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vom 24. März 2008

bluesnews: Wieso hast Du Dich für die Mundharmonika entschieden?

Walter Baumgartner: Ich habe mit 6 Jahren begonnen Violine zu spielen, meine Mutter wollte mir ihre Musikalität durch dieses Instrument weitergeben. Das ist ihr gelungen, auch wenn ich dann mit ca. 20 Jahren die Geige wieder auf die Seite gelegt habe und nur noch sporadisch danach griff. Ich war einfach nicht so fleissig, resp. ziemlich übungsfaul...

Dann, aber eben später, als ich wieder mehr Lust auf Musik bekam, musste etwas her, dass mir Spass machte, bluesig war (der Blues hatte mich zu derzeit gepackt) und dass nicht schwer, gross und teuer war. Ich kaufte also eine Harmonika - sie ist klein, nicht schwer und kostet nicht die Welt. Die alte Hohner Pro Harp für damals ca. CHF 20.--.

So ging ich auch kurzdarauf an einen Bluesharp Workshop von Joe Walter aus Dübendorf, der mich dann völlig inspirierte. Ich nahm darauf Stunden bei ihm und lernte in der Zeit sehr viel. Ich verdanke Joe einiges, da er mich gefördert und an Konzerte von ihm mitgenommen hat.

Wer sind Deine musikalischen Vorbilder?

Zu Beginn (natürlich auch heute noch) waren es moderne Blueser wie Robben Ford oder Eric Clapton, also eher Blueser der „jüngeren" Generation, obwohl beide in der Zwischenzeit ja auch nicht mehr die jüngsten sind.

Doch in letzter Zeit befasse ich mich je länger mehr mit den traditionellen Blues-Stilen eines Robert Johnson, Muddy Waters, B.B. King, Little Walter, Sonny Boy Williamson oder auch eines Joe Filisko, ein junger Interpret des traditionellen Bluesstils. Die komplett andere Spieltechnik z.B. eines Little Walter eröffnen neue Wege und Möglichkeiten. Zudem hat bei mir auch der Jazz in der letzten Zeit viel mehr Gewicht erhalten. So spielen auch traditionelle Musiker wie Charlie Musslewhite, Mark Ford, und Dennis Gruenling sehr moderne Stile, wo der Jazz ein gewichtiges Element ist. Auch im Bereich Folk- und Country Blues haben mich interessante Musiker geprägt. So sind für mich der Franzose Jean-Jacques Milteau und der Brite Steve Baker zwei der vielseitigsten, komplettesten Harmonika Spieler. Beide haben ein sehr breites Spektrum, das vom Blues über Folk, Country bis zum Jazz und Rock geht; beide Harmonika Spieler haben mich sehr beeinflusst.

Der Blues in seiner ursprünglichen Form, aber auch all die Musik, die sich aus dem Blues entwickelt hat, ist eine scheinbar endlose Erfolgsgeschichte. Offenbar kann sich diese Musik immer wieder neu erfinden und sich den gesellschaftlichen und musikalischen Veränderungen anpassen. Woran liegt das Deiner Meinung nach? Was macht den Erfolg und die Kraft des Blues aus?

Ich glaube es liegt an vielen, verschiedenen Aspekten, dass der Blues immer wieder eine Renaissance feiert und vermutlich noch ein Weilchen nicht  aussterben wird. Ich selber kenne längst nicht alle, aber für mich persönlich sind es v.a. die folgenden 2 Aspekte:

-         Der Blues ist in der Tat der Übervater des Jazz, Rock'n'Roll, Country, Swing, Soul, Funk, Rock, ja sogar Hard Rock (ACDC ist das beste Beispiel) - also von vielen Musikstilen, die nebst vom Blues vor allem auch von schwarzen Musikern geprägt wurden. Das heisst der Blues hat den anderen Musikstilrichtungen die Basis, das Fundament mitgegeben. Auch wenn man in einigen Stilen wie Jazz oder Soul den Blues nicht mehr heraushört, war er dennoch die Basis der darauf kommenden Stile. Und wie es eben so ist in der „Natur", man geht immer wieder an seine Wurzeln zurück. Ich glaube, dass ist bei vielen Musikern so, auch solche, die es nie zugeben würden...  . Jeder Musiker der oben erwähnten Stile hatte Berührungspunkte mit dem Blues.

-         Ein weiterer Grund ist die „Einfachheit" des Blues - damit meine ich nicht, dass Blues spielen einfach ist, nur weil es eine einfache 12-Takt-Struktur nach klar ablaufendem Harmonie-Gefüge aufweist (wobei es ja unzählige Formen von Blues gibt). Nein, ich meine mit Einfachheit, dass der Blues von allen verstanden werden kann - Musiker wie auch Nichtmusiker, Banker wie auch Strassenfeger, Schwarze wie Weisse, Europäer wie auch Afrikaner, Polizisten und auch Diebe (um es ins Absurde zu treiben) - alle spüren, um was es beim Blues geht. Bei einem Jazzstück ist es nicht auf den ersten Moment ersichtlich, was der Komponist damit sagen wollte. Das ist keine negative Kritik und auch völlig OK -  Jazz ist komplexer als Blues, aber die Frage ist, ob Komplexität etwas mit Gut oder Schlecht zu tun hat - ich glaube es auf keinen Fall. An dieser Stelle ist es mir ganz wichtig zu erwähnen, dass Blues im Allgemeinen unterschätzt wird.
„Blues spielen - das ist etwas für schlechte Musiker, oder solche, die es nicht geschafft haben, z.B. Jazz zu spielen" - diese Aussage hört man oft, ist aber grundlegend falsch. Wer solche Aussagen macht, hat den Blues nicht begriffen, respektive ist auch nicht  in der Lage diesen zu fühlen und wirklich zu spielen. Wer Blues richtig spielen möchte, muss nebst der musikalischen Voraussetzung auch das entsprechende Feeling für Blues-Musik haben. Dieses Feeling zeigt sich durch eine dynamische, rhythmische und groovige Spielweise. Zum Beispiel ist gerade ein langsamer Blues vermutlich etwas vom Schwierigsten zu spielen, weil gerade im langsamen Blues mit seinen Pausen und Luftlöchern das Feeling ganz wichtig ist. Man muss auch in der Lage sein, mit wenig Noten viel auszusagen, so nach dem Motto: Weniger ist Mehr - auch im langsamen Blues. Die Dynamik und Spannung machen das Stück aus.

Was bedeutet der Blues für Dich?

Ich glaube in der vorigen Frage sind einige Faktoren erwähnt worden, die für mich die Bedeutung des Blues ausmachen. Aber ich versuche hier einfach mal ein paar Schlagwörter aufzulisten, die für mich Blues am besten umschreiben und die Bedeutung hervorheben:

-         Bodenständig, erdverbunden, Natur

-         Schlichtheit, Einfachheit und dennoch spannend, dynamisch

-         Spontaneität

-         Familie, Band, Zusammenspiel, Zusammenhalt, Rücksichtnahme

Stell Dir vor, Du könntest eine fiktive Band zusammen stellen. Wen würdest Du unbedingt dabei haben wollen?

Ist doch klar: Marco Besomi am Drum, Marco Schelling am Bass, Felix Widmer am Keyboard, Joe Schwach oder Lukas Schwengeler an der Gitarre.

Nein, im Ernst: Natürlich möchte man mal gerne mit einem der grossen Stars auf der Bühne stehen und zusammenspielen, das ist der Wunsch, Traum eines jeden Musikers, wenn er Vorbilder hat. Dennoch braucht es für eine funktionierende Band mehr als Stars - es braucht Menschen, die bereit sind, zusammen am gleichen Strick zu ziehen, zusammen zu musizieren, zusammen an einen Gig zu fahren, zusammen aufzustellen und dann am Schluss wieder zusammen abzubauen  (leider, das ist das schlimmste, nach dem Gig den ganzen Kram wieder zu verstauen und abzuladen...da versuche ich mich immer zu drücken, gelingt manchmal...)

Die Musiker der Band müssen die musikalische Ausrichtung mittragen wollen, bringen ihr ganzes musikalisches Feeling und Können mit herein und vor allem: Sie treffen sich auch ausserhalb von musikalischen Terminen wie Konzerte und Proben. Sie pflegen die Band -  ich glaube, dass ist aus meiner Sicht nachwievor das wichtigste. Natürlich ist es immer super, wenn man tolle Musiker hat, aber wenn es menschlich nicht passt, dann nützt die ganze musikalische Genialität nichts. Beides zu haben, gute Musiker und Menschen, die in die Bandfamilie passen - dass ist heutzutage fast schon ein Glücksfall. Ich habe dieses Glück bis jetzt geniessen dürfen und geniesse es auch heute.

Wenn wir vom Stil reden in Bezug auf „mit welchen Musikern ich gerne einmal eine Band zusammenstellen möchte", möchte ich diese gerne anhand von Instrumenten und nicht anhand von Personen aufführen: Ich würde sehr gerne irgendwann mal einen alten jazzigen, jumpigen Chicago Bluesstil pflegen und dazu eine Band aufbauen. Es braucht dazu v.a. akustische Instrumente wie Kontrabass, kleines Drumset, Klavier, Saxophon, Trompete und eine halbakustische Gitarre. Aber das hat Zeit.

Dein musikalisches Schaffen reicht von den leisen Tönen eines akustischen Duos bis zur kraftvollen Combo. Bevorzugst Du das eine oder andere?

Nein, beide Projekte sind mir wichtig. Bei der Band geht es natürlich alleine schon aufgrund der Besetzung und der Songwahl mehr ab als im Duo, vor allem auch wenn wir die Bläser dabei haben - dass ist ein tolles Gefühl, wenn eine Band mit Druck (nicht laut!) spielt und dies an die Zuhörer rüber bringen können, dass sie sogar tanzen.

Im Duo geniesse ich aber genau so die Ruhe, die Flexibilität und Spontaneität. Im akustischen Bereich ist der Sound viel sensibler, dynamischer und gibt auch mehr Freiheiten.

Letztlich machen wir Musik für uns und die Leute, und wenn wir spüren, dass wir die Zuhörer mit der Musik berühren, dann sind wir glücklich und haben schon gewonnen.

Die Albani Blues Sessions sind ein grosser Erfolg. Glaubst Du, dass in der Schweiz zuwenig für den Nachwuchs getan wird? Wenn ja, was sollte Deiner Meinung nach unternommen werden?

Das ist eine ganz schwierige Frage, weil es dabei letztlich auch um die Frage des Geldes geht. Ist Geld da, wird Nachwuchs gefördert, so ist es im Sport wie auch in der Musik, wobei der Sport eine ganz andere Dimension hat wie die Musik.

Musik - da geht es oft nur um Freizeit, Hobby, Fun. Und darum kann man sagen, vor allem in der Musik: Bis auf ein paar wenige Ausnahmen kann man in der Schweiz nicht von der Musik leben, ausser man gibt Unterricht. Aber nur von Konzerten zu leben -  das ist ganz schwierig und nur diejenigen, die gute Plattenverträge und die Unterstützung der Medien haben, besitzen die Chance, eine Musikkarriere zu starten. Nun, eben, gerade weil nicht viel Geld da ist, hat es auch keine grosse Nachwuchsförderung.

Einige Veranstalter, wie der Acoustic Song Contest in Uster (von Marisa und Walti Dux seit Jahren uneigennützig und professionell organisiert), betreiben mit diesen Veranstaltungen Nachwuchsförderung. So gibt es einige Veranstalter, die mit  solchen Anlässen Jugendlichen eine Chance geben. Man kann nur hoffen, dass es immer mehr solche Veranstalter gibt, die uneigennützig den Jungen eine Plattform bieten. Was ich ganz klar nicht als Nachwuchsförderung ansehe, sind Sendungen wie „Music Star", aber das würde die Grenzen dieses Interviews sprengen, wenn ich da jetzt meine Gründe aufführen würde...

Ich finde, wir haben in der Schweiz eine bemerkenswerte Blueszene mit vielen begabten Musikern, vor allem, wenn man bedenkt, wie klein unser Land ist. Was ist Deine Meinung dazu?

Absolut. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele gute Bands und gute Musiker es in unserem Land hat. Einige davon leben in der nächsten Umgebung, und man weiss es nicht einmal. Gerade Winterthur ist für mich da ein Überraschungsei - es hat sehr viele Bands, und ich bin mir sicher, ich kenne noch nicht alle. In Bezug auf den Blues stimmt  das genau so - es hat sehr viele gute Blues Bands und Blues Musiker in der Schweiz, die Dichte hat zugenommen. Ich glaube auch, dass es vielen Leuten ein Bedürfnis ist, zu musizieren. Vielleicht können wir es uns heute auch besser leisten als früher, in der Freizeit eine Band zu haben, zu proben und Konzerte zu machen - man ist flexibler, mobiler. Ich denke auch, es ist ein wichtiger Ausgleich zu Alltagsleben.

Lukas Schwengeler ist auf Tour. Heisst das, dass Dein Projekt Acoustic Blues Drifter zur Zeit ruht?

Ja, zurzeit ruht das Projekt, aber ich bin aktiv auf der Suche nach einem Nachfolger, der gerne diese Art Musik macht. Ist nicht ganz einfach, da wie gesagt nebst dem Musischen auch das Menschliche stimmen muss. Aber ich habe es auch nicht eilig und lasse mir Zeit. Letztlich muss ja auch der neue Partner das Gefühl haben, mit dem Baumgartner möchte ich Musik machen.

Was sind Deine nächsten Projekte?

Ich bin bereits wieder mit Hochtouren in der Planung für die „2nd Winterthur Blues Night", die am Samstag, 27.12.2008 im Salzhaus wieder über die Bühne gehen wird. Wir werden wieder lokale wie auch international bekannte Bands haben - ich denke, es wir wieder eine deftige Blues Party geben.
Dann läuft natürlich die Albani Session weiter, es stehen bereits die Termine bis Ende Jahr

Zudem plane ich die Konzerte für die Band „Walt's Blues Box", wir sind daran neue Songs zu schreiben und vielleicht gibt es auch wieder mal eine CD. Bei „Acoustic Blues Drifter" ist wie gesagt, Pause, aber ich bin mir sicher, dass es auch dort weitergehen wird.

Das Projekt „Blues und Schule" steht auch etwas in der Warteschlange, weil einerseits soviel läuft (Blues Night, Blues Jam, Band, Konzerte, etc.), andererseits, weil ich wie gesagt zuerst einen neuen Blues Partner in Sachen Akustik Blues finden muss, bevor man dieses Projekt weiter in Angriff nehmen kann.

Walter Baumgartner, besten Dank für das Gespräch. 

Kommentare   

#1 bankier 2018-02-17 14:03
This is my first time visit at here and i am really
happy to read all at one place.
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