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Ein Evergreen

Dieser Blues ist ein wahrer Evergreen, ein Klassiker, ein Lied, das man als «Staple» des Blues, also als Grundnahrungsmittel bezeichnen könnte: St. James Infirmary, ein äusserst tragischer Blues, in dem es um vor allem um den Tod geht. Allen Toussaint, Louis Armstrong, Cassandra Wilson, Bobby «Blue» Bland, Joe Cocker, Dave Van Ronk, Stefan Grossmann und zuletzt The White Stripes und Hugh Laurie haben alle diesen Titel in ihrem Repertoire, und der Song klingt so sehr nach New Orleans, dass es nicht überraschen würde, wenn dieses besungene Krankenhaus in der «Crescent City» an der Mündung des Mississippi liegen würde. Aber tatsächlich ist der Song ein Mitbringsel aus der Alten Welt. Die St. James Infirmary liegt – wenn überhaupt – in London, und ursprünglich war das folglich auch kein Blues. Und St. James Infirmary hat Vettern in anderen Genres, namentlich im Country. Aber die Blues-Version bleibt die bekannteste, und das morbide Spiel mit dem Tod, das im Song zu hören ist, entspricht auch der durch Voodoo und weiteren karibischen Mumbo-Jambo sensibilisierten Stimmung New Orleans.

 

St. James Infirmary ist ein Titel der zurückgeht auf die Geschichte eines Mannes, dessen Frau gestorben ist, bzw. der selbst stirbt und der den Tod mit einer gut nachvollziehbaren Mischung aus Tapferkeit und Angst besingt. Textlich geht der Titel zurück auf die Folk-Ballade The Unfortunate Rake aus Grossbritannien, in der ein Mann an der Syphilis stirbt (ein «Rake» ist eine Bezeichnung für einen jungen Mann, vergleichbar dem heutigen «bloke» oder «chap», bzw. «dude» im Amerikanischen). Der Song ist fürs 18. Jahrhundert nachgewiesen, kann aber auch älter sein, denn die im Titel besungene Institution ist möglicherweise ein «St. James Infirmary» genanntes Lepra-Krankenhaus in London, das aber schon im Jahr 1532 geschlossen worden war. Alternativ könnte es das «St. James Workhouse» ansprechen, eine Institution an der Poland Street Londons, die es noch bis ins 19. Jahrhundert gab.

Als der Song nach Amerika kam, änderten sich die Sterbensart des jungen Mannes. Nun war erlag er den Gefahren des Spiels, dem Alkohol, Geschlechtskrankheiten werden durch Prostituierte übertragen nicht mehr durch die Frau, das besungene Schicksal wird härter, amerikanischer, sozusagen. Unterschiedliche Einspielungen haben natürlich textliche Differenzen und es lohnt sich, hinzuhören. In allen Fassungen grundlegend ist, dass im Krankenhaus die Frau des Erzählers liegt, «So cold, so sweet, so fair».

Eine spezielle Variante ist die in manchen Fassungen zu hörende Rahmengeschichte, bei der ein Sprecher in der ersten Strophe singt, er sei in eine Bar gegangen und habe dort die Klage eines anderen gehört. Dies ist ein literarischer Trick der im Blues sehr selten anzutreffen ist, denn die meisten Blueslyrics sind bekanntlich in der Ich-Form gehalten. Diese Rahmengeschichte kommt von einem weiteren Titel, nämlich Gambler’s Blues, das der wunderbare Dave Van Ronk zum Besten gibt. Elemente wie der Auftrag, wie der Erzähler beerdigt werden möchte, kommen aus dieser Tradition des Gambler’s Blues. Die Trauer des Klagenden mischt sich mit dem übersteigerten Ego des Gamblers, dies macht den Titel so morbid und schön, bittersüss sozusagen. Dafür hat man dann logische Brüche wie die Aussage, die soeben als tot beweinte Frau könne auf der ganzen Welt suchen, ohne dass sie nocheinmal einen Mann wie ihn fände.

Musikalisch, das heisst in der harmonischen Struktur musste The Unfortunate Rake deutlicher verändert werden, um zu St. James Infirmary zu werden : Hier kommt der nächste irische Folk-Song ins Spiel: The Bard of Argh. Von diesem Titel kam das harmonisch-rhythmische Gerüst. In Amerika wurde das Copyright für St. James Infirmary 1927 dem Verleger und Musikproduzenten Irving Mills (1894–1895) (unter dem Pseudonym Joe Primrose) und dem Arrangeur Don Redman (1900–1964) gegeben. 1929 folgte die Einspielung von Louis Armstrong, die seither als die klassische Fassung gilt. 1940 nahm Alan Lomax eine ähnliche und offenbar auf dieselbe Quelle zurückgehende Fassung von Blind Willie McTell (1898–1959) auf, der angab, seit 1929 den Titel im Repertoire zu haben. Dies Bluesfassungen haben gegenüber dem Unfortunate Rake einen harmonischen Geschlechterwechsel vollzogen: In New Orleans, also bei Armstrong ist der Titel in Moll gehalten, während die Akkorde beim Rake alles Dur-Akkorde sind.

Das Irische Bard of Argh wurde in den USA noch zu einem weiteren Titel, dem traurigen Cowboylied Streets of Laredo, bei dem ebenfalls ein junger Mann in Erwartung seines Todes die letzten Worte an den Sänger richtet, der die Geschichte erzählt. Bekannt ist die Fassung von Johnny Cash.In Streets of Laredo ist der Sterbende übrigens wieder in weisses Leinen gehüllt, wie schon der Unfortunate Rake.

Zusammenfassend also: St. James Infirmary ist musikalisch der Bard of Argh, textlich ein Hybrid aus Gambler’s Blues und The Unfortunate Rake und der Song ist eng verwandt mit The Streets of Laredo. Das ist richtiges Musik-Gambo. Beispielshaft wird hier die Patchwork-Qualität der amerikanischen Musik unter Beweis gestellt, die nirgends so virulent war wie in New Orleans, der Kreuzung der Kulturen, auf der sich Kreaolen und Iren, Afrikaner und schottische Auswanderer trafen und beeinflussten.

Am Schluss dieses Artikels gibt es eine Reihe von Links auf Youtube-Filme, in denen unterschiedliche Fassungen der Titel anzuhören sind. Von The Unfortunate Rakegibt es natürlich mehrere Einspielungen. Jene von Pete Seeger heisst noch St. James Hospital, mindestens auf Youtube. Hier aber erst noch die Lyrics in einer der vielen Fassungen. Vergleichbare Textteile werden auf ungefähr derselben Höhe gezeigt.

 
St. James Infirmary/Gambler’s Blues
The Unfortunate Rake
It was down by old Joe's barroom, on the corner of the square
They were serving drinks as usual, and the usual crowd was there
On my left stood Big Joe McKennedy, and his eyes were bloodshot red
And he turned his face to the people, these were the very words he said
 
I was down to St. James infirmary, I saw my baby there
She was stretched out on a long white table,
So sweet, cool and so fair.
As I was a-walking down by St. James' Hospital,
I was a-walking down by there one day,
What should I spy but one of my comrades
All wrapped up in flannel though warm was the day.
Let her go, let her go, God bless her
Wherever she may be
She may search this whole wide world over
Never find a sweeter man as me
I asked him what ailed him, I asked him what failed him,
I asked him the cause of all his complaint.
"It's all on account of some handsome young woman,
'Tis she that has caused me to weep and lament.
When I die please bury me in my high top Stetson hat
Put a twenty dollar gold piece on my watch chain
The gang'll know I died standing pat
"And had she but told me before she disordered me,
Had she but told me of it in time,
I might have got pills and salts of white mercury,
But now I'm cut down in the height of my prime.
 
Let her go, let her go God bless her
Wherever she may be
She may search this wide world over
Never find a sweeter man as me
 
I want six crapshooters to be my pallbearers
Three pretty women to sing a song
Stick a jazz band on my hearse wagon
Raise hell as I stroll along.
"Get six young soldiers to carry my coffin,
Six young girls to sing me a song,
And each of them carry a bunch of green laurel
So they don't smell me as they bear me along.
 
Now that's the end of my story
Let's have another round of booze
And if anyone should ask you just tell them
I've got the St. James Infirmary blues
"Don't muffle your drums and play your fifes merrily,
Play a quick march as you carry me along,
And fire your bright muskets all over my coffin,
Saying: There goes an unfortunate lad to his home."
 
Links zu Youtube-Aufnahmen
 
Bard of Armagh in einer sehr einfachen Version, in der aber die harmonischen Ähnlichkeiten überdeutlich sind:
The Bard of Armagh als Belcanto-Fassung, gesungen von Tenor James McCracken:
 

 

Die folgenden sind alles Links zu The Unfortunate Rake.
Pete Seeger singt St. James Hospital, musikalisch nicht mit dem Blues verbunden, aber im Text und im Grundgefühl gibt es klare Ähnlichkeiten.
Hier sind zwei typische Privataufnahmen auf des Unfortunate Rake. gibt es denselben Titel als Gitarrenversion.

À Capella sing junge Dame den Titel. Würde sich auf «The Voice» gut machen.

Bei dieser Version interpretiert ein Schulorchester den Titel wie einen Militärmarsch.
 
Zum Schluss zwei weitere Links zu St. James Infirmary
Cassandra Wilson macht aus dem tragenden traurigen Blues St. James Infirmary einen Funk-Titel. Zunächst etwas irritierend, rettet ihr Gesang aber den Song.
Die Version von Hugh Laurie ist nicht nur anrührend und wunderschön, sie ist mit mindestens über 7 Minuten auch ausgiebig.
 
 

 

 

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