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Applaus, Applaus

Kermit der Frosch liebte ihn in der Muppetshow, er ist der gütige Begleiter von Staatspräsidenten und Strassenmusikern. Es ist die Dimension, die der «Musikantenstadl» mit dem «Montreux Jazz Festival» teilt.

Er ist, so sagen viele, eine Droge, die süchtig macht und die – wie andere Drogen – die Menschen dazu bringt, sich sonderbar zu verhalten. Aber vor allem ist er der grosse Gleichmacher: eine Art der Anerkennung, die jemand von der Königin von England wie auch vom heruntergekommenen Clochard gleichermassen erhalten kann: Der Applaus.

 

Aufgrund der Reportagen für bluesnews.ch ist der Besuch von Konzerten zur schönen Regelmässigkeit geworden. Nicht nur ist dies einer der schönsten Aspekte der Arbeit an dieser Website, es ist auch Anlass geworden, sich an den Konzerten Gedanken zu dieser sonderbaren Geste zu machen: zum Applaus. Der Applaus wurde für mich zum Faszinosum, denn er ist eine Geste, die von unglaublicher Einfachheit ist: Menschen schlagen ihre Handflächen zusammen, die aber enorme Wirkung hat: Menschen werden gerührt durch Applaus, die fühlen sich getragen und verstanden, sind selig darob, dass die Applaudierenden die Handflächen ineinander schlagen. 

Der Applaus ist eine Geste der Zustimmung, vielleicht der Bewunderung, sicherlich der Anerkennung einer Leistung. Dies ganz allgemein gesprochen, und es gilt deshalb nicht nur für Musiker oder Künstler allgemein, sondern auch für alle anderen Formen der Anerkennung: Sportlichen Leistungen zollen wir Tribut, indem wir die Hände zusammenschlagen, aber auch erfolgreichen Absolventen einer Abschlussfeiern, Politikern nach einer Rede und sogar Menschen, die aktuell nichts leisten, die dies aber schon zuvor getan haben: Ehrungen für ein Lebenswerk oder Promis auf roten Teppichen stehen ja meistens nur da und vollbringen nicht die Leistung für die sie geehrt werden. 

Der Applaus scheint sehr alt zu sein, es gibt nicht viele Wörter dafür, und die Etymologie der Wörter sind allesamt sehr einfach: klatschen hiess schon immer klatschen. Das Wort «applaudieren» stammt etwa ist ein Lehnwort von Lateinisch applaudereund französisch applaudir. Diese gehen zurück auf Latein plaudere, was «klatschen» bedeutet. Die Vorsilbe steht für eine Bewegung auf jemanden oder etwas zu und deshalb bedeutet applaudieren wörtlich «jemandem zuklatschen». Auch das deutsche «Beifall», eine Sache, die man bekanntlich spendet, hat keine komplizierte Geschichte: Es bezeichnet, jemandem zuzufallen oder beizufallen, also nicht von ihm abzufallen, sich nicht zu entfernen. Diesen Beifall seiner selbst zur Haltung des Empfängers oder der Empfängerin des Beifalls drückt man durch Applaus (Beifall) oder Akklamation (Zuruf) aus. Wie alt der Applaus ist, lässt sich nicht sagen, aber es gibt Affen, die auch als Ausdruck der Freude die Hände zusammenschlagen. Also ist der Applaus vielleicht älter als jede Kulturleistung, die diesen hervorrufen möchte.

Es gibt viele verschiedene Formen des Applaudierens: Da ist die vornehme Art, mit den Fingerspitzen der einen in die Handfläche der anderen Hand zu tätscheln. Diese Art ist klatschtechnisch eng verwandt mit dem Klatschen im Flamenco, mit dem der Rhythmus angegeben wird. Es gibt den beherzten Applaus, der die Hände auf einer möglichst grossen Fläche zusammenschlägt und deshalb die Hände durchstreckt oder das Klatschen, bei dem die Hände in einem Winkel von 90 Grad aufeinander treffen und die Handflächen ineinander schlagen, gerne auch gewölbt, um ein Luftkissen in den Handflächen zu komprimieren. Bei Popkonzerten und speziell Open-Air-Konzerten klatscht man über dem Kopf, was für die Person auf der Bühne toll aussieht, wenn alle Hände im Takt sind. An den Universitäten schliesslich wird nicht geklatscht. Die Leistung eines Lehrers oder Vortragenden wird mit anerkennendem Klopfen auf die Tischplatte quittiert, nie mit normalem Applaus (es sei denn, man hat bei einem Vortrag keinen Tisch zum Draufklopfen). Und B. B. King diktiert das Tempo seiner Band, indem er den Handrücken der rechten in die Handfläche der linken Hand klatschen lässt.

Aber alle Formen drücken dasselbe aus: Zustimmung, Anerkennung, Bewunderung. Ob die Königin von England mit behandschuhter Grazie einem Kinderballett applaudiert oder die Sportfans eines Klubs dem Stürmer des gegnerischen Klubs, der eben ein Tor geschossen hat, beide anerkennen eine Leistung, auch wenn dies im zweiten Fall zähneknirschend geschieht. Doch nicht nur alle sozialen Schranken überwindet der Applaus, auch die kulturellen Begrenzungen: die chinesischen Abgeordneten des Volkskongresses applaudieren nach dem Regierungsbericht des Ministerpräsidenten gerne minutenlang, und auch die Indios Südamerikas klatschen die Hände zusammen. Selbst im japanischen Shinto-Schrein klatschen die Leute dreimal die Hände zusammen, um die wohlwollende Aufmerksamkeit der Gottheit zu erlangen, zu der sie beten wollen. Einzig bei den Inuit im arktischen Norden könnte es sein, dass die Hände zusammen zu klatschen vor allem geschieht, um den Blutfluss in Gang zu setzen. Aber würden George W. Bush und Osama Bin Laden gemeinsam eine kulturelle Veranstaltung besuchen, so wäre eine der wenigen Gemeinsamkeiten: sie würden am Schluss beide in die Hände klatschen.

Und doch, obwohl es ein universelles Phänomen ist, gibt es Gelegenheiten bei denen gilt: Klatschen verboten. Einer der verbliebenen Unterschiede zwischen Linienflügen und Charterflügen ist: am Ende der Linienflüge beklatscht man die Landung nicht. In der Kirche wird die Performance des Priesters nie mit Applaus bedacht (aber bei einer schlechten Predigt gibt es aber auch keine Buhs). Und dann gibt es in der Aufführungspraxis der klassischen Musik ja eine weitere Regel: Applaus zwischen den Sätzen gilt als äusserst verpöhnt, Applaus zwischen zwei Stücken ist Pflicht. Deshalb gilt im klassischen Konzert: nie als erster applaudieren. 

Wenn Ihr, geschätze Leser also in den nächsten Monaten einen der vielen Outdoor- oder Indoor-Bluesanlässe besucht, denkt nach dem einen oder anderen Stück einmal daran, wie bemerkenswert es ist, dass ein Künstler von einem weit entfernten Land hierher kommt, ein Musikstück auf einer Bühne spielt, und neben Geld für sich vor allem eines will: dass die vielen Menschen unten nach jedem Stück möglichst stark und möglichst lange die Hände aneinander schlagen.

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