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Welche Pflanze meint Muddy Waters eigentlich mit der «John the Conquerer Root»? Oder was ist mit dem Ausdruck «Hand Jive» gemeint? Und seit wann wird die Bezeichnung «dude» für einen «Typen» verwendet? All dies kann man erfahren in Jean-Paul Levats wunderbarem Nachschlagewerk Talkin’ that talk, das nun in überarbeiteter Form vorliegt, und das die Dinge beim Namen nennt. 

Die neu überarbeitete Fassung der Enzyklopädie zu Sprache und Personen des Blues von Jean-Paul Levat ist ein Meileinstein. Es bietet ausgedehnte Einträge zu über 500 Stichwörtern und bietet eine umfassende Darstellung der Sprache und Ausdrucksweise, welche die Afro-Amerikanische Unterhaltungskultur hervorgebracht hat sowie der wichtigsten Protagonisten. Was noch schöner ist: die Lexikoneinträge sind durchgehend mit Belegen versehen. Mit diesem französischsprachigen Buch legt Levet ein wirklich und brauchbares Handbuch vor.

Es handelt sich bei diesem Nachschlagewerk nicht um eine dieser schnell zusammengenagelten «Enzyklopädien», die den Buchmarkt derzeit überschwemmen. Dies ist seriöse Arbeit, da hat sich ein Team von Leuten über Jahre hinweg die Mühe gemacht, die Sprache der Schwarzen Kultur durchzuarbeiten und daraus ein enzyklopädisches Wörterbuch zu machen. Dies ist die zweite Auflage des Buches, die erste (wenn damals auch noch ohne Rap im Titel) datiert von 1986. Schon daran sieht man, dass dies kein Schnellschuss ist. Deshalb beinhaltet der Titel auch zu Recht andere Musikrichtungen als den Blues. Das Buch beinhaltet die Sprache der Schwarzen von Blues, Jazz und Rap.

Deshalb sind von «Mojo» bis «Nigga», von «Moonshine» (dem illegal gebrannten Schnaps der Prohobition) bis «Amerikkka» (Ice Cubes Plattentitel Amerikkas Most Wanted von 1990 mit der Anspielung auf den mächtigen Klu-Klux-Klan) Stichwörter in dieser Enzyklopädie enthalten. Damit wird die Brücke geschlagen über das gesamte 20. Jahrhundert, von halbversklavten Share-Croppers im Mississippi-Delta bis zu den Gang-Shootings in Los Angeles und N.W.A. In diesem Zeitraum, der die gewaltigste Änderung gebracht hat im Selbstverständnis der amerikanischen Schwarzen, hat sich auch die Sprache weiterentwickelt: von der Illegalität im Süden bis zur Bürgerrechtsbewegung und schliesslich zum Ghetto war die Musik stets ein Begleiter des Alltags, und Levet macht sich mit diesem Werk auf, diesen Begleiter genauer zu betrachten, die Text auszuwerten und zu fragen, was da eigentlich gesagt wurde. Und genau weil ihm dies gelingt, ist dieses Werk ein wahres Geschenk. Trotzdem ist es nicht einfach ein Slang-Wörterbuch, denn es stützt sich nur auf Liedtexte oder Interview-Texte mit Musikern, nicht auf den generellen Sprachgebrauch, und diese Einschränkung lässt das Werk wesentlich konzentrierter erscheinen.

Zu jedem englischsprachigen Lemma oder Stichwort gibt es eine französischsprachige Definition und dann in der Mehrzahl der Definitionen eine Belegstelle. Und das ist nun mal, was die guten Nachschlagewerken von den schlechten unterscheidet. Die Belege zeigen, in welchem Kontext eine Definition wichtig wird und Gültigkeit besitzt. Selbst wenn man nur mit einem Schulfranzösisch ausgestattet ist (wie das bei mir leider der Fall ist) kann man die Definitionen lesen und verstehen, aber gänzlich ohne Französischkenntnisse wird es schwer werden.

Nun also zu einigen konkreten Beispielen, alle selbstverständlich aus dem Umfeld des Blues: Erstes Stichwort: «BC» (S. 58): Es werden zwei Definitionen gegeben: die zweite lautet «pillule anticonceptionelle» (also Anti-Baby-Pille) und die zweite bezeichnet ein weit verbreitetes Medikament in Pulverform gegen Kopfschmerzen («Marque d’une poudre contre le mal de tête bien connue dans tout le Sud»). Dazu auch der Beleg von Lightnin Hopkins: «I’m achin’ all over, I got the pneumonia this time. I believe I better take a BC to take care of poor me». Dies ist also der Fall einer klassischen Definition: Ein Begriff wird geklärt, den man sonst nicht kennt.

Häufig gibt es aber im Blues Texte, die man zwar dem Wortsinn nach versteht, aber trotzdem keine Ahnung hat, worum es eigentlich geht. Als Beispiel hierfür zitiere ich die Definition von «elephant: L’éléphant, symbole du Parti Républicain» (S. 157). Hierzu gibt es zwei Belege: Louis Jordan singt in Jordan for President 1952: «If you want the man of the hour then vote for Eisenhower. And ladies and gentlemen: don’t sit there and sob, ‘cause Truman don’t want the job. But if you want a candidate that’s real cool, Don’t vote for the elephant or the mule. Vote for me! Vote for Jordan for President.» Der zweite Beleg stammt von Memphis Slim aus dem Jahr 1960 und hier sind es «elephant and donkey» als Symbole für die Republikaner und Demokraten. «off the hook» steht für «ausser Kontrolle» etwa in Folge von Alkohol- oder Drogenkonsum. Aber was heisst «on the hook»? Levat gibt folgende 2 Definitionen: «1. Dans l’embarass, dans la merde 2. Sous l’influence d’une drogue» (S. 209).

Was die biographischen Informationen angeht, so unterscheidet sich das Werk nicht von anderen Personenlexika des Blues, wenn auch die Einträge relativ knapp gehalten sind. Beispiel: «Schiffmann, Frank: fils d’immigrants d’origine autrichienne, devient le propriétaier der l’Apollo in 1935 après avoir dirigé le Lafayette sur la 132e rue, puis le Harlem Opera House a proximité de l’Apollo ; Il reste à sa tête jusque au 1961. Ses deux fils, Jack er Robert prennent sa suite lorsque’is se retire.» Der Beleg stammt von Bo Diddley (S. 338).

Schliesslich zu den Fragen im Lead: Ein «hand jive» ist definiert als: «Technique utilisant le corps comme instrument de percussion.» (S. 194). Als Synonyme werden angegeben: «hambone» und «patting Juba».  Der «dude» wird hier belegt mit zwei Songtexten aus den 1920er Jahren: The Pawn Shop Blues von Martha Copeland von 1923 und Jim Jacksons He’s in the Jailhouse now von 1928.

Und was ist nun die «John the Conquerer Root?». S. 229 verrät es: Es ist die getrocknete Frucht der Jalpenwinde (ipomoea jalapa oder ipomoea purga), die als getrocknete Frucht ein sexueller Talisman war, denn die getrockneten Früchte sehen etwas aus wie schwarze Hoden, was eine Google-Bildersuche bestätigt.

Vorwort, Beispielseiten, Pressestimmen zum Buch gibt es vom Verlag in einem PDF hier. Eine Beispielseite aus dem Buch gibt es am Ende dieser Rezension.

Das Buch kostet bei Amazon Frankreich nur €24,70.- und für nicht mal 25 Euro kriegt man so ein umfassendes und wirklich gut brauchbares Nachschlagewerk.

Levet, Jean-Paul - . Talkin’ that talk : le language du blues, du jazz et du rap : Dictionnaire anthologique et encyclopédique / Jean-Paul Levet ; Préface de Michel Fabre ; Postface d’Alain Gerber - . Paris : Outre Mesure, 2010 - . ISBN 978-2-907891-80-4.

 

 

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