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Was braucht es für ein richtig gelungenes Blues-Konzert? Eine mächtige Verstärkeranlage? Einen satten Schlagzeugsound? Eine Horn-Section? Eine Bühnen- und Lightshow? Eine verrauchte Blues-Kneipe mit Sägespänen am Boden? All diese Dinge können natürlich Teil des Erlebnisses sein, sie sind aber nicht essentiell. Am Abend des 22. Januar 2009 machten sich Mick Pini, Jan Hartmann und Uwe Jesdinsky daran, die Frage auf ihre Art zu beantworten. Ihre klare Antwort lautet: Man braucht zwei Dinge: das rechte Herz und die totale Beherrschung des Instruments.

Denn diese Mischung aus Feeling und Virtuosität war es, die dem Publikum in der «Herzbaracke» einen wahrhaft magischen Abend ermöglichte. Die «Herzbaracke »  ist ein als Restaurationsbetrieb gebautes flaches Zürichsee-Schiff, mit einem wunderschönen Aufbau in Naturholz, das im Innern eine romantische und verspielte Atmosphäre bietet mit viel Plüsch, Kronleuchtern und einem aufmerksamen Servicepersonal in Abendkleidern. Das Restaurations-Schiff unter der Leitung von Federico Emanuel Pfaffen bewegt sich zwischen verschiedenen Standorten auf dem Zürichsee, im Moment ist es am Bellevue, und die Atmosphäre ist gediegen mit einem Hang zum gepflegten Kitsch. Es ist der perfekte Ort, um Tante Erika zum Abendessen auszuführen oder einen schwulen Freund, aber Innenarchitekten kriegen dort bestimmt Magendurchbrüche.

Es ist ein bezaubernder Ort, aber so ungefähr der letzte, an dem man sich einen Blues-Gig vorstellt. Gleichwohl trug die Atmosphäre der «Herzbaracke» wesentlich zum Erfolg des gestrigen Abends bei: der intime Rahmen, die schnuckelige Bühne und die gemütlichen Sessel ermöglichten volle Konzentration auf das, was auf der Bühne ablief.

Ein Trio, bestehend aus Gitarrist und Sänger Mick Pini - einem britischen Blues-Veteranen, dem schweizer Blues-Harp-Virtuosen Jan Hartmann und dem deutschen Bassisten Uwe Jesdinsky (am Kontrabass) spielte ein gut zweistündiges Set, bestehend aus Blues-Klassikern, Eigenkompositionen und Folk-Songs. Zwischen den Songs erzählte Mick Pini Witze, welche aber akustisch manchmal schwer verständlich waren und an einem Teil des Publikums vorbeigingen. Gleichwohl trug dies zur lockeren Atmosphäre bei und die Tatsache, dass Pini ungerührt verkündete, er werde weiter erzählen, auch wenn man ihn nicht verstehe, spricht für ihn.

Musikalisch harmonierten die drei Musiker perfekt, wobei insbesondere auch auf die grossartige Arbeit von Uwe Jesdinsky hingewiesen sei. Jesdinsky ist ein Bassist, wie man ihn sich nur wünschen kann, präzise wie ein Metronom, dabei sehr gefühlvoll und in totaler Harmonie mit der Gitarre. Jan Hartmann haben wir zum ersten Mal live erlebt, und die auf seiner Website geweckten Erwartungen wurden noch übertroffen. Der Mann spielt alles auf seiner Harp, er begleitet stimmungsvoll und mit seinen Soli mischte er wirklich den Raum auf. Seine Variationen von abgedecktem Spiel und halb abgedecktem Spiel, die weit mehr waren als nur Wah-Wah-Effekte, seine feinen Triller, das Seufzen und Keuchen der Harp waren ein wirklicher Genuss. Er spielte ohne Effekte und Verstärkung in ein normales Mikrofon, aber allein seine rechte Hand ermöglichte eine reiche Palette an Effekten, alle natürlich in perfektem Timing. Der Mann ist ein toller Virtuose, spielt dabei zudem stets seinen eigenen Stil.

Und zwischen den beiden sass Mick Pini, der mit seiner akustischen Gitarre praktisch ausschliesslich Rhythmus spielte, von kleinen Soli am Intro oder Extro abgesehen. Pini überliess das Solieren Hartmann, und er beschränkte sich auf die Blues-Gitarre und den Gesang. Wenn man einen Vergleich anstellen möchte, so erinnert Mick Pini am ehesten an Willie DeVille, seine Stimme ebenso vom Leben geprägt, eine Verkörperung des Blues.

Der Mann aus Leicester ist seit 47 Jahren im Geschäft, wie er mir in der Pause erzählte, und er hat 19 CDs herausgebracht. Die Verwandtschaft mit Willie DeVille (beide scheinen auch ungefähr gleich alt) geht aber über den Gesang hinaus: beide habe dieselbe Blues-Seele, die kompromisslose Art, ihre Musik zu spielen und zu leben, die man in jedem der Stücke hört.

Die Setliste besteht aus Klassikern wie Steady Rollin' Man oder My Baby, aber dazwischen gibt es feine weniger bekannte Stücke, etwa Good Morning Blues; eine Adaption von Luther Allisons Liebeserklärung Good Morning Love (erschienen auf Hand Me Down My Moonshine ), oder Bob Dylans If You Gotta Go oder All Along The Watchtower. Die musikalische Versatilität der Band zeigte sich, als Pini zwischen zwei Songs kurz den Folk-Klassiker If I Had a Hammer (bekannt durch Peter, Paul & Mary) anstimmte. Als er abbrach und sagte «But I'm not gonna play that now», reagierte das Publikum enttäuscht, worauf Pini fragte, ob das Publikum das Lied will, und dann in bester Folk-Art If I Had a Hammer spielte. Dabei war es schön, festzustellen, wie sein Rhythmus schlagartig zu einer Folk-Begleitung wurde, die nun wie ein Metronom tickte. Hartmann hörte einen Moment in das Stück rein und spielte dann dazu, wie wenn sie das seit Jahren im Repertoire hätten.

Ein Juwel im Set war auch der Song Death Has No Mercy, ein gespenstischer Blues, komponiert von Reverend Gary Davis (Cover von The Grateful Dead), der dem Publikum Gänsehaut machte.

Es war ein magisches Konzert, ein zauberhafter Abend, zwischen Plüsch und Blues, Rauschegoldengel trifft den Teufel an den Crossroads, und das Trio schüttete ihre Musikalität grosszügig über das Publikum aus. Pini sagte in der Pause, er spiele gerne in der Schweiz, weil es hier ein gutes und verständiges Publikum gibt. Seine Spielfreude war nur allzu greifbar.

Am 23. Januar spielt das Trio in der «Kellerbar» in Aarburg, das sind vorerst die einzigen beiden Auftritte in der Schweiz. Wer immer es einrichten kann, sollte sich dieses Konzert unbedingt gönnen.

Wer es nicht schafft, für den gibt es folgende Möglichkeiten: Auf Youtube gibt es zwei Videos von einem früheren Auftritt in der «Herzbaracke», und auf der Myspace-Seite von Pini und Hartmann gibt es einige Titel zu hören. Aber selbstverständlich ersetzt nichts den Live-Auftritt.

http://de.youtube.com/watch?v=WOYU0yPJgHA
My Baby

http://de.youtube.com/watch?v=YU4qctb1iDs&feature=related
Das Video heisst «Ramblin on My Mind», ist aber eine Aufnahme von Steady Rollin' Man

http://profile.myspace.com/index.cfm?fuseaction=user.viewprofile&friendid=263476737
Myspace-Seite der beiden mit einigen Hörbeispielen

Setlist (22.1.2009 «Herzbaracke»):

1. Before You Accuse Me (Bo Diddley) Good Morning Blues (Luther Allison)
2. Steady Rollin' Man (Robert Johnson)
3. One More Time (Luther Allison)
4. Black Eyed Suzanne (J. Colin Young)
5. Got Me a Woman
6. If You Gotta Go (Bob Dylan)
7. Rye-Whiskey
8. Bottom Blues (Terry/McGhee)
9. Death Has No Mercy (Rev. Gary Davis)
10. I'm in Love With You, Baby (Pini)
11. My Baby (Little Walter)
12. If I Had a Hammer (Peter, Paul & Mary, Traditional)
13. All Along The Watchtower (Bob Dylan)
14. Hoochie Coochie Man (Willie Dixon)
15. So Much Trouble (Terry/McGhee)

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