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Interviews

mrblue_2.jpgWir waren für ein Interview mit Mr. Blue (Mr. Blue and The Tight Groove )verabredet. Das Treffen mit ihm wurde mehr ein lockeres Gespräch als ein Interview. Mr. Blue ist ein charmanter Mann, ein Gentleman des Schweizer Blues, der wunderbar Geschichten erzählen kann und jedes Gegenüber sofort in seine Bann zu ziehen weiss. Eine Fähigkeit, die auch seine Live Auftritte prägt. "Blues ist unter anderem Kommunikation" sagt er. Wir erfahren, dass er aus einer musikalischen Familie kommt, sein Vater Violine und Trompete spielte, seine Mutter solo und in verschiedenen Chören sang und Musik ihn begleitet hat, seit er sich erinnern kann. Sein Bruder baut Gitarren, zum Beispiel für Kenny Neal und auch seine Söhne sind Musiker. Wir erfahren ausserdem, dass er mit vielen Bluesgrössen zusammen gespielt hat und die meisten der grossen Blueser persönlich kannte oder noch kennt. Ein Vollblut Musiker also.


Wir sprechen mit Don P. Gründer der Band Don P. & The blue Jags über seine Beziehung zum Blues, die Situation in der Schweizer Bluesszene und sein Pläne.
Don, erinnerst Du Dich noch an Dein erstes Blueserlebnis?

Daran erinnere ich mich noch sehr gut: Mein erster bewusster Kontakt mit Blues war so ungefähr mit 14 Jahren, als ein Freund mir eine 4-Spur Kassette von Johnny Winter - bist du verwandt mit ihm? :-)), zum hören gab. Das hat mich umgehauen. Ich habe dann überall nach Musik von JW und weiteren Bluesmusikern gesucht um mehr Blues zu hören. So bekam ich dann allmählich mit, dass es viele verschiedene Bluesstile gibt. Damals spielte ich Schlagzeug und trommelte jede freie Minute zu diesen Bluesnummern.

 

Interview vom 25. Juli 2008

bluesnews: Die Vocal Night findet nun zum dritten Mal statt. Freust Du Dich darauf?

Evy: Ich freu mich RIESIG... gleichzeitig bin ich selbst ziemlich hibbelig, da das Projekt von Jahr zu Jahr grösser wird, immer mehr Menschen mitwirken und ich als eher chaotische Person mit noch 1000 anderen Ideen, Projekten und Visionen irgendwie den Überblick behalten muss. Organisatorisch bedeutet die Vocal Night ein riesiger Aufwand, verbunden mit viel Herzblut und Engagement, aber es ist eine schöne und äusserst bereichernde Herausforderung und ich werde am Tag danach zwar völlig k.o. sein aber wahnsinnig glücklich und stolz auf meine Schüler!

Wie sind denn die SchülerInnen drauf im Hinblick auf ihren ersten Auftritt? Da gibt es doch bestimmt jede Menge Lampenfieber.

Ich glaube, den meisten ist es momentan noch gar nicht so bewusst, bis wir dann mit den richtigen Proben beginnen. Ausserdem haben wir dieses Jahr eine Art „Feuerprobe", wir dürfen nämlich am 31. August im Rahmen der Boulevard-Eröffnung im Gundeli um 17 Uhr auf der Kulturbühne Werbung für die Vocal Night machen. Hier treten die Schüler/-innen mit Karaoke-Begleitung auf, dies steigert dann auch die Vorfreude auf die Vocal Night mit „echter" Band... Am 31. August treten einige Schüler/-innen auf, die erst nächstes Jahr an der Vocal Night mitmachen werden und eben solche, die ihre Nerven auf Lampenfieber testen wollen... (schmunzelt)

Wie bereitest Du die SchülerInnen auf den Event vor?

Die Teilnehmenden müssen schon im Mai ihren Song bestimmen. Wenn man noch nicht so viel Gesangs- und Auftrittserfahrung hat, ist es besser, man wählt einen etwas einfacheren Song. Wir üben diesen Song im Gesangsunterricht bis er sitzt -  jedoch nicht so oft, dass er einem verleidet. Es ist mir wichtig, dass der Song bis zur Vocal Night seine Frische behält. Ich rate den SchülerInnen, so oft wie möglich vor Publikum zu singen um das Gefühl des Lampenfiebers kennen zu lernen... den einen schnürt es die Kehle zu, den andern zittern die Knie... andere fallen beinahe in Ohnmacht... Je besser man sich selbst und seine Reaktionen kennen lernt, desto besser kann man sich auf einen Auftritt vorbereiten und mit Lampenfieber umgehen. Lampenfieber ist vor einem Konzert absolut zwingend, aber es soll den Körper nicht so stark beeinflussen, dass die Stimme während des ganzen Songs zittert. Es ist mir sehr wichtig, dass jeder einzelne Auftritt für den Schüler/ die Schülerin ein Erfolgserlebnis wird.

Wird die aktuelle Vocal Night anders sein, als ihre Vorgänger?

Die jüngste Sängerin dieses Jahr ist gerade mal 8 Jahre alt und ich denke, sie wird das Publikum mit ihrer Stimme und ihrer Persönlichkeit zum Schmelzen bringen. (schmunzelt) Ausserdem tragen dieses Jahr 4 SchülerInnen Eigenkompositionen vor, worüber ich mich sehr freue. Das Programm 2008 ist genauso abwechslungsreich wie letztes Jahr, von Blues bis zu den neusten Radiohits sind so ziemlich alle Musikrichtungen vertreten. Was ich jedoch klar sagen kann, ist, dass sich die erfahreneren SchülerInnen dieses Jahr an sehr anspruchsvolle, mehrstimmige Songs gewagt haben, was ich sehr begrüsse. Wir haben dieses Jahr auch teilweise eine andere Bandzusammensetzung, ich freue mich sehr, dass ich Chicago Dave als Gitarristen für die Vocal Night gewinnen konnte und bin ebenfalls glücklich, Sean LeClair an den Tasten zu wissen.

Walter Baumgartner hat mit seiner Albani Thursday Blues Session ein erfolgreiches Konzept realisiert, bei dem junge Musiker Gelegenheit finden, zum ersten Mal vor Publikum aufzutreten. Allerdings sind es nicht seine Schüler, sondern es ist eher eine Art Jekami. Marisa und Walti Dux  veranstalten seit 1999 ihren Acoustic Song Contest in Uster. Beide versuchen damit, den Nachwuchs zu fördern Ich sehe hier Parallelen zur Vocal Night. Was hat Dich auf die Idee gebracht, die Vocal Night zu realisieren?

Jede Musikschule hat ihre Vortragsabende. Ich weiss noch aus meiner Teenie-Zeit (ich spielte 8 Jahre lang Querflöte), dass diese Vortragsabende staubtrocken, sehr „grau" und nicht sehr kreativ waren.  Für mich persönlich muss Musik leben, sie ist etwas Fröhliches, Spontanes, Ansteckendes und ich wollte eine schöne Ambiance rundherum, deshalb ist das Zic Zac der richtige Ort für die Vocal Night: mit einer richtigen grossen Bühne und viel Raum für ein grosses Publikum.

Als Gesangslehrerin arbeite ich gerne zielorientiert. Die SchülerInnen arbeiten das ganze Jahr auf die Vocal Night hin. Es haben nicht alle meiner Sängerinnen und Sänger das Glück, eine Band zu finden wo sie singen können, v.a. wenn sie noch am Anfang ihrer Gesangsausbildung stehen und nur durch Erfahrung und Training lernt man dazu. Wo aber sollen sie ihre Erfahrung hernehmen, wenn sie keine geeignete Plattform dafür finden?

Die Vocal Night ist ein guter „Lehrplätz" dafür. In den Gesangsstunden arbeiten wir mit Karaoke-CDs und man stellt dann plötzlich fest, dass derselbe Song, wird er von einer Live-Band gespielt, etwas anders klingt, dass sich vielleicht manchmal von den Instrumentalisten Fehler einschleichen, dass Musik sehr viel mit Teamwork zu tun hat: aufeinander hören, Fehler charmant ausbügeln und vor allen Dingen sich selbst sein. All dies kann und sollte man lernen.

Ich deklariere die Vocal Night ganz klar als keinen Contest und keinen Elite-Anlass, vielmehr möchte ich vor allem jungen Menschen die Möglichkeit geben, Erfahrungen zu sammeln und Menschen mit den gleichen Interessen zu treffen.

Ich habe mich sehr gefreut, wie viele letztes Jahr - gepusht durch Adrenalin und Freude - über sich selbst hinaus gewachsen sind!

Glaubst Du, dass in der Schweiz zuwenig für den Nachwuchs getan wird? Wenn ja, was sollte Deiner Meinung nach unternommen werden?

Ich denke nicht, dass in der Schweiz zu wenig für den Nachwuchs getan wird, gibt es doch zahlreiche Band- und Interpreten-Contests... Jedoch habe ich die Erfahrung gemacht, dass es viel Vitamin B braucht, um gepusht zu werden - überall.

Als sehr direkte Persönlichkeit, die Schleimereien verabscheut, habe ich mir einen etwas steinigeren Weg ausgesucht... ich möchte für Konzerte angefragt werden, weil meine Musik gut ist und nicht, weil ich den Veranstalter kenne...

Leider ist dieser Weg durchaus länger und härter, habe ich feststellen müssen und man muss oft Kompromisse eingehen, jedoch bin ich überzeugt, dass dieser Weg nicht nur für meinen Seelenfrieden sondern auch für langfristigen Erfolg unabdingbar ist.

Man kann von Anfang an von einer Erfolgsstory reden, was das Echo des Publikums betrifft. Deine Arbeit wurde also anerkannt. Zurzeit gibt es ja geradezu eine  Casting Show Welle in den TV Sendern. Siehst Du Deine Vocal Night als eine Art Casting Show, oder verfolgst Du ganz andere Ziele?

Die Vocal Night soll kein Konkurrenzkampf sein. Wer an den ersten beiden Vocal Nights war, konnte erleben, wie gross der Zusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung der SchülerInnen untereinander war und ist. Auch wenn sich gar nicht alle kennen, so ist die Stimmung beinahe wie auf einer Klassenfahrt und ich freue mich riesig, dass kein einziges Fünkchen Neid dabei ist, sondern Bewunderung (und der Ansporn, dass man es nächstes Jahr auch so gut machen möchte), Freude und Spass! Das klingt jetzt wahrscheinlich ziemlich schöngeredet, es ist aber wirklich so! 

Sind denn an den ersten beiden Anlässen schon SchülerInnen „entdeckt" worden?

So viel ich weiss, haben Bands, die Lead- oder Backing-Gesang suchten,
schon einzelne SchülerInnen angefragt, die Vocal Night kann also durchaus als eine Art „Kontaktbörse" für Musiker und Bands fungieren.

Was kann man denn in Deinem Atelier für Gesang lernen?

Ganz allgemein gesehen unterrichte ich den (gesunden!) Umgang mit der Stimme und der Atmung im modernen Gesang nach der Speech-Level-Technik von Seth Riggs. Ich führe die SchülerInnen zu ihrer natürlichen, entspannten Stimme (zurück) und zeige ihnen, wie sie zu ihrem „Sound" finden und wie ihre Stimme an Kraft, Volumen und Range („Bandbreite) gewinnt. Es macht viel mehr Spass, zu singen, wenn man sich dabei auch wohl fühlt in seiner Haut.

Viele SchülerInnen wissen genau, was sie singen möchten, ich versuche jedoch, ihre Neugierde für möglichst viele Stilrichtungen zu wecken  und sie im Gegensatz zu einem Pop-Song auch mal einen Jazz- oder Blues-Standard singen zu lassen.

Besonders interessant finde ich es, wenn Schülerinnen zu Beginn an klassischen Celine Dion und Whitney Houston-Songs festhalten (I'll always love you ist bei den Anfängern extrem beliebt!) und zu einem späteren Zeitpunkt viel grösseren Spass an einem Steamroller Blues (Elvis) oder „I just wanna make Love to you" von Etta James entwickeln und so vom Kopieren wegkommen und zu einer persönlichen Interpretation finden.

Leider kommen immer öfter Schüler mit geschädigten Stimmbändern zu mir, die durch zu gepresstes Singen und falscher Gesangstechnik ihrer Stimme sehr geschadet haben. Die Speech-Level-Technik, welche ich unterrichte, eignet sich hervorragend als Ergänzungstherapie zur Logopädie zur Erholung der Stimmbänder.

Ansonsten unterrichte ich alle Menschen, die Freude am Singen haben: von Kindern Studenten/Innen, Hausfrauen, Managern, Uni-Dozenten bis hin zu Ärztinnen und Musical-Darstellern, dies macht meinen Beruf enorm spannend und abwechslungsreich.

Viele Leute sind erstaunt, dass man mit der richtigen Gesangstechnik so viel aus seiner Stimme herausholen kann.

Das Schwierigste jedoch ist das Lernen, aus-sich-heraus-zu-kommen, was sehr wichtig für die Interpretation eines Songs ist. Wenn man einfach nur „schön" singen will, bleibt oft die Aussage und das Grundgefühl eines Songs weg und damit auch die Einzigartigkeit und Persönlichkeit einer Gesangsstimme.

Jetzt bin ich wohl wieder viel zu ausführlich geworden...(schmunzelt)

Du stehst ja auch selbst im Rampenlicht. Gerade als Blues Sängerin ist der Ausdruck der Stimme ganz entscheidend. Es gibt SängerInnen mit toller Stimme. Und es gibt Stimmen, die sind unglaublich ausdrucksstark. Wie zum Beispiel Billie Holiday. Beides muss ja nicht zwangsläufig zusammenfallen. Was macht eine gute Bluesstimme aus?

Gefühl, Authentizität und eine gewisse Portion an Lebenserfahrung. Und ein Augenzwinkern. Und die Fähigkeit, sich so sehr selbst zu sein, jeden einzelnen Song beim Singen so zu durchleben, dass das Publikum jeden einzelnen Ton spürt und glaubt. Blues muss berühren, egal ob es schmerzt, ob es einen zum Lächeln oder sogar zum Lachen bringt - Blues ist Leben pur.

Die Stimme wächst bei jedem Menschen mit, sie „reift". Um den Blues zu singen, muss man ihn spüren. Man muss bereit sein, sich zu öffnen und dem Publikum sich selbst und seine Gefühle zu offenbaren. Um einen Song glaubwürdig interpretieren zu können, nehmen wir mal das klassische Beispiel von Schmerz, wenn man verlassen wurde, dann muss man das wirklich mal deftig erlebt haben. Hört Euch Susan Tedeschis „It hurts" an - dann versteht jeder, was ich meine...

Wer ist Dein Vorbild, oder wen bewunderst Du als Bluessänger oder -sängerin? Und warum? Kann man das lernen, zum Beispiel bei Dir?

Ui, das wird aber eine lange Liste... (lächelt)  Aufgewachsen bin ich durch meine französischen Wurzeln mit dem französischen Superstar Johnny Hallyday, der leider 2009 sein letztes Konzert geben wird (natürlich habe ich schon seit Monaten Tickets!!). Mein allergrösster Herzenswunsch wäre, diesem Mann einmal persönlich gegenüberzustehen. Er  fasziniert mich, weil er sein Ding durchzieht und sich nicht verstellt. Seine Stimme geht durch Mark und Bein. Ich liebe Stimmen, die authentisch sind.

Grosse Vorbilder und damit auch Inspirations-Quellen sind für mich natürlich die grossartige Aretha Franklin, Etta James, Irma Thomas, Koko Taylor und Tina Turner zurzeit von Ike & Tina. Seit meiner Zeit in Kanada habe ich auch den modernen Blues der Sängerin Susan Tedeschi entdeckt und bin hin und weg. Aber auch eine Katie Melua zieht mich in ihren Bann oder eine Gretchen Wilson, die mich mit einer gekonnten Mischung aus Country , Blues & Rock begeistert.

Die gleiche Magie üben auf mich auch die wunderbaren Gospelstimmen und die Leidenschaft unbekannter farbiger Sängerinnen und Sänger zur Weihnachtszeit an den Adventskonzerten in der Pauluskirche aus.

Und was die Männer angeht: Ian Parker, Philipp Fankhauser und nicht zuletzt Chicago Dave sind Männer, die mich mit Ihrer Stimme bis ins Innerste berühren... da könnte ich stundenlang zuhören.

Oder Kid Rock, der ein riesen Multitalent ist und es schafft, Blues mit Hip Hop, Country und hartem Rock zu vereinen... er ist für mich der Mann mit den 1000 Gesichtern und am meisten beeindruckt es mich, dass man ihm den Spass am Ganzen ansieht und -hört.

Die Frage, die immer kommt: was bedeutet der Blues für Dich?

Hm. Diese Frage in einem Blues-Portal zu beantworten, welches Leute lesen, die zum Teil x Jahre mehr Erfahrung mitbringen als ich ist nicht ganz einfach... Für mich persönlich ist der Blues nicht nur eine Musikrichtung sondern vielmehr eine Lebenseinstellung... Blues ist für mich das Leben pur, mit all seinen Sonnen- und Schattenseiten, mit allen Ups and Downs.

Vielleicht sollte ich Dir erklären, dass ich angefangen habe, den Blues zu singen, als ich ihn - ausgelöst durch ein Burnout - gespürt habe wie noch nie zuvor. Das war ein Punkt, an welchem ich mein gesamtes Leben umgekrempelt habe und dann einfach den Weg in die Musik eingeschlagen habe, eine Zweitausbildung als Sängerin und Gesangslehrerin gemacht habe und meinen Traum von der Selbstständigkeit wahrgemacht habe.

Ich bin sehr dankbar, dass meine Leute, meine Eltern und meine Freunde, mich  trotz anfänglicher Zweifel haben machen lassen. Ich dachte: entweder ich schaff's oder ich fall auf die Nase...wäre Letzteres eingetreten, wäre ich einfach wieder aufgestanden und hätte weiter gemacht - ich kann da sehr hartnäckig sein... (zwinkert)

Am Blues schätze ich, dass ich ungekünstelt so sein darf/soll/muss, wie ich bin und wie ich mich fühle. Blues ist für mich etwas sehr Pures, ohne grosse Schnörkel und Effekte und eben sehr, sehr ehrlich.

Auch diese Frage stelle ich in jedem Interview: Ich finde, wir haben in der Schweiz eine bemerkenswerte Blueszene mit vielen begabten Musikern, vor allem, wenn man bedenkt, wie klein unser Land ist. Was ist Deine Meinung dazu?

Ich bin ganz Deiner Meinung! Ich bin etwas davon abgekommen, an grosse Konzerte der Weltstars zu gehen (mit einigen wenigen Ausnahmen). Des Öfteren bin ich im Moonwalker anzutreffen, obschon mein letztes Konzert eines Schweizer Blueser dort das von Philipp Fankhauser war. Viel gemütlicher und spannender finde ich es nämlich, an Konzerte von teils unbekannteren Blues-Bands und -Interpreten zu gehen. Ich schätze diese persönliche und warme Atmosphäre, wo es nicht auf die Show sondern auf gute Musik ankommt...

Du hast zusammen mit dem Gitarristen Raphael Neubauer eine neue Band gegründet. Deiner Website entnehme ich, dass eine CD Release Tour mit der Crossover Blues Band geplant ist, oder bald beginnt. Wie schaffst Du das alles, Gesangsstudio, zwei Bands, Gastsängerin bei Blues Nettwork, Studiosängerin bei Chinderwält, Support für den Nachwuchs?

(lacht) ...dasselbe frage ich mich manchmal auch. Meine Leidenschaft, Begeisterung und Neugierde sind eben mein Motor, und der läuft irgendwie nonstop...

Wir wünschen Dir viel Erfolg für Deine Projekte, einen tollen, erfolgreichen Start mit Evy & the Bluesjacks. Danke für das Gespräch.

vom 24. März 2008

bluesnews: Wieso hast Du Dich für die Mundharmonika entschieden?

Walter Baumgartner: Ich habe mit 6 Jahren begonnen Violine zu spielen, meine Mutter wollte mir ihre Musikalität durch dieses Instrument weitergeben. Das ist ihr gelungen, auch wenn ich dann mit ca. 20 Jahren die Geige wieder auf die Seite gelegt habe und nur noch sporadisch danach griff. Ich war einfach nicht so fleissig, resp. ziemlich übungsfaul...

Dann, aber eben später, als ich wieder mehr Lust auf Musik bekam, musste etwas her, dass mir Spass machte, bluesig war (der Blues hatte mich zu derzeit gepackt) und dass nicht schwer, gross und teuer war. Ich kaufte also eine Harmonika - sie ist klein, nicht schwer und kostet nicht die Welt. Die alte Hohner Pro Harp für damals ca. CHF 20.--.

So ging ich auch kurzdarauf an einen Bluesharp Workshop von Joe Walter aus Dübendorf, der mich dann völlig inspirierte. Ich nahm darauf Stunden bei ihm und lernte in der Zeit sehr viel. Ich verdanke Joe einiges, da er mich gefördert und an Konzerte von ihm mitgenommen hat.

Wer sind Deine musikalischen Vorbilder?

Zu Beginn (natürlich auch heute noch) waren es moderne Blueser wie Robben Ford oder Eric Clapton, also eher Blueser der „jüngeren" Generation, obwohl beide in der Zwischenzeit ja auch nicht mehr die jüngsten sind.

Doch in letzter Zeit befasse ich mich je länger mehr mit den traditionellen Blues-Stilen eines Robert Johnson, Muddy Waters, B.B. King, Little Walter, Sonny Boy Williamson oder auch eines Joe Filisko, ein junger Interpret des traditionellen Bluesstils. Die komplett andere Spieltechnik z.B. eines Little Walter eröffnen neue Wege und Möglichkeiten. Zudem hat bei mir auch der Jazz in der letzten Zeit viel mehr Gewicht erhalten. So spielen auch traditionelle Musiker wie Charlie Musslewhite, Mark Ford, und Dennis Gruenling sehr moderne Stile, wo der Jazz ein gewichtiges Element ist. Auch im Bereich Folk- und Country Blues haben mich interessante Musiker geprägt. So sind für mich der Franzose Jean-Jacques Milteau und der Brite Steve Baker zwei der vielseitigsten, komplettesten Harmonika Spieler. Beide haben ein sehr breites Spektrum, das vom Blues über Folk, Country bis zum Jazz und Rock geht; beide Harmonika Spieler haben mich sehr beeinflusst.

Der Blues in seiner ursprünglichen Form, aber auch all die Musik, die sich aus dem Blues entwickelt hat, ist eine scheinbar endlose Erfolgsgeschichte. Offenbar kann sich diese Musik immer wieder neu erfinden und sich den gesellschaftlichen und musikalischen Veränderungen anpassen. Woran liegt das Deiner Meinung nach? Was macht den Erfolg und die Kraft des Blues aus?

Ich glaube es liegt an vielen, verschiedenen Aspekten, dass der Blues immer wieder eine Renaissance feiert und vermutlich noch ein Weilchen nicht  aussterben wird. Ich selber kenne längst nicht alle, aber für mich persönlich sind es v.a. die folgenden 2 Aspekte:

-         Der Blues ist in der Tat der Übervater des Jazz, Rock'n'Roll, Country, Swing, Soul, Funk, Rock, ja sogar Hard Rock (ACDC ist das beste Beispiel) - also von vielen Musikstilen, die nebst vom Blues vor allem auch von schwarzen Musikern geprägt wurden. Das heisst der Blues hat den anderen Musikstilrichtungen die Basis, das Fundament mitgegeben. Auch wenn man in einigen Stilen wie Jazz oder Soul den Blues nicht mehr heraushört, war er dennoch die Basis der darauf kommenden Stile. Und wie es eben so ist in der „Natur", man geht immer wieder an seine Wurzeln zurück. Ich glaube, dass ist bei vielen Musikern so, auch solche, die es nie zugeben würden...  . Jeder Musiker der oben erwähnten Stile hatte Berührungspunkte mit dem Blues.

-         Ein weiterer Grund ist die „Einfachheit" des Blues - damit meine ich nicht, dass Blues spielen einfach ist, nur weil es eine einfache 12-Takt-Struktur nach klar ablaufendem Harmonie-Gefüge aufweist (wobei es ja unzählige Formen von Blues gibt). Nein, ich meine mit Einfachheit, dass der Blues von allen verstanden werden kann - Musiker wie auch Nichtmusiker, Banker wie auch Strassenfeger, Schwarze wie Weisse, Europäer wie auch Afrikaner, Polizisten und auch Diebe (um es ins Absurde zu treiben) - alle spüren, um was es beim Blues geht. Bei einem Jazzstück ist es nicht auf den ersten Moment ersichtlich, was der Komponist damit sagen wollte. Das ist keine negative Kritik und auch völlig OK -  Jazz ist komplexer als Blues, aber die Frage ist, ob Komplexität etwas mit Gut oder Schlecht zu tun hat - ich glaube es auf keinen Fall. An dieser Stelle ist es mir ganz wichtig zu erwähnen, dass Blues im Allgemeinen unterschätzt wird.
„Blues spielen - das ist etwas für schlechte Musiker, oder solche, die es nicht geschafft haben, z.B. Jazz zu spielen" - diese Aussage hört man oft, ist aber grundlegend falsch. Wer solche Aussagen macht, hat den Blues nicht begriffen, respektive ist auch nicht  in der Lage diesen zu fühlen und wirklich zu spielen. Wer Blues richtig spielen möchte, muss nebst der musikalischen Voraussetzung auch das entsprechende Feeling für Blues-Musik haben. Dieses Feeling zeigt sich durch eine dynamische, rhythmische und groovige Spielweise. Zum Beispiel ist gerade ein langsamer Blues vermutlich etwas vom Schwierigsten zu spielen, weil gerade im langsamen Blues mit seinen Pausen und Luftlöchern das Feeling ganz wichtig ist. Man muss auch in der Lage sein, mit wenig Noten viel auszusagen, so nach dem Motto: Weniger ist Mehr - auch im langsamen Blues. Die Dynamik und Spannung machen das Stück aus.

Was bedeutet der Blues für Dich?

Ich glaube in der vorigen Frage sind einige Faktoren erwähnt worden, die für mich die Bedeutung des Blues ausmachen. Aber ich versuche hier einfach mal ein paar Schlagwörter aufzulisten, die für mich Blues am besten umschreiben und die Bedeutung hervorheben:

-         Bodenständig, erdverbunden, Natur

-         Schlichtheit, Einfachheit und dennoch spannend, dynamisch

-         Spontaneität

-         Familie, Band, Zusammenspiel, Zusammenhalt, Rücksichtnahme

Stell Dir vor, Du könntest eine fiktive Band zusammen stellen. Wen würdest Du unbedingt dabei haben wollen?

Ist doch klar: Marco Besomi am Drum, Marco Schelling am Bass, Felix Widmer am Keyboard, Joe Schwach oder Lukas Schwengeler an der Gitarre.

Nein, im Ernst: Natürlich möchte man mal gerne mit einem der grossen Stars auf der Bühne stehen und zusammenspielen, das ist der Wunsch, Traum eines jeden Musikers, wenn er Vorbilder hat. Dennoch braucht es für eine funktionierende Band mehr als Stars - es braucht Menschen, die bereit sind, zusammen am gleichen Strick zu ziehen, zusammen zu musizieren, zusammen an einen Gig zu fahren, zusammen aufzustellen und dann am Schluss wieder zusammen abzubauen  (leider, das ist das schlimmste, nach dem Gig den ganzen Kram wieder zu verstauen und abzuladen...da versuche ich mich immer zu drücken, gelingt manchmal...)

Die Musiker der Band müssen die musikalische Ausrichtung mittragen wollen, bringen ihr ganzes musikalisches Feeling und Können mit herein und vor allem: Sie treffen sich auch ausserhalb von musikalischen Terminen wie Konzerte und Proben. Sie pflegen die Band -  ich glaube, dass ist aus meiner Sicht nachwievor das wichtigste. Natürlich ist es immer super, wenn man tolle Musiker hat, aber wenn es menschlich nicht passt, dann nützt die ganze musikalische Genialität nichts. Beides zu haben, gute Musiker und Menschen, die in die Bandfamilie passen - dass ist heutzutage fast schon ein Glücksfall. Ich habe dieses Glück bis jetzt geniessen dürfen und geniesse es auch heute.

Wenn wir vom Stil reden in Bezug auf „mit welchen Musikern ich gerne einmal eine Band zusammenstellen möchte", möchte ich diese gerne anhand von Instrumenten und nicht anhand von Personen aufführen: Ich würde sehr gerne irgendwann mal einen alten jazzigen, jumpigen Chicago Bluesstil pflegen und dazu eine Band aufbauen. Es braucht dazu v.a. akustische Instrumente wie Kontrabass, kleines Drumset, Klavier, Saxophon, Trompete und eine halbakustische Gitarre. Aber das hat Zeit.

Dein musikalisches Schaffen reicht von den leisen Tönen eines akustischen Duos bis zur kraftvollen Combo. Bevorzugst Du das eine oder andere?

Nein, beide Projekte sind mir wichtig. Bei der Band geht es natürlich alleine schon aufgrund der Besetzung und der Songwahl mehr ab als im Duo, vor allem auch wenn wir die Bläser dabei haben - dass ist ein tolles Gefühl, wenn eine Band mit Druck (nicht laut!) spielt und dies an die Zuhörer rüber bringen können, dass sie sogar tanzen.

Im Duo geniesse ich aber genau so die Ruhe, die Flexibilität und Spontaneität. Im akustischen Bereich ist der Sound viel sensibler, dynamischer und gibt auch mehr Freiheiten.

Letztlich machen wir Musik für uns und die Leute, und wenn wir spüren, dass wir die Zuhörer mit der Musik berühren, dann sind wir glücklich und haben schon gewonnen.

Die Albani Blues Sessions sind ein grosser Erfolg. Glaubst Du, dass in der Schweiz zuwenig für den Nachwuchs getan wird? Wenn ja, was sollte Deiner Meinung nach unternommen werden?

Das ist eine ganz schwierige Frage, weil es dabei letztlich auch um die Frage des Geldes geht. Ist Geld da, wird Nachwuchs gefördert, so ist es im Sport wie auch in der Musik, wobei der Sport eine ganz andere Dimension hat wie die Musik.

Musik - da geht es oft nur um Freizeit, Hobby, Fun. Und darum kann man sagen, vor allem in der Musik: Bis auf ein paar wenige Ausnahmen kann man in der Schweiz nicht von der Musik leben, ausser man gibt Unterricht. Aber nur von Konzerten zu leben -  das ist ganz schwierig und nur diejenigen, die gute Plattenverträge und die Unterstützung der Medien haben, besitzen die Chance, eine Musikkarriere zu starten. Nun, eben, gerade weil nicht viel Geld da ist, hat es auch keine grosse Nachwuchsförderung.

Einige Veranstalter, wie der Acoustic Song Contest in Uster (von Marisa und Walti Dux seit Jahren uneigennützig und professionell organisiert), betreiben mit diesen Veranstaltungen Nachwuchsförderung. So gibt es einige Veranstalter, die mit  solchen Anlässen Jugendlichen eine Chance geben. Man kann nur hoffen, dass es immer mehr solche Veranstalter gibt, die uneigennützig den Jungen eine Plattform bieten. Was ich ganz klar nicht als Nachwuchsförderung ansehe, sind Sendungen wie „Music Star", aber das würde die Grenzen dieses Interviews sprengen, wenn ich da jetzt meine Gründe aufführen würde...

Ich finde, wir haben in der Schweiz eine bemerkenswerte Blueszene mit vielen begabten Musikern, vor allem, wenn man bedenkt, wie klein unser Land ist. Was ist Deine Meinung dazu?

Absolut. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele gute Bands und gute Musiker es in unserem Land hat. Einige davon leben in der nächsten Umgebung, und man weiss es nicht einmal. Gerade Winterthur ist für mich da ein Überraschungsei - es hat sehr viele Bands, und ich bin mir sicher, ich kenne noch nicht alle. In Bezug auf den Blues stimmt  das genau so - es hat sehr viele gute Blues Bands und Blues Musiker in der Schweiz, die Dichte hat zugenommen. Ich glaube auch, dass es vielen Leuten ein Bedürfnis ist, zu musizieren. Vielleicht können wir es uns heute auch besser leisten als früher, in der Freizeit eine Band zu haben, zu proben und Konzerte zu machen - man ist flexibler, mobiler. Ich denke auch, es ist ein wichtiger Ausgleich zu Alltagsleben.

Lukas Schwengeler ist auf Tour. Heisst das, dass Dein Projekt Acoustic Blues Drifter zur Zeit ruht?

Ja, zurzeit ruht das Projekt, aber ich bin aktiv auf der Suche nach einem Nachfolger, der gerne diese Art Musik macht. Ist nicht ganz einfach, da wie gesagt nebst dem Musischen auch das Menschliche stimmen muss. Aber ich habe es auch nicht eilig und lasse mir Zeit. Letztlich muss ja auch der neue Partner das Gefühl haben, mit dem Baumgartner möchte ich Musik machen.

Was sind Deine nächsten Projekte?

Ich bin bereits wieder mit Hochtouren in der Planung für die „2nd Winterthur Blues Night", die am Samstag, 27.12.2008 im Salzhaus wieder über die Bühne gehen wird. Wir werden wieder lokale wie auch international bekannte Bands haben - ich denke, es wir wieder eine deftige Blues Party geben.
Dann läuft natürlich die Albani Session weiter, es stehen bereits die Termine bis Ende Jahr

Zudem plane ich die Konzerte für die Band „Walt's Blues Box", wir sind daran neue Songs zu schreiben und vielleicht gibt es auch wieder mal eine CD. Bei „Acoustic Blues Drifter" ist wie gesagt, Pause, aber ich bin mir sicher, dass es auch dort weitergehen wird.

Das Projekt „Blues und Schule" steht auch etwas in der Warteschlange, weil einerseits soviel läuft (Blues Night, Blues Jam, Band, Konzerte, etc.), andererseits, weil ich wie gesagt zuerst einen neuen Blues Partner in Sachen Akustik Blues finden muss, bevor man dieses Projekt weiter in Angriff nehmen kann.

Walter Baumgartner, besten Dank für das Gespräch. 

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