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  Die Materialsammlung des Blues Revivals

  lomax_titelblatt.jpgDie ernsthafte Beschäftigung mit dem Blues begann bekanntlich mit Alan Lomax (1915-2002). Dieser hatte Aufnahmen für die Library of Congress gemacht wie zuvor schon sein Vater John Lomax (1867-1948). Die Folk-Welle ging aber erst los, als Lomax seine Aufnahmen 1960 in Buchform herausbrachte. Bluesnews.ch hat sich diesen Klassiker der Blues-Literatur etwas näher angesehen und stellt fest: die Bluessongs darin haben es in sich, sie sind die Keimzelle für das erneute Erstarken des Interesses am Blues in den 1960er Jahren.

Bei einer Suche in der Musikalienabteilung der Zentralbibliothek Zürich stiess ich unlängst auf eine Ausgabe der Sammlung von Lomax in Buchform, und dieses Werk enthält Noten und klare Musikvorgaben für das Nachspielen der Song. Es ist das Buch Folk Songs of North America aus dem Jahr 1960. Das Buch ist sehr aussagekräftig für die Entwicklung der Folk-Welle in den 60er Jahren, und deshalb sehen wir uns hier etwas genauer die Bluessongs an, der in diesem Werk aufgezeichnet sind. Alan Lomax hat vier Bücher mit Folk-Liedern herausgegeben, aber dieses letzte scheint das einflussreichste gewesen zu sein. Seine Titel sind American Balads and Folk Songs (1934), Our Singing Country (1941), Folk Song: U.S.A. (1947) und dieses Werk von 1960.

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Das jüngste Buch Buch ist eine Auswahl der Aufnahmen von Alan Lomax, der aus seinen Tausenden von Aufnahmen diese 317 Songs ausgewählt hat. Es ist eine grossartige Arbeit, denn dieses Buch wurde durch wichtige Mitarbeiter angereichert: Der gebürtige Ungare Mátyás György Seiber (1905-1960) und dessen  Schüler, der Australier Don Banks (1923-1980) haben für einhundert der Lieder Piano-Arrangements geschrieben, wobei insbesondere Don Banks die «Negro songs» umschrieb. Beide lebten damals in England, wo sich auch die dritte Mitarbeiterin an diesem Werk aufhielt: Niemand geringeres als Peggy Seeger (*1935), die Halbschwester von Folk-Musik-Pionier Pete Seeger (*1919). Peggy war selbst eine bekannte Banjo-Spielerin und Gitarristin, die der Verfolgung der Anti-Kommunistischen McCarthy-Zeit entgehen wollte, indem sie 1955 nach England umsiedelte. In ihrer Jugend war Elizabeth Cotton (1895-1987) das Kindermädchen der Seegers und Peggy war schon von dort mit der lebendigen Folk-Tradition vertraut. Peggy Seeger transkribierte die Gitarrenarrangements der Songs und sie verfasste ein Nachwort, in dem sie Anschlagtechniken und Begleitmuster diskutierte. Die Illustrationen schliesslich gehen auf einen gewissen Michael Leonard zurück.

Das 1960 erschienene Werk, das Lomax seinem Vater widmete, enthält amerikanische Volkslieder (im Sinne von Liedern, die das Volk zur Unterhaltung singt) in unterschiedlichen Kategorien. Angefangen bei den alten Kolonialzeiten und dem Sezessionskrieg (1861-1865) enthält das Werk eine Auswahl an Titeln von allen Gegenden und allen sozialen Gruppen des Landes. So findet sich darin beispielsweise eine Shaker Funeral Hymn, also ein Grablied der protestantischen Sekte der Shakers. Aber auch Lieder der Landarbeiter oder der Fischer im Golf von Mexiko, Lieder des Westens und Liebeslieder, die im ganzen Land Verbreitung fanden, sind in diesem Buch zu finden.

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In dem Buch finden sich Kuriositäten wie Lied Nr. 86: The Devil's Nine Questions, die man beantworten muss, um in den Himmel zu kommen. Dies sind Fragen wie «Was ist weisser als Milch, was ist weicher als Seide?» (Antwort: «Snow is whiter than the milk, and down is softer than the silk»). Frage zwei lautet: «What is higher than a tree, what is deeper than the sea?» Antwort: Himmel und Hölle. Wenn man alle Fragen richtig beantwortet, muss der Teufel die Seele aufgeben: «You have answered my questions nine, and you're God's you're none of mine.»

Auch Überraschendes findet sich wie die Abteilung «White Spirituals», unmittelbar gefolgt von der Abteilung «Rowdy Ways», das den Titel The Good Old Rebel enthält, ein Lied voller Hass auf die Nordstaaten und noch heute eine Hymne der Ewiggestrigen in den Südstaaten. Aber auch Lieder der Bahnarbeiter, der Cowboys, der Präriefarmer und der Hoboes finden sich in diesem Buch (in der letzten Gruppe findet sich das aus dem Film Oh Brother, Where Art Thou bekannte The Big Rock Candy Mountains).

Teil 4 des Buches und insgesamt 82 Lieder sind «The Negro South» gewidmet, unterteilt in Spirituals, Reels (Schottische Tanzmusik), Work Songs, Ballads und schliesslich Blues. Sehr bekannte Titel der Schwarzen Musiktradition finden sich hier wie Frankie (auch Frankie and Albert oder Frankie and Johnnie), Stagolee, Railroad Bill, John the Revelator und andere. Das Werk enthält 11 Blueslieder, nämlich die folgenden: I'm All Out an' Down; Hattie Bell; Careless Love; One Dime Blues; Good Mornin' Blues; Corinna; Troubled in Mind; How Long Blues; Irene; Black, Brown and White Blues und schliesslich, sicher nicht zufällig als letzter Titel im Buch, Sound Off.

Lomax leitet die Titel ein mit einem allgemeinen Text zum Blues, der etwas romantisch die Geschichte der Musik erzählt: «Seventy years ago, the blues lived in the wild and melancholy cries of the mule-skinners and roustabouts of the Mississippi valley. As Jelly Roll Morton disdainfully put it, the Blues was ‘the music of the inferior longshoremen along the river, folks that didn't even bathe from one week to the next'.» Als Musikenthnologe war sich Lomax der Bedeutung des Blues bewusst, aber auch der Tatsache, dass diese Musik auf Augenhöhe steht mit all den anderen Musikarten, die diese Buch beinhaltet.

Die einzelnen Titel gehen in der Mehrheit auf Interpretationen von Lead Belly (I'm All Out an' Down, Good Mornin' Blues, Irene) und Leroy Carr/Scrapper Blackwell (Careless Love, How Long Blues). Zum Titel Corinna schreibt Lomax, dass es diesen auch als «Roberta» oder «Alberta» gäbe. Unter letzterem Titel nahm in Clapton für Unplugged auf. Black, Brown and White Blues geht auf Big Bill Broonzy zurück, One Dime Blues auf Blind Lemon Jefferson.

Alle diese Titel, die Lomax in diesem Buch versammelt hat, waren dem Publikum in den frühen 1960er Jahren neu, und die gleichzeitige Publikation durch Cassell in London und Doubleday in New York sorgte dafür, dass junge Folk-Musiker oder Englische Jungs auf der Suche nach dem wahren Blues dieses Buch zu ihrer Bibel machten. Die Englische Blues-Bewegung und die dadurch ermöglichte «British Invasion» wäre ohne dieses Handbuch amerikanischer Musik von Alan Lomax vielleicht nicht geschehen.

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