Bluesfestival Sierre 2015
Basler Veranstaltungskalender
Groove Now
Richard Koechli: Dem Blues auf der Spur
Jazz 'n' More
It Had a Lot of Rhythm to It

Die Jersey Julie Band ist ein in Südfrankreich beheimatetes Trio, bestehend aus Saxophonistin und Sängerin «Jersey» Julie, Gitarrist Olivier Mas und Kontrabassist Stéphane Blanc. Die Amerikanerin und ihre beiden französischen Mitmusiker waren im September gerade mal wieder auf einer Tour durch die Schweiz  und werden im Dezember 2012 erneut durchs Land ziehen. Vor Ihrem Konzert in Zürich gaben sie bluesnews.ch ein Exklusivinterview. Eine Stunde sprachen wir über Musik, Gesang, Vorbilder und eine Schönheit von 1898. Jersey Julie Band steht primär für American Roots und Blues, aber die Band spielt auch Originals und Rockabilly-Nummern. Wie die Bandmitglieder beim Interview erzählten, geht ihre bemerkenswerte musikalische Vielfalt auf ihren unterschiedlichen Hintergrund zurück. Alle drei kommen aus stilistisch unterschiedlichen Ecken, und was sie zusammenführt, ist der Blues (Beispielvideos). Die neuste CD der Band: Goosebumps kann auf der Homepage angehört werden.

Bluesnews.ch: Beim Anhören Eurer Beispielsvideos und der Youtube-Aufnahmen wurde deutlich, dass Ihr im Gegensatz zu vielen jungen Bluesbands nicht den elektrischen Powerblues favorisiert. Wie kamt Ihr zu diesem «Old-Time» Blues?

Julie: Hauptsächlich war es mein Einfluss auf das Material, aber dann brachten wir es zusammen mit Oliviers Geschmack, und bald darauf kam auch Steph mit seinen Ideen, so dass das Ganze dann plötzlich viel Rhythmus aufwies. Wir waren uns auch einig, dass wir kein Schlagzeug brauchten.

Stéphane: Ich brauche kein Schlagzeug. Ich will kein Schlagzeug.

Julie: Und nachdem wir zusammen kamen, versuchten mir mit den verschiedensten Stilarten rum, haben alles Mögliche ausprobiert. Wir suchten keinen bestimmten Stil, sondern spielten einfach, was uns gut gefiel. Und Olivier und ich spielten erst einige Monate miteinander, ehe dann Stéph zu uns stossen konnte. Wir stellten fest, dass wir viele Stilrichtungen spielen konnten: Rockabilly, Psychobilly, alten Blues, Gipsy Jazz. Das ganze lief sehr organisch ab. Wir hatten keine Angst vor irgend etwas.

Stéphane: Ich versuche alles zu spielen, Blues, Jazz, Rockabilly.

Olivier: Und die Chemie mit Stéphane stimmt. Mit Stéphane gab es dieses Feuer, und ausserdem hatten wir zwei früher schon einmal zusammen gespielt, wir kenne uns schon lange.

Bluesnews.ch: Wer waren Eure Vorbilder, wer hat Euch beeinflusst? Für Rockabilly nehme ich an Stray Cats. Aber sonst?

Stéphane: Ja, Stray Cats!

Olivier: Ich habe eigentlich kaum Rockabilly gehört. Meine Musik ist stärker der Blues, Albert Collins, Albert King und einiges aus New Orleans und Funky Blues. Ich höre gerne The Meters, The Neville Brothers und in jüngerer Zeit Anders Osborne.

Julie: Olivier hatte, als ich ihn kennenlernte, viel Bluegrass in seiner CD-Sammlung wie Bella Fleck oder Jerry Douglas. Olivierging an dieelektrischen Gitarrenparts oftmals mit einemakustischen Ansatz, spielte elektrische Riffs auf der zwölfsaitigensaitigen Gitarre und so weiter.

Olivier: Ich spiele auch Banjo und Mandoline. Wir wollen das gelegentlich auch in die Musik integrieren, wenn wir mehr Zeit haben.

Stéphane: Ich kann es wirklich nicht sagen, ich höre alle Arten von Musik, Klassik, Rock, Folk, Jazz, alles. Ich spiele alles was mir gefällt. Wirklich keine Grenzen.

Bluesnews.ch: Stéphane, spielst du auch elektrischen Bass?

Stéphane: Ja natürlich. Viersaiter, Fünfsaiter, Sechssaiter, Fretless… alles, was es gibt.

Julie: Wenn wir zusammen unterwegs sind, läuft das oft so ab: Stéph spielt grundlegende Fingerübungen für den Bass, Olivier spielt irgendwo einen Country Blues und ich stehe ich den Küche mit der Türe geschlossen und versuche, einen neuen Song zu schreiben. Meine Vorbilder waren Leute wie Cab Calloway, Louis Jordan. Ich liebe musikalische Comedy, etwa Spike Jones. Und vom Songwriting her ist Carole King ein riesiger Einfluss. Vom Gesang her die Ikonen Sarah Vaughan, Billie Holliday, Bessie Smith und natürlich Bonnie Raitt. Ich bin ein riesiger Fan von ihr.

Bluesnews.ch: Wenn ich das vergleiche mit dem Repertoire auf den Videos, drängt sich die Frage auf: Wer hat Son Houses Titel Grinning in Your Face eingebracht?

Julie: Das war ich. Ich lernte den Titel in einer früheren Band kennen, in der ich mal gespielt hatte, aber dort auch nie mit der Band. Der Bandleader spielte den Titel in seinen Soloauftritten. Ich bin verrückt nach dem Titel. Grinning in Your Face ist Blues und Gospel und es geht um wirklich tatsächliche Inhalte. Es ist schwierig, einen Song zu schreiben über wirklich konkrete Dinge. Deshalb liebe ich ihn. Ich habe dann Olivier gezeigt, wie ich ihn gespielt haben möchte. Denn wir spielen das anders als andere. Normalerweise ist dieser Song sehr düster und bedrückt, aber wir spielen ihn fröhlich, so im Sinne von «Lach den widrigen Dingen ins Gesicht, ich brauch Dich nicht mehr». Und Olivier mochte diese Version, also zeigten wir sie Stéph, der bloss etwa fünf Sekunden brauchte, um dabei zu sein. Das ging wirklich fix. Und so kam unsere Version zustande. Es gab eine Reihe von Titeln, die ich wirklich spielen mochte, und wir haben etwa achtzig Prozent davon umgesetzt. Denn wir hatten nicht viel Zeit. Vor wir das erste Mal auf Tour gingen, hatten wir nur zwei Probesessions.

Olivier: Das war vor einem Jahr und acht Monaten. Und seither hatten wir vielleicht nochmal eine Probesession, aber eine zweite Tournee und eine CD.

Julie: Wir schrieben einige Titel, ehe wir auf Tour gingen, aber auch im Auto unterwegs, bevor wir die CD einspielten, denn wir wollten so viele Originale wie möglich auf dem Album haben. Wir hatten nur wenige Tage.

Olivier: Manchmal will Julie einen Titel spielen, von dem wir beide nie das Original gehört haben.

Bluesnews.ch: Denkt Ihr das ist ein Vorteil oder ein Nachteil, wenn man die Vorlage nicht kennt?

Olivier: Wenn man einen Titel nicht kennt, geht man viel offener darauf zu. Es ist schön, ein Cover zu spielen, aber musikalisch bin ich freier, wenn ich den Titel nicht kenne.

Stéphane: Ich kenne die Originale in der Regel sowieso nicht. Ich spiele meine Basslinien nach dem Titel, reagiere auf die Musik, weil ich das so gewohnt bin.

Bluesnews.ch: Wie studiert Ihr neue Songs ein?

Olivier: Typischerweise gibt Julie einen Song vor, aber auch Stéph oder ich, und dann halten wir uns an die Tonart, die Stufen werden angezeigt und dann versucht man sich auf dieser Grundlage zu finden.

Julie: Das ist schliesslich, worum es im Blues geht: Ein Gefühl zu haben und dieses zu transportieren.

Bluesnews.ch: Wie viele Auftritte habt ihr dieser Tage, wie läuft das Geschäft?

Julie: Es läuft wirklich gut. Wir haben dieses Jahr weniger Auftritte gespielt, um uns auf die anderen Dinge zu konzentrieren, und wir mussten sogar einige Angebote ablehnen.

Olivier: Manchmal lehnen wir Angebote ab, weil wir im Süden Frankreichs wohnen, in der Nähe der spanischen Grenze und insbesondere für Auftritte in Grossbritannien ist es einfach zu weit, zu viel Fahrerei, das lohnt sich nicht.

Julie: Konzerte überschneiden sich auch, und manchmal muss man etwas ablehnen. Letzten Sommer haben wir uns etwas sehr gepusht, dieses Jahr wollten wir etwas kürzer treten.

Olivier: letztes Jahr spielten wir in acht Monaten annähernd 180 Auftritte, und deshalb wollten wir mit unseren Kräften etwas haushälterisch umgehen, speziell weil wir ja mit dem Bus selbst zu den Konzerten hinfahren, auf- und abbauen etc. Wenn wir wollten, könnten wir aber fast jeden Tag spielen.

Julie: Natürlich gibt es Bands, die mehr Auftritte absolvieren, als das Jahr Tage hat, aber ich weiss nicht, wie man das machen soll. Wenn man nicht einen Bus hat, der einen abholt und rumfährt, ist das nicht zu bewerkstelligen.

Olivier: In den USA müssen Musiker das tun, weil sie weniger an den Auftritten verdienen.

Julie: Wir können locker drei bis vier Auftritte pro Woche haben, aber lehnen manchmal ab, weil der Weg zwischen zwei Orten zu weit ist.

Olivier: Ich bin der Meinung, dass in Frankreich gerade jetzt in der Krise Konzertveranstalter mehr organisieren, um die Leute anzulocken. Es ist umgekehrte Psychologie. Und ausserdem mögen Veranstalter Dich als Person oder als Band. Sie würden sich vielleicht nicht als Bluesliebhaber bezeichnen, aber sie mögen Dich als Band, also wollen sie Dich wieder buchen. In Südfrankreich mag man sehr reiche Arrangements, aber nicht unbedingt Jazz, weil der als elitär gilt.

Julie: Das ist auch meine Theorie für Auftritte. Am Besten geht man nach einem Auftritt weg und kommt wieder zurück und dann freuen sich die Leute, dass man wieder da ist.

Bluesnews.ch: Wie läuft Euer Songwriting ab. Julie, Du sagtest, Du seist ein Fan von Carole King. Musikalisch ist das weit weg vom Blues. Wie geht das?

Julie: Ich beziehe mich auf die Ehrlichkeit und die emotionale Tiefe, die bei Kings Songs zum Ausdruck kommt. Ich würde nie wagen, mich mit ihre zu vergleichen, aber sie bleibt das Ideal, nach dem ich strebe. Ich würde nie versuchen, so zu schreiben wie sie, das geht nicht.

Bluesnews.ch: Also was tust Du wenn Du einen Song schreibst?

Julie: Ich schmeisse viele Dinge gegen die Wand und ich trete manchmal gegen den Tisch, wenn ich nach dem richtigen Wort suche. Melodie und Text entstehen gemeinsam.

Olivier: Songs zu schreiben braucht viel Zeit, mehr als wir manchmal haben, deshalb tragen wir diese Dinge mitunter lange mit uns herum.

Julie: Der erste Titel auf unserem Album fiel mir im Traum ein. Ich weckte mich selbst auf, denn der ganze Songtext war in meinem Traum und ich sagte mir, dass ich das nicht vergessen darf. Also wachte ich auf und schrieb ihn sofort nieder. Hier passte wirklich alles, der gesamte Text war da. Bei anderen Songs geht es nicht so. Manchmal höre ich eine kleine Melodie im Kopf und dann suche ich den Text dazu.

Bluesnews.ch: Also willst Du weniger einen Inhalt ausdrücken? Es geht Dir mehr um die Umsetzung von Emotionen in Musik?

Julie: Genau so ist es. Im Moment schreiben wir sehr viele Songs. Es ist die Idee, Ideen umzusetzen.

Olivier: Als ich in New Orleans war, fühlte ich den Drang in mir, einen Song zuschreiben. So entstand Great Chance [auf der CD Goosebumps].

Bluesnews.ch: Eine Frage an Julie: wie bist Du eigentlich nach Europa gekommen?

Julie: Es ist eine lange Geschichte. Kurz gesagt begann ich in Chicago, Wisconsin, doch damals traute ich mir nicht zu, in einer Band oder sogar professionell zu spielen. Aber ich spielte damals in einer Theatergruppe und nach einer gewissen Zeit wurde ich gefragt, ob ich einen Song schreiben könne oder eine Melodie, die läuft wenn die Personen die Bühne betreten und solche Dinge. Dann habe ich angefangen zu schreiben, und etwa in dieser Zeit erhielt ich Engagement, bei dem ich in Chicago einen etwa sechzigjährigen blinden Saxophonisten mimen sollte. Dadurch wurde ich von einer Rockabilly-Band angesprochen, die wollten, dass ich bei ihnen mitspiele. Das dauerte einige Zeit, und dann fragte mich jemand, was mein Traum sei. Ich sagte, ich wollte nach Europa, will in Paris unter den Brücken spielen. Ich war nicht an der Politik einer Band interessiert, ich wollte einfach Musik machen. Am nächsten Tag kam ein Angebot, nach Paris zu sein und so brachte mich Glück nach Paris. Musiker holten mich am Flughafenab, und brachten mich direkt nach Eurodisney, um dort zu spielen. Dann spielte ich eine Zeit lang in Paris mit diesen Leuten und dachte, ich könne dort als Musikerin leben, aber dann kam diese Band aus Atlanta Georgia, die (unbedingt) eine Sängerin und Saxspielerin suchten und dann spielte ich mit denen und ging zurück nach Georgia.

Bluesnews.ch: Also Du kamst 1999 nach Paris und bliebst dann wie lange hier?

Julie: 10 Monate, dann ging ich zurück nach Atlanta. 2001 war ich dann wieder in Atlanta und blieb dort für eine gewisse Zeit. Es war eine gute Band und wir hatten viele Auftritte im Süden der USA. Doch meine Freunde aus Paris drängten mich, zurück nach Europa zu kommen, denn sie sagten, dass das immer schon Dein Traum gewesen sein. Also ging ich zurück nach Paris und arbeitete weiter an meinem Traum. Ich kam immer wieder vorübergehend nach Frankreich, auch in die Schweiz, und lebe seit drei Jahren jetzt konstant hier. Seit damals kenne ich auch Olivier. Vor eineneinhalb Jahren haben wir dann geheiratet.

Bluesnews.ch: Sprechen wir zum Schluss noch über Eure Instrumente. Was spielt Ihr?

Julie: Ich spiele praktisch ausschliesslich Alt-Saxophon. Ich kann Tenor und Sopran spielen, tue es aber nicht. Ich spiele ein Selmer-Sax. Eine 1959er Mark VI.

Olivier: Ich spiele die Chinesenkopie einer Dobro, auf die ich ein Pickup installiert habe. Und sonst spiele ich eine 1954er Gibson ES-125, auf der ein Freund einen Pickup installiert hat. Ich weiss nicht, was für ein Pickup es ist, mein Freund ist der Techniker.

Stéphane: Ich spiele einen in Frankreich 1898 gebauten Bass. Sie ist eine wahre Schönheit. Dieser Bass ist so voll, so weich, ich liebe es, sie zu spielen.

Bluesnews.ch: Julie, Stéphane, Olivier, herzlichen Dank für dieses Interview und alles gute für heute Abend und den Rest der Tour.

Bewertung insgesamt (0)

0 von 5 Sternen
Kommentar hinzufügen
  • Keine Kommentare gefunden

Facebook Button

Diese Auszeichnungen haben wir erhalten:

SwissBluesAward2014 winner 150x160px

GermanBluesAward 2015 bluensnews.ch

 

 

bluesnews ist Mitglied dieser Organisationen: