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Die E-Gitarre neu definiert

Man soll ja sparsam umgehen mit Superlativen, aber dem in der Titelzeile verkündeten Anspruch wird das junge Start-up Unternehmen «Relish Guitars Switzerland» in der Tat gerecht. Mit Ihrem «Jane»-Design der elektrischen Gitarre haben Pirmin Giger undSilvan Küng die elektrische Gitarre so neu konstruiert, dass man wirklich von einer Neudefinition sprechen darf. Den zentralen Punkt des Gitarrenbaus haben die beiden Gründer von «Relish Guitars» aber beibehalten: es geht um den schönst-möglichen Ton und um optimale Bespielbarkeit. Und so haben Giger und Küng nach der Patentierung der Solidbody-Gitarre in den 1940er Jahren eine neue Konstruktionsform geschaffen, die diesem Zweck dient: Die Sandwich-Konstruktion der «Jane» ist eine radikale und mutige Weiterentwicklung der elektrischen Gitarren, die sich ja bisher in die drei Konstruktionsweisen Hollowbody, Semi-Hollow und Solidbody (mit der möglichen Untergruppe neck-thru) einteilen liessen. Mit dem raffinierten zentralen Bauteil eines Aluminiumrahmens steht das Instrument für eine neue Inspiration für Gitarristinnen und Gitarristen. Bluesnews.ch war auf einen Besuch in Kriens bei «Relish Guitars».

Schweizer haben ja einen unbestreitbaren Anteil an der Entwicklung der elektrischen Gitarre: Adolph Rickenbacher (1887–1976) hat für seine «Rickenbacher» Lap-Steel schon 1931 als erster Konstrukteur einen elektrischen Tonabnehmer entwickelt. Jetzt treten die beiden Gründer von «Relish Guitars» mit ihrer revolutionär innovativen Konstruktion an, ein neues Zeitalter einzuläuten. Pirmin Giger hat die Gitarre erstmals entwickelt als eine Abschlussarbeit in Industriedesign. Gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Silvan Küng wurde die Gitarre dann seit 2010 serienreif gemacht und ein Unternehmen gegründet, womit aus Musikern Geschäftspartner wurden. Die Freunde teilten die Arbeit in die technisch-handwerkliche und die betriebswirtschaftlich-ökonomische Seite auf und seit November 2014 sind sie in einer kleinen Fertigungshalle in Kriens in Serienproduktion gegangen. Als Jahresproduktion sind 100 bis 150 Exemplare angepeilt.

Was macht die Gitarre aus? Das «Jane» genannte Modell besteht aus einem Aluminiumrahmen mit integriertem Sustainblock, an den der Hals, die Decke und Rückseite der Gitarre und die Hardware angeschraubt werden. Die beiden Holzteile des Körpers, Decke und Rückseite, sind aus fünflagigem Holzfurnier, das in eine äusserst angenehme und auch schöne Form gebracht und nach Verbauung mit dem Alurahmen mit Klarlack veredelt und geschützt wird. Der Hals wird über vier Schrauben mit dem Sustainblock verbunden und in die Decke werden Pickups, Brücke und Potiknöpfe eingelassen und ebenfalls im zentralen Block bombenfest verschraubt. Der Alu-Rahmen bleibt als Zarge sichtbar.

Der Effekt dieser Konstruktion: die Gitarre schwingt ganz anders als Solidbody-Konstruktionen dies tun. Die von der Saitenschwingung ausgehende Vibration überträgt sich direkter und unmittelbarer, wodurch nicht nur das Sustain deutlich spürbarverbessert wird, es ist sozusagen ein anderes Sustain. Sei es, weil das Holz der Solidbody andere Schwingungen absorbiert als der Rahmen und die Holzschalen oder was auch immer der Grund sein mag; es scheint als blieben so etwas wie Obertonschwingungen im Sustain stärker präsent, weshalb dieses lauter und klarer erscheint als selbst bei der optimalsten Les Paul aus dem Custom Shop oder anderen Solidbody-Gitarren, die für ihr Sustain bekannt sind (Mein Favorit in dieser Kategorie wäre die Washburn Falcon, aber das nur am Rande).

Der Hals ist aus Ahorn und das Griffbrett ist auffällig dicht und kaum porig. Es ist aus gepresstem Bambus gefertigt, einem Werkstoff, der für Gitarrengriffbretter selten Verwendung findet, der aber sofort überzeugt, wenn man das Instrument in der Hand hält. Der Bambus wirkt mehr wie Ebenholz als wie Palisander, das schwarze Binding ist eine Augenweide. Die Mensur aller drei produzierten Modelle ist 650 mm.

Neben dem tonalen ist ein Vorteil von Bambus, dass der Anbau ökologisch nachhaltig ist, da der Rohstoff in grossen Mengen nachwächst. Silvan Küng betont im Gespräch den Anspruch der Nachhaltigkeit, und in der Tat passt der Bambus nicht nur fürs Griffbrett, sondern auch für die Umwelt. Ein weiterer Punkt ist die Swissness ihres Produkts, die sie wo immer möglich versuchen umzusetzen, was im Fall von Bambus natürlich nicht klappt. Beide Ansprüche erfüllen hingegen die heimischen Hölzer der Korpus-Schalen.

Die Hardware und Elektronik sind bei Zulieferbetrieben eingekauft. Als Brücke kommt das Hardtail der Firma «Hipshot»zum Einsatz, die Pickups stammen vom Schweizer Boutique-Hersteller GoodTone. Die Mechaniken am Kopf sind von Schaller und die Elektronik im Gitarrenkörper wird für «Relish Guitars» gefertigt. Doch dazu später. Hier erstmal ein paar Bilder.


 

In ihrem Auftreten wirkt die «Jane» wie ein edles Design-Objekt. Erhältlich in den drei Holz-Farbtönen Esche, Kirsche und Walnuss steht die Gitarre für die Essenz des Gitarrenspiels. Die Serien-Ausstattung mit Pickups prädestiniert das Eschen-Modell für Clean bis Crunch Sounds, die Kirsche für klassischen Humbuckersound à la 59er PAF und die Walnuss für die härteren Sounds. Die Gitarre ist wunderschön, nicht angelehnt an eines der Vorbilder, ein eigenes, überaus funktionales Design, das sich an den Körper wie an die Spielhand schmiegt.

Auf Dinge wie ein Tremolo-System wurde ebenso verzichtet wie auf verschiedene Schaltmöglichkeiten der Pickups. Die Humbucker lassen sich nicht splitten und ein Tremolo wird vielleicht noch entwickelt, aber im Moment ist das noch kein Thema. Das Hardtail ist allerdings so perfekt mit dem zentralen Block verschraubt, dass eine Preisgabe dieses strukturellen Vorteils für das bisschen Herumgehebel, für das man den Tremoloarm zumeist einsetzt, kaum sinnvoll erscheint.

Was Coilsplitting angeht, so braucht es dieses nicht, denn die Gitarre hat in der Tat Tausend Klangmöglichkeiten, weil sie präzise und genau das wiedergibt, was der Gitarrist oder die Gitarristin hineingibt. Sie reagiert sensibel auf feinste Unterschiede im Spiel und ist somit das ultimative Werkzeug, um das zum Ausdruck zu bringen, was den Sound letztlich ausmacht – die Finger und das Herz des Musizierenden. Die «Jane» ist keine Diva, die hofiert sein will, sie ist da, um Musik damit zu machen. Die Doppelspuler bleiben Doppelspuler, aber sie sind auch bei zurückgefahrenem Tonpoti nicht muffig oder dumpf. Weil der Sound so unmittelbar ist, übertragen sich auch feine Töne perfekt und auch Singlecoil-Liebhaber werden an diesem Sound nichts auszusetzen haben. Die Sounds werden durchs Spiel produziert, nicht durch die Technik.

Eine Besonderheit sind die Pickup-Wahlschalter. Der klassische Hebel mit den wohlbekannten drei Schaltungsmöglichkeiten ist erhältlich, aber die «Relish»-Lösung sind zwei Sensoren, die durch Hautkontakt ein- und ausgeschaltet werden und so neben einem coolen Effekt (einem Glimmen auf der Decke) eine weitere Wahl ermöglichen: Hals- Neck- oder beide Pickups sowie KEIN Pickup. Ein Kill-Schalter für den Gitarrensound.

Man mag die Sensoren als Spielerei bezeichnen, aber damit erschöpfen sich die Innovationen der «Jane» auch noch nicht. Wirklich fantastisch wird es, wenn man unter die Oberfläche schaut, sozusagen die Motorhaube der Gitarre öffnet. Während hierzu bei jeder anderen Gitarre Schraubenzieher nötig sind, um unter einem hässlichen Platikdeckel ein Gewirr von Kabeln, Kondensatoren, Lötstellen in engen Fräsungen zu bestaunen, ist bei «Relish Guitars» nur ein Gitarrenplektrum nötig: Die Rückseite des Körpers trägt in sich einen der Form der Gitarre entsprechenden Deckel, der durch Magnete mit dem Korpusrücken verbunden ist. Man hebt ihn heraus und sieht das elektronische Innenleben der «Jane». Die Bauteile sind auf einer Platine zusammengeführt, die Kabel sind mit vergoldeten Steckern verschraubt und das Ganze sieht übersichtlich und einleuchtend aus und man hat Zugang zu jedem Element, ohne irgendwelche Kabel durch gebohrte Zugänge friemeln zu müssen.

Daher bietet «Relish Guitars» die Möglichkeit, andere Pickups in die Gitarre einlassen zu können: Das Austauschen eines Pickups geht kinderleicht, denn Pirmin Giger undSilvan Küng bieten alle selbst verbauten vier Goodtone-Modelle sowie Tonabnehmer der Edelmarken «Häussel», «Lollar» und «Lundgren» an, welche sie mit den vergoldeten Steckern versehen als tonale Option verkaufen. Man kann natürlich nicht auf der Bühne zwischen zwei Songs einen Pickup wechseln, aber wenn man am Morgen auf einem Jazz-Brunch spielt und am Abend ein Rock-Konzert hat man die Pickups wohl schneller gewechselt als das Bühnen-Outfit.

Insgesamt gesagt, und damit ist der Anspruch der Swissness auch auf jeden Fall umgesetzt, ist die Gitarrenkonstruktion von «Relish Guitars» ein Paradebeispiel für Schweizer Unternehmensgeist und Ingenieurskunst. Das wurde auch anerkannt in Form einer Anschubfinanzierung durch Venture Kick und die Kommission für Technologie und Innnovation. Die Gitarre wird für den stolzen, aber für ein Instrument dieser Güte sicher angemessenen Preis von Fr. 4750.- ohne Mehrwertsteuer angeboten (5130.- mit MWSt.)

Was man für den stolzen Preis kriegt, das sind runde 3200 Gramm grossartige Innovation und ein Instrument, das keine Wünsche mehr offen lässt. Ausser natürlich dem offensichtlichen: sie zu spielen und sie möglichst lange nicht mehr aus der Hand zu geben.


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