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  Die Qual der Wahl

Beim Bluesfestival Baden geht es aufs Wochenende zu und damit auf die Höhepunkte des Festivals, am Donnerstagabend gab es zwei Beizen-Konzerte zu erleben, von acht bis zehn spielte Rita Chiarelli in der «Stanzerei», zeitgleich trat im «Hirschli» Mr. Blues & The Thight Groove auf. Beide Konzerte boten tolle Unterhaltung und das dicht gedrängte Publikum konnte sich kaum bewegen, nutzte aber allen zur Verfügung stehenden Platz, denn stillsitzen oder –stehen konnte kaum jemand. Da hatte das Publikum wirklich die Qual der Wahl zwischen zwei hervorragenden Musikern.

Der grössere Saal in der «Stanzerei» wurde dem Stargast des Abends und immerhin dem Gesicht auf dem Poster des diesjährigen Bluesfest zugestanden, der kanadischen Sängerin und Gitarristin Rita Chiarelli, die begleitet vom chilenischen Kontrabassisten Marco Antonio Chacon und ihrem langjährigen Gitarristen John King ein intimes und doch mitreissendes Set auf die Bühne brachte. Seit acht Jahren war sie das erste Mal wieder in Baden, aber sie ist eine gute Bekannte auf Schweizer Bühnen, trat zuletzt 2008 in Basel auf. Bei diesem Set wechselten sich Klassiker wie Dylans Highway 61 Revisited oder Elvis‘ Heartbreak Hotel ab mit selbst verfassten Balladen wie Home (hier eine Aufnahme von Basel) oder dem Cajun-Stück French Kiss und Shuffle-Bluesstücken mit Jimmy Reed-Begleitung. Manche Titel entstammen ihrem aktuellen Album Sweet Paradise.

Die Stimme Rita Chiarellis wir allgemein über allen Klee gelobt, aber von den drei ihr angeblich zur Verfügung stehenden Oktaven machte sie zumindest am Donnerstag keinen Gebrauch. Aber in 30 Jahren im Musikgeschäft ergeben sich Übernamen und Charakterisierungen, die nicht immer zu erfüllen sind. Sie sang allerdings mit einer enormen Intensität, bemühte sich sehr ums Publikum und hatte anscheinend grossen Spass an ihrem Auftritt. Ihr Begleiter seit 17 Jahren, Slide- und Lead-Gitarrist John King ist ein vielseitiger Gitarrist, der sich auf den Blues versteht, aber auch Leonard Cohen begleiten könnte, was die Musik angeht. Marco Chacon am Stehbass spielte unauffällig, aber effektiv, bis auf ein schönes kleines Solo.

Doch kleinerer Stimmumfang oder winzige Band (im Juni wird Chiarelli erneut in der Schweiz zu sehen sein, in Rapperswil nämlich, und dort bringt sie auch ihren Schlagzeuger Sonny Milne mit) machen dieser Frau nichts aus, das macht sie mit ihrer Persönlichkeit wett. Die Frau hat ein riesig grosses Herz und das schüttet sie auf der Bühne aus. Sie verausgabt sich in jedem Song, meint scheinbar jedes Wort, das sie singt und das ist anrührend und macht das Konzert zum intimen Auftritt. In ihrer Intensität, in ihrer dadurch auch zum ausdruck gebrachten Verletzlichkeit gleicht sie tatsächliche bekannteren Sängerinnern wie Melissa Etheridge oder Janis Joplin.

Mr. Blue & The Tight Groove hätten die Bühne in der «Stanzerei» auch gefüllt, mussten aber in einer winzigen Ecke des «Hirschli» in der Fussgängerzone zusammengedrängt spielen. Gitarre und Keyboards standen zeitweise wie in einer Wagenburg zueinander, um das Publikum zurück zu halten und minimalsten Aktionsradius bereitzustellen für Mr. Blue, den smoothen Grandseigneur aus der Region Basel. Er spielte begleitet von seiner fünfköpfigen Band The Tight Groove, wobei «tight» für einmal nicht nur im übertragenen Sinne gemeint war, sondern wegen der beengten Platzverhältnisse auch ganz wörtlich.

Dies kümmerte die Band aber kein Bisschen, vom ersten Anzählen durch Schlagzeuger Paul Buser lief die Groove-Maschine wie geschmiert. Bassist Jürg Frei hat mit seinem Tieftöner enormen Anteil an diesem Sound und was schon auf der CD Blues Dancer zu hören war, wird im Konzert noch deutlicher: Rhythm Section legen eine Grundlage, auf der die anderen Instrumente ihre Soli spielen können, stets im Bewusstsein, auf felsenfestem Grund zu stehen. Saxophon, Gitarre und Keyboard nehmen den Ball von Bass und Schlagzeug auf, spielen weiter, treiben den Groove voran.

Und auf dem so gebauten Thron der Musik residiert Mr. Blue, wie eh und je ein feiner Herr mit verschmitztem Lächeln und sparsamsten Bewegungen, die den Tänzer dennoch verraten. Er ist ein Bandleader mit samtener Hand, aber es ist zu jedem Zeitpunkt deutlich, dass er diese Truppe so geformt hat, wie er sich das vorstellte und sich nun darauf verlassen kann: Ob Slow-Blues-Ballade, ob R&B-Song mit fettem Arrangements, der Groove ist tight und Mr. Blues verlässt sich voll auf seine Jungs.

Und setzt seinen Gesang obendrauf, diese eher hohe, aber eindrückliche Stimme, die unter die Haut geht. Er singt Ain’t Nobody’s Business nicht so, als ob er sich noch immer verteidigen müsste, er singt es voller Genuss und im Bewusstsein, einen grossartigen Song und ebensolche Vorläufer zu ehren. Das Bewusstsein für die Musik und ihre Geschichte ist immer da, und diese beflügelt die Band, lässt sie besser werden.

Die Stimmung überträgt sich auf das Publikum. Ein gesetztes Aargauer Publikum, dem man ansieht, dass sie keinen Babysitter mehr organisieren mussten, um ans Konzert zu kommen beginnt zu swingen, mit den Füssen zu tappen und die Hüften locker zu machen. Gesetzte Lehrerinnen klatschen den Rhythmus mit, Sachbearbeiter lokaler Unternehmen balzen ihre Frauen an wie lange nicht mehr. Die Kraft der Musik und die gute Stimmung, die so nur der Blues hervorbringt waren in jedem zu spüren, und das ist sie, die Magie des Blues. Das Baden Bluesfestival ist der Ort, um diese Magie zu erleben, und das Programm verspricht einiges für den Rest der Woche. Bleibt einzig die Qual der Wahl.

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