Jazz 'n' More
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Basler Veranstaltungskalender
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Groove Now
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LIve ist live. . .

Der Blues lebt vom Live-Auftritt. So sehr ein gut gemachtes Studioalbum (z.B. Big Mama Thorntons With the Muddy Waters Blues Band) oder eine Privatproduktion zuhause (wie Luther Allisons Hand Me Down My Moonshine) grossartig sein kann, es lässt sich auch durchaus argumentieren, dass der Blues zunächst eine Musikform ist, die stark vom Live-Auftritt lebt. Die Interaktion zwischen Publikum und Performern ist seit den Tagen der Auftritte Charlie Pattons auf den Plantagen des Mississippi-Deltas oder jener Blind Lemon Jefferons in den Gesellschaften Chicagos ist unverzichtbarer Teil des Blues. Konzert-Alben sind ein anderes Thema, es gibt manche, die hassen sie und manche, die lieben sie. Ich gehöre zu den letzteren und versuche stets von einem Künstler wenn möglich eine Live-Aufnahme zu hören. 

Aus diesem Grund und für andere Liebhaber des Live-Auftritts hier also einige Live-Alben, die zeitlos gut sind und immer wieder gehört mehr und mehr Spass bereiten. Als Live-Alben stelle ich hier nur Alben vor, die in wenigen, idealerweise einem Auftritt aufgenommen wurden. In diese Liste werden also nur Live-CDs genannt, die wirkliche Konzerte oder Zusammenschnitte von Konzerten innerhalb weniger Tage aufgenommen werden. Somit sind Alben wie Luther Allisons Where Have You Been oder Albert Collins Live 1992-1993 nicht in dieser Liste zu finden. Hier geht es um den Moment, die Magie des Konzertes auf den Tonträger zu bannen.

Es werden auf dieser Liste zudem natürlich nur Alben besprochen, die nicht schon in der Instant Blues Collection zu finden sind. John Lee Hookers Live at the Café à Gogo oder Claptons Unplugged werden hier also nicht neuerlich erwähnt, obwohl es Aufnahme sind, die das hier vorausgesetzte Kriterium der «Liveheit» erfüllen.

B.B. King Live in Japan.

1. Every Day I Have The Blues
2. How Blue Can You Get
3. Eyesight To The Blind
4. Niji Baby
5. You're Still My Woman
6. Chains and Things
7. Sweet Sixteen
8. Hummingbird
9. Darlin' You Know I Love You
10. Japanese Boogie
11. Jamming at Sankei Hall
12. The Thrill Is Gone
13. Hikari #88

B.B. King ist natürlich ein grossartiger Live-Performer und seine zehntausende von Live-Auftritte durch die Jahrzehnte stellen ein gewaltiges Zeugnis seiner Kraft und Inspiration dar. Entsprechend gibt es auch viele Live-Aufnahmen. Wieso wurde dieses Album gewählt? Allgemein wird Live at the Regal als die erste Wahl des «King of the Blues» betrachtet, und tatsächlich ist die Veröffentlichung von 1971 (damals als Doppel-LP) sehr gut, auch Live at San Quantin von 1990 und Live at the Apollo sind sehr gut. Die Aufnahme aus dem Regal Theater in Chicago datiert allerdings von 1964. Auch auf Live in Japan gibt es viele der klassischen Stücke wie «How Blue Can You Get» oder «Sweet Sixteen». Da das Album allerdings 1971 eingespielt wurde, ist eine wunderschöne Aufnahme von «The Thrill is Gone» (Grammy-Gewinner in jenem Jahr) darauf. Der King hat dieselbe Energie, Lucille dieselbe Aufsässigkeit im Ton wie im Regal, aber dazu gibt es auf Live in Japan noch die absolut umwerfenden Instrumentalstücke «Japanese Boogie» «Jamming at Sankei Hall» und «Hikari #88» (was «Licht Nr. 88» bedeutet, aber Hikari ist auch die Bezeichnung eines Shingatsen Schnellzugs in Japan). Der letzte Grund, weshalb diese CD den ersten Platz gekriegt hat ist, dass es meine jüngste Erwerbung ist und dass ich momentan begeistert bin von der CD. Ein noch relativ junger King, bevor auch der Ton von Lucille so wurde, wie er heute ist: perfekt cremig, lieblich. Für alle Fans des «Blues Boy»: Unbedingt reinhören oder ungehört und auf meine Empfehlung hin kaufen. B.B. war an diesem Abend in glänzender Stimmung und er hält seine Gefühle nicht zurück.

Professor Longhair The London Concert

1. Mess Around
2. Hey Now Baby
3. Whole Lot of Loving
4. Go to the Mardi Gras
5. Baldhead
6. Tipitina
7. Big Chief
8. Everyday I Have the Blues
9. Hey Little Girl
10. Lovely Lady
11. Medley: She Walked Right In/Shake Rattle & Roll/Sick & Tired
12. Rockin' Pneumonia
13. Rockin' with 'Fess
14. P.I. Boogie

Eines der wunderbarsten Konzerte aller Zeiten, ein Moment purer musikalischer Freude ist der Auftritt von Professor Longhair (Henry Roeland Byrd oder «Fess») aus dem Jahr 1978. Die Idee von John Stedman von JSP Records war simpel und bestechend: Man nehme einen der besten Pianisten aller Zeiten, in tausenden von Auftritten in seiner Kunst geübt, setze ihn in einen Konzertsaal mit guter Akustik anstelle einer verrauchten Kneipe und gebe ihm einen richtigen Flügel anstelle eines Kneipenklaviers und lasse ihn sein normales Konzertprogramm spielen. Dem Sechzigjährigen gab man im New London Theatre lediglich den Konga-Spieler Alfred Roberts zur Seite, und liess ihn seine Songs spielen. Das Ergebnis sind Klangkaskaden, die wie die Perlenketten Beads um das Genick der Touristen beim Mardi-Gras ineinander verschlungen sind. Nach dem Eröffnungsstück «Mess Around» geht mit Fess echt die Post ab. Die beiden nächsten Nummern «Hey Now Baby» und «Whole Lotta Lovin» sind einfach so unglaublich, dass ich mich auch nach Jahren mit diesem Album immer wieder kopfschüttelnd und schmunzelnd zugleich wiederfinde. Auch wenn man es für eine Übertreibung halten mag. Die Begleitung auf «Hey Now Baby» ist Bachs Kunst der Fuge, wie man sie in New Orleans spielt. Dazu die freundliche und einzigartige Stimme des Professors, sein Pfeifen, eine Energie, die sich durch die Virtuosität einen Weg bricht. Nach jedem Stück bedankt sich Byrd mehrfach bei dem immer mehr aus dem Häuschen geratenden Publikum. Er klingt dabei zwar auch immer etwas als könne er es nicht fassen, dass man ihn über den Atlantik geflogen habe, nur um hier Klavier zu spielen, aber er klingt auch stolz, weil er weiss, dass er der Beste ist, der Stammvater des New Orleans-Piano von «Champion» Jack Dupree oder Fats Domino. Was soll man sagen: Wer diese CD verpasst hat, sollte sich fast schon schämen, aber BLUESNEWS.CH bietet ja jetzt Abhilfe.

Otis Rush All Your Love I Miss Loving : Live at The Wise Fools Pub Chicago

1. Please Love Me
2. You're Breaking My Heart
3. All Your Love (I Miss Loving)
4. Will My Woman Be Home Tonight
5. Mean Old World
6. Woke Up This Morning
7. High Society
8. It Takes Time
9. Gambler's Blues
10. Feel So Bad
11. Sweet Little Angels
12. Motoring Along

Diese Aufnahme vom Januar 1976 demonstriert, wie Otis Rush hoch konzentriert und mit einer guten Band spielen und singen kann. Nach meinem Empfinden zünden die Studio-Alben Otis Rushs manchmal nicht so richtig. Aber auf diesem Live-Album ist ein intensiver Moment seiner Karriere aufgenommen, Rush spielt, als ginge es um sein Leben. Er hat hier den sensationellen Schlagzeuger Jesse Green an seiner Seite, der die Songs dezent voranbringt. Nicht nur der zu erwartende Hit «All Your Love I Miss Loving» ist darauf in einer hervorragenden Version, auch «Mean Old World», «Gambler's Blues» und «Sweet Little Angel». Otis Rush klingt nach West-Side Blues, er spielt diesen so mitreissenden puren Gitarrenblues der 70er Jahre, kratzig und crunch-angezerrt. Dazu singt er gut. Die Aufnahme lässt Perfektion vermissen, da waren wenige Mikrophone im Einsatz, aber wie auch bei der Aufnahme von Jimmy Dawkins, weiter unten in dieser Liste klingt sie auch dadurch authentisch. Die Geräusche des Publikums sind angenehm, schaffen Atmosphäre, aber stören die Musik nicht.

Snooks Eaglin Live in Japan

1. Quaker city
2. I went to the mardi gras
3. Soul train
4. Don't take it so hard
5. Josephine
6. Down yonder (We go ballin')
7. Lillie Mae
8. Nine pound steel
9. It's your thing
10. Yours truly
11. (Boogie on) Reggae woman
12. Black night
13. Traveling mood
14. Reprise

Dieser Sohn New Orleans namens Fird «Snooks» Eaglin spielte auch schon in Japan und auch er nahm ein Album auf. Snooks Eaglin New Orleans so sehr in sich aufgesogen, dass dieses Album von manchen nicht unbedingt als Blues bezeichnet würde. Der synkopierte Rhythmus New Orleans' ist hier präsenter als der Shuffle. Eaglin spielt dazu wunderbar verspielte Linien. Eaglin klingt auf diesem Konzert vom 9./10. Dezember 1995 wie eine Marching Band oder wie Longhair an den Tasten, er widerspiegelt die Musik Sydney Bechets ebenso wie jene Fats Dominos. Snooks Eaglin war ein begnadeter Showman, und so führt er dem japanischen Publikum seine Version von «Done Yonder (We Go Ballin'» ein mit den Worten «This was put out a long time ago, by the late great Smiley Lewis, y'all». Und er kriegt die Japaner dazu, mitzugehen. Zu Beginn seiner Version des zeitlos guten «Black Night» von Jessie Robinson schrammt der blinde Gitarrist Eaglin über die Saiten, worauf der sagt «Oops, I didn't see it, y'all, don't worry about it».

U.P. Wilson with Paul Orta & The Kingpins, Attack of the Atomic Guitar 1992

1. Wailing at Weavers - Paul Orta & Kingpins
2. Boy Scout Plan
3. Enter the Tornado - Paul Orta & Kingpins, U.P. Wilson
4. Hold on Baby
5. Johnny B. Goode
6. Hideway
7. You Got Me Runnin'
8. Armadillo Strut
9. Pretty Baby - Paul Orta & Kingpins
10. Austin Shuffle - Paul Orta & Kingpins, U.P. Wilson
11. Alibi Blues
12. Bo Diddley
13. Boogie Chillen
14. Twister - Paul Orta & Kingpins, U.P. Wilson
15. Cold, Cold Feeling

Aufgenommen in «The Weavers Arms» in London im Jahr 1992 führt diese Scheibe wirklich eine «Atomgitarre» vor, und damit die Steigerung der Strom-Gitarre. Der Texaner Paul Orta und seine Kingpins sind eine solide Begleitband, Orta spielt auf einigen Stücken toll Blues-Harp (er hat schon mit jedem der Chicago- und Texas-Blues-Szene gespielt, der Rang und Namen hat), aber weitgehend ist das Album ein Gitarrensolo, häufig instrumental, Gesang gibt es bei weitem nicht auf allen Stücken, und das ist gut so, denn Orta ist kein guter Sänger (Jimmy Reeds «You Got me Runnin'»). Die Hauptattraktion hier ist also U.P. Wilsons Gitarre. Wilson spielt harten, kompromisslosen Texas-Bluesrock wie Stevie Ray Vaughan (der Wilson gehört und gekannt hat und der voller Bewunderung von ihm sprach), Kenny Wayne Shepherd oder Chris Duarte. Wilsons ist ebenfalls Gitarre mächtig und, aber er klingt hier weniger poliert. Er fliesst frei zwischen Shuffle und Surf-Sound à la Dick Dale (Chuck Berrys «Johnny B. Goode») oder bringt seine Version des kalten Sounds à la Albert Collins («Armadillo Strut», Eigenkomposition). Doch in all dem imitiert er nicht, er zeigt sein eigenes Verständnis, ebenso kreativ wie Vaughan, mit unglaublicher Intensität. Seine Version von Freddie Kings «Hideaway» ist unglaublich fetzig, und auf «Bo Diddley» kriegt er nicht nur den Diddley-Rhythmus mitreissend hin, der imitiert auch die Stimme mit seinem Spiel. «Boogie Chillen» ist trocken und hart, eine getreue Interpretation des detroit-Sounds. Vielleicht etwas gitarrenlastig, aber die Gitarre ist spektakulär.

Jimmy Dawkins Come Back Baby

1. Come Back Baby
2. I Got Wise
3. Big Duke's
4. Cross Road Blues
5. J.D.'s Jam
6. Hard Road to Travel
7. Nature Ball
8. Blue Shadows Falling
9. Ode to Billie Joe
10. Pretty Woman

Diese Aufnahme vom leider viel zu oft unterschätzten Jimmy Dawkins stammt vom 10. November 1976, aufgenommen im «Big Duke’s» in Chicagos West Side, und wie Otis Rushs Scheibe oben ist auch dies ein in «schlechter» Qualität abgemischtes Konzert. Erneut wurden hier zu wenige Mikrophone aufgestellt, und zeitweise fühlt man sich wie wenn man in der Kneipe hinter der Säule sitzt, aber die Aufnahme wirkt dadurch auch authentisch und viel Stimmung kommt rüber. Erneut ist hier, wie schon bei Rush, eine geniale Rhythm-Section an der Arbeit: Sylvester Boines (b) und Tyrone Centuray (dr). Die Aufnahme lebt von Jimmy Dawkins erdigem, kernigen, bösen und verletzten Klang der Gitarre, von seinem bitteren und harten Gesang und seinen mit minimalsten Veränderungen konstruierten Soli. Viele dieser Aufnahmen sind ausgezeichnet, «Hard Road to Travel» etwa oder «Cross Road Blues» (ein Slow Blues, hat nichts mit Creams «Crossroads» zu tun). Der Abräumer und fast sechs Minuten reiner Magie ist der Opener «Come Back Baby». Wie gesagt ist Jimmy Dawkins einer, bei dem Blues weh tut. Er macht aus seinen Verletzungen keinen Hehl, das Leben ist Kampf, es ist Leiden, diese Wahrheit ist es, vor der Dawkins seinen Blues spielt. Und deshalb ist «Come Back Baby» (nicht zu verwechseln mit «Baby, Please Don’t Go») das perfekte Lied: Seine Bitte «Come back baby, baby please don’t go, the way that I love you, you’ll never know. Come back baby, let’s talk it over, one more time» strotzt vor verletztem Stolz, sein Gitarre weint und wimmert, er fleht sie an, aber es ist klar, dass sie gehen wird, es ist aus und er weiss es, aber hält an seinem Flehen fest. Schon das Eröffnungs-Riff ist gewaltig, höchstens zu vergleichen mit Albert Kings ersten paar Noten auf «Blues Power». Die CD ist sicher etwas für Liebhaber: Liebhaber des West Side Sounds, Liebhaber etwas angejahrter Aufnahmen, Liebhaber der feinen Zwischentöne, aber wenn man sie lieb gewonnen hat, mag man auf diese Scheibe sicher nicht verzichten.

Joe Louis Walker Live at Slim’s Volume I + II (1991/92)

1. I Did't Know
2. Moanin' News
3. Don't Play Games
4. Don't Mess Up A Good Thing
5. Ridin' High
6. Fuss & Fight
7. One Time Around
8. Don't Know Why
9. Bit By Bit

10. Hot Tamale Baby

1. Don't You Know
2. Thin Line
3. One Woman
4. Blue Guitar
5. Shade Tree Mechanic
6. 747
7. Just A Little Bit
8. Brother Go Ahead And Take Her
9. Love At First Sight

Diese beiden CDs stellen Veröffentlichungen eines Konzerts vom 9. und 10. November 1990. Im Folgejahr wurde Vol. 1 herausgebracht, 1992 dann Vol. 2. Joe Louis Walker hat seither viel Erfolg gehabt und das zurecht. Er spielt guten Gitarrenblues, sowohl was das Rhythmusspiel wie das Solo angeht. Und dazu singt er mit einer hohen aber eindringlichen Stimme. Das Konzert klingt frisch und die Band — Carl Schumacher p, org, voc; Henry Oden b; Paul Revelli dr; Tim Divine sax; Jeff Lewis trump & perc — treibt die Stücke an und unterstützt Walker sehr gut. Auf «Don’t Mess Up a Good Thing» übernimmt Angela Strehli einen Teil des Gesangs. Beide Alben sind solide Blues-Konzerte, vielleicht keine gewaltigen Höhenflüge, aber auch keine Durchhänger.

Buddy Guy with G.E. Smith & The Saturday Night Live Band The Real Deal (1996)

1. I've got my eyes on you
2. Sweet black angel (black angel blues)
3. Talk to me baby
4. My time after awhile
5. I've got news for you
6. Damn right I've got the blues
7. First time I met the blues
8. Ain't that lovin' you
9. Let me love you baby

Buddy Guy spielt hier zuhause in seinem Klub Legends in Chicago ein Konzert, die Begleitband ist die Band der TV-Show Saturday Night Live unter der Führung von G.E. Smith. Die Band ist nicht die auch als Booker T. & The M.G.s bekannte «Blues Brothers Band» (Steve Cropper, Donald Dunn, Matt «Guitar» Murphy etc.) sondern die Nachfolgecombo. Buddy Guy spielt ein sehr langsames Set, geniesst die Gesangsteile und die Soli und er ist der unumstrittene Herrscher dieser Aufnahme. Die Band unterstützt wirklich nur und so kommt Guy dazu, seinen Abend nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Er hatte an diesem Abend (der CD ist nicht zu entnehmen, wann im Jahr 1996 das Konzert war, lediglich das Copyright wird mit ‚96 angegeben) einen schönen gemütlichen Abend. Buddy Guy lässt seine verrückten Passagen aufblitzen, aber sonst zelebriert er hier die Stücke. Besonders stechen heraus «My Time After Awhile» und «Sweet Black Angel». Die Begleitung zu «Let Me Love You Baby» ist dieselbe wie zu «I've Got My Eyes On You», aber da im Eröffnungsstück eine Saite reisst, kommt es dort nur zu einem unterbrochenen Solo. Alles in allem ein Super-Konzert, wenn man es ganz hören kann. Deshalb noch eine Warnung: Auf der VHS-Kassette gab es kaum ein Stück ganz zu hören. Ständig wurden die Songs durch dazwischen geschnittene Interview-Plattitüden zerstört. Nun habe ich die DVD nicht gesehen, aber den Regeln der Publikation von Blues-Titeln folgend ist es mit dem Video identisch.

The Willy Deville Acoustic Trio Live in Berlin (2002)


Disk 1:

1. St Peter's Street
2. Betty and Dupree
3. It's too late she's gone
4. Spanish Harlem
5. Trouble in mind
6. Storybook love
7. Big blue diamond
8. Shake sugaree
9. Let it be me
10. That it the way to make a broken heart

Disk 2:
1. I'm blue so blue
2. Keep a knocking / Sea cruise
3. Shake rattle and roll
4. Rambling on my mind
5. One night of Sin
6. Steady drivin' man
7. Goin' over the hill
8. Bamboo road
9. Who's gonna shoe your pretty little foot
10. Carmelita

Dieses Doppelalbum ist schlicht fantastisch. Willy de Ville, Sänger der Band Mink de Ville, Edeljunkie, Super-Kaputtnik oder Musikgenie: Welche Ettiketten man immer ihm anhängt, Willy ist und bleibt ein Vollblutmusiker, der den Blues so tief verinnerlicht hat, dass man wirklich nicht denkt, dass er aus Connecticut stammen könne. Der Mann hat eine Stimme wie geschaffen für Blues, er singt, er gröhlt, er grummelt, er schmachtet, und häufig all dies von einem Moment zum anderen.

Diese Doppel-CD ist der Mitschnitt eines Konzerts aus dem Jahr 2002. Das Konzert gibt es auch auf DVD. Dazu gibt es auf der 2. CD sieben Bonus Tracks, die von einem Konzert in Stockholm aus demselben Jahr stammen. Während jenes Konzert allerdings mit seiner Band Mink De Ville ist, tritt er hier nur in Begleitung des atemberaubenden Pianisten Seth Farber und des Kontrabassisten David Keyes auf. Willy selbst spielt manchmal Gitarre, manchmal Perkussion und manchmal singt er auch nur.

Diese CD ist wirklich pures Gold. Jedes seiner Stücke klingt, als ob er es geschrieben hätte, und als ob jede andere Version ein Cover sei, so intensiv und authentisch klingen die Titel. De Ville greift tief in den Fundus und singt etwa Betty and Dupree ein beliebtes Lied über ein Liebespaar, das einen rauen Umgang pflegt. Selbst sehr bekannte Nummern wie Big Mama Thorntons Hound Dog klingen frisch und ungeheuer fetzig, was auch an seinen beiden Begleitern liegt (oder an De Villes Fingerschnippen?). Ein weiterer Song aus Elvis Presley grossem Katalog ist One Night of Sin (auch gecovert von Joe Cocker). Nur während es bei Elvis ein bisschen so klingt, als stelle er sich unter einer Nacht der Sünde ein grosses Cheeseburger-Essen vor, deutet Willy hier an, dass er die Sau rauslassen wird. Hinzu kommen Gassenhauer wie Robert Johnsons Ramblin' On My Mind oder Shake Rattle and Roll, das Elvis ebenso sang wie Bill Haley, Sam Cooke, Professor Longhair oder sogar die Beatles (wobei die unschlagbar beste Aufnahme meiner Meinung nach jene des unvergleichlichen Big Joe Turner ist und bleibt, auf der DVD Gunsmoke Blues verewigt).

Die gesamte CD ist von gleich bleibend hoher Qualität, aber insbesondere haben es mir der Junker's Blues und Let it Be Me angetan. Der Junker's Blues ist eine alte Nummer von «Champion» Jack Dupree, in der der bekennende Ex-Junkie oder wohl-hin-und-wieder-nicht-so-Ex De Ville ein leidenschaftliches Plädoyer für Drogen allgemein, insbesondere aber für sein «sweet Heroin» hält: «Some people they crave Chicken, some people they like that Porterhouse steak, when I get loaded, low-down loaded, I like my sweet Heroin». Farber lässt dazu wunderbar die Tasten tanzen. Das andere, der Evergreen Let it Be Me, geschrieben von den Everly Brothers, ist eine wunderbar schmalzige Ballade, damit bringt man jedes Herz zum schmelzen. Willy DeVille scheint gut im Schuss, er strahlt Freude an diese Auftritt aus und die Lust, mit einer kleinen aber feinen Combo wirklich gute Musik zu machen.

Derek & The Dominos Live At The Filmore (1970)

Disk: 1
1. Got To Get Better In A Little While
2. Why Does Love Got To Be So Sad?
3. Key To The Highway
4. Blues Power
5. Have You Ever Loved A Woman
6. Bottle of Red Wine


Disk: 2
1. Tell The Truth
2. Nobody Knows You When You're Down And Out
3. Roll It Over
4. Presence Of The Lord
5. Little Wing
6. Let it rain
7. Crossroads

Auf diesen Konzerten im Filmore East vom 23. und 24. Oktober 1970 spielt Clapton mehr oder weniger das gesamte Repertoire seiner Phase mit Derek & The Dominos durch, aber im Gegensatz zu den Layla-Sessions oder der älteren Live-CD mit der Band klingt Clapton hier richtig fertig. Es hatte offenbar echt den Blues an diesen Abenden, und er lässt es kacheln. Gerade die Titel, die er danach nicht mehr so häufig spielte wie Why Does Love Got To Be So Sad?, Got To Get Better In A Little While oder Let It Rain (alle unter kräftigem Einsatz des Wah-wah-Pedals) sind hier grossartig eingespielt: Da kommt richtig Herzblut durch. Das letzte ist eine fast zwanzig Minuten dauernde Tour de Force. Dieses Album halte ich mit der Live-Anthologie Crossroads 2 für gelungene Beispiele für das Schaffen Eric Claptons in den frühen 70ern und damit die Zeit, in der sich der ehemalige Cream-Gitarrist erneut als eigenständiger Musiker entwickelte.

Von Derek & the Dominos gibt es neben diesem Album noch die Veröffentlichung von 1973 mit dem Titel In Concert, das nicht eine Aufnahme desselben Konzerts darstellt, aber sich fast auf Augenhöhe mit Live at the Filmore befindet. Das Filmore-Konzert ist vielleicht etwas besser, aber die Unterschiede sind minim. Das Doppelalbum In Concert wurde zuerst veröffentlicht und erschien neulich in einer japanischen Reissue. Beide Konzerte sind nur für die Hard Fans zu empfehlen, ansonsten gibt es viele Redundanzen.

Junior Wells Live at Theresa's (1975)

1. Little By Little (4:25)
2. Snatch It Back And Hold It (6:23)
3. Talk (0:27)
4. Love Her With A Feeling (4:11)
5. Juke (3:32)
6. Talk (1:00)
7. Happy Birthday (1:27)
8. Talk (1:45)
9. Scratch My Back (5:42)
10. Help The Poor (3:52)
11. Talk (0:40)
12. Come On In This House (3:23)
13. Talk (0:42)
14. What My Mama Told Me (7:58)
15. Key To The Highway (4:02)
16. Talk (0:12)
17. Goin' Down Slow (8:21)
18. Talk (0:14)
19. Messin' With The Kid (2:21)

Chicago-Blueser Junior Wells war bekanntlich ein grossartiger Repräsentant des West Side Blues, dies ist eine Aufnahme des Blues-Klubs «Theresa's», in dem Junior Wells seit den 50er Jahren aufgetreten war. Er macht aber auch zugleich deutlich Werbung für Buddy Guys «Checkerboard Lounge», wo er einen Auftritt seiner selbst mit den üblichen Verdächtigen bewirbt, nur um dann in Juke zu springen, ein Instrumentalstück, auf dem Junior zeigt, was er mit der Harmonica alles kann. Dazu hält einer der beiden Gitarristen Phil Guy oder Byther Smith Bruder, einen steten Shuffle am Laufen. Die Talks zwischen den Nummern sind nicht zu lange (vgl. Tracklist) und es sind Gespräche von Junior mit dem Publikum. Sie vermitteln eine Live-Atmosphäre und Authentizität, sind sonst aber weitgehend überflüssig. Smith wird auf der zweiten Hälfte der CD von Sammy Lawhorn (ehemals Muddy Waters Band) ersetzt. Die Band - Earnest Johnson, Bass, Vince Chapelle (1-10) und Levi Warren, Drums liefern einen soliden Blues-Sound, und Juniors Exkursionen in den Funk, die er auf anderen Aufnahmen unternimmt, sind hier nicht präsent. Das Konzert ist eine Sammlung vieler Titel, die Junior Wells mehrfach eingespielt hat wie Little by Little, Come On In This House, Snatch it Back and Hold It oder What My Mama Told Me, aber an diesem Abend stimmte die Chemie. Die Musik ist transparent, die Bandmember harmonieren ausgezeichnet, in der zweiten Hälfte mit Warren und Lawhorne vielleicht sogar noch etwas besser. Ein schöner Moment ist das Geburtstagsständchen, das sich auf einer selbst gebrannten CD auch gut macht, dies nur als Tipp bezüglich eines möglichen Mehrwerts der CD.

What My Mama Told Me mit fast acht Minuten und Goin' Down Slow mit 8:21 sind wahre Kraftakte. Dafür gerät der unvermeidlich letzte Titel jeder Junior Wells Konzerts Messing With The Kid sehr kurz. Phil Guy ahmt hier das Solo seines Bruders Buddy Guy der Originalaufnahme auf Junior Well's Erstling Hoodoo Man Blues fast Ton für Ton nach.

Dies ist eine ausgezeichnete Aufnahme mit einem Junior Wells in der Blüte seiner Fähigkeiten, unterstützt von einer grossartigen Band:

Junior Wells, vocals, harmonica
Phil Guy, guitar (except 10)
Byther Smith, guitar (1-10), vocal (10), 2nd vocal (1)
Sammy Lawhorn, guitar (12-19)
Earnest Johnson, bass
Vince Chapelle, drums (1-10)
Levi Warren, drums (12-19)
Unknown, 2nd guitar (10)

James Booker Resurrection of the Bayoo Maharadja und Spider on the Key (1983)
Live atThe Maple Leaf Bar

1. Papa Was A Rascal
2. Sunny Side Of The Street
3. So Swell When You're Well
4. A Taste Of Honey
5. He's Got The Whole World In His Hands
6. Gonzo's Blue Dream
7. Eleanor Rigby
8. Malaguena
9. Piano Salad
10. Little Coquette
12. Besame Mucho
13. Tico Tico
14. Over The Rainbow

1.Medley: Slow Down/Bony Maronie/ Knock On Wood/ I Heard It Through The Grapevine/ Classified
2. Medley: Tico Tico/ Papa Was A Rascal
3. Medley: Lawdy Miss Clawdy/ Ballad At The Maple Leaf
4. Minute Waltz
5. All By Myself
6. Save Your Love For Me
7. Junco Partner
8. St. James Infirmary
9. Gitanarias
10. Medley: Life/ Wine Spo-Dee-O-Dee/ It Should Have Been Me
11. Pop's Dilemma / Irene Goodnight

Blues-Pianist James Booker (1939­-1983) fand auf dieser Website auch schon Erwähnung. Zur Erinnerung oder für jene, die noch nie von ihm gehört haben: James Booker war ein Pianist aus New Orleans, und sein Umgang mit den Tasten ist einzigartig, denn er bringt sein klassisches Training und das lockere Honky-Tonk seiner Vorbilder Roeland Byrd (Professor Longhair), Tuts Washington und Archibald problemlos unter einen Hut. Booker spielte laut Biographien auch für Fats Domino, wobei nicht ganz klar ist, was er für den tat, denn Fats spielte ja selbst schon Klavier. Booker spielt Blues-Piano, aber auf seine ganz eigene und unvergleichliche Art und Weise. Der «Spider on the Keys» trägt seinen Namen zu Recht, denn Booker hatte offenbar riesige Hände, die spinnengleich über das Keyboard wanderten. Booker pflegte zudem eine sehr eigene linke Hand, indem er selten einen stetigen Boogie-Rhythmus hält, um dann mit der rechten Melodien dazu zu spielen. Seine linke Hand spielt Akkorde, die manchmal an Bläsereinsätze erinnern, manchmal spielte er so schnelle Arpeggien, dass diese klingen wie Gitarrenakkorde. Selbstverständlich hatte er auch einen sauberen «rolling bass» drauf, aber eben noch ganz anderes. Dazu singt er (mindestens auf Resurrection), vielleicht nicht berauschend, aber es reicht für den Hausgebrauch. Sein Gesang erinnert an Professor Longhair. Zweifellos stand bei Booker das Klavierspiel an erster Stelle, aber er singt eben auf manchen Stücken auch noch. Für Techniker muss gesagt werden, dass James Booker mehr Musikalität als technische Perfektion war, entsprechend spielt er - wie Professor Longhair auch - nicht technisch unheimlich sauber, dafür mit grossartigem Gefühl und Drive. Arthur Rubinstein traf ihn 1958 und soll gesagt haben, nachdem er Booker hörte: «Ich hätte das nie spielen können - niemals mit diesem Tempo.»

James Booker war ein Virtuose am Klavier und er ist Gegenstand verschiedener Anekdoten wie jener, dass er es liebte, nach Konzerten zu Pianisten hinzugehen und ihnen ihr Solo Ton für Ton korrekt nachspielend zum Vortrag zu bringen. Mitunter soll der das Solo sogar präzise rückwärts gespielt haben. Er liebte klassische Einsprengsel im Stil Tschaikowskis oder Chopins. James Booker war ohne Zweifel «cocky» und arrogant, aber er hatte auch allen Grund dazu, weil er das Piano beherrschte wie wenige vor und nach ihm. Gleichzeitig war Booker auch eine tragische Gestalt, denn sein Talent und seine Fähigkeiten blieben weitgehend, d.h. von der lokalen Szene abgesehen unbemerkt, und so spielte er zeitlebens in New Orleans als Barpianist. Er begann zu trinken und andere Drogen zu nehmen, starb dann bereits im Alter von 44 Jahren an Leberversagen. Die Aufnahmen auf den beiden CDs Resurrection of the Bayoo Maharadja und Spider on the Key ­- Live at the Maple Leaf Bar stammen von der Maple Leaf Bar, in der er der Hausmusiker war, Booker kannte also dieses Klavier wie kein anderes, diese Aufnahme war ein Heimspiel für ihn. Diese Aufnahmen stammen allerdings nicht von einem einzigen Konzert, es sind Aufnahmen aus den Jahren 1977 bis 1982, aber das ist den beiden CDs nicht anzumerken.

Beflügelt durch die Vertrautheit der Umgebung tritt er auf diesen Aufnahmen enthemmt auf: Booker spielt die unglaublichsten Linien, die einem den Mund offen stehen lassen. Er fetzt auf den Tasten hin und her, dass einen erstaunt, wenn noch jemand in der Maple Leaf Bar ein einziges Wort gesprochen hätte. Auf der rein instrumentalen CD Spider on the Keys gibt es ein Stück mit dem Titel Piano Salad, auf dem Booker das Piano so spielt, dass es klingt wie wenn Richie Havens im Höchsttempo mit dem Plektrum über die sechs Saiten seiner Gitarre schrammelt. Gleich davor gibt es eine Version von Eleanor Rigby, die gewaltig ist, so als habe er es nicht nur John Lennon und Paul McCartney zeigen wollen, sondern auch noch Ray Charles, dessen Fassung dieses Klassikers der Beatles für Pianisten stilbildend ist.

James Booker ist in der Zusammenstellung seines Repertoires nicht dogmatisch, wie es der Tradition New Orleans entspricht. So covert er auf diesen beiden CDs Rock'n'Roll Nummern (Good Lawdy Miss Clawdy), südamerikanische Standards (Tico Tico, Besame Mucho, Malaguena), Musical-Stücke (Over the Rainbow) und Popsongs (Eleanor Rigby). Daneben spielt er hier auch Gospelstücke (He's Got he Whole World in His Hands) und selbstverständlich New Orleans-Klassiker (St. James Infirmary). Ja selbst klassische Musik flicht er in sein Set in Form von Chopins Minute Waltz (und ehe jemand nachfragt: der dauert 3:16). Nicht nur mischte er die musikalischen Genres, Booker gleitet in seinen Stücken oftmals von einem Song zum anderen. So eröffnet Resurrection of the Bayoo Maharadja mit zwei Medleys.

Dieses Album ist ein Genuss für all jene, die Blues-Piano mögen, aber neben der Chicago-Schule der Art von Memphis Slim, Pinetop Perkins oder Otis Spann mal eine neue Form des Blues-Klaviers kennenlernen möchten. Es ist zudem eine wunderbare Scheibe für Pianisten, die gerne inspiriert werden möchten (aber wohl auch eingeschüchtert) und fraglos auch für jene, die die Musik aus New Orleans lieben, und zwar nicht den Ragtime und Dixie der Beerdigungs-Züge, sondern die Musik der Bourbon Street, der (ehemals!) verrauchten Eckkneipen. Die Qualität der Aufnahmen ist gut, wenn auch nicht perfekt, aber es sind solide Aufnahmen, die einen guten Eindruck dieses Klavier-Hexers zu geben vermögen.

Muddy Waters At Newport (1960 )

Aufnahmen vom Festival, 3. Juli 1960

1. I Got My Brand On You
2. (I’m Your) Hoochie Coochie Man
3. Baby Please Don’t Go
4. Soon Forgotten
5. Tiger in Your Tank
6. I Feel so Good
7. I’ve Got My Mojo Working
8. I’ve Got My Mojo Working (Reprise)
9. Goodbye Newport Blues

Bonus Tracks aus dem Studio, 1960:

10. I Got My Brand On You
11. Soon Forgotten
12. Tiger in Your Tank
13. Meanest Woman

Es ist schwer, sich für eine repräsentative Live-CD von Muddy Waters zu entscheiden. McKinley Morganfield, wie Muddy Waters mit «bürgerlichem» Namen hiess, war ein Bühnentier, das den Auftritt liebte und beherrschte. Entsprechend war die Aufnahme von einem Konzert in der französischen Hauptstadt mit dem Titel Paris 1972 war ein guter Kandidat für die Live-CD dieser Woche, ebenso die DVD Classic Concerts. Ich habe mich für Live at Newport 1960 entschieden, weil dieses Konzert ein Zeitdokument ist, eine historische Aufnahme wie James Browns Live at The Apollo oder sonst eine Aufnahme, die einen Moment festhält, in dem sich etwas Entscheidendes geändert hat.

In diesem Fall war es das Selbstverständnis Muddy Waters. Muddy Waters war der unbestrittene Patriarch der Blues-Szene in Chicago, er war seit den frühen 50er Jahren erfolgreich, und er hatte als Doyen die Karrieren von Otis Spann, Junior Wells, Buddy Guy, James Cotton und manch anderem gefördert, aber er war bis zu diesem Auftritt ein Schwarzer Musiker, der für ein Schwarzes Publikum spielte. Doch dann kam Newport.

1954 hatte George Wein, der Besitzer des Bostoner Jazzklubs Storyville gemeinsam mit dem Ehepaar Louis und Elaine Lorillard das Newport Jazz Festival geschaffen, das erste Open-Air Musikfestival der Vereinigten Staaten. Newport, an der Atlantikküste im winzigen Staat Rhode Island gelegen, ist eine liberale Neuenglische Stadt im Nordwesten der USA, nicht zu weit von Boston, aber definitiv weit genug von der Mason-Dixon Line entfernt, um sicher nicht als Südstaat zu gelten. Das Festival war ein grosser Erfolg gewesen, und während dort am Anfang Duke Ellington, Louis Armstrong, Oscar Peterson, Dave Brubeck oder Horace Silver aufgetreten waren, gab es nach und nach auch das Bedürfnis nach Blues-Auftritten. Natürlich war das Festival für ein weisses Publikum organisiert, denn es ging schliesslich darum, die junge Weisse Mittelschicht mit den Musiktraditionen der Schwarzen Bevölkerung bekannt zu machen (nicht zu vergessen: Muddy Waters war der erfolgreichste Star des Plattenlabels Chess, aber als man das Studio neu streichen musste, stellte sich Muddy selbst auf die Leiter. Er belieht zeitlebens eine traditionelle Beziehung zu seinem jeweiligen «Bossman»).

Während der Jazz aufgrund der Leistungen der Musical-Komponisten George & Ira Gershwin, Cole Porter oder Irving Berlin eine akzeptierte und etablierte Kunstform war, galt der Blues noch als sekundäre oder mindere Musik. Der Blues war assoziiert mit rauen Sitten und einer Schwarzen Parallelgesellschaft, die für Weisse potenziell gefährlich war. Entsprechend stellte der Auftritt der Blueser an diesem 3. Juli 1960 ein grosses Wagnis dar: wie würde das Weisse Publikum reagieren, wie würden Jazz-Fans und -Puristen reagieren. George Wein hatte für den Bluestag folgendes Lineup verpflichtet: John Lee Hooker, Sammy Price Jimmy Rushing sowie Butch Cage & Willie Thomas. Und dann betraten «Muddy Waters and his Orchestra» - wie die Ankündigung in Jazz-Tradition lautete - die Bühne. Die Muddy Waters Band bestand neben Muddy aus James Cotton, Harmonica; Otis Spann, Piano (und Gesang auf dem letzten Stück Goodbye Newport Blues); Pat Hare, Gitarre, Andrew Stephenson, Bass und Francey Clay, Schlagzeug. Muddy Waters spielte laut Booklet Gitarre auf dem Eröffnungsstück Catfish Blues, aber das ist auf der CD nicht enthalten. Danach beschränkte er sich auf den Gesang, und der ist auf dieser Aufnahme ausnehmend gut. Es scheint allerdings, als ob er auf Soon Forgotten auch ein Solo spielen würde.

Am Anfang des Konzerts war die Band noch nervös, aber ein junger und enthusiastischer James Cotton spielt grossartig Harmonika, und mit der Zeit gewöhnten sich Publikum und Band aneinander, und ab der Mitte des Konzertes wird es sehr lebhaft. Der Reisser Tiger in Your Tank begeistert das Publikum bereits hörbar, und beim folgenden I Feel so Good flippten die ersten Leute aus. Auch die Band und vor allem Muddy Waters selbst liessen sich von der Stimmung anstecken, und während I Got My Mojo Working soll er mit James Cotton spontan ein Tänzchen hingelegt haben. Das Publikum war danach so aufgedreht, dass sie das Stück gleich nochmal spielten. Zum Schluss kommt Otis Spanns schwermütige Improvisation Goodbye Newport Blues, das die Stimmung wieder etwas runterbringt.

Das gesamte Konzert ist aus einem homogenen Guss, und es ist einzig schade, dass nicht alle Songs des Konzerts auf der CD enthalten sind. Aber der Auftritt gilt zurecht als ein klassisches Zeugnis der Kunst des Muddy Waters und seiner Band, als klassisches Zeugnis des Chicago Blues, in dem das Kollektiv wichtiger ist als der einzelne Star.

Wer Teile des Auftritt sehen möchte, der kann sich neben den Aufnahmen auf Youtube auch mit der eingangs erwähnten DVD Classic Concerts behelfen, auf der Ausschnitte des Konzerts enthalten sind.

Joe Bonamassa Live From Nowhere in Particular (2008)

CD1

1. Bridge to better days
2. Walk in my shadows
3. So many roads
4. India / Mountain Time
5. Another kind of love
6. Sloe gin
7. One of these days

CD2

1. Ball peen hammer
2. If heartaches were nickels
3. Woke up dreaming
4. Django / Just got paid
5. High water everywhere
6. Asking around for you
7. A new day yesterday / Starship Trooper / Wurm

 

 

 

 

 

 

 

Gerade mal 31 Jahre alt, hat der 1977 geborene Sänger und Gitarrist Joe Bonamassa bereits acht Alben veröffentlicht. Das ist an sich schon ganz schön ansehnlich, aber wenn man die Alben hört, bleibt einem der Mund offen stehen. Der Mann aus Utica in New York kann mit den Saiten scheinbar alles anstellen und dazu hat er eine wirklich grossartige Singstimme.

Nun ist sein zweites Live-Album erschienen, die Zusammenstellung Live From Nowhere in Particular. Dieses Album erfüllt die ursprünglich gestellten Kriterien an ein Live-Abum nicht, namentlich weil es keine Aufnahme eines einzelnen Konzertes ist, sondern eine Zusammenstellung aus Joe Bonamassas Tournee mit dem sehr erfolgreichen Album Sloe Gin. Erfreulicherweise stammen aber nur vier der Titel - Another Kind of Love, Sloe Gin, One of These Days und Ball Peen Hammer - von der CD, so dass man nicht dasselbe Material zweimal erstehen muss.

Das Erfrischende und Angenehme an Joe Bonamassa ist seine «Retro»-Auffassung von Bluesrock. Seine bevorzugte Gitarre ist die Gibson Les Paul und entsprechend klingt seine Musik stark nach Led Zeppelin, Gary Moore oder Cream, und Bonamassa hat selbst in einem Interview mit der Zeitschrift Guitarist als seine drei einflussreichsten Alben Rory Gallaghers Irish Tour bezeichnet sowie zwei Clapton-Aufnahmen zitiert: John Mayall & the Bluesbreakers with Eric Clapton (das Beano Album) und Goodbye Cream. Seine Stücke sind voller ausschweifender Soli und klingen authentisch nach 60er Jahren. Wenn das längste Stück dieser CD Live From Nowhere in Particular Django / Just Got Paid knapp unter 18 Minuten dauert, versteht man, wieso es ein Doppelalbum wurde.

Kontinuierlich schaffte es das ehemalige Wunderkind (Anheizer für B.B. King mit 12, erste Band mit 14: Bloodline mit Erin Davis (Sohn von Miles Davis) und Waylon Krieger (Sohn von Doors-Gitarrist Robby Krieger)) und spätere Geheimtipp Joe Bonamassa, sich ein treues Publikum zu erspielen. Sein gefühlvoller Gesang, Johnnie Lang vergleichbar, ist eine gute Ergänzung zu seinem makellosen und vielseitigen Gitarrenspiel. Neben den Paulas spielt er auch akustische Stücke. Auf der aktuellen Tournee bestand seine Band aus Carmine Rojas am Bass, Rick Melick am Keyboard und Bogie Bowles am Schlagzeug.

Die Doppel-CD eröffnet mit dem Hard-Rock-Kracher Bridge To Better Days, der Jimmy Page Freude bereiten wird. Es folgt ein sensationelles Cover des Free-Stücks Walk in My Shadows: so schön, so gefühlvoll kann Blues sein. Dann wird es ruhiger mit dem Slow-Blues So Many Roads. Hier saut Bonamassa mit Genuss auf der verzehrten Gitarre rum. Wer Gary Moores Blues Alive mochte, der wird dieses Stück bald als Dauergast auf seinem Ipod haben. India / Mountain Time, beides Eigenkompositionen von Bonamassa bieten verspielte und episch-verträumte Gitarrenklänge, die manchmal an Greateful Dead erinnern, so scheinbar ziellos mäandern die Klänge auf ein unsichtbares Ziel zu.

Es folgen die vier auch auf dem Studioalbum enthaltenen Titel, die mit ähnlicher Länge wie auf Sloe Gin aufgenommen wurden. Die Titel sind makellos gespielt, jene davor waren einfach noch ein bisschen besser. Der letzte dieser Titel Ball Peen Hammer leitet einen akustischen Teil ein, der weitergeht mit der Blues-Ballade If Heartaches were Nickles. Hier wird deutlich: Bonamassa hat die Bedeutung der Zeit erkannt und er nimmt sich alle Zeit, seine Stücke mit Gefühl und Akkuratesse zu präsentieren.

Dann folgt Woke Up Dreaming, eine bemerkenswerte Nummer. Solo und nur mit der akustischen bewaffnet spielt Bonamassa hier alle schwindlig und hält ein unglaubliches Tempo durch. Selbst ein ausgewiesener Akustik-Spieler wie Richie Havens sieht im Vergleich zu Bonamassa alt aus. Vielleicht ist das Stück mit Anspielungen auf die klassische spanische Gitarrentradition und jazzigen Exkursionen ein Stück für Gitarristen, aber ich denke nicht. Es ist in und für sich genommen schön und zum Schluss löst sich das Stück in Wohlgefallen auf.

Dann hängt er sich wieder die elektrische Gitarre um und zelebriert Django / Just Got Paid, wie gesagt das längste Stück des Albums. Bonamassa spielt laut Booklet neben drei Les Paul auch eine Gibson Lucille «Thanks B» und eine Gibson Skylark Prototype (Ich kenne Skylark nur als Verstärker von Gibson, aber so steht's im Booklet). Zudem spielt er eine Gigliotti, eine Custom-Gitarre im Stil einer Telecaster. Auch seine akustischen Gitarren und Verstärker werden im Booklet aufgezählt. Das sind interessante Informationen, aber wie jeder Gitarrist weiss, liegt das Geheimnis nur zu einem kleinen Teil im Equipment.

Bonamassa gibt alle Details zu seiner Ausrüstung bekannt: Mikrophone, Kabel, Monitore, Preamps und Pedale, aber nicht die Saiten und, was ärgerlicher ist, auch keine Informationen zu den Aufnahmen selbst. So erfahren wir nie, welche Aufnahme wo und wann gemacht wurde. Das ist aber auch der einzige Wermutstropfen an dieser CD.

Es folgt erneut das akustische High Water Everywhere, dann mit dem klassischen Blues Asking Around For You von der CD You and me. Die Keyboards haben hier richtig Ausgang und Rick Melick begleitet vorbildlich, ehe der Chef dann erneut ein Solo mit Anklang an Gary Moore spielt. Die Band schliesst mit einer knapp acht Minuten langen Doppelnummer: Dem Shuffle A new day yesterday und dem Yes-Hit Starship Trooper.

Joe Bonamassa, seine Band und Produzent Kevin Shirley, der bereits Sloe Gin produzierte, haben hier ein Album abgeliefert, das keine Wünsche offen lässt. Wenn die CD um ist, freut man sich über etwas Stille, was mit der Intensität der Musik zu tun hat. Jetzt bleibt nur noch, Bonamassa Live auf der Bühne zu erleben.

Luther Allison Live in Paris (1979)

1. Crazy Jealous 5:10
2. Sweet Little Angel 9:09
3. My Baby 4:17
4. Thrill is Gone 8:51
5. Early In the Morning 6:00
6. Tribute to Hound Dog 10:37
7. Luther’s Shuffle 4:50
8. I Can’t Quit You Baby 7:46
9. I’m Leavin’ 5:50
10. Rock Me Baby 8:58

Band:

Luther Allison: Lead-Gitarre, Gesang
James Solfield: Rhythmus-Gitarre
Sid Wingfield: Piano
Kenny Berdoll: Bass
Danny Smith: Drums

Luther Allison (1939-1997) liebte den Live-Auftritt. Sein Durchbruch gelang 1969 auf dem Ann Arbor Blues Festival und er war bekannt und beliebte für seine Auftritte. Entsprechend gibt es relativ viele Live-Alben dieses Bluesman und Autodidakten aus Arkansas, der sich zuerst in Chicago seine Sporen abverdiente und zusehends Respekt erspielte (1957 erster Auftritt mit Muddy Waters, später mit Howlin' Wolf und James Cotton). Der später in die weite Welt zog, 1977 in Paris heimisch wurde und erst 1992 (auf Betreiben von Alligator-Records Gründer Bruce Iglauer) wieder in die USA zurückging. Luther Allison hinterliess uns eine Reihe wirklich guter Aufnahmen und nicht zuletzt seinen Sohn, den musikalisch vielseitigen Virtuosen und grossartigen Gitarristen Bernard Allison.

Unter seinen Live-Aufnahmen seien hier drei speziell erwähnt: Da ist zunächst Live in Chicago, sein Alterswerk, auf dem er den USA mal zeigen wollte, was sie all die Jahre verpasst haben, in denen er in Europa spielte. Als nächstes wäre zu erwähnen: Where have You Been : Live in Montreux 1976-1994, eine wunderbare Zusammenstellung sehr feiner Aufnahmen, die Beleg sind für die gesamte Bandbreite des Schaffens und der musikalischen Vielseitigkeit Luther Allisons. Schliesslich möchte ich die DVD-Aufnahme eines Konzertes von 1997 auf dem Inselstaat Réunion in Indischen Ozean erwähnen, die unter dem Titel Live in Paradise verkauft wurde. In dieser Aufnahme, die in amerikanischen Reviews sicherlich mit den Attributen „No holds barred" und „Take no prisoners" charakterisiert würden, lässt Luther Allison alles raushängen, was er drauf hat und spielt in einem Konzert von über zwei Stunden sich selbst, das Publikum und die DVD-Konsumenten zur glücklichen, aber auch vollkommenden Erschöpfung. Die Chicago Sunday Times nannte ihn mal den «Bruce Springsteen des Blues». Wenn man dieses Konzert sieht, versteht man den Vergleich: dieselbe Intensität, dieselbe Direktheit und dieselbe Bereitschaft, sich bis zur Verausgabung dem Publikum hinzugeben.

Für die Review dieser Woche habe ich mich aber für Live in Paris entschieden, eine Aufnahme aus dem Jahr 1979, aufgenommen in La Chapelle des Lombards mit einer vierköpfigen Band: James Solfield an der Rhythmus-Gitarre, Sid Wingfield am Piano, Kenny Berdoll am Bass und Danny Smith an den Trommeln und Becken. Der Grund dafür, dass diese CD es in diese Liste der Livs-CDs der Woche gebracht hat ist, dass ich einfach immer wieder diese CD aus dem Schrank ziehe, wenn ich Lust habe auf Luther Allison, das Konzert stimmt von A bis Z und es gibt kein einziges faules Stück darauf.

Dieses Konzert war Teil seiner sehr erfolgreichen Frankreich-Tournee, zwei Jahre nachdem er sich in Frankreich niedergelassen hatte. Auf der Tournee spielte er für insgesamt 35‘000 Fans, dieses Konzert war wohl vor einem durchschnittlichen Publikum von einigen Hundert. Aus der Art, wie die Band harmoniert scheint es aber ein Konzert vom Ende der Tour gewesen zu sein, denn die Band harmoniert wie ein Uhrwerk. Die CD enthält neun Titel, aber sie ist randvoll mit Blues. Denn die drei B.B. King-Covers Sweet Little Angel, Thrill is Gone und Rock Me Baby sind rund neun Minuten lang und damit ausgiebige Exkursionen ins Blues-Territorium.

Diese drei Titel sind auch echte Glanzpunkte der CD. Seine Versionen orientieren sich eindeutig an B.B. King, aber sie tragen zugleich deutliche Einflüsse der Chicagoer West-Side Tradition in sich: sie sind wilder und ausschweifender. Thrill is Gone beispielsweise ist ein wundervoller Titel, der in den späten 70ern und bei Luther Allison wieder so aktuell klingt, wie er es bei B.B. King vielleicht 10 Jahre früher tat. Ein wunderbares Gitarrenintro, dann Allisons sehr sehr gute Singstimme dazu und das Stück schwebt und fetzt zugleich. Gerade bei diesem Titel, der ad nauseam gecovert wurde, und dessen meiste Coverversionen wirklich kaum eine Erwähnung wert sind, zeigt sich Luther Allisons Klasse. Er macht das Stück nicht zu seinem eigenen, aber er drückt ihm einen deutlichen Stempel auf (wozu auch das Keyboard-Solo Sid Wingfields beiträgt). Auf Rock Me Baby spielt das Piano den Part der Rhythmus-Gitarre und Luther spielt seine dadurch sehr freie Gitarre dazu.

Mit My Baby und I Can't Quit You Baby bringt Luther zwei Cover von Songs Willie Dixons, die deutlich lebhafter daher kommen als die drei King-Covers. Die Stücke sind sehr lebhaft und gehen enorm in die Beine. Dasselbe gilt auch für die Eigenkomposition Tribute to Hound Dog, einem Slide-Stück erster Qualität, das auch das Publikum nicht unberührt lässt. Schlagzeuger Danny Smith spielt hier so Blues-Schlagzeug, wie sich das gehören sollte und für jeden Schlagzeuger ist dieses Stück Schulmaterial. My Baby ist ebenfalls sehr mitreissend interpretiert mit einem tollen Gitarrenpart, .

Auf bei Early in the Morning last Luther Allison das Slide auf dem Finger und spielt Leroy Carrs Klassiker im Stile Elmore James‘: rotzig, laut, verzerrt, wunderschön! Zum Schluss sei noch die einzige Eigenkomposition erwähnt Luther's Shuffle, eine Tour de Force, auf der noch eine Harmonika zum Einsatz kommt.

Blues kann einfach gute Laune machen, die Füsse zum Wippen bringen und Zuhörer mit Energie erfüllen. Were s nicht glaubt, dem spiele man dieses wunderbare Album vor.

 

Nick Moss & the Flip-Tops Live At Chan’s (2006)

nickmossliveatchanscdcover.jpg1. Eggroll Stroll
2. Check My Pulse
3. I Love the Woman
4. I Never Forget
5. One Eyed Jack
6. Your Red Wagon
7. Just Like That
8. It's Good Your Neighborhood
9. End
10. Wine-O-Baby Boogie
11. Move Over, Morris

 

 

 

Nick Moss & the Flip Tops haben seit den späten 90er Jahren CDs veröffentlicht, ihre Diskographie umfasst sechs Alben, und 2006 haben sie dieses Live-Album Live At Chan's veröffentlicht. Es ist die Wiedergabe eines Konzerts vom 14. Juli 2005, gespielt in Rhode Island, namentlich in «Chan's Eggroll & Jazz» in Woonsocket, RI. Die CD beinhaltet den Mitschnitt eines Konzerts mit 11 Titeln, auf vier davon kriegt Multi-Talent Nick Moss (in Personalunion Komponist, Arrangeur, Bandleader Sänger, Gitarrist, und Harp-Player) noch Unterstützung von «Monster» Mike Welch.

Wer Nick Moss noch nicht kennt, hat wirklich etwas verpasst. Nicht nur der grosse Jimmy Rogers, Freund und Mentor von Moss, war der Meinung, dass diese Junge ganz speziell tief in den Blues eingetaucht ist, auch bei den Redakteuren von Bluesnews.ch laufen die Scheiben sehr häufig. War er vielleicht noch vor wenigen Jahren ein Geheimtipp, so ist Nick Moss nun der «torchbearer», wie das immer genannt wird, also der Fackelträger (wir würden vielleicht eher «Fahnenträger» sagen) des Chicago Blues. Er spielt Blues in der Chicago-Tradition mit einem Quartett, und er spielt ihn so, wie sich das gehört, authentisch und doch modern. Nun, da die alten Chicago-Blueser zum grossen Teil bereits das Zeitliche gesegnet haben (Jimmie Rodgers, Junior Wells, Luther Allison), bzw. da sie sich zusehends ihren musikalischen Horizont erweitern und sich anderer Musik zuwenden (Buddy Guy) ist es schön, wenn es noch Traditionalisten gibt, die klassischen Chicago-Blues spielen möchten. In dieser Form, an Jimmie Rodgers, Michael Bloomfield, Elvin Bishop oder Hubert Sumlin orientiert und natürlich auch an den klassischen Chess-Aufnahmen der 50er und 60er Jahre, hat bekanntlich die Harmonika eine tragende Rolle in der Musik, ferner gibt es noch weniger ausgedehnten Gitarren-Soli über sechs oder sieben Chorus-Wiederholungen. Da auf den klassischen Aufnahmen manchmal kein Bass verfügbar war, übernahmen zwei Gitarren teilweise die Aufgaben des Basses. Wenn einer der Musiker ein Solo hat, halten sich die anderen zurück, aber jedes Solo steht im Dienste des Songs. Chicago-Blues ist Teamarbeit in höchster Vollendung und halt auch heute noch unglaublich fetzig.

Es ist schön, dass jemand diese Musik weiterträgt und am Leben erhält. Noch schöner ist sogar, dass Nick Moss & the Fliptops dies Musik nicht museal zitieren, sondern sie natürlich wieder zum Leben erwecken. Diese CD ist ein schönes Zeugnis ihrer Künste.

Neben den normalen Musikern der Fliptops, Bassist (und zeitweise Gitarrist) Gerry Hundt, Drummer Victor Spann und Piano Willie Oshawny, wird die Band hier bei den Stücken One Eyed Jack, Your Red Wagon, Just Like That und End von «Monster» Mike Welch begleitet, dem Nick Moss so seine eigene Beteiligung auf Welchs Cryin' Hey vergilt. Die CD dauert satte 76 Minuten und ist durchgehend eine tolle Sache. Das Album hat musikalisch Biss, geht enorm in die Füsse, die Band ist gut eingespielt und die Abmischung ist tadellos. Zumindest kommt ein gutes Live-Feeling auf, wenn auch das Piano mitunter nicht so gut zu hören ist. Die Rhythm-Section bringt die Lieder voran mit stetem Puls, insbesondere Victor Spann weiss genau, was ein Blues-Schlagzeug braucht. Seine ausgezeichnete, laid-back Art des Schlagzeugs lässt stets Freiraum für Moss‘ Gitarre.

Der Einsteiger Eggroll Strull, eine Verbeugung vor dem Konzertveranstalter John Chan ist ein Schaustück, in dem die Band für sich selbst einheizt. Check My Pulse ist ein rasanter Standard der Band, wie alle Stücke anscheinend selbst geschrieben (auch The End ist nur vom Titel dem Stück der Doors ähnlich). Danach geht es mit dem Slow Blues I Love the Woman weiter, es folgt der Shuffle I Never Forget, in dem Moss eine böse ins Ohr stechende Gitarre spielt. Sein Solo knattert in perfekter Weise, stets fröhlich und mit elegant fliessenden Soloparts. Schnörkellos und doch phantasievoll ist seine Musik, und diese Mischung macht seine Magie aus.

Mit One Eyed Jack beginnt der Teil mit dem Gast-Auftritt von Welch. Der Song ist eine klassische Chicago-Nummer, bei der Nick Moss die Gitarre gegen die Harp austauscht und entsprechend gibt es reichlich Mundharmonika, und das Stück zieht sich über gemächliche sieben Minuten hin. Auch die anderen Songs mit Welchs Unterstützung klappen gut, die Zusammenarbeit harmonierte an diesem Abend offenbar ausgezeichnet. Willie Oshawny hat zum Schluss nach dem Eröffnungsstück erneut die Gelegenheit, mit Wine-O-Baby Boogie noch mal zu zeigen, was er kann - und das ist nicht von schlechten Eltern. Er legt wirklich gut los, und wie sich das für eine Band im Chicago-Stil gehört, tritt die Gitarre dabei dezent in den Hintergrund. Zum Schluss gibt es mit Move Over Morris ein weiteres Instrumental-Stück.

Die Ganze CD ist fröhlicher, lebendiger Blues, eine CD die man immer wieder hört, sei es am Morgen, weil sie einen mit Energie auflädt und Schwung gibt für den Tag oder sei es durch den Tag, um Druck abzulassen oder um einen Sound auf den Ohren zu haben beim Sport. Schliesslich kann man sie am Abend einlegen, um sie jemandem vorzuspielen, sie einfach nur zu geniessen oder selbst dazu zu dudeln. Wie gesagt, die ganze Band ist grossartig und die CDs haben ihren jeweils eigenen Charme. Aber da es hier um Live-CDs geht, sei diese ans Herz gelegt.

 

 

Los Lonely Boys Live at Blue Cat Blues (2000)

loslonelyboysliveatbluecatcdcover.jpg1 Scuttle Buttin'
2 Friday Night
3 I Don't Want To Lose Your Love
4 Heaven
5 Friday Night
6 Dime Mi Amor
7 Baby You're Gonna See
8 I Want You To Feel The Same Way I
9 I'm The Man To Beat
10 I Don't Want To Lose Your Love
11 Cotton Fields And Cross Roads
12 Senorita
13 I'm Gone
14 My Sweet Sweet Kiss
15 Pride And Joy
16 End Of A New Beginning

 

 

Auf dieser CD sind zwei verschiedene Auftritte der damals noch unbekannten Band Los Lonely Boys enthalten. Die CD ist zwar über grössere Internetportale wie Amazon verfügbar, sie ist aber dennoch keine offizielle Publikation dieser Band aus San Angelo, Texas, sondern ein halboffizielles Bootleg.

Die CD beinhaltet drei Stücke vom ersten Auftritt der Band am 5. Oktober 2000 und dreizehn Songs vom 30. November desselben Jahres. Beide Auftritte fand im Blue Cat Café in Dallas, TX statt, einem bekannten Bluesklub in Dallas und Sieger zahlreicher «Best Of» Preise. Der Klub existierte von 1989 bis 2001. Die Los Lonely Boys sind ein texanisches Powertrio, bestehend aus den drei Garza-Brüdern Ringo (geboren 1981), Jojo (1980) und Henry (1978). Ringo, der jüngste Bruder spielt - wie es sich für einen Ringo gehört - das Schlagzeug. Der mittlere Bruder Jojo ist Bassist und Henry spielt Gitarre und Mundharmonika, Gesangsaufgaben teilen sich die drei Brüder. Eine Eigenheit der Band ist allerdings auch der gemeinsame Gesang. Oftmals singen alle drei einen Refrain mit wunderbar aufeinander eingestimmtem Gesang. Mit ihrer jüngsten CD, der Studioproduktion Heaven haben die Garzas (das sie selbst amerikanisch «Garsa» aussprechen) zurecht erheblichen Erfolg als ein texanisches Powerhouse und als Nachfolger der von Stevie Ray Vaughan initiierten Form des Texas-Blues. Die Single Heaven war Nr. 1 bei den «Billboard adult contemporary charts» und Nr. 16 der «Billboard Hot 100»

Nun ist der Ruf eines «Thronerbens» von SRV sehr begehrt. Kenny Wayne Shepherd, Chris Duarte, Johnny Lang, Doyle Bramhall und andere versuchten, in die grossen Fussstapfen von Stevie Ray Vaughan zu treten (Und in der Schweiz Don P. & the Blue Jags nicht zu vergessen), und sie haben es für jeder auf seine eigene Weise auch tatsächlich geschafft, den Texas Blues von SRV mit brachialem Shuffle und wilden Soli und diesem spezifischen vielleicht «kehlig» zu nennenden Sound der Stratocaster am Leben zu erhalten. Trotzdem scheinen die Los Lonely Boys noch eine Spur näher am Sound von Stevie Ray Vaughan & Double Trouble, weil auch sie ein eingeschworenes Trio sind, und damit mehr als ein flamboyanter Gitarrist und eine Band als Backup. Das Brüdertrio Garza kriegt das Feeling von SRV nicht nur deswegen hin, weil die Strat gleich klingt oder weil sie technisch viel bei Stevie abgeguckt haben, oder weil sie ebenso Shuffles mit Betonung des Upbeat spielen. Der Grund ist vor allem auch, dass Ringo und Jojo wie weiland Thommy Shannon & Chris Layton die Basis legen: fetzigen Rhythmus, auf den hier Henry, dort Stevie die Gitarre packt.

Passenderweise fand daher der erste Auftritt der Band, auf dem sie die drei Songs Scuttle Buttin‘, Friday Night und I Don't Want To Loose Your Love spielten, am 5. Oktober 2000 statt, dem Geburtstag SRVs, an dem es im «Blue Cat Blues» jeweils einen «Stevie Ray Vaughan Birthday Jam» gab. Der zweite Auftritt ist nach Aussage der Band auf der CD der Sterbetag ihrer geliebten Grossmutter. Dass eine Band von drei Brüdern am Abend des Tages, an dem sie ihrer Grossmutter die Augen geschlossen haben, den Blues gut zu spielen versteht, versteht sich hoffentlich von selbst. Hier liegt auch der Unterschied zur anderen und bekannteren CD der Los Lonely Boys, in der Magie dieses besonderen Augenblicks.

Die Brüder spielen weitgehend dasselbe Programm, dass auch auf Los Lonely Boys geboten wird: Dime mi Amor, Senorita, Cotton Fields and Crossroads, Crazy Dreams, Hollywood, I Don't want To Loose Your Love, La Contestacion, More Than Love, Nobody Else oder den grössten Erfolg Heaven. Im Jahr 2000 nahm in ihrem spezifischen Tex-Mex der «Tex-Teil» noch einen grösseren Raum ein. Baby You're Gonna See und I'm the Man to Beat sind prächtig zelebrierte Texas-Shuffles. Im «Blue Cat Blues» spielen sie noch eine Idee getreuer im Stil des Vorbilds als auf Heaven (das eine wunderbare CD ist, gegen die es nichts zu sagen gibt). Als vorletzte Zugabe spielen sie dann Pride and Joy. Die Version der Boys ist eng an SRVs Version orientiert, aber dann bringen sie auf sehr schöne Weise ihren eigenen Klang hinein. Hier zeigt sich, dass Los Lonely Boys nicht eine Tribute-Band ist, sondern eine eigenständige Einheit. Pride and Joy kommt hier jedenfalls breitbeinig die Hauptstrasse runtergelaufen. Die Soli rotzig und laut, wie es sich gehört. Eine tolle und eindrückliche Version.

Mit dem letzten Stück End of a New Beginning geht es dann eigentlich unverändert weiter, allerdings kommt Jojo hier noch zu einem Bassolo, im Blues meiner Kenntnis zufolge eine Seltenheit (ausser Albert Collins‘ Cold Cuts kommt mir auf Anhieb keines in den Sinn). Geradezu überschäumend sind die beiden Nummern Senorita und der einzige wirkliche Slow Blues, Cotton fields and Cross roads (hier auf der CD noch Texas genannt) sind. Von beiden gibt es auf der Studio-CD eine schöne Vergleichsaufnahme, aber diese hier sind eben live, sie vermitteln die Einmaligkeit und Vergänglichkeit des Augenblicks, die Spontaneität DIESER Einspielung, die ihrer Grossmutter gewidmet war und an der sicher auch Grosi Garza ihre Freude gehabt hätte.

 

 

Live-CD der Woche: Otis Rush & Friends featuring Eric Clapton and Luther Allison Live at Montreux (1986)otisrushliveatmontreuxcdcover.jpg

 

Ein Auftritt in Montreux ist zumeist eine gute Nachricht. Nicht nur ist es bekanntlich am alljährlichen «Jazzfestival» möglich, eine erlesene Mischung an Bands zu sehen, aus irgend einem Grund sind die Auftritte, ist die Stimmung unter Musikern am Genfersee und in der Obhut Claude Nobs‘ oftmals auch aussergewöhnlich gut.

Otis Rush hatte 1986 eine schwere Zeit hinter sich. Der Blues liess sich in den 1980er Jahren kaum verkaufen, zu wenig Synthesizer, zu wenig elektronische Klänge. Rush, der 1949 als 14-jähriger nach Chicago kam, war ein Wegbereiter des wilderen West-Side-Stils des Chicago-Blues. Zudem ist er einer der exklusiven Gruppen von linkshändern, die die Gitarre in der Bespannung für Rechtshänder spielen, also so wie Albert King. In der Zeit der Bluesflaute war es auch für einen Veteranen der Bühne schwer, denn Otis Rush war Sessionmusiker, spielte mit wechselnden Partnern und wurde so nie eine zentrale Figur der Chicago-Szene. Deshalb wurde es für ihn schwierig, als der Blues nur noch als Sparteninteresse gefragt war (wie es meiner Meinung nach auch im Moment der Fall ist).

Die CD umfasst lediglich neun Titel, aber mit mehreren langen Stücken geht das schon in Ordnung. Otis Rush hat hier folgende Band hinter sich versammelt: «Professor» Eddie Lusk (spielte früher mit Luther Allison) und seine Band: Anthony Palmer Gitarre und Fred Barnes und Eddie Turner an Bass und Schlagzeug. Der CD-Titel verlangt nach Erklärung: zuerst spielt die Band mit Otis Rush alleine fünf Stücke, dann kommt Eric Clapton auf die Bühne und für das letzte Stück Every Day I Have The Blues kommt noch Luther Allison dazu.

Die Stücke ohne Fremdunterstützung sind Tops, Natural Ball, Right Place Wrong Time, Mean Old World und You Don't Love Me. Clapton und Rush teilen Mikrophon und Soli für Albert Kings Crosscut Saw und Rushs Eigenkompositionen Double Trouble und All Your Love (I Miss Loving).

Die Ganze CD, nicht nur die Gastauftritte haben ein Gefühl von Jam-Session, weil eben Otis Rush nicht mit eigener Band anrückt, die er vielleicht zu diesem Zeitpunkt gar nicht hatte, sondern auf «Professor» Eddie Lusk zurückgreift. Was nicht zwingend der Fall sein muss, trifft hier aber zu: die Jam-Atmosphäre löst bei allen Musikern ein positives und kreatives Gefühl aus. Das Piano auf Right Place Wrong Time ist hierfür schöner Beweis. Die Stimmung wird noch verstärkt, als Clapton dazu kommt (Und nicht zu vergessen, der Auftritt ist nur wenige Jahre nach Claptons grossartiger Version von Double Trouble auf seiner eigenen Just One Night). Auch hier wird wild gejammt, aber auf höchstem Niveau. Hier geht die Post ab, wildgewordene Gitarristen duellieren sich mit Soli oder aber schrauben sich wechselseitig in die Höhe. Für das letzte Stück Every day I Have the Blues kriegen Clapton und Rush noch die Unterstützung von Luther Allison, einem alten Freund Rushs aus Chicago-Tagen, der wenn Otis Rush in Europa war, wenn immer möglich mit ihm spielen versuchte. Luther improvisiert einen Text, in dem er seine Bewunderung für die anderen zum Ausdruck bringt,

Es gibt nicht viel weiteres dazu zu sagen, wer eine fröhliche, ausgelassene, nicht au höchste Präzision, sondern auf die rechte Stimmung konzentrierte CD mit Chiago West-Side-Blues hören will, kann hier nicht falsch geht. Es gibt übrigens auch eine DVD des Auftritts, die ich aber nicht kenne. Otis Rush kam übrigens über den Verlauf der nächsten zehn Jahre noch zwei weitere Male an den Genfersee, offenbar hat er auch Claude Nobs überzeugt.

 

 

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