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New Orleans Stimmungs-Klassiker

Von New Orleans rund um die Welt und bis in die Schweiz hat es der unwiderstehliche Ohrwurm Iko Iko geschafft. Als fester Bestandteil des Bühnenrepertoires von The Greatful Dead  kam es in die Gegenkultur. Weltbekannt wurde der Song 1965 durch die Girlieband The Dixie Cups, doch schon lange zuvor war das Lied fester Bestandteil der Kultur von New Orleans. Zurückgehend auf die Mardi Gras-Umzüge und die rivalisierenden Gruppen soll der Titel sein. Oder vielleicht doch indianisch? Eine Betrachtung des Liedtextes und der damit verbundenen Geschichten macht mindestens eines klar: es ist eine komplizierte Geschichte. Und die Schweiz spielt auch ihre Rolle in dieser Geschichte, es gibt schliesslich sogar eine eigene Schweizer Version von Iko Iko.

Der Titel Iko Iko ist musikalisch äusserst einfach aufgebaut. Wie auch das ganz ähnliche Jambalaya von Hank Williams besteht auch Iko Iko nur aus zwei Akkorden, der ersten und fünften Stufe, auf der Basis des Bo Diddley-Rhythmus (den die Rolling Stones für Not Fade Away benutzten) oder einer Variation desselben. Dieses einfach Rezept hat dennoch einen Klassiker geschaffen, der zeitlos gute Laune macht und der unzählige Male von solche verschiedenen Musikern gecovert wurde wie , die mit guten 7 Minuten Laufzeit ausufernd den Rhythmus auskostet.

Die drei Mädchen der Band , die den Titel nur begleitet von einfachstem Schlagwerk sangen und 1965 damit in die  Top 40 vorstiessen, sagten, sie hätten den Song und den Text von ihrer Grossmutter. Zugeschrieben wird Iko Iko traditionell dem New Orleans-Musiker James «Sugar Boy» Crawford. Dieser behauptet, er habe zwei Indian Tribes am Mardi Gras (vergleichbar mit zwei Guggenmusiken bei der Fasnacht) gehört, die sich in einem spasshaften Wettbewerb gegenseitig mit diesem Lied provoziert hätten.

Die Schweizer Band Ohrewurm hat den Titel 1995 in einer sehr schönen Schweizerdeutschen Fassung aufgenommen. Der Titel (auch bekannt als heicho) ist eine witzige und stimmige Verdeutschung und der Text macht definitiv mehr Sinn als jener, bei der Grossmütter sich bedrohen, gegenseitig ihre Fahnen verbrennen zu wollen.

Denn hier beginnt das Problem: Der Titel ist wunderbar, aber worum geht es dabei eigentlich? Der Kern des Unverständnisses scheint im Refrain zu liegen. Und in der Tat sind die Worte «Hey now, Hey now / Iko, Iko, an day / Jockomo fee no wah na nay / Jockomo fee na nay'» wenig aussagekräftig. Zahlreiche Interpretationen sind zu finden im Netz, wobei die verschiedenen Erklärungen sich zu immer neuen Spekulationen versteigen, dass es sich beim Text um indianisch, westafrikanisch, kreolisch oder um ein Patois aus all diesen Sprachen handeln soll.

Auf der Website mudcat.org gibt jemand eine sehr langfädige Interpretation ab (Seite ist nicht immer online), die allerdings m.E. daran scheitert, dass der Autor «Jokomo» unbedingt als Namen interpretiert haben will. Auch hier wird der Song interpretiert, wobei hier verschiedene Erklärungen des Wortes Jockomo herumgereicht werden. Insbesondere wird auf Drew Hinshaw verwiesen, der den Song als ein Echo westafrikanischen Sprache verstanden haben will, wonach mit dem Text geheime Botschaften unter Sklaven ausgetauscht worden seien über eine bevorstehende Befreiung. Auch auf der Wikipedia-Seite über den Titel werden solche Interpretationen angeboten.

Mir scheint die geheime Sklavenbotschaft, die sich dann zum Mardi Gras-Klassiker wandelte etwas sehr weit hergeholt, denn wenn die Sklaven untereinander in einer für die Weissen unverständlichen Sklavensprache reden, dann brauchen sie nicht noch zusätzlichen Code. Vielmehr scheint mir die Erklärung sinnvoll, wonach es sich bei diesem Titel zunächst und vor allem um einen Mardi Gras-Song handelt.

Nach Vergleich der verschiedenen Erklärungen und ausgerüstet mit einer fundamentalen Kenntnis des Französischen scheint mir die folgende Erklärung die Plausibelste:

Der Text ist Kreolisch, wie es in Louisiana gesprochen wurde, und die Wörter sind somit aus dem Französischen in ein kreolisches Französisch entfremdet worden, um dann durch englisch sprechende Amerikaner erneut verfremdet zu werden. Deshalb braucht es eine mehrstufige Rekonstruktion.

Ausgehend davon, dass «Hey now, Hey now» als allgemeiner Aufruf zu verstehen ist, erklärt sich der folgende Teil  «Iko, Iko, an day / Jockomo fee no wah na nay / Jockomo fee na nay'» als Kreolisch, vermischt mit den indianischen Chickasaw-Wörtern Jockomo und Fee no. Iko Iko bedeutet «Hört zu» (Franzödisch écoute) und «an day» soviel wie «dort hinten» (au derière).

Das Problem bleibt «Jockomo» und  «Fee no». Als plausibelste Erklärung fand ich, dass in der Chickasaw-Sprache das Wort Chockma finha existiere, wobei Chockma wörtlich «Es ist gut» heisst, was wie eine Begrüssung eingesetzt wird. Fee no oder eher wohl «finha» ist ein verstärkender Elativ, also «sehr». Als Gruss ein «es ist gut», bzw. «ist es gut» zu verwenden, ist nichts aussergewöhnliches, vom schweizerdeutschen «Häsch’s guet?» bis zum chinesischen Ni hao 你好ist eine solche Formel in vielen Sprachen zu finden.

Bleibt die letzte Zeile, die wenig diskutiert wird, die ich aber für eine wiederkehrende Botschaft halte, etwa so, dass alles gut ist und im neuen Jahr (von Mardi Gras zu Mardi Gras) auch gut bleiben soll. Der spasshafte Wettkampf zwischen den Indian Tribes am Mardi Gras drückst sich auch im rest des Textes aus, wenn sich die beiden Fahnenträger «Flag Boy» bedrohen, sich gegenseitig die Fahnen anzuzünden oder wenn der eine dem anderen gegenüber mit der Stärke seines Chiefs droht. Die Textzeile « Look at my king all dressed in red / I bet you five dollars he'll kill you dead» ist in diesem Zusammenhang sehr deutlich. Wer nicht weiss, wie die Kostüme eines Big Chief einer Indian Tribe beim Mardi Gras aussehen, soll eine entsprechende Bildersuche machen.

Englisch (Dixie Cups) Kreolisches Franz. Französisch Deutsche Bedeutung
iko iko akout akout ecoute Hör zu
an day an déyè au derrière Da hinten
jocomo chokma chickasaw Begrüssung => Es ist gut
fee no Finha chickasaw Sehr => Es ist sehr gut
an dan day Au dan déyè Dans l’annee ODER l’an derrière Es ist ein gutes Jahr oder das letzte Jahr
 

Der gesamte Text des Songs ist einheitlich – bis auf die Geschichte mit den Grossmüttern – und es scheint ein Spottlied oder witziges Glückwunschlied zwischen den Fasnachtsgruppen zu sein. Weitere tiefere Botschaften scheinen mir gesucht und sie erklären auch nicht, wieso der Song ein New Orleans-Klassiker ist.

Es bleibt die Erkenntnis, dass New Orleans nicht nur ein Schmelztiegel der Kulturen war, sondern auch einer von Liedtexten und Fassungen und es kann natürlich sein, dass ursprünglich der Refrain ein eigenes Lied war. Da keine Aufzeichnungen existieren bleibt ein grosses Mass an Unsicherheit, aber mir scheint die von Sugar Baoy Crawford vorgebrachte Version, wonach dies ein Mardi Gras-Song ist, die naheliegendste.

Hier zum Schluss nochmal die Textfassung der Dixie Cups:
My grandma and your grandma
Sitting by the fire
My grandma says to your grandma
I'm gonna set your flag on fire

Talkin' 'bout
Hey now
Hey now
Iko iko an nay
Jockomo feena ah na nay
Jockomo feena nay

Look at my king all dressed in red
Iko iko an nay
I bet you five dollars he'll kill you dead
Jockomo feena nay

Talkin' 'bout
Hey now (hey now)
Hey now (hey now)
Iko iko an nay (whoah-oh)
Jockomo feena ah na nay
Jockomo feena nay

My flag boy and your flag boy
Sitting by the fire
My flag boy says to your flag boy
"I'm gonna set your flag on fire"

Talkin' 'bout
Hey now (hey now)
Hey now (hey now)
Iko iko an nay (whoah-oh)
Jockomo feena ah na nay
Jockomo feena nay

(hey now)
(hey now)
(hey now)
(hey now)
Jockomo feena nay
Iko!

See that guy all dressed in green
Iko iko an nay
He's not a man, he's a loving machine
Jockomo feena nay

Talkin' 'bout
Hey now (hey now)
Hey now (hey now)
Iko iko an nay (whoah-oh)
Jockomo feena ah na nay
Jockomo feena nay

Talkin' 'bout
Hey now (hey now)
Hey now (hey now)
Iko iko an nay (whoah-oh)
Jockomo feena ah na nay
Jockomo feena nay

Jockomo feena nay
Jockomo feena nay
Jockomo feena nay
Jockomo feena nay
Jockomo feena nay
Jockomo feena nay
Jockomo feena nay
Jockomo feena nay
Jockomo feena nay
Jockomo feena nay...

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