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Nicht der tiefe Süden der USA, nicht Städte wie New Orleans, Memphis oder Chicago war die Heimat von zwei der einflussreichsten Musikern der frühen Blues-Zeit. Das Duo Leroy Carr und Scrapper Blackwell aus Indianapolis (im schwarzen Volksmund kurz «Naptown» genannt) begann mit seinen Songs Ende der 1920er Jahre die Szene zu prägen und zahllose andere Musiker zu beeinflussen. Ihr grösster Hit «How Long, How Long Blues» wurde zu einem der meistinterpretierten Nummern der Folgejahrzehnte.

Mit ebenso viel Chuzpe wie Leidenschaft haben sich nun Christopher Wyze & The Tellers dem Vermächtnis von Carr und Blackwell angenommen und interpretieren äusserst kompetent elf Songs aus deren immensem Repertoire, ursprünglich aufgenommen zwischen 1928 und 1932. Klar darf «How Long…» nicht fehlen, doch ist dies nur eine der Perlen aus der Karriere von Carr und Blackwell, die im Urban Blues jener Zeit grosse Erfolge feiern konnten.

Dass sich die Versionen, die Christopher Wyze, John Boyle III und Gerry Murphy aufbereitet haben, von den Originalen abheben und gleichwohl bestehen können, ist verschiedenen Umständen geschuldet. Da ist der gesangliche Ansatz: Wyze versucht sich nicht in einer krampfhaften Carr-Kopie. Seine Interpretation folgt eher der unaufgeregten, aber gleichwohl griffigen Herangehensweise. Der grösste Unterschied jedoch – Leroy Carr war Pianist – besteht darin, dass Wyze & Co in ihrer Produktion gänzlich auf ein Klavier verzichtet haben. Dies verleiht dieser Musik einen neuen, spannenden Charakter und rückt den eigentlichen Song, resp. das Songwriting von Carr an sich in den Mittelpunkt. Und nicht zuletzt setzt im Gegensatz zu den Originalen eine Acoustic Harmonica da und dort sensible Sahnetupferl.

Liebevoll aufgemacht präsentieren sich auch die Plattencover und Booklet. Optisch vom Stil her jener Epoche vor knapp 100 Jahren nachempfunden, als der Naptown Blues Furore machte, enthält das Booklet neben einem ausführlichen Essay und zahlreichen Abbildungen zu Leben und Musik von Carr und Blackwell eine von Wyze verfasste Beschreibung, wie es zu diesem Album kam, sowie die diskografischen Angaben, die Lyrics und spezielle Bemerkungen zu jedem einzelnen Song.

Christopher Wyze & The Tellers unterstreichen mit ihrem fein konzipierten (und natürlich in Indianapolis aufgenommenen) Werk, dass Leroy Carr und Scrapper Blackwell von der Blues-Forschung gegenüber etwa dem Delta Blues zu Unrecht vernachlässigt worden sind.  

Christopher Wyze (voc, harm), John Boyle III (g, org), Gerry Murphy (ac-b)

(CD, DL, www.bigradiorecords.com)