Bluesmasters from the Past – Johnny Otis
Johnny Otis wählte seinen Künstlernamen mit Bedacht, weil er stärker nach einem Afro-Amerikanischen Namen klang als John Veliotes, sein Geburtsname. Der in Kalifornien geborene Sohn griechischer Abstammung entwickelte sehr früh eine profunde Liebe zu Musik der Genres Jazz und Blues und widmete ihr sein Leben. Er tauchte in die Schwarze Kultur der 1950er Jahre in Kalifornien ein und wurde als Schlagzeuger, später Vibraphonist bald eine gefragte Grösse in der lokalen Szene. Er spielte mit Jimmy Rushing, Smokey Robinson, Big Jay McNeely, Lionel Hampton, Charles Brown und den Three Blazers und einer Vielzahl anderer Musiker. Ebenso vielseitig war sein eigenes Schaffen: seine beiden erfolgreichen Frühwerke, die Titel Willie and the Hand Jive und Harlem Nocturne sind in jeder Hinsicht verschieden. Klingt das erste nach Bo Diddley, so klingt das zweite nach Duke Elington.
Nach ersten Anfängen beim Orchester von Count Otis Matthews aus Oakland wurde Johnny Otis bald in Los Angeles sesshaft und spielte für die Harlan Leonard's Rockets, ein Tanzorchester, das in einem Etablissement namens «Club Alabam» auftrat. Der Wirt wollte eine eigene Hausband und er beauftragte Otis mit der Gründung einer solchen. Aus dieser Zeit stammt das Big Band Arrangement von Harlem Nocturne. Doch er wollte mehr künstlerische Freiheit und sich weiterentwickeln. Vielleicht war er auch nur interessiert an den Einnahmen.
Auf jeden Fall eröffnete Johnny Otis mit einem Geschäftspartner Bardu Ali den «Barrelhouse Club» im Los Angeles Stadtteil Watts, was seinen Einfluss innerhalb der Schwarzen Musikszene erhöhte und ihm Einfluss verschaffte. Dort leitete er sein Orchester, das er abspeckte und mit jungen Talente ergänzte. Etwa die Robins, Sänger Mel Walker und «Little» Esther Phillips, die dann später das «klein» ablegte und manche Tophits landete.
Der sanfte California Sound wurde sein Markenzeichen, eine Art Jump Blues, wie ihn auch die Three Blazers spielten oder Louis Jordan. Rhythm & Blues wurde diese Musik später von Jerry Wexler genannt, aber Johnny Otis hat ihre Charakteristik definiert: Bläsersätze kommen vor, aber die Bläser sind zur Akzentuierung und Betonung eingesetzt, nicht wie in der Big Band als die Melodiwinstrumente. Den Kern der Songs macht die kleine Band aus, also Bass, Schlagzeug und Gitarre, Klavier wenn verfügbar. Die Charakteristik von Otis’ Sound ist zu hören von Smokey Robinson bis zu Albert Collins, und von Bluecerne bis zu «Big Mama» Thornton. Deren Hit-Aufnahme von Hound Dog wurde mit Mitgliedern von Johnny Otis’ Band eingespielt: Gitarrist Pete Lewis, Bassist Albert Winston, Johnny Otis am Schlagzeug.
Andere Mitglieder seiner Bands waren Trompeter Don Johnson, Posaunist George Washington, Tenor-Saxophist James von Streeter, Bariton-Saxophonist Fred Ford und Devonia Williams am Klavier. Wenn der Chef das Vibraphon übernahm, spielte Leard Bell am Schlagzeug. Ende der 1940er und Anfang 1950er Jahre nahm das Orchester für «Savoy Records» eine Reihe von Hits auf: Double Crossing Blues, Mistrustin' Blues, oder Cupid's Boogie waren alles Nummer 1-Hits in 1949. Und er hatte noch sieben weitere Top Ten-Hits!
Andere Record Deals folgten mit «Mercury» und «Peacock», wo zu jener Zeit auch Albert Collins, Little Richard und Gatemouth Brown unter Vertrag waren. Es folgte eine Zeit, in der er junge Talente entdeckte und förderte: Jackie Wilson, Johnny «Guitar» Watson, Little Willie John, Hank Ballard aber vor allem Etta James, die er als 14-jährige entdeckte und deren Hit Roll with Me Henry er produzierte (Bild links).
1955 startete er dann sein eigenes Plattenlabel: «Dig Records» und dort veröffentlichte er Arthur Lee Maye & the Crowns, Tony Allen und Mel Williams, Rock’n’Roll-Musiker der 50er Jahre, die alle eine lokale Fanbasis hatten, deren Alben aber nur geringe Auflage und Zirkulation erfuhren. 1957 ging er selbst mit Band als The Johnny Otis Show zu Capitol Records, als Plattenlabel von Nat «King» Cole und Elvis Presley der Branchenführer. Hier war er eine Art Gegenstück zu Memphis-Musiker Ike Turner: messerscharfe Tanzmusik mit perfektem Beat. Seine Zusammenarbeit mit Capitol brachte grossartige Musik, aber keine Hits, also ging es weiter zu «King Records», später «Kent» und schliesslich «Alligator». Aber die grossen Hits kamen nicht mehr, seine zeitlos gute Musik schien zu wenig modern, erreichte das Publikum nicht mehr und Johnny Otis verlegte sich auf gelegentliche Engagements und Produktionsjobs.
Sein Sohn Shuggie Otis ist ein toller Blues-Gitarrist mit eigener Band und einer Reihe von Alben, und Vater und Sohn haben 1982 The New Johnny Otis Show aufgenommen. Johnny Otis gründete die Kirchgemeinde New Landmark Community Gospel Church in Santa Rosa, Kalifornien, und wurde deren Priester. Zudem betrieb er eine Kette von Gesundheits-Nahrungsmittel, engagierte sich in der Lokalpolitik und betrieb jede Woche am Samstagmorgen eine Radiosendung auf der Pacifica Station in Los Angeles, KPFK.
Eine Diskographie ist zwangsläufig unvollständig, es scheint keine Biographie des Mannes zu geben und es gäbe noch viel zu entdecken bei diesem Mann, der keine Gelegenheit ausliess und der den Erfolg anscheinend riechen konnte.