Jazz 'n' More
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Bellinzona Blues
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Groove Now
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Ein Rückblick

Wenn im November die nebligen Tage immer kürzer und die Stimmung tendenziell immer düsterer werden, erhellt Luzern mit seinem Bluesfestival die Stimmung von Bluesliebhabern. Das Team um Guido Schmidt und Martin Bründler hat sich in den achtzehn Jahren seines Bestehens eine hohe Reputation erarbeitet, die über die Grenzen hinaus den Event am Vierwaldstättersee zu einem soliden Fixpunkt der europäischen Bluesszene gemacht hat. Ein ausgewogenes Programm und ein hoher Standard sorgten von Anfang an für konstante Qualität, die bis heute ohne Kompromisse gehalten wird. Mittlerweile ist das Festival ein gesellschaftlicher Anlass geworden, der auch viele Besucher anlockt, die sich nicht von vornherein als Bluesfreunde bezeichnen würden. Erfreulich, denn damit trägt das Festival dazu bei, den Blues als selbstverständliche Kunstform zu etablieren.

Darüber hinaus ist Luzern aber auch ein wichtiger Ort der Begegnung für Festival- und Konzertveranstalter, Musikverleger, Journalisten und andere Professionelle des Blues. Sie alle können sich hier kennen lernen und austauschen und die Beziehungen der internationalen und europäischen Bluesfamilie pflegen. Das war schon immer so, ist aber noch wichtiger geworden, seit der europäische Blues international an Bedeutung gewinnt und die Bluesszenen diesseits und jenseits des Atlantiks zusammen finden. So waren die Blues Foundation und die European Blues Union genauso präsent wie diverse Festivalveranstalter.

Wir trafen unter anderem Art Tipaldi, Chefredakteur der Blues Revue und deren wöchentlichem Bluesletters BluesWax; den künstlerischen Leiter des grössten und bekanntesten Bluesfestivals Skandinaviens in Notodden (Norwegen), Jostein Forsberg; die Verantwortlichen des herausragenden BluesBaltica/Bluesfest Eutin Helge Nickel und Horst-Dieter Fischer; Jimmy Carpenter, der nicht nur ein grossartiger Saxophonist ist, sondern als Agent für Blue Mountain Artists unterwegs ist; Peter Astrup, der das dänische Frederikshavn Festival durchführt; den Gründer und Leiter der Blueslabels CrossCut Records, Detlev Hoegen; Davide Grandi, Vorstandsmitglied der European Blues Union und Redaktionsmitglied der italienischen Fachzeitschrift Il Blues Magazine.

Im Zentrum bleibt jedoch der Blues. Das Programm liess sich heuer mit «klassisch auf Topniveau» beschreiben. So stand der erste Abend des Hauptteils am Donnerstag, 15. November 2012 ganz im Zeichen des traditionellen Delta- und Chicago-Blues . Ein entspannter Charlie Musselwhite eröffnete den Abend. Er tat es mit der Erfahrung des gereiften Meisters. Gekonnt, wie er das Publikum ganz sachte aus dem Alltag holte und auf eine Bluesnacht einstimmte. Sein Set begann er mit drei einfachen Songs, die er verhalten an der Gitarre vortrug. Sanft, leise und tief in der Tradition verwurzelt, zauberte er das Bild eines Abends auf einer Porch irgendwo am Mississippi auf die Bühne und erinnerte das Publikum daran, wo der Blues herkommt. Dann holte er die Harp aus der Tasche und rief Mitglieder der Band dazu: erst mal den grossartigen Gitarristen Matt Stubbs, mit dem er auf dem Highway 51 Fahrt aufnahm. Danach kamen auch der Bassist Mike Phillips und der Drummer June Core auf die Bühne. Gitarrist Matthew Stubbs, 2009 für den «herausragenden Gitarristen» und für den «Blues Act of the Year» nominiert, ist auch mit seiner eigenen Band unterwegs. Seit 2004 Jahren ist June Core mit Musselwhite auf Tour, nachdem er im Verlauf seiner Karriere bereits mit Grössen wie B.B. King, Willie Dixon, James Cotton  und Albert Collins gespielt hatte. Er ist ein verspielter Schlagzeuger, der gerne eine Prise Funk in sein Spiel einbaut. Zusammen mit dem stetig spielenden Mike Phillips bildeten die Beiden eine starke Rhythmusgruppe, die Musselwhite und Stubbs grossartige Soloduelle erlauben.

In der vollen Besetzung gab es als erstes eine tolle Version von Sad and Beautiful World und dann steigerte die Band sich von Song zu Song, jeweils mit launigen Ansagen des Altmeisters verknüpft. Bis zum Schluss hatten Musselwhite und Band den Saal in Begeisterung und Erwartung für den Abend versetzt. Sein Harmonikaspiel zeigt grosse Reife: sparsam eingesetzte Effekte, virtuoses Spiel und ein bewundernswertes Zeitgefühl. Eine Eröffnung wie man sie sich wünscht.

Der Künstlername Marquise Knox lässt einen eher an etwas anderes, schräges denken, vielleicht eine Bluesshow mit abgefahrenen Klamotten. Tatsächlich steht das Wunderkind aber mit beiden Beinen in der Tradition des frühen elektrischen Blues. 2011 erschien Here I Am. Es war bereits das dritte Album seit seinem 16. Lebensjahr.

Der erst 21-jährige Gitarrist, Sänger und Komponist spielt und schreibt seine Songs im Stil seiner grossen Vorbilder aus der Anfangszeit. Das bringt ihm auch Kritik ein. Ein zeitgenössischer junger Mann, so liest man, solle doch bitte nicht die Musik der alten Männer spielen. Dabei wird übersehen, dass die alten Männer die gemeint sind, zur Zeit als ihre Songs entstanden auch jung waren und keine Tradition überliefert, sondern sie erst geschaffen haben. Robert Johnson hat seine meisten Songs geschrieben, als er unter fünfundzwanzig war. Wer sonst, wenn nicht junge Musiker, soll die Traditionen bewahren? Marquise Knox macht das mit dem nötigen Respekt, wobei er die Einflüsse der alten Meister mit seinen Vorstellungen zu etwas Eigenem verwebt, das vertraut und doch frisch klingt. So entwickelt er den Stil weiter - und er ist erst am Anfang. 

Auch das soziale Umfeld hat sich seither geändert. Die Sorgen und Nöte eines Landarbeiters in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts sind verschieden von denen, mit welchen ein heutiger Musiker konfrontiert ist. Die Probleme haben sich verändert, der Blues ist geblieben. Die Inhalte beschäftigen sich eher mit breiteren sozialen Themen als mit persönlichen wie es in zum Beispiel in America’s Blues zum Ausdruck kommt.

Sein Auftritt war beeindruckend. Mit jungenhaftem Charme trug er grösstenteils eigenes Songmaterial vor und streute Muddy Waters Covers ein, die man als Liebeserklärung an den Blues verstehen kann und hielt hier grossartig die Balance zwischen Zitat und eigener Interpretation. Seine Stimme klingt wesentlich älter, als man vermuten würde, sein Gitarrenspiel ist abwechslungsreich und gekonnt. Erstaunlich für einen so jungen Musiker erliegt aber nicht der Versuchung, das Publikum mit Demonstrationen seiner Virtuosität zu beeindrucken und die Songs damit zu erschlagen, sondern setzt seine Talent gekonnt und sparsam ein. Unterstützt wurde er von Rags Ragsdell (kb, org), Arnold Ogrodnik (b) und Mike Battle (dr).

Zum Schluss der ersten Nacht im Panoramasaal gab es dann Chicago Blues pur. Mit Hilfe des umtriebigen Harmonikaspielers Bob Corritore stellten die Luzerner Organisatoren die Chicago Blues Revue eine Allstar Gruppe mit einigen den besten Traditionalisten Chicagos zusammen: John Primer (g, voc); Eddie C. Campbell (g, voc); Elmore James jr. (g, voc); Billy Flynn (g); Bob Stroger (b); Barrelhouse Chuck (kb); Bob Corritore ( har) und Kenny «Beedy Eyes» Smith (dr).

John Primer und Eddie Campbell stammen beide aus Mississippi. Beide gingen sie den Weg nach Chicago, beide spielten in den Bands der berühmter Vertreter des Chicagoblues und lernten von diesen. Sie gehören zu den letzten Vertretern dieser Generation, die noch ganz direkten Kontakt hatten zu den Gründervätern dieses Stils hatten. Elmore James jr. sowieso, obwohl er erst als junger Teenager erfuhr, wer sein Vater war, bevor sich dieser auch musikalisch um ihn kümmerte. Kenny «Beedy Eyes» Smith ist als Sohn des bekanntesten Drummers der Chicagoer Bluesszene der 60er bis 80er Jahre sowieso mitten im Blues aufgewachsen. Er wird inzwischen als einer der Besten seines Faches angesehen. Bob Stroger, Billy Flynn und Barrelhouse Chuck stammen zwar alle nicht aus Mississippi, kamen aber alle jung nach Chicago, tauchten in die Bluesszene ein und wurden ein Teil von ihr. Bob Corritore ist in Chicago geboren und aufgewachsen. Auch er stand früh unter dem Einfluss der Grossen Chicagos.

Eine geballte Ladung Erfahrung und Know How stand da also auf der Bühne des. Mit traumwandlerischer Sicherheit schnurrte die Windy City Bluesmaschine ab. Jeder hat mit jedem in jeder denkbaren Kombination schon auf der Bühne gestanden. Keiner musste irgendjemandem etwas beweisen. Spielerisch kamen die Soli, perfekt arrangiert die einzelnen Songs und die Reihenfolge blieb spannend. Auch das Publikum wusste genau, was es zu erwarten hatte und die Band bediente dessen Wünsche auf's feinste und demonstrierte eindrücklich, wie vital und mitreissend der Chicago Style immer noch sein kann. Liebhaber davon des kamen an diesem Abend im allgemeinen und bei diesem Gig im Besondern voll auf ihre Rechnung.

Sista Monica Parker ging zunächst den klassischen Weg vieler Bluessängerinnen: Als Kind im Gospelchor der Kirche und erste Touren mit dem Chor als Teenager. Dann aber absolvierte sie zunächst Dienst im US Marine Corps, wo sie es in drei Jahren bis zum Sergeant brachte, gründete anschliessend eine Firma zur Vermittlung von Führungskräften für die illustren Firmen im Silicon Valley, bevor sie sich schliesslich 1992 entschloss, ihr Talent für eine Karriere als Sängerin einzusetzen. Sie war von Anfang an erfolgreich und trat bald mit Grössen wie Mavis Staples, Gladys Knight, Taj Mahal, Luther Allison, Little Milton, Koko Taylor oder Etta James auf. 1995 brachte sie ihr Debutalbum, Get Out Of My Way! heraus. Bald wurde sie mit Aretha Franklin, Koko Taylor, Big Maybelle oder Etta James verglichen. Ab 1998 begann es Blues Music Awards zu regnen, bis heute insgesamt sechs. 2002 erkrankte sie schwer und musste sich einer langen und gefährlichen Therapie unterziehen. Nach eigenen Aussagen war es «…surely the music and the grace of God that kept me alive.» und hat für sie die Bedeutung des Blues als «heilende Musik» verändert.

Sista Monica Parker ist eine kraftvolle Interpretin, die ihre meist selbst geschriebenen Songs mit überzeugender Intensität vorträgt. Ihr Blues bewegt sich zwischen R&B, Soul und Gospel (Where the real soul is…). Ihre Texte schreibt sie entlang der eher traditionellen Geschichten über Herz und Schmerz. Das aber geht tief unter die Haut. Unmöglich, von «Tears» nicht berührt zu werden. Eine Stimme die alle Gefühle ausdrücken kann, zu denen wir fähig sind. Dazu brachte sie eine erfahrene Band mit bestehend aus: Danny Sandoval (ts); Bill Vallaire (g); Danny Beconcini (kb); Artis «AJ» Joyce (b) undLeon Joyce Jr. (dr).

Die Golden State/Lone Star Revue brachte die kalifornischen Gitarristen Little Charlie Baty und Harpspieler Mark Hummel mit dem Texaner Anson Funderburgh zusammen, alle drei erfahrene und attraktive Musiker und die Kombination der drei grossartigen Musiker erwies sich als Perle.

Mit Irma Thomas präsentierte Luzern eine der ganz grossen des Soul. Die «Soul Queen of New Orleans» erhielt 2006 einen Grammy und wurde 2009 in die Blues Hall of Fame aufgenommen. Es war wie ein Trost für diverse Schicksalsschläge, die sie im Laufe ihres Lebens hinnehmen musste, zuletzt den Wirbelsturm Katrina, der 2005 ihren Klub Lions Den zerstörte. Wie viele Sängerinnen ist ihre Stimme und ihre Performance mit zunehmendem Alter gereift und sie kann ein Publikum verzaubern. In einer Kritik lasen wir mal: «…besondere Momente des Konzerts: jedes Mal, wenn Mrs. Thomas ihren Mund öffnete» Besser kann man es nicht ausdrücken.

Am späteren Abend trat im Casineum Fabian Anderhub auf. Der Innerschweizer Gitarrist und Sänger hatte sich den Auftritt mit seiner Wahl zur Teilnahme an der European Blues Challenge in Toulouse 2013 erspielt. Erfreulich für den Nachwuchs: Das Interesse war gross, den vielversprechenden Bluesrocker live zu erleben, das Casineum entsprechend voll und Anderhub enttäuschte nicht. Kaum hatte er begonnen, wurde klar was er in seiner Jugendzeit in Kanada gelernt hatte und wieso er am Montreal Blues Festival zehntausend Zuhörer begeisterte und weit über 200 erfolgreiche Konzerte geben konnte. Frischer, moderner Blues mit rockigen Einflüssen mit grosser Spielfreude und beachtlichem Können vorgetragen. Mit Dominik Rüegg stand ihm ein herausfordernder Partner gegenüber. Beide schaukelten sich gegenseitig hoch und lieferten spannende Gitarrenduelle. Kein Zweifel, hier konnte man einen Blick in die Zukunft des Schweizer Blues werfen.

Mit Earnest «Guitar» Roy kam ein echter Sohn Clarkdales auf die Bühne. Er war in jeder Beziehung ein Frühstarter, spielte er doch in der Band seines Vaters in einem Alter, in dem andere gerade mal eingeschult werden und hatte als vierzehnjähriger bereits seine eigene Band. Nach Ausflügen in den Jazz und einem längeren Engagement in den neunziger Jahren für den Fernsehevangelisten Rod Parsley fand er zum Blues zurück, tourte erst mal mit Sam Carr und perfektionierte seinen eigenen Stil, eine entstaubte, frische Version des Delta Blues, angereichert mit jazzigen Klängen und rockigen Sprenkeln. Er tritt mit seiner Frau, der Bassistin Carla Denise Roy auf und dem Schlagzeuger Charles Lamar Gage auf. Roy zeigte sich als ein routinierter und amüsanter Unterhalter, der sein Publikum mit seinen Ansagen nach ganz kurzer Zeit mit seinem knuffligen Charme im Griff hatte. So machte er gleich zu Beginn aus Too Many Women ein scheinbar ungekünsteltes lustiges Spielchen mit dem Saal. Später stiess Anson Funderburgh dazu und die beiden hatten viel Spass, der sich auch auf die Zuhörer übertrug.

Mit Josh Smith stellte Luzern einen interessanten Nachwuchsmusiker vor, der vermutlich bald einen hohen Bekanntheitsgrad erreichen dürfte. Der 1979 geborene Gitarrist gilt gemeinhin als Wunderkind, trat er doch schon mit zwölf Jahren auf und veröffentlichte mit vierzehn seine erste CD: «Born Under Bad Sign». Nun arbeitet er daran, auch in Europa sein Publikum zu gewinnen, was ihm nicht allzu schwer fallen dürfte. In einer buchstäblich schweisstreibenden Show demonstrierte er sein Können. Typisch für ihn ist eine erstaunliche stilistische Vielfalt. Vom swingenden Shuffle über dickflüssigen Slow Blues, fetzigem R&B  oder gefühlvollen Soul bis zu hartem Texasblues zauberte er einen attraktiven Song nach dem anderen aus dem Ärmel, unterstützt von Jeff Young an der Hammondorgel, mit dem Smith grossartige Soloduelle lieferte.

 

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