entsprechend verwandeln sich biedere Mittelständler in wild kostümierte und mit allerlei farbig blinkenden Schmuckketten dekorierte Partylöwen oder -queens. Auch die Kabinentüren werden aufwändig geschmückt, gegen Ende der Kreuzfahrt wird die schönste Tür prämiert, wie übrigens auch das beste Kostüm am zweitletzten Abend, dessen Thema «Carnival» lautet. Auffallend für eine Blues Cruise, bei der es ja um schwarze Musik geht, ist die fast völlige Abwesenheit schwarzer Passagiere, die wohl nicht einfach nur mit wirtschaftlichen Gründen zu erklären ist.

Das Personal

LRBC FroscchPraktisch das gesamte, für Passagiere sichtbare Personal stammt von den Philippinen. Neben dem Servierpersonal in den Restaurants und Bars sowie an Deck, wirken in den endlosen Gängen, die zu den Kabinen führen, kaum je sichtbare Geister Tag und Nacht und lesen den Passagieren jeden Wunsch von den Lippen ab. Selbstverständlich sind sie auch an allen öffentlichen Orten zugegen: auf der Openair Bühne genauso wie in den Theatern, um die Zuschauer jederzeit mit Futter und Drinks zu versorgen.

Ausserdem legen sie jeden Abend ein kleines Kunstwerk aus einem Handtuch auf die Betten. Mal ist es ein Frosch, mal ein Vogel, oder auch ein Schmetterling.

Der Blues

LRBC AlbertCummingsDie Cruise bietet jeweils ein Lineup, das sich sehen lässt. Alles, was Rang und Namen hat, ist dort schon aufgetreten. Einige, wie Taj Mahal oder Tommy Castro  sind auf fast jeder Cruise dabei. Daneben gibt es aber Raum für neue Interpreten. Das Niveau ist durchgehend hoch. Die Musiker haben keinen Tourstress und werden ebenso verwöhnt, wie die Passagiere. Das sommerliche Klima hebt generell für alle die Stimmung. Kein Wunder also, sind die Künstler gut drauf und geben ihr Bestes.

Zudem gibt es Begegnungen, die andernorts kaum möglich wären und damit auch spannende Zusammensetzungen. Jamming, sowohl mit Passagieren, als auch mit den engagierten Musikern ist ein Teil des Programms. Die Musiker werden auch als Ansager eingesetzt und leiten die Jam Sessions.

Da es viele Spielorte gibt, werden ständig mehrere Konzerte angeboten, die sich zeitlich überschneiden. So hat man die Möglichkeit, im Laufe der Kreuzfahrt alle Bands zu sehen, ohne in einen ständigen Wettlauf mit den Terminen zu geraten. Das Programm beginnt normalerweise um die Mittagszeit und dauert bis in den frühen Morgen. Hardcore Fans sind jederzeit anzutreffen. Am meisten Stimmung ist auf dem Achterdeck, dort herrscht eine Openair-Festival Atmosphäre. Wer konzertant aufgeführten Blues schätzt, fühlt sich im grossen Showroom wohl. Dort kommen auch grössere Formationen zur vollen Wirkung. Wer eine Clubumgebung schätzt, findet an mehreren Orten etwas Passendes.

Landausflüge

LRBC StCroixEs ist ein wichtiger Teil einer Kreuzfahrt, da und dort zu ankern und an Land zu gehen. Einerseits rechtfertigt es die Reise an und für sich, andrerseits sind Landratten froh, wenn sie gelegentlich festen Boden unter den Füssen spüren. Im Fall der LRBC gehört dazu, dass man an den besuchten Orten jeweils ein Konzert auf einer improvisierten Bühne veranstaltet. So können die Passagiere wählen, ob sie etwas von der Insel sehen möchten (Selbstverständlich gibt es ein riesiges Angebot an organisierten Besichtigungen), oder das Konzert erleben wollen. Viele nutzten auch den «Landurlaub», um in einer Bar günstig ins WLAN zu kommen, um die Mailbox abzurufen. An Bord ist das irre teuer und erst noch langsam.

Auf dem Schiff gibt es an diesen Tagen erst abends wieder Konzerte. In meinem Fall waren die Landausflüge nicht besonders interessant. Zum Herumfahren hatte ich keine Lust und die Konzerte waren akustisch derart schlecht, dass es keinen Spass machte. In der Nähe des Landungsstegs gab es im Grunde genommen nur eine Anzahl von Touristenläden, deren Angebot weitgehend aus China stammt.

Das Lineup

LRBC DwaineDopsieDie Namensliste beinhaltet jeweils zahlreiche schillernde Namen, die man kaum je woanders gemeinsam an einem Festival erleben kann. Das war auch an der 26. Ausgabe der Kreuzfahrt nicht anders und das ist zweifellos eine der ganz grossen Stärken der LRBC. Insgesamt waren 23 Formationen mit total rund 100 Musikern an Bord. Einige davon seien hier erwähnt:

Teilweise spielten einzelne Musiker in mehreren Gruppen. Dazu gab es die Spezialgäste Madison Slim, Taj Mahals Tochter Deva Mahal sowie als Überraschungsgäste Nick Black und Kris Schnebelen. Letzterer bildete mit seinem Bruder Nick und seiner Schwester Danielle die Gruppe Trampled Under Foot. Er verliess die Band 2014, die sich kurz darauf auflöste. Daraufhin nannte sich Danielle statt Schnebelen fortan Nicole unter Verwendung ihres zweiten Vornamens. Inzwischen ist von einer Reunion von Trampled Under Foot die Rede und die Herbstcruise 2015 führt die Band im Lineup. Danielle war auf dieser Cruise allerdings mit ihrer eigenen Band unterwegs und zeigte durchwegs attraktive Auftritte. Allerdings gab es ein akustisches Set, das etwas unfertig und improvisiert daherkam. Sie gestand allerdings, dass sie noch daran arbeite. Auch so etwas erlebt man kaum anderswo.

Stilistisch deckte das Programm nahezu alle Spielarten des Blues ab. Mit Dwayne Dopsie & The Zydeco Hellraisers gab auch eine fulminante Zydeco-Show zu erleben. Beim namengebenden Leadsänger und Akkordeon Spieler wusste man nicht recht, ob er eher Bodybuilder oder Musiker ist und der Waschbrettspieler sah mit seinem High Tech Instrument aus wie ein Krieger aus einem Science Fiction Film.

Eine grosse Entdeckung war für mich Kelley Hunt. Die Pianistin, Sängerin und Komponistin aus Kansas City trat mit grosser Besetzung auf: zweiter Keyboarder, Gitarrist, Saxophon und Trompete und präsentierte eine abwechslungsreiche Show mit raffiniert arrangierten Songs. Die Band bestand aus durchwegs ausgezeichneten Musikern.

Gut aufgelegt war der aus Iowa stammende Veteran Elvin Bishop. Er gewann im letzten Jahr diverse Preise und wurde in die Rock’n’Roll Hall of Fame aufgenommen, was er mit der lakonischen Bemerkung kommentierte, man habe ihm die Preise wohl verliehen, weil man nicht sicher gewesen sei, ob er nächstes Jahr noch da sei. Er zeigte ein äusserst vielseitiges Programm mit grossem Unterhaltungswert.

Ein Leckerbissen, den man an einem Festival, oder auch Konzert kaum je erleben kann, war das Solokonzert Jon Clearys. Der aus England stammende Pianist, Sänger und Komponist lebt in New Orleans und hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren intensiv mit Big Easys Musik befasst.

Cleary spielte auch in Taj Mahals Band mit. Dieser ist so etwas wie der «Elder Bluesman» der Cruise und beeindruckte durch Stilsicherheit und Vielseitigkeit, sowie ein völlig entspanntes Auftreten.

Das Konzert fand im grossen Theater statt, nur ein Flügel auf der Bühne, der allerdings etwas seltsam klirrend klang. Cleary entpuppte sich als ein grossartiger Pianist. Mit einem Potpourri aus Pianotiteln von Fats Waller über Prof. Longhair bis Dr. John liess Cleary die Entwicklung des Pianoblues Revue passieren.

Neu im maritimen Spektakel war der aus Clinton (MS) stammende Eddie Cotton Jr. Mit seiner Mischung aus Blues, Funk, Boogie und R&B und Soul begeisterte er im Nu. Er erinnert etwas an Robert Cray. Er gewann die letztjährige 31. International Blues Challenge. Seit einiger Zeit ist er auch in Europa unterwegs und gewinnt auch hier zurecht Fans.

Ruthie Foster hatte Hadden Sayers als Gitarristen in der Band und überzeugte nicht nur musikalisch, sondern zeigte ihre Fähigkeiten als charmante Unterhalterin.

Tab Benoit, Tommy Castro und Samantha Fish bildeten ein Powertrio, das die Herzen der Bluesrock Fans höherschlagen liess. Sie traten mehrfach auf und stachelten sich jeweils gegenseitig zu schweisstreibenden Gitarrensoli an.

Victor Wainwright, Leon Blue, James Pace und Shinetop Jr. bedienten abwechslungsweise die Freunde des Pianoblues in den kleineren Räumen, sodass auch die Freunde intimerer Konzerte auf ihre Rechnung kamen.

Mighty Mo Rogers bot seinen gewohnten sozialkritischen Auftritt, bei welchem er die aus seiner Sicht gesellschaftlichen Missstände und Fehlentwicklungen in funkigem Sound verpackt anprangerte.

Kenny Wayne Shepherd spielte gewohnt souverän seinen Bluesrock. Er steht seit seinem dreizehnten Lebensjahr auf der Bühne und liess sich auch von den massiven technischen Schwierigkeiten nicht aus der Ruhe bringen, die den Anfang des Konzerts dominierten, das ich mitverfolgte. Das lag nicht zuletzt an Noah Hunt, der seit fast zwanzig Jahren Leadsänger in der Band ist und die Probleme gelassen überbrückte.

Im Kanal von Rob Christopher kann man sich die Konzerte auf Youtube ansehen.

Hier ist eine Liste aller teilnehmenden Formationen:

LRBC Lineup_FlyerTaj Mahal & Phantom Blues Band
Kenny Wayne Shepherd
Elvin Bishop mit Gast Mickey Thomas
Latimore
North Mississippi Allstars
Tab Benoit mit den Gästen Tommy Castro & Samantha Fish
Ruthie Foster
Ronnie Baker Brooks (7 Piece Band)
Colin James
Phantom Blues Band mit Gast Jon Cleary
Danielle Nicole
Sugar Blue
Kelley Hunt
Samantha Fish
Dwayne Dopsie & The Zydeco Hellraisers
Toronzo Cannon
Mighty Mo Rodgers
Albert Cummings
Hadden Sayers
Mr. Sipp Mississippi Blues Child
Rocky Lawrence
Jon Cleary (solo)
Reverend Raven & The Chain Smokin’ Altar Boys mit Gast Westside Andy
Eddie Cotton Jr.
Victor Wainwright (Piano Bar Host)
Leon Blue (Piano Bar Host)
Shinetop Jr. (Piano Bar Host)
James Pace w/ Hoppie Vaughan (Piano Bar Host)
Deva Mahal (Überraschungsgast)
Madison Slim (Überraschungsgast)
Grady Champion (Überraschungsgast)
Nigel Mack (Überraschungsgast)
Kris Schnebelen (Überraschungsgast)
Mitch Woods (Überraschungsgast – Tortola)
MJ Blues (Überraschungsgast – Tortola)

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Personen in dieser Konversation

  • Gast - Thierry Rueff

    Das war eine grossartige Bluesreise mit einem ebenso grossartigen Blues Experten an der Seite. Das ist die geballteste Ladung Blues, die man in einer Woche hören und erleben kann, einzigartig und unvergesslich.

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