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Ein Reisebericht

Tanja Wirz ist Sängerin, Gitarristin und Journalistin. Sie spielt mit Rainer Wöffler im Duo The Red Hot Serenaders Blues und Jazz der 20er- und 30er-Jahre. 

Ende 2014 waren wir mit unserer Band auf einer kleinen Tournee in Wien, dank einem guten Freund, der sich in der dortigen Musikszene auskennt und uns eine Reihe von Gigs organisiert hat. Da ich nun schon zum dritten Mal musikalisch in Wien unterwegs war, hier eine Reihe von Tipps für Bluesfans, die eine Städtereise machen wollen, denn das lohnt sich allemal.

Wir durften mit den Red Hot Serenaders beim 50jährigen Bühnenjubiläum von Al Cook, dem Urvater der Wiener Bluesszene, als Gäste mit dabei sein. So hatten wir das Glück, eine ganze Menge der Wiener Blueser anzutreffen, mit ihnen zu plaudern und mit einigen davon auch zu jammen. Auch in der Schweiz bestens bekannt istErik Trauner, der seit 1977 mit seiner Mojo Blues Band unterwegs ist und auch hierzulande immer mal wieder anzutreffen ist. Derzeit hat Erik gerade ein Projekt mit einem grossen Bläsersatz im New Orleans-Stil, mit dem er auf der grossen Bühne im Metropol debütiert hat - ein alter Traum von ihm, wie er erzählt hat. Es ist zu hoffen, dass diese Formation noch ein paarmal zu hören sein wird. Vielleicht holt ihn gar jemand mit dem nötigen Gagen-Budget in die Schweiz damit? Das wäre sicher ein Blues-Fest vom Feinsten. Erik spielt aber auch immer mal wieder Solo oder in kleinen Formationen akustischen Blues und ist auf jeden Fall eine Empfehlung wert.

Das Metropol, wo Al Cooks Jubiläumsfest stattfand, ist eine prima Adresse in Wien für grössere Konzerte, eine wirklich stimmungsvolle Location, die aber längst nicht nur auf Blues eingeschworen ist. Die wichtigsten Adressen, wo in Wien regelmässig Live-Blues gespielt wird, sind laut den Musikern, mit denen wir geplaudert haben, das Louisiana Bluespub und die Bierkanzlei. Beides sind kleine, familiäre Locations, die bei guten Konzerten sehr vollgepackt sind, was aber natürlich der Stimmung nur dient. Wenn beim Bierkanzler mehr als drei Musiker auf der Bühne sind, wird es auch da richtig eng und man muss aufpassen, sich in der Begeisterung nicht gegenseitig mit den Gitarrenhälsen zu erschlagen. An beiden Orten gibt es praktisch jeden Abend live Musik, zum Teil auch Jam Sessions (beim Bierkanzler), und wenn man Glück hat, trifft man da auf viele Leute aus der Wiener Musikszene. Zum Beispiel auf Peter Kern, der in jungen Jahren als Blues-Wunderkind durchgestartet ist, dann ziemlich abgestürzt sein muss, die Musik an den Nagel gehängt hat und als Sozialarbeiter eine zweite Berufung gefunden hat. Nun spielt er aber – zum Glück! – wieder. Ein toller Fingerpicker mit einem super Timing und einer absolut unverkennbaren, hohen Gesangsstimme, wie man sie eher aus der Country Musik kennt, die aber verblüffend gut zum Blues passt. 

Arriviertere Musiker treten auch im Jazzland auf, dem ältesten Jazzkeller von Wien. Eine, die oft da zu sehen, ist die ursprünglich aus England stammende Dana Gillespie, die aktuell als „Blues Diva“ auch den Blues pflegt. Man hört der bereits älteren Dame an, dass sie auch in Musicals gesungen hat und sie scheint eine wildbewegte Vergangenheit als Filmschauspielerin gehabt zu haben – das Showbusiness ist ganz offensichtlich ihre Heimat. Ihre Begleitband in Wien ist derzeit das Joachim Palden Trio, und wer Glück hat, kriegt da Sabine Pyrker an den Drums zu hören. Sie ist die Tochter des fantastischen Blues- und Boogie-Pianisten Martin Pyrker, ist noch blutjung und trotzdem schon eine wirklich grossartige, souveräne und humorvolle Schlagzeugerin. Auch öfter da: Der bereits erwähnte Erik Trauner mit seiner Mojo Blues Band, die eine grosse Fangemeinde hat.

Ebenfalls regelmässig Blues gibt es im Musikclub Davis, wenn Sissy Simon,die Grande Dame unter den Wiener Bluesveranstaltern, mit ihrer Konzertreihe „Blue Simon“ dort das Szepter übernimmt – was meist so drei- bis viermal im Monat der Fall ist. Sie bringt regelmässig auch Bands von ausserhalb dahin, die fetzigen Crazy Hambones aus Hamburg zum Beispiel oder Marco Marchi and the Mojo Workers aus der Schweiz. Das Davis ist keine besonders schöne Location,  ein ziemlich gesichtsloser Musikclub in einem nichtssagenden Industriegebäude mit den unmotiviertesten Bardamen aller Zeiten. Wenn aber auf der Bühne vorne gute Musik abgeht, kann man das getrost vergessen.

Ein weiterer Wiener Blueser ist Siggi Fassl, der zwar eher wie ein Rockabilly-Afficionado aussieht, aber astrein Bluesgitarre spielt und toll singt. Er ist an Al Cooks Jubiläum sozusagen in der Rolle als  Enkel aufgetreten, zusammen mit Al als Opa und Erik als Vater, in der Sequenz „Three Generations of Blues“. Im Publikum antreffen könnte man am einen oder anderen Blues-Konzert auch Johnny Parth, einen älteren Herr, der meist eine charakteristische Mütze trägt und einen freundlich durch seine Brille anblinzelt. Er ist kein Musiker, sondern ein Blues-Gelehrter: Von ihm stammt das Monumentalwerk Document Records. Er hat auf Hunderten von CD versucht, möglichst sämtliche alten Aufnahmen von Blues, Gospel, Spirituals, Bluesgrass und Jazz neu herauszugeben, die in Amerika zwischen 1900 und 1945 erschienen sind: Eine wahre Enzyklopädie der afroamerikanischen Musik und ein unentbehrliches Nachschlagewerk für alle, die sich für diese Musik begeistern.

Eine reine Frauenband – und damit eine grosse Seltenheit – sind die Rocking Birds mit Katie Kern, Karin Daym und Sabine Pyrker (ja, die grossartige Schlagzeugerin!). Katie Kern hat schon in jungen Jahren zur Gitarre gefunden und ist von Altmeister Oscar Klein unter die Fittiche genommen und so bekannt geworden. Von Oscar Klein, dem Trompeter und Gitarristen, der stets im Kapitänshut auftrat, heute aber nicht mehr lebt, stammt eines der ersten Country Blues-Lehrbücher, dass es im deutschsprachigen Raum gab (mit dem ich meine ersten Schritte in Sachen Bluesgitarre gemacht habe). Katie spielt E-Gitarre und singt mit einer unverkennbaren Stimme, Karin am Bass singt ebenfalls, und Sabine spielt in dieser Formation auch Waschbrett, und zwar richtig Klasse. Das Repertoire der Rocking Birds umfasst auch Rockabilly und Ragtime, und die Frauenband macht viel Spass.

Wer einen wirklich tollen Bluespianisten hören möchte, sollte sich den Vater von Sabine, Martin Pyker nicht entgehen lassen. Er hat den Boogie drauf und spielt ihn superlocker, ist aber nicht eine jener einfallslosen Hämmerer, die man am Boogie-Klavier auch oft zu hören bekommt, sondern kennt alle Spielrichtungen des Blues und spielt sehr geschmackvoll und ohne Imponiergehabe – das er auch gar nicht nötig hat.

Ein weiterer sehr bekannter Blueser aus Wien ist Hans Theesink, der ursprünglich aus den Niederlanden stammt, heute aber in Wien lebt. Sein Blues ist sehr eingängig, handwerklich 1A gemacht und erinnert auch vom Gesang her ein bisschen an J.J. Cale. Er hat unzählige Platten gemacht, spielt immer wieder mit amerikanischen Musikern zusammen und tritt überall in Europa auf. Wer stimmungsvollen Singer-Songwriter Blues mag, ist bei ihm sicher an einer guten Adresse.

Die abenteuerlichste Blues-Location Wiens liegt ein bisschen ausserhalb, in Kleinstaasdorf, und ist unbedingt einen Besuch wert: Der Mojo Music Club. Er ist in einem der Häuschen an einer sogenannten Weingasse beheimatet, also mitten in den Weinreben, sozusagen auf offenem Feld, und wer nachts im Dunkeln da ankommt und den Ort dank einem Feuer in einer Metalltonne schliesslich findet, wähnt sich tatsächlich in einem der legendären Juke Joints angekommen. Der Raum hat eine kleine Bühne, der mit Lampen vom Flohmarkt beleuchtet wird, es gibt alte Sofas zum drauf sitzen, die Leute vom Club haben den Holzofen eingefeuert und verkaufen zum Wein und Bier selbstgemachte Sandwiches. In der Pause läuft ziemlich verrückte, alte Musik und was auf der Bühne abgeht, ist auch eher von der wilderen Sorte. Über allem liegt der Hauch des Illegalen, Improvisierten. Ein Klo sucht man übrigens umsonst. Auf Nachfragen heisst es, es gebe ja Büsche rund um das Haus... na dann!

Wer sich für Resonatorgitarren interessiert, sollte mal beiGottfried Gfrerer vorbeischauen, wenn es irgendwie geht. Er spielt selber auch Blues, und zwar richtig toll, ist daneben aber ein absoluter Crack in Sachen Resonatoren, hat sich jahrelang mit kaum was anderem beschäftigt. Er repariert, baut um und fertigt auch neue Gitarren in seinem Atelier, das gleich am Naschmarkt liegt, und gibt gerne Auskunft über alle Aspekte dieser besonderen Instrumente, die von den Bluesern so sehr geliebt werden. Bei ihm im Atelier könnte man dann auch Richard Weihs antreffen, der so ein bisschen etwas wie der Wiener Bluesmax ist. Er tritt als Kabarettist auf, und in seinen Programmen gibt es immer viel selber gemachten Wiener Blues zu hören. Wie Bluesmax ist er ein grossartiger Geschichtenerzähler, und sein Umgang mit dem Wiener Dialekt und dem berühmten Wiener Schmäh ist auf jeden Fall eine Besuch wert. Ebenfalls sehr unterhaltsam ist sein Roman „Der Blues-Gustl. Eine Wiener Legende“, der die Irren und Wirren eines fiktiven Blues-Musikers in Wien beschreibt.

Und last but not least natürlich Al Cook. Er war einer der ersten weissen Europäer, der  überzeugend Blues spielte, seine LP „Working Man Blues“ von 1970 ist heute zu Recht ein gesuchtes Sammlerstück. Al hatte zu Zeiten des Rockabilly-Revivals in den 80er-Jahren viel Erfolg mit seiner Band, und er überzeugt auch heute als älterer Herr noch in den Posen von damals, die er mit Humor und einem für einen fast 80jährigen beeindruckend agilen Hüftschwung vorführt – ein altgedienter Entertainer, der weiss, was er kann. Sein Selbstbewusstsein als Pionier des Blues in Österreich hat er hart verdient. Wenn er selber heute immer mal wieder sehr direkt auf seine Verdienste hinweist, ist das allerdings manchmal etwas ulkig – etwa so wie Jelly Roll Morton, der sich gerne als Erfinder des Jazz präsentiert hat. Dem Blues ist Al Cook (der in Wirklichkeit übrigens Alois Koch heisst, aber gerne sich und allen seinen Mit-Musikanten amerikanisierte Namen verpasst) stets treu geblieben. Am beeindruckendsten ist er, wenn er solo spielt. Mit seiner rauhen Stimme und dem sehr authentischen, urtümlichen Country Blues, den er auf der Gitarre drauf hat, klingt er verblüffend ähnlich wie Blueslegende Charley Patton. Viele der Stücke, die er spielt, sind aber eigene. Wer Al also solo hören kann: Hingehen und sich in eine andere Welt beamen lassen!

Mein kleiner Reisebericht erhebt natürlich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Vermutlich gibt es in Wien noch Einiges zu entdecken – und ich hoffe, das bald einmal tun zu können. Ein ganz besonderes Erlebnis sind auch Hauskonzerte – eine Tradition, die in den USA schon recht verbreitet ist: Musiker spielen (meist unverstärkt) bei Leuten zuhause, die ihren – manchmal recht ausgedehnten – Freundeskreis dazu einladen. So kann man in intimem Rahmen tolle Konzerte hören, mit dem Touch einer House Rent Party. Denn das Konzept ist auch für weitgereiste, erfolgreiche Musikanten sehr interessant: Es gibt gratis Kost und Logis bei netten Gastgebern, und der zum Schluss des Konzerts herumgereichte Hut ist oft voller als die Kasse nach einem Gig in einem Club. Solche Konzerte gibt es auch in und um Wien herum, in Locations vom Heurigenkeller in der Vorstadt bis hin zum veritablen Wasserschloss. Da diese Veranstaltungen aber privat sind, muss man natürlich die Leute kennen, die wissen, wo was los ist.

Insider-Infos gibt's auch auf blues.at, der online-Plattform für Blues in Österreich. 

 

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